Die Bremer Stadtmusikanten

von Brüder Grimm

~6 Min

Es hat­te ein Mann einen Esel, der schon lange Jahre die Säcke unver­drossen zur Müh­le getra­gen hat­te, dessen Kräfte aber nun zu Ende gin­gen, so dass er zur Arbeit immer untauglich­er ward. Da dachte der Herr daran, ihn aus dem Fut­ter zu schaf­fen, aber der Esel merk­te, dass kein guter Wind wehte, lief fort und machte sich auf den Weg nach Bre­men; dort, meinte er, kön­nte er ja Stadt­musikant werden. 

Als er ein Weilchen fort­ge­gan­gen war, fand er einen Jagdhund auf dem Wege liegen, der jappte wie ein­er, der sich müde gelaufen hat. Nun, was jappst du so, Pack­an?“ fragte der Esel. Ach,“ sagte der Hund, weil ich alt bin und jeden Tag schwäch­er werde, auch auf der Jagd nicht mehr fort kann, hat mich mein Herr wollen totschla­gen, da hab ich Reis­saus genom­men; aber wom­it soll ich nun mein Brot ver­di­enen?“ – Weisst du was?“ sprach der Esel, ich gehe nach Bre­men und werde dort Stadt­musikant, geh mit und lass dich auch bei der Musik annehmen. Ich spiele die Laute und du schlägst die Pauken.“

Der Hund war’s zufrieden, und sie gin­gen weit­er. Es dauerte nicht lange, so sass da eine Katze an dem Weg und macht ein Gesicht wie drei Tage Regen­wet­ter. Nun, was ist dir in die Quere gekom­men, alter Bart­putzer?“ sprach der Esel. Wer kann da lustig sein, wenn’s einem an den Kra­gen geht,“ antwortete die Katze, weil ich nun zu Jahren komme, meine Zähne stumpf wer­den, und ich lieber hin­ter dem Ofen sitze und spinne, als nach Mäusen herum­ja­gen, hat mich meine Frau ersäufen wollen; ich habe mich zwar noch fort­gemacht, aber nun ist guter Rat teuer: wo soll ich hin?“ – Geh mit uns nach Bre­men, du ver­stehst dich doch auf die Nacht­musik, da kannst du ein Stadt­musikant wer­den.“ Die Katze hielt das für gut und ging mit. Darauf kamen die drei Lan­des­flüchti­gen an einem Hof vor­bei, da sass auf dem Tor der Haushahn und schrie aus Leibeskräften. Du schreist einem durch Mark und Bein,“ sprach der Esel, was hast du vor?“ – Da hab‘ ich gut Wet­ter prophezeit,“ sprach der Hahn, weil unser­er lieben Frauen Tag ist, wo sie dem Christkindlein die Hemd­chen gewaschen hat und sie trock­nen will; aber weil mor­gen zum Son­ntag Gäste kom­men, so hat die Haus­frau doch kein Erbar­men und hat der Köchin gesagt, sie wollte mich mor­gen in der Suppe essen, und da soll ich mir heut abend den Kopf abschnei­den lassen. Nun schrei ich aus vollem Hals, solang ich kann.“ – Ei was, du Rotkopf,“ sagte der Esel, zieh lieber mit uns fort, wir gehen nach Bre­men, etwas Besseres als den Tod find­est du über­all; du hast eine gute Stimme, und wenn wir zusam­men musizieren, so muss es eine Art haben.“ Der Hahn liess sich den Vorschlag gefall­en, und sie gin­gen alle vier zusam­men fort.

