Die beiden Lügner

von Josef Haltrich

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Ein Zen­der­sch­er hat­te einen Sohn, der log, wie er den Mund auf­tat, da schämte sich sein Vater, gab ihm einige Kreuzer und schick­te ihn fort in die Welt. Dem Jun­gen war das ganz recht, und er ging und kam zu der Großalis­ch­er Müh­le und sah da einen Müllerknecht ste­hen und in die Kokel guck­sen. Er fragte ihn gle­ich und sprach: Ist nicht ein Mühlstein da vor­beige­flossen?“ – Ei, ja freilich!“ sagte der, ich nahm auch meine Axt, hieb sie hinein und wollte ihn her­aus­fis­chen, allein es war umson­st, das Wass­er riß ihn fort.“ – Wir passen gut zueinan­der!“ sprach der Zen­der­sch­er zum Großalis­ch­er, komm, lasse uns miteinan­der dienen gehen!“ So zogen sie fort und kamen bald in die Stadt und verd­ingten sich zu einem Her­rn, und ein­er bedi­ente den Her­rn, der andere die Herrin.

Eines Tages ging der Herr mit seinem Diener aus, zeigte ihm den Turm und sprach: Hast du einen so hohen Turm noch gese­hen?“ – Ja, bei uns ist ein viel höher­er, da reicht der Hahn bis an den Him­mel und frißt Sterne!“ – Du lügst!“ – Nu fraget meinen Kam­er­aden!“ Als sie heimka­men, fragte der Herr den andern gle­ich, und der sagte ganz im Ernst: Ja, das ist so und ist noch nichts, aber bei uns haben wir einen Turm! Mein Urur­groß­vater hat ger­ade den Knopf aufge­set­zt, der ist so hoch, so hoch! na! – ich will nur dies erzählen: Mein Groß­vater warf eine neue Axt hin­unter, als sie niederkam, war das Eisen ver­rostet und das Holz verfault.“

Die Her­rin hat­te einen großen Kuchen (Hibes) gemacht, und sie fragte ihren Knecht: Macht deine Mut­ter auch einen so großen Kuchen?“ – „“Wie denn nicht? Noch einen weit größern; die ganze Nach­barschaft kon­nte ein­mal mit Heb­bäu­men den Kuchen mein­er Mut­ter nicht von der Stelle brin­gen.“ – Du lügst“, sprach die Her­rin. Nu fraget meinen Kam­er­aden.“ Als der ger­ade ein­trat, fragte ihn die Her­rin sogle­ich, und er sagte ganz ern­sthaft: Ja, das ist so und ist noch nichts, aber meine Mut­ter hat­te ein­mal einen so großen Kuchen gemacht, daß man von dem allein, was von dem Rande abgekratzt wurde, zwölf Her­den Schweine mästete.“

Die Frau ging jet­zt in den Garten und nahm ihren Knecht mit. Hast du so großen Kam­pest je gese­hen?“ – Haha, noch weit größern. Meine Mut­ter hat einen Garten, der ist noch ein­mal so groß und war darin nur ein Kam­pesthaupt, so hoch und bre­it, daß die Blät­ter noch über den Zaun hin­gen!“ – Du lügst!“ – Nu fraget meinen Kam­er­aden.“ Als sie in den Hof kamen, stand der Knecht des Her­rn da, und die Her­rin fragte ihn gle­ich. Ja, das ist so!“ sprach er ganz ern­sthaft, und ist noch nichts, aber in dem Garten mein­er Mut­ter war ein Kam­pesthaupt! Wie groß das war, kann man sich kaum vorstellen. Ich will nur dies erzählen: Es kamen eine Menge Schat­tertzige­uner, die schlu­gen ihre Zelte auf dem Stiel auf und wohn­ten da und waren doch alle so weit, daß sie einan­der nicht hörten wenn sie schmiede­ten und sich mit ihren Weibern zank­ten.“ Da kon­nten das der Herr nicht länger aushal­ten und schick­ten bei­de fort und sprachen: Geht, ihr braucht nicht zu arbeit­en, ihr kön­nt euch in der Welt durch eure Lügen fortbringen!“