Die beiden Wanderer

von Brüder Grimm

~21 Min

Berg und Tal begeg­nen sich nicht, wohl aber die Men­schenkinder, zumal gute und böse. So kam auch ein­mal ein Schus­ter und ein Schnei­der auf der Wan­der­schaft zusam­men. Der Schnei­der war ein klein­er hüb­sch­er Kerl und war immer lustig und guter Dinge. Er sah den Schus­ter von der andern Seite her­ankom­men, und da er an seinem Felleisen merk­te, was er für ein Handw­erk trieb, rief er ihm ein Spot­tlied­chen zu:

nähe mir die Naht, 
ziehe mir den Draht, 
stre­ich ihn rechts und links mit Pech, 
schlag’schlag mir fest den Zweck.“

Der Schus­ter aber kon­nte keinen Spass ver­tra­gen, er ver­zog ein Gesicht, als wenn er Essig getrunk­en hätte, und machte Miene, das Schnei­der­lein am Kra­gen zu pack­en. Der kleine Kerl fing aber an zu lachen, reichte ihm seine Flasche und sprach: Es ist nicht bös gemeint, trink ein­mal und schluck die Galle hin­unter.“ Der Schus­ter tat einen gewalti­gen Schluck, und das Gewit­ter auf seinem Gesicht fing an sich zu verziehen. Er gab dem Schnei­der die Flasche zurück und sprach: Ich habe ihr ordentlich zuge­sprochen, man sagt wohl vom vie­len Trinken, aber nicht vom grossen Durst. Wollen wir zusam­men wan­dern?“ – Mir ist’s recht,“ antwortete der Schnei­der, wenn du nur Lust hast, in eine grosse Stadt zu gehen, wo es nicht an Arbeit fehlt.“ – Ger­ade dahin wollte ich auch,“ antwortete der Schus­ter, in einem kleinen Nest ist nichts zu ver­di­enen, und auf dem Lande gehen die Leute lieber bar­fuss.“ Sie wan­derten also zusam­men weit­er und set­zten immer einen Fuss vor den andern wie die Wiesel im Schnee.

Zeit genug hat­ten sie bei­de, aber wenig zu beis­sen und zu brechen. Wenn sie in eine Stadt kamen, so gin­gen sie umher und grüssten das Handw­erk, und weil das Schnei­der­lein so frisch und munter aus­sah und so hüb­sche rote Back­en hat­te, so gab ihm jed­er gerne, und wenn das Glück gut war, so gab ihm die Meis­ter­tochter unter der Haustüre auch noch einen Kuss auf den Weg. Wenn er mit dem Schus­ter wieder zusam­men­traf, so hat­te er immer mehr in seinem Bün­del. Der gries­grämige Schus­ter schnitt ein schiefes Gesicht und meinte: Je gröss­er der Schelm, je gröss­er das Glück.“ Aber der Schnei­der fing an zu lachen und zu sin­gen und teilte alles, was er bekam, mit seinem Kam­er­aden. Klin­gel­ten nun ein paar Groschen in sein­er Tasche, so liess er auf­tra­gen, schlug vor Freude auf den Tisch, dass die Gläs­er tanzten, und es hiess bei ihm leicht ver­di­ent und leicht vertan.“

Als sie eine Zeit­lang gewan­dert waren, kamen sie an einen grossen Wald, durch welchen der Weg nach der Königsstadt ging. Es führten aber zwei Fusssteige hin­durch, davon war der eine sieben Tage lang, der andere nur zwei Tage, aber nie­mand von ihnen wusste, welch­er der kürzere Weg war. Die zwei Wan­der­er set­zten sich unter einen Eichen­baum und ratschlagten, wie sie sich vorse­hen und für wie viel Tage sie Brot mit­nehmen woll­ten. Der Schus­ter sagte: Man muss weit­er denken, als man geht, ich will für sieben Tage Brot mit­nehmen.“ – Was,“ sagte der Schnei­der, für sieben Tage Brot auf dem Rück­en schlep­pen wie ein Last­ti­er und sich nicht umschauen? Ich halte mich an Gott und kehre mich an nichts. Das Geld, das ich in der Tasche habe, das ist im Som­mer so gut als im Win­ter, aber das Brot wird in der heis­sen Zeit trock­en und oben­drein schim­melig. Mein Rock geht auch nicht länger als auf die Knöchel. Warum sollen wir den richti­gen Weg nicht find­en? Für zwei Tage Brot und damit gut.“ Es kaufte sich also ein jed­er sein Brot, dann gin­gen sie auf gut Glück in den Wald hinein.

