Die beiden Mädchen und die Hexe

von Josef Haltrich

~5 Min

Eine Frau hat­te zwei Töchter; die ältere war ihre eigene Tochter und war sehr häßlich, die jün­gere ihre Stieftochter und war sehr schön. Das ärg­erte die böse Mut­ter, und sie gab dieser immer nur zer­lumpte Klei­der und ließ sie daheim in der Asche sitzen; ihrer Tochter aber kaufte sie schöne Klei­der und nahm sie über­all mit. Zulet­zt schick­te sie ihre Stieftochter ganz aus dem Hause. Du bist jet­zt groß und kannst dich ernähren!“ sprach sie, gehe, wohin dich deine Augen leit­en!“ Da machte sich das arme Mäd­chen auf und wan­derte fort. Als es ein Stück Weges gegan­gen war, kam es an einen Apfel­baum, der sprach zu ihr: Willst du mich nicht ein wenig von den Dor­nen reini­gen!“ Warum nicht!“ sagte das Mäd­chen und machte sich gle­ich an die Arbeit und reinigte den Baum. Es ging wieder ein Stück weit­er; da sah es einen lah­men Hund, der schleppte sich müh­selig auf der Erde fort. Willst du mir nicht meinen Fuß verbinden?“ sprach der Hund, Warum nicht?“ sagte das Mäd­chen und ging gle­ich daran. Als es noch ein Stück weit­er kam, sah es einen Back­ofen, in welchem das Feuer bran­nte: Willst du nicht das Eisen vorschieben?“ sprach der Back­ofen. Warum nicht?“ sagte das Mäd­chen und tat es sogle­ich. Nun kam es zulet­zt an ein Häuschen; drin wohnte eine alte Hexe. Es klopfte an und fragte, ob sie es nicht in Dienst nehmen wolle. Die Hexe war froh, denn sie brauchte ger­ade ein Dien­st­mäd­chen. Sie über­gab ihm alle Schlüs­sel, aber in das siebente Zim­mer ver­bot sie ihm zu gehen.

Als die Hexe fern war, besah das Mäd­chen sich die Gele­gen­heit, und die Neugierde ließ ihm keine Ruhe; es trat auch in das ver­botene Zim­mer, da war alles eit­el Gold, und das Mäd­chen wurde selb­st auf ein­mal ganz goldigodf0epde. Nun bekam es Angst; es schloß schnell die Türe und lief fort und wollte nach Hause.

Aber über der Tür stand ein Hahn, der fing gle­ich an zu krähen, wie er das Mäd­chen laufen sah. Die Hexe hörte den Hahn schrei gle­ich und kam her­bei und eilte dem Mäd­chen nach. Doch kon­nte sie den Weg schlecht sehen; denn vor ihr war fin­stre Nacht, vor dem Mäd­chen lichter Tag. Das bewirk­te ein alter Mann, der das arme Mäd­chen so ängstlich laufen sah und sich sein­er erbarmte. Als es an den Ofen kam, rief der ihm Mut zu und sprach: Laufe nur fort, die garstige erre­icht dich nicht!“ Sowie die Hexe zum Ofen kam und ihn fragte, ob nicht ein Mäd­chen da vor­beige­laufen, wollte er nichts von ihm wis­sen. Der Hund rief dem Mäd­chen auch zu: Laufe nur fort, die garstige erre­icht dich nicht!“ Die Hexe kam keuchend her­an und fragte den Hund, ob nicht ein Mäd­chen da vor­beige­laufen. Der Hund sagte: Nein, ich habe keines gese­hen!“ Eben­so machte es der Apfel­baum: Laufe nur schnell!“ sagte er zum Mäd­chen, die garstige erre­icht dich nicht!“ und als die Hexe ihn fragte, ob nicht ein Mäd­chen da vorüber gelaufen, hat­te er auch nichts gese­hen. Weit­er hin­aus hat­te die Hexe keine Macht, und sie mußte mit langer Nase umkehren.
Als aber das arme Mäd­chen zu Hause anlangte, sang die Hauss­chwalbe vom Dache; Litum, titum, tärchen,
Et sätzt e güldich Frächen .
Eang­derm Fen­ster en lacht!“ 

