Die drei Bräute

von Ludwig Bechstein

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Es war ein­mal ein Müller, der hat­te drei schöne Töchter von aufgeweck­ter Gemüt­sart; die jüng­ste aber war die ver­ständig­ste unter ihnen. Einst waren sie in der Stadt gewe­sen und kehrten nun zu ihrer Müh­le zurück. Unter­wegs plaud­erten sie dies und das, und die eine sprach: »Wenn wir nur nicht so streng gehal­ten wür­den, so hät­ten wir auch Lieb­haber, und der meinige hätte mir gewiß auch ein so schönes sei­dnes Hal­stuch gekauft, wie die Mar­garethe von ihrem Lieb­sten geschenkt bekam.«

»Ja«, sagte die andere darauf, »und der meinige hätte mich gewiß zu Tanze geführt, wie es die Mäd­chen alle von ihren Burschen wur­den.« Die dritte sprach nichts; das Leid ihrer Schwest­ern schien ihr wenig zu Herzen zu gehen.

Ehe sie sich’s aber ver­sa­hen, war ein hüb­sch­er Mann bei ihnen, der sprach sie fre­undlich an und kramte aller­lei kleine Geschenke aus, die er unter sie verteilte; die Mäd­chen nah­men sie errö­tend an und nach­dem er ihnen noch ver­sprochen, sie bei ihrem Vater wiederzuse­hen, ging er seines Wegs. Die Mäd­chen tauscht­en nun ihre Bemerkun­gen und Mut­maßun­gen über ihn aus, darin aber waren alle einig, dall er ein hüb­sch­er liebenswert­er Mann sei. Der Müller schüt­telte den Kopf, als sie ihm ihr Aben­teuer erzahlten, aber noch mehr erstaunte er, als der Fremde eines Tags in der Müh­le erschien, den Müller bei­seite nahm und ihn um die Hand ein­er sein­er Töchter bat. Die bei­den Män­ner hiel­ten eine lange Zwiesprache, deren Resul­tat war, daß der Müller dem Freier die Wahl unter seinen Töchtern freistellte.

Der Fremde wählte sich die Älteste; Kisten und Kas­ten wur­den gepackt, und die junge Braut zog mit dem Bräutigam nach dessen weit entle­gen­em Schlosse. Hier war alles aufs beste ein­gerichtet, und der jun­gen Braut blieb kein Wun­sch uner­füllt. Da sprach er eines Tages zu ihr: »Du sollst Her­rin meines Schloss­es sein, wenn ich dich in allen Stück­en gehor­sam gefun­den habe. Dieses weiße Tuch binde um deinen Leib, es ist ein Ei darin; und hier hast du die Schlüs­sel zu allen Gemäch­ern meines Schloss­es, du darf­st in alle gehen, nur in das eine nicht, zu dem dieser große Schlüs­sel paßt. Ich ver­reise; wenn ich zurück­komme und finde, daß du gehor­sam gewe­sen bist, so will ich dich als mein treues Weib auf den Hän­den tra­gen, wo nicht, so wirst du einen schlim­men Mann an mir finden.«

Als er abgereist war, ging die junge Frau mit der Servi­ette, dem Ei und den Schlüs­seln im Hause umher, schloß alle Türen auf und sah sich in den Zim­mern um; endlich in einem abgele­ge­nen Teil des Schloss­es kam sie an eine Tür, zu welch­er der große Schlüs­sel paßte. Sie dachte an das Ver­bot ihres Mannes, aber die Neugi­er siegte, schon hat­te sie den Schlüs­sel im Schloß umge­dreht, die Tür knar­rte, sie trat über die Schwelle, ließ aber das Ei vor Schreck aus der Servi­ette fall­en und floh. Als der Mann zurück­kam, sah er denn gle­ich, was geschehen war und gab der Unge­hor­samen trotz ihres Fle­hens den Tod.

Darauf ging er zum Müller, klagte ihm, daß ihm seine Frau an ein­er kurzen, aber unheil­baren Krankheit gestor­ben und bat ihn um die Hand sein­er zweit­en Tochter. Der Müller ver­sagte ihm diese nicht, und so zog der Fremde aber­mals mit ein­er jun­gen Frau auf sein Schloß. Aber es begab sich mit dieser nicht anders als mit der ersten, und der Fremde erschien wieder beim Müller und sagte, die junge Frau sei mit einem sein­er Bedi­en­ten davon­ge­laufen, und bat ihn um die dritte Tochter. Der Müller war zwar sehr betrübt, daß er all seine Kinder ver­lieren sollte, willigte aber endlich doch ein.