In dem Wald war es so still wie in ein­er Kirche. Kein Wind wehte, kein Bach rauschte, kein Vogel sang, und durch die dicht­be­laubten Äste drang kein Son­nen­strahl. Der Schus­ter sprach kein Wort, ihn drück­te das schwere Brot auf dem Rück­en, dass ihm der Schweiss über sein ver­driesslich­es und fin­steres Gesicht her­abfloss. Der Schnei­der aber war ganz munter, sprang daher, pfiff auf einem Blatt oder sang ein Lied­chen und dachte: Gott im Him­mel muss sich freuen, dass ich so lustig bin.“ Zwei Tage ging das so fort, aber als am drit­ten Tag der Wald kein Ende nehmen wollte und der Schnei­der sein Brot aufgegessen hat­te, so fiel ihm das Herz doch eine Elle tiefer herab; indessen ver­lor er nicht den Mut, son­dern ver­liess sich auf Gott und auf sein Glück. Den drit­ten Tag legte er sich abends hun­grig unter einen Baum und stieg den andern Mor­gen hun­grig wieder auf. So ging es auch den vierten Tag, und wenn der Schus­ter sich auf einen umgestürzten Baum set­zte und seine Mahlzeit verzehrte, so blieb dem Schnei­der nichts als das Zuse­hen. Bat er um ein Stückchen Brot, so lachte der andere höh­nisch und sagte: Du bist immer so lustig gewe­sen, da kannst du auch ein­mal ver­suchen, wies tut, wenn man unlustig ist; die Vögel, die mor­gens zu früh sin­gen, die stösst abends der Habicht,“ kurz, er war ohne Barmherzigkeit. Aber am fün­ften Mor­gen kon­nte der arme Schnei­der nicht mehr auf­ste­hen und vor Mat­tigkeit kaum ein Wort her­aus­brin­gen; die Back­en waren ihm weiss und die Augen rot. Da sagte der Schus­ter zu ihm: Ich will dir heute ein Stück Brot geben, aber dafür will ich dir dein recht­es Auge ausstechen.“ Der unglück­liche Schnei­der, der doch gerne sein Leben erhal­ten wollte, kon­nte sich nicht anders helfen: er weinte noch ein­mal mit bei­den Augen und hielt sie dann hin, und der Schus­ter, der ein Herz von Stein hat­te, stach ihm mit einem schar­fen Mess­er das rechte Auge aus. Dem Schnei­der kam in den Sinn, was ihm son­st seine Mut­ter gesagt hat­te, wenn er in der Speisekam­mer genascht hat­te: Essen, soviel man mag, und lei­den, was man muss.“ Als er sein teuer bezahltes Brot verzehrt hat­te, machte er sich wieder auf die Beine, ver­gass sein Unglück und tröstete sich damit, dass er mit einem Auge noch immer genug sehen kön­nte. Aber am sech­sten Tag meldete sich der Hunger aufs neue und zehrte ihm fast das Herz auf. Er fiel abends bei einem Baum nieder, und am sieben­ten Mor­gen kon­nte er sich vor Mat­tigkeit nicht erheben, und der Tod sass ihm im Nack­en. Da sagte der Schus­ter: Ich will Barmherzigkeit ausüben und dir nochmals Brot geben; umson­st bekommst du es nicht, ich steche dir dafür das andere Auge noch aus.“ Da erkan­nte der Schnei­der sein leichtsin­niges Leben, bat den lieben Gott um Verzei­hung und sprach: Tue, was du musst, ich will lei­den, was ich muss; aber bedenke, dass unser Her­rgott nicht jeden Augen­blick richtet, und dass eine andere Stunde kommt, wo die böse Tat ver­golten wird, die du an mir verüb­st und die ich nicht an dir ver­di­ent habe. Ich habe in guten Tagen mit dir geteilt, was ich hat­te. Mein Handw­erk ist der Art, dass Stich muss Stich vertreiben. Wenn ich keine Augen mehr habe, und nicht mehr nähen kann, so muss ich bet­teln gehen. Lass mich nur, wenn ich blind bin, hier nicht allein liegen, son­st muss ich ver­schmacht­en.“ Der Schus­ter aber, der Gott aus seinem Herzen ver­trieben hat­te, nahm das Mess­er und stach ihm noch das linke Auge aus. Dann gab er ihm ein Stück Brot zu essen, reichte ihm einen Stock und führte ihn hin­ter sich her.

