Die dankbaren Tiere

von Ludwig Bechstein

~5 Min

Es reiste einst ein Pil­ger über Land, der kam auf seinem Wege durch den Wald an eine Wolf­s­grube und nahm wahr, daß etwas Lebendi­ges darin sei. Und wie er hin­un­terblick­te, sah er darin einen Men­schen, der war ein Gold­schmied, und bei ihm war ein Affe, eine Schlange und eine große Nat­ter. Die waren alle unverse­hens in die Grube gefall­en. Da dachte der Pil­ger bei sich: Übe Barmherzigkeit mit den Elen­den und hilf den Men­schen von seinen Fein­den. Da warf er ein Seil in die Grube und hielt das eine Ende fest in der Hand, wil­lens, den Gold­schmied her­aufzuziehen, schnell sprang aber der Affe herzu, klet­terte her­auf und sprang aus der Grube. Zum zweit­en­mal warf der Pil­ger das Seil hinab, da ringelte sich die Nat­ter daran empor. Und zum drit­ten­mal erfaßte die Schlange das Seil und kam auch zutage. Diese drei Tiere dank­ten dem Pil­ger für seine Güte und sprachen zu ihm: Was du uns Gutes getan, das wollen wir dir wieder zu vergel­ten suchen, und wann dich dein Weg in unsere Nähe trägt, so magst du auf uns rech­nen, daß wir nach Kräften dir zu Dien­sten sind; sei aber treulich gewarnt vor dem Men­schen da drun­ten, denn nichts, was da lebt, ist so undankbar, wie er. Dieses haben wir erfahren und sagen es dir an, daß du wiss­est, dich zu verhalten.“

Damit schieden die drei Tiere von dem Pil­ger, dieser aber gedachte an seine Pflicht, daß dem Men­schen zieme, dem Men­schen zu helfen, und er warf das Seil wiederum in die Grube und zog den Gold­schmied her­aus. Dieser bedank­te sich mit vie­len Worten für die Gnade und Barmherzigkeit, die der Pil­ger an ihm getan. Er bat, ihn ja in der Königsres­i­denz, wo er wohne, zu besuchen und ver­ließ ihn.

Auf seinem Weit­er­weg kam der Pil­ger in die Nähe der Res­i­denz und an den Ort, wo der Affe, die Nat­ter und die Schlange wohn­ten. Die freuten sich, und der Affe brachte ihm, der sehr ermat­tet war, Obst und süße Feigen, die Nat­ter zeigte ihm eine küh­le, angenehme Grotte, wo er ruhen und ras­ten kon­nte, und legte sich davor und bewachte seinen Schlaf, denn nie­mand wagte sich dor­thin, wo die große Nat­ter lag. Die Schlange aber schlüpfte in die Königs­burg und stahl dort einige gold­ene Klein­ode, die gab sie dem Pil­ger zur Verehrung, sagte ihm aber nicht, woher sie diesel­ben hat­te. Als dieser von den Tieren auf­brach, ging er in die Königsstadt und suchte den Gold­schmied auf, dem zeigte er die Klein­ode und bot sie ihm zum Kauf an. Der Gold­schmied sah, daß sie des Königs Eigen­tum waren, schwieg still, ging zum König und zeigte an, daß er den Dieb dieser Klein­ode in seinem Haus gefan­gen habe. Dafür empf­ing er eine stat­tliche Beloh­nung, und der König sandte seine Häsch­er, die fin­gen den Pil­ger, schlu­gen ihn, führten ihn durch die Straßen und hin­aus zum Gal­gen, um ihn zu henken. Da gedachte der alte Mann auf dem Wege an die War­nung der Tiere und seufzte laut: O hätte ich euren Rat befol­gt, ihr getreuen Tiere, so wäre diese Trüb­sal mir nicht beschieden worden!“

Nun hat­te die Schlange just ihre Woh­nung an dem Weg, der zum Hochgericht führte, und hörte die Klagerede des unschuldigen Mannes, an dessen Unglück sie mit schuld war und betrübte sich und dachte darauf, wie sie ihm helfen könne. Da nun der Königssohn, ein junger Knabe, auch des Weges geführt wurde, damit er des Diebes Strafe zuse­he, kroch sie hin und biß ihn in das Bein, daß es bald auf­schwoll. Da blieb alles Volk erschrock­en ste­hen und man sandte eiligst nach Ärzten und nach Astrolo­gen die helfen soll­ten. Die Ärzte bracht­en The­ri­ak her­bei, eine Arznei, die gepriesen war gegen den Schlangen­biß, er half jedoch nichts. Die Astrolo­gen aber lasen in den Ster­nen, daß der zum Tode geführte Pil­ger unschuldig war, und der Königskn­abe rief selb­st mit heller Stimme: Bringt mir den Mann her, daß er seine Hand auf meine Wunde und mein Geschwulst lege, so werde ich heil sein!“

Da wurde der Pil­ger vor den König geführt, der fragte nach seinem Schick­sal, und der Pil­ger erzählte dem König alles treulich, von den guten dankbaren Tieren und dem schändlichen Undank des Gold­schmieds, den er vom Tod erret­tet. Und dann hob er Hände und Augen zum Him­mel und fle­hte: O allmächtiger Gott, so wahr es ist, daß ich unschuldig bin an dem Dieb­stahl, so wahr wird meine Hand diesen Men­schen heilen!“ – Und da wurde von Stund an der Königssohn gesund. Als das der König sah, wurde sein Herz froh und freud­voll. Er ehrte den Pil­ger mit köstlichen Gaben, ließ ihm auch alle Klein­ode, um der­en­twillen der Pil­ger Tode­sangst aus­ge­s­tanden hat­te, und ließ den Gold­schmied auf der Stelle henken, zur Strafe seines großen Undanks.