Sie kon­nten aber die Stadt Bre­men in einem Tag nicht erre­ichen und kamen abends in einen Wald, wo sie über­nacht­en woll­ten. Der Esel und der Hund legten sich unter einen grossen Baum, die Katze und der Hahn macht­en sich in die Äste, der Hahn aber flog bis an die Spitze, wo es am sich­er­sten für ihn war. Ehe er ein­schlief, sah er sich noch ein­mal nach allen vier Winden um, da deuchte ihn, er sähe in der Ferne ein Fünkchen bren­nen, und rief seinen Gesellen zu, es müsste nicht gar weit ein Haus sein, denn es scheine ein Licht. Sprach der Esel: So müssen wir uns auf­machen und noch hinge­hen, denn hier ist die Her­berge schlecht.“ Der Hund meinte: Ein paar Knochen und etwas Fleisch dran täten ihm auch gut.“ Also macht­en sie sich auf den Weg nach der Gegend, wo das Licht war, und sahen es bald heller schim­mern, und es ward immer gröss­er, bis sie vor ein helles, erleuchtetes Räu­ber­haus kamen. Der Esel, als der grösste, näherte sich dem Fen­ster und schaute hinein. Was siehst du, Grauschim­mel?“ fragte der Hahn. Was ich sehe?“ antwortete der Esel, einen gedeck­ten Tisch mit schönem Essen und Trinken, und Räu­ber sitzen daran und lassen’s sich wohl sein.“ – Das wäre was für uns,“ sprach der Hahn. Ja, ja, ach, wären wir da!“ sagte der Esel. Da ratschlagten die Tiere, wie sie es anfan­gen müssten, um die Räu­ber hin­auszu­ja­gen und fan­den endlich ein Mit­tel. Der Esel musste sich mit den Vorder­füssen auf das Fen­ster stellen, der Hund auf des Esels Rück­en sprin­gen, die Katze auf den Hund klet­tern, und endlich flog der Hahn hin­auf, und set­zte sich der Katze auf den Kopf. Wie das geschehen war, fin­gen sie auf ein Zeichen ins­ge­samt an, ihre Musik zu machen: der Esel schrie, der Hund bellte, die Katze miaute und der Hahn krähte. Dann stürzten sie durch das Fen­ster in die Stube hinein, dass die Scheiben klir­rten. Die Räu­ber fuhren bei dem entset­zlichen Geschrei in die Höhe, mein­ten nicht anders, als ein Gespenst käme here­in, und flo­hen in grösster Furcht in den Wald hin­aus. Nun set­zten sich die vier Gesellen an den Tisch, nah­men mit dem vor­lieb, was übrigge­blieben war, und assen nach Herzenslust.

Wie die vier Spielleute fer­tig waren, löscht­en sie das Licht aus und sucht­en sich eine Schlaf­stelle, jed­er nach sein­er Natur und Bequem­lichkeit. Der Esel legte sich auf den Mist, der Hund hin­ter die Tür, die Katze auf den Herd bei der war­men Asche, der Hahn set­zte sich auf den Hah­nen­balken, und weil sie müde waren von ihrem lan­gen Weg, schliefen sie auch bald ein. Als Mit­ter­nacht vor­bei war und die Räu­ber von weit­em sahen, dass kein Licht mehr im Haus bran­nte, auch alles ruhig schien, sprach der Haupt­mann: Wir hät­ten uns doch nicht sollen ins Bock­shorn jagen lassen,“ und hiess einen hinge­hen und das Haus unter­suchen. Der Abgeschick­te fand alles still, ging in die Küche, ein Licht anzün­den, und weil er die glühen­den, feuri­gen Augen der Katze für lebendi­ge Kohlen ansah, hielt er ein Schwe­fel­hölzchen daran, dass es Feuer fan­gen sollte. Aber die Katze ver­stand keinen Spass, sprang ihm ins Gesicht, spie und kratzte. Da erschrak er gewaltig, lief und wollte zur Hin­tertüre hin­aus, aber der Hund, der da lag, sprang auf und biss ihn ins Bein, und als er über den Hof an dem Miste vor­beikam, gab ihm der Esel noch einen tüchti­gen Schlag mit dem Hin­ter­fuss; der Hahn aber, der vom Lär­men aus dem Schlaf geweckt und munter gewor­den war, rief vom Balken herab: Kik­eri­ki!“ Da lief der Räu­ber, was er kon­nte, zu seinem Haupt­mann zurück und sprach: Ach, in dem Haus sitzt eine greuliche Hexe, die hat mich ange­haucht und mit ihren lan­gen Fin­gern mir das Gesicht zerkratzt. Und vor der Tür ste­ht ein Mann mit einem Mess­er, der hat mich ins Bein gestochen. Und auf dem Hof liegt ein schwarzes Ungetüm, das hat mit ein­er Holzkeule auf mich los­geschla­gen. Und oben auf dem Dache, da sitzt der Richter, der rief: Bringt mir den Schelm her!‘ Da machte ich, dass ich fortkam.“ Von nun an getraut­en sich die Räu­ber nicht weit­er in das Haus, den vier Bre­mer Musikan­ten gefiel’s aber so wohl darin, dass sie nicht wieder her­aus wollten.