Als die Sonne unterg­ing, kamen sie aus dem Wald, und vor dem Wald auf dem Feld stand ein Gal­gen. Dahin leit­ete der Schus­ter den blind­en Schnei­der, liess ihn dann liegen und ging sein­er Wege. Vor Müdigkeit, Schmerz und Hunger schlief der Unglück­liche ein und schlief die ganze Nacht. Als der Tag däm­merte, erwachte er, wusste aber nicht, wo er lag. An dem Gal­gen hin­gen zwei arme Sün­der, und auf dem Kopfe eines jeden sass eine Krähe. Da fing der eine an zu sprechen: Brud­er, wachst du?“ – Ja, ich wache,“ antwortete der zweite. So will ich dir etwas sagen,“ fing der erste wieder an, der Tau, der heute Nacht über uns vom Gal­gen her­abge­fall­en ist, der gibt jedem, der sich damit wäscht, die Augen wieder. Wenn das die Blind­en wüssten, wie manch­er kön­nte sein Gesicht wieder­haben der nicht glaubt, dass das möglich sei.“ Als der Schnei­der das hörte, nahm er sein Taschen­tuch, drück­te es auf das Gras, und als es mit dem Tau befeuchtet war, wusch er seine Augen­höhlen damit. Als­bald ging in Erfül­lung, was der Gehenk­te gesagt hat­te, und ein Paar frische und gesunde Augen füll­ten die Höhlen. Es dauerte nicht lange, so sah der Schnei­der die Sonne hin­ter den Bergen auf­steigen, vor ihm in der Ebene lag die grosse Königsstadt mit ihren prächti­gen Toren und hun­dert Tür­men, und die gold­e­nen Knöpfe und Kreuze, die auf den Spitzen standen, fin­gen an zu glühen. Er unter­schied jedes Blatt an den Bäu­men, erblick­te die Vögel, die vor­bei­flo­gen, und die Mück­en, die in der Luft tanzten. Er holte eine Näh­nadel aus der Tasche, und als er den Zwirn ein­fädeln kon­nte, so gut, als er es je gekon­nt hat­te, so sprang sein Herz vor Freude. Er warf sich auf seine Knie, dank­te Gott für die erwiesene Gnade und sprach seinen Mor­gensegen, er ver­gass auch nicht, für die armen Sün­der zu bit­ten, die da hin­gen wie der Schwen­gel in der Glocke, und die der Wind aneinan­der schlug. Dann nahm er sein Bün­del auf den Rück­en, ver­gass bald das aus­ge­s­tandene Herzeleid und ging unter Sin­gen und Pfeifen weiter.

Das erste, was ihm begeg­nete, war ein braunes Füllen, das frei im Felde herum­sprang. Er pack­te es an der Mähne, wollte sich auf­schwin­gen und in die Stadt reit­en. Das Füllen aber bat um seine Frei­heit: Ich bin noch zu jung,“ sprach es, auch ein leichter Schnei­der wie du bricht mir den Rück­en entzwei, lass mich laufen, bis ich stark gewor­den bin. Es kommt vielle­icht eine Zeit, wo ich dirs lohnen kann.“ – Lauf hin,“ sagte der Schnei­der, ich sehe, du bist auch so ein Sprin­gins­feld.“ Er gab ihm noch einen Hieb mit der Gerte über den Rück­en, dass es vor Freude mit den Hin­ter­beinen auss­chlug, über Heck­en und Gräben set­zte und in das Feld hineinjagte.