Da eilte die Stief­mut­ter hin­aus und sah das Gold­mäd­chen und ver­wun­derte sich sehr; sie führte es hinein und tat ganz fre­undlich; aber die Stief­schwest­er wurde ganz grün vor Neid und sprach: Ich will auch hinge­hen und gewiß noch schön­er heimkehren als der Aschen­put­tel!“ Sie ging densel­ben Weg; als sie zum Apfel­baum kam, bat er sie auch, sie solle ihn von den Dor­nen reini­gen. Das fällt mir ger­ade ein!“ sprach sie höh­nisch, daß ich mir meine Hände zer­steche !“ und ging weit­er.
Eben­so machte sie es beim lah­men Hund. Willst du mir nicht meinen lah­men Fuß verbinden?“ bat dieser. Nu, das fehlte noch; glaub­st du, ich sei eine gemeine Magd?“ rief sie trotzig und ging weit­er. Als sie zum Back­ofen kam, loderte das Feuer stark her­aus; da rief er: Willst du nicht das Eisen vorschieben?“ Unver­schämter!“ rief sie, das ist kein Geschäft für mich!“ Sie ging weit­er und kam bald zur Woh­nung der Hexe und nahm bei ihr Dienste.

Als die Hexe am frühen Mor­gen aus­ging, sprach sie: Nur in das siebente Zim­mer wage es nicht zu gehen, son­st wehe dir!“ Ja, ja “ sagte das Mäd­chen; kaum war sie jedoch fort, so trat es ohne weit­ers in das ver­botene Zim­mer und wurde auch auf ein­mal ganz goldig. Als­bald ergriff es die Flucht; der Hahn über der Türe krähte wieder, und die Hexe war bald zurück und sah, was es gab. Das Mäd­chen lief, wie es nur kon­nte, allein es kon­nte schw­er fortkom­men; denn vor ihm war fin­stere Nacht, hin­ter ihm lichter Tag. Das bewirk­te jen­er alte Mann, der das garstige Mäd­chen auch laufen sah und ihm eine Züch­ti­gung bere­it­en wollte. Als es beim Ofen vor­beilief, versen­gte ihm der Fuchs, der aus dem Ofen her­auss­chlug, das Kleid, und als die Hexe fragte, ob nicht ein Mäd­chen vorüberge­laufen, rief der Ofen: Eile nur, gle­ich hast du’s!“ Als es zu dem Hund kam, bellte der und biß es in den Fuß, daß es nur mit Not weit­erkam, und wie die Hexe fragte, ob er nicht ein Mäd­chen vorüber­laufen gese­hen, rief er: Nur schnell, gle­ich hast du’s!“ Endlich kam es zum Apfel­baum, der hat­te alle seine Domen in den Weg geschüt­telt, darin ver­wick­elte es sich so, daß es nicht von der Stelle kon­nte, und sogle­ich war ihm die Hexe auf dem Genick: Warte, Dieb­s­gesicht, mein Gold sollst du nicht heim­tra­gen!“ und da fing sie gle­ich an mit ihren lan­gen Nägeln zu kratzen und kratzte ihm alles Gold vom Leibe, daß nicht ein Staubpünk­tchen mehr an ihm blieb, und machte ihm blutige Furchen am ganzen Leib und ließ es dann laufen.

Als es zu Hause ankam, sang die Hauss­chwalbe vom Dache: Litum, titum, tärchen,
Et sätzt e bleädich Frächen
Eang­derm Fen­ster en schroati“ Ihre Mut­ter lief schnell hin­aus und erkan­nte sogle­ich ihre Tochter; sie führte sie hinein und ver­steck­te sie in den Keller, daß kein Men­sch sie sehen sollte, und da blieb sie ihr Leben lang. Als aber der junge König von dem schö­nen Gold­mäd­chen hörte, kam er in ein­er Kutsche mit vier weißen Heng­sten her­beige­fahren, führte das Mäd­chen als seine liebe Braut in seine Burg und hielt eine glänzende Hochzeit, die acht Tage dauerte.