Als sie mit ihrem Manne nun aufs Schloß gekom­men, gab er ihr dieselbe Prü­fung wie ihren Schwest­ern. Sie war aber klüger als diese und dachte: Ei, was sollst du dich mit dem Ei schlep­pen? Sie ließ das Ei und die Servi­ette deshalb in ihrer Kam­mer zurück und besichtigte das Schloß. Auch sie kon­nte der Ver­suchung nicht wider­ste­hen, die ver­botene Tür zu öff­nen, und als sie über die Schwelle trat, sah sie mit Entset­zen eine Rei­he von Leichen, und die let­zten waren ihre bei­den Schwest­ern. Sogle­ich dachte sie daran, den Bösewicht zur Strafe zu ziehen, aber sie wußte auch, daß sie es listig anz­u­fan­gen habe. Sie nahm den abgeschnit­te­nen Kopf ihrer zulet­zt ermorde­ten Schwest­er, schloß sorgfältig die Tür wieder zu, ver­barg den Kopf in ein­er Blu­men­scherbe, schüt­tete Erde darauf und pflanzte eine Hyazinthe hinein. Ihren zurück­kehren­den Mann empf­ing sie fre­undlich, und als er sah, daß das Ei unver­let­zt war, war er zärtlich gegen sie und pries ihren Gehorsam.

So war einige Zeit ver­gan­gen, da bat sie ihn, er möge sie doch zu ihrem Vater begleit­en, der unruhig über ihr Schick­sal sein werde. Er kon­nte ihr diesen Wun­sch nicht abschla­gen, und so fuhren sie in einem prächti­gen Wagen nach der Müh­le; die her­rlich aufge­blühte Hynzinthe hat­te sie mitgenom­men. Der Müller freute sich sehr, als er seine Tochter wohlbe­hal­ten und anscheinend glück­lich wieder­sah, diese aber kon­nte keinen Augen­blick gewin­nen, mit dem Vater allein zu sein; über­all bewachte sie ihr Mann, sei es zufäl­lig oder weil ihm das böse Gewis­sen eine Ahnung eingab. Da schrieb sie ein kleines Briefchen, um es dem Vater zuzusteck­en, und als sie eben nach­sann, auf welche Weise, flog ein Rabe auf ihre Schul­ter, der sang ihr ins Ohr:

»Gib, gib, gib! Wir fan­gen den Dieb!« Der Rabe nahm das Briefchen in seinen Schn­abel und flog zum Müller; dieser las es mit Entset­zen und sandte in die nahe Stadt nach den Dienern der Gerechtigkeit, und ehe eines Mor­gens der Fremde sich noch den Schlaf aus den Augen gerieben, sah er sich ergrif­f­en und gefes­selt. Sein Leug­nen half nichts; als man die Hyazinthe aus dem Topfe riß, sah man das hal­b­ver­mod­erte Haupt der gemorde­ten Müller­stochter, das der Müller noch an seinen schö­nen braunen Flecht­en erkan­nte. Das Raub­schloß wurde zer­stört und der Mörder zur Strafe für seine Ver­brechen hingerichtet.

Der Hin­gerichtete hat­te aber noch Spießge­sellen, die den Tod ihres Haupt­manns zu rächen beschlossen. Als einst die unglück­liche junge Witwe zufäl­lig unter ihr Bett griff, fühlte sie einen behaarten Gegen­stand; sie erschrak, denn sie wußte wohl, daß es der Kopf eines Mannes war, tat aber, als hielte sie ihn für die Katze, indem sie rief: »Bist du wieder da, Katze? Nun, heute magst du noch da bleiben; daß du mir aber deine Jun­gen nicht aufs Bett trägst!« Sie machte sich noch eine Weile zu schaf­fen, ging dann zur Tür hin­aus und ent­deck­te das Geheim­nis ihrem Vater; der rief die Müh­lk­nap­pen zusam­men; das Haus ward durch­sucht, und man fand die Spießge­sellen des hin­gerichteten Räu­bers in ver­schiede­nen Räu­men des Haus­es ver­steckt. Sie wur­den alle dem Gericht über­liefert. Die junge Frau hat­te nun zwar fürder Ruhe, aber sie kon­nte den Mann nicht vergessen, der ein Mörder gewe­sen war und den sie doch geliebt hat­te. Sie trauerte bis an ihr Lebensende, und der Weise Vater sah sie noch vor sich zur Grube sinken.