Aber das Schnei­der­lein hat­te seit gestern nichts gegessen. Die Sonne,“ sprach er, füllt mir zwar die Augen, aber das Brot nicht den Mund. Das erste, was mir begeg­net und halb­wegs geniess­bar ist, das muss her­hal­ten.“ Indem schritt ein Storch ganz ern­sthaft über die Wiese daher. Halt, halt,“ rief der Schnei­der und pack­te ihn am Bein, ich weiss nicht, ob du zu geniessen bist, aber mein Hunger erlaubt mir keine lange Wahl, ich muss dir den Kopf abschnei­den und dich brat­en.“ – Tue das nicht,“ antwortete der Storch, ich bin ein heiliger Vogel, dem nie­mand ein Leid zufügt, und der den Men­schen grossen Nutzen bringt. Lässt du mir mein Leben, so kann ich dirs ein ander­mal vergel­ten.“ – So zieh ab, Vet­ter Lang­bein,“ sagte der Schnei­der. Der Storch erhob sich, liess die lan­gen Beine hän­gen und flog gemäch­lich fort.

Was soll daraus wer­den?“ sagte der Schnei­der zu sich selb­st, mein Hunger wird immer gröss­er und mein Magen immer leer­er. Was mir jet­zt in den Weg kommt, das ist ver­loren.“ Indem sah er auf einem Teich ein paar junge Enten daher­schwim­men. Ihr kommt ja wie gerufen,“ sagte er, pack­te eine davon, und wollte ihr den Hals umdrehen. Da fing eine alte Ente, die in dem Schilf steck­te, laut an zu kreis­chen, schwamm mit aufges­per­rtem Schn­abel her­bei und bat ihn fle­hentlich, sich ihrer lieben Kinder zu erbar­men. Denkst du nicht,“ sagte sie, wie deine Mut­ter jam­mern würde, wenn dich ein­er weg­holen und dir den Garaus machen wollte?“ – Sei nur still,“ sagte der gut­mütige Schnei­der, du sollst deine Kinder behal­ten,“ und set­zte die Gefan­gene wieder ins Wasser.

Als er sich umkehrte, stand er vor einem alten Baum, der halb hohl war, und sah die wilden Bienen aus- und ein­fliegen. Da finde ich gle­ich den Lohn für meine gute Tat,“ sagte der Schnei­der, der Honig wird mich laben.“ Aber der Weisel kam her­aus, dro­hte und sprach: Wenn du mein Volk anrührst und mein Nest zer­störst, so sollen dir unsere Stacheln wie zehn­tausend glühende Nadeln in die Haut fahren. Lässt du uns aber in Ruhe und gehst dein­er Wege, so wollen wir dir ein ander­mal dafür einen Dienst leisten.“

Das Schnei­der­lein sah, dass auch hier nichts anz­u­fan­gen war. Drei Schüs­seln leer,“ sagte er, und auf der vierten nichts, das ist eine schlechte Mahlzeit.“ Er schleppte sich also mit seinem aus­ge­hungerten Magen in die Stadt, und da es eben zu Mit­tag läutete, so war für ihn im Gasthaus schon gekocht, und er kon­nte sich gle­ich zu Tisch set­zen. Als er satt war, sagte er: Nun will ich auch arbeit­en.“ Er ging in der Stadt umher, suchte einen Meis­ter und fand auch bald ein gutes Unterkom­men. Da er aber sein Handw­erk von Grund aus gel­ernt hat­te, so dauerte es nicht lange, er ward berühmt, und jed­er wollte seinen neuen Rock von dem kleinen Schnei­der gemacht haben. Alle Tage nahm sein Anse­hen zu. Ich kann in mein­er Kun­st nicht weit­erkom­men,“ sprach er, und doch gehts jeden Tag bess­er.“ Endlich bestellte ihn der König zu seinem Hofschneider.

Aber wie’s in der Welt geht: an dem­sel­ben Tag war sein ehe­ma­liger Kam­er­ad, der Schus­ter, auch Hof­schus­ter gewor­den. Als dieser den Schnei­der erblick­te und sah, dass er wieder zwei gesunde Augen hat­te, so peinigte ihn das Gewis­sen. Ehe er Rache an mir nimmt,“ dachte er bei sich selb­st, muss ich ihm eine Grube graben.“ Wer aber andern eine Grube gräbt, fällt selb­st hinein. Abends, als er Feier­abend gemacht hat­te und es däm­merig gewor­den war, schlich er sich zu dem König und sagte: Herr König, der Schnei­der ist ein über­mütiger Men­sch und hat sich ver­messen, er wollte die gold­ene Kro­ne wieder her­beis­chaf­fen, die vor alten Zeit­en ist ver­loren gegan­gen.“ – Das sollte mir lieb sein,“ sprach der König, liess den Schnei­der am andern Mor­gen vor sich fordern und befahl ihm, die Kro­ne wieder her­beizuschaf­fen, oder für immer die Stadt zu ver­lassen. Oho,“ dachte der Schnei­der, ein Schelm gibt mehr, als er hat. Wenn der mur­rköp­fige König von mir ver­langt, was kein Men­sch leis­ten kann, so will ich nicht warten bis mor­gen, son­dern gle­ich heute wieder zur Stadt hin­auswan­dern.“ Er schnürte also sein Bün­del, als er aber aus dem Tor her­aus war, so tat es ihm doch leid, dass er sein Glück aufgegeben und die Stadt, in der es ihm so wohl gegan­gen war, mit dem Rück­en anse­hen sollte. Er kam zu dem Teich, wo er mit den Enten Bekan­ntschaft gemacht hat­te, da sass ger­ade die Alte, der er ihre Jun­gen gelassen hat­te, am Ufer und putzte sich mit dem Schn­abel. Sie erkan­nte ihn gle­ich und fragte, warum er den Kopf so hän­gen lasse. Du wirst dich nicht wun­dern, wenn du hörst, was mir begeg­net ist,“ antwortete der Schnei­der und erzählte ihr sein Schick­sal. Wenns weit­er nichts ist,“ sagte die Ente, da kön­nen wir Rat schaf­fen. Die Kro­ne ist ins Wass­er gefall­en und liegt unten auf dem Grund, wie bald haben wir sie wieder her­aufge­holt. Bre­ite nur der­weil dein Taschen­tuch ans Ufer aus.“ Sie tauchte mit ihren zwölf Jun­gen unter , und nach fünf Minuten war sie wieder oben und sass mit­ten in der Kro­ne, die auf ihren Fit­tichen ruhte, und die zwölf Jun­gen schwammen rund herum, hat­ten ihre Schnä­bel untergelegt und halfen tra­gen. Sie schwammen ans Land und legten die Kro­ne auf das Tuch. Du glaub­st nicht, wie prächtig die Kro­ne war, wenn die Sonne darauf schien, so glänzte sie wie hun­dert­tausend Kar­funkel­steine. Der Schnei­der band sein Tuch mit den vier Zipfeln zusam­men und trug sie zum König, der in ein­er Freude war und dem Schnei­der eine gold­ene Kette um den Hals hing.

Als der Schus­ter sah, dass der eine Stre­ich miss­lun­gen war, so besann er sich auf einen zweit­en, trat vor den König und sprach: Herr König, der Schnei­der ist wieder so über­mütig gewor­den, er ver­misst sich, das ganze königliche Schloss mit allem, was darin ist, los und fest, innen und aussen, in Wachs abzu­bilden.“ Der König liess den Schnei­der kom­men und befahl ihm, das ganze königliche Schloss mit allem, was darin wäre, los und fest, innen und aussen, in Wachs abzu­bilden, und wenn er es nicht zus­tande brächte, oder es fehlte nur ein Nagel an der Wand, so sollte er zeitlebens unter der Erde gefan­gen sitzen. Der Schnei­der dachte: Es kommt immer ärg­er, das hält kein Men­sch aus,“ warf sein Bün­del auf den Rück­en und wan­derte fort. Als er an den hohlen Baum kam, set­zte er sich nieder und liess den Kopf hän­gen. Die Bienen kamen her­aus­ge­flo­gen, und der Weisel fragte ihn, ob er einen steifen Hals hätte, weil er den Kopf so schief hielt. Ach nein,“ antwortete der Schnei­der, mich drückt etwas anderes.“ Und erzählte, was der König von ihm gefordert hat­te. Die Bienen fin­gen an untere­inan­der zu sum­men und zu brum­men, und der Weisel sprach: Geh nur wieder nach Haus, komm aber mor­gen um diese Zeit wieder und bring ein gross­es Tuch mit, so wird alles gut gehen.“ Da kehrte er wieder um, die Bienen aber flo­gen nach dem königlichen Schloss ger­adezu in die offe­nen Fen­ster hinein, krochen in allen Eck­en herum und besa­hen alles aufs genaueste. Dann liefen sie zurück und bilde­ten das Schloss in Wachs nach mit ein­er solchen Geschwindigkeit, dass man meinte, es wüchse einem vor den Augen. Schon am Abend war alles fer­tig, und als der Schnei­der am fol­gen­den Mor­gen kam, so stand das ganze prächtige Gebäude da, und es fehlte kein Nagel an der Wand und kein Ziegel auf dem Dach; dabei war es zart und schneeweiss, und roch süss wie Honig. Der Schnei­der pack­te es vor­sichtig in sein Tuch und brachte es dem König, der aber kon­nte sich nicht genug ver­wun­dern, stellte es in seinem grössten Saal auf und schenk­te dem Schnei­der dafür ein gross­es stein­ernes Haus.

Der Schus­ter ab liess nicht nach, ging zum drit­ten­mal zu dem König und sprach: Herr König, dem Schnei­der ist zu Ohren gekom­men, dass auf dem Schlosshof kein Wass­er sprin­gen will, da hat er sich ver­messen, es solle mit­ten im Hof mannshoch auf­steigen und hell sein wie Kristall.“ Da liess der König den Schnei­der her­bei­holen und sagte: Wenn nicht mor­gen ein Strahl von Wass­er in meinem Hof springt, wie du ver­sprochen hast, so soll dich der Schar­frichter auf dem­sel­ben Hof um einen Kopf kürz­er machen.“ Der arme Schnei­der besann sich nicht lange und eilte zum Tore hin­aus, und weil es ihm dies­mal ans Leben gehen sollte, so roll­ten ihm die Trä­nen über die Back­en herab. Indem er so voll Trauer dahing­ing, kam das Füllen herange­sprun­gen, dem er ein­mal die Frei­heit geschenkt hat­te, und aus dem ein hüb­sch­er Brauner gewor­den war. Jet­zt kommt die Stunde“ sprach er zu ihm, wo ich dir deine Gut­tat vergel­ten kann. Ich weiss schon, was dir fehlt, aber es soll dir bald geholfen wer­den, sitz nur auf, mein Rück­en kann dein­er zwei tra­gen.“ Dem Schnei­der kam das Herz wieder, er sprang in einem Satz auf, und das Pferd ren­nte in vollem Lauf zur Stadt hinein und ger­adezu auf den Schlosshof. Da jagte es dreimal rund herum, schnell wie der Blitz, und beim drit­ten­mal stürzte es nieder. In dem Augen­blick aber krachte es furcht­bar: ein Stück Erde sprang in der Mitte des Hofs wie eine Kugel in die Luft und über das Schloss hin­aus, und gle­ich dahin­ter­her erhob sich ein Strahl von Wass­er so hoch wie Mann und Pferd, und das Wass­er war so rein wie Kristall, und die Son­nen­strahlen fin­gen an darauf zu tanzen. Als der König das sah, stand er vor Ver­wun­derung auf, ging und umarmte das Schnei­der­lein im Angesicht aller Menschen.

Aber das Glück dauerte nicht lange. Der König hat­te Töchter genug, eine immer schön­er als die andere, aber keinen Sohn. Da begab sich der boshafte Schus­ter zum vierten­mal zu dem Könige und sprach: Herr König, der Schnei­der lässt nicht ab von seinem Üer­mut. Jet­zt hat er sich ver­messen, wenn er wolle, so könne er dem Her­rn König einen Sohn durch die Lüfte her­beitra­gen lassen.“ Der König liess den Schnei­der rufen und sprach: Wenn du mir bin­nen neun Tagen einen Sohn brin­gen lässt, so sollst du meine äIteste Tochter zur Frau haben.“ – Der Lohn ist freilich gross,“ dachte das Schnei­der­lein, da täte man wohl ein übriges, aber die Kirschen hän­gen mir zu hoch: wenn ich danach steige, so bricht unter mir der Ast, und ich falle herab.“ Er ging nach Haus, set­zte sich mit unter­schla­ge­nen Beinen auf seinen Arbeit­stisch und bedachte sich, was zu tun wäre. Es geht nicht,“ rief er endlich aus, ich will fort, hier kann ich doch nicht in Ruhe leben.“ Er schnürte sein Bün­del und eilte zum Tore hin­aus. Als er auf die Wiesen kam, erblick­te er seinen alten Fre­und, den Storch, der da wie ein Weltweis­er auf- und abging, zuweilen still stand, einen Frosch in nähere Betra­ch­tung nahm und ihn endlich ver­schluck­te. Der Storch kam her­an und begrüsste ihn. Ich sehe,“ hub er an, du hast deinen Ranzen auf dem Rück­en, warum willst du die Stadt ver­lassen?“ Der Schnei­der erzählte ihm, was der König von ihm ver­langt hat­te und er nicht erfüllen kon­nte, und jam­merte über sein Miss­geschick. Lass dir darüber keine grauen Haare wach­sen,“ sagte der Storch, ich will dir aus der Not helfen. Schon lange bringe ich die Wick­elkinder in die Stadt, da kann ich auch ein­mal einen kleinen Prinzen aus dem Brun­nen holen. Geh heim und ver­halte dich ruhig. Heut über neun Tage beg­ib dich in das königliche Schloss, da will ich kom­men.“ Das Schnei­der­lein ging nach Haus und war zu rechter Zeit in dem Schloss. Nicht lange, so kam der Storch herange­flo­gen und klopfte ans Fen­ster. Der Schnei­der öffnete ihm, und Vet­ter Lang­bein stieg vor­sichtig here­in und ging mit grav­itätis­chen Schrit­ten über den glat­ten Mar­mor­bo­den; er hat­te aber ein Kind im Schn­abel, das schön wie ein Engel, und seine Händ­chen nach der Köni­gin ausstreck­te. Er legte es ihr auf den Schoss, und sie herzte und küsste es, und war vor Freude auss­er sich. Der Storch nahm, bevor er wieder wegflog, seine Reise­tasche von der Schul­ter herab und über­re­ichte sie der Köni­gin. Es steck­ten Tüten darin mit bun­ten Zuck­ererb­sen, sie wur­den unter die kleinen Prinzessin­nen verteilt, Die äIteste aber erhielt nichts, son­dern bekam den lusti­gen Schnei­der zum Mann. Es ist mir ger­adeso,“ sprach der Schnei­der, als wenn ich das grosse Los gewon­nen hätte. Meine Mut­ter hat­te doch recht, die sagte immer, wer auf Gott ver­traut und nur Glück hat, dem kanns nicht fehlen.“

Der Schus­ter musste die Schuhe machen, in welchen das Schnei­der­lein auf dem Hochzeit­fest tanzte, her­nach ward ihm befohlen, die Stadt auf immer zu ver­lassen. Der Weg nach dem Wald führte ihn zu dem Gal­gen. Von Zorn, Wut und der Hitze des Tages ermüdet, warf er sich nieder. Als er die Augen zumachte und schlafen wollte, stürzten die bei­den Krähen von den Köpfen der Gehenk­ten mit lautem Geschrei herab und hack­ten ihm die Augen aus. Unsin­nig ran­nte er in den Wald und muss darin ver­schmachtet sein, denn es hat ihn nie­mand wieder gese­hen oder etwas von ihm gehört.