Die beiden Königskinder

von Brüder Grimm

~16 Min

Es war ein­mal ein König, der hat­te einen kleinen Jun­gen bekom­men, in dessen Stern­bild hat­te ges­tanden, er würde von einem Hirsch umge­bracht wer­den, wenn er sechzehn Jahre alt wäre. Als er nun so herangewach­sen war, da gin­gen die Jäger ein­mal mit ihm auf die Jagd. Doch im Wald kam der Königssohn von den anderen weg, und sah auf ein­mal einen grossen Hirsch, den wollte er schiessen, kon­nte ihn aber nicht tre­f­fen. Zulet­zt war der Hirsch so lange vor ihm herge­laufen, bis er ganz aus dem Wald hin­aus­gekom­men war. Auf ein­mal stand vor ihm ein gross­er langer Mann statt des Hirsches, der sagte zu ihm: Nun, das ist gut, dass ich dich habe; ich habe schon sechs Paar gläserne Schlittschuhe hin­ter dir kaputtge­jagt und habe dich nicht kriegen kön­nen.“ Er nahm ihn mit sich und schleppte ihn durch ein gross­es Wass­er vor ein gross­es Königss­chloss. Da musste er sich mit an den Tisch set­zen und etwas essen. Als sie zusam­men gegessen hat­ten, sagte der König: Ich habe drei Töchter, bei der ältesten musst du eine Nacht wachen, von des abends neun Uhr bis mor­gens um sechs, und ich komme jedes­mal, wenn die Glocke schlägt, sel­ber und rufe, und wenn du mir dann keine Antwort gib­st, so wirst du mor­gen umge­bracht; wenn du mir aber eine Antwort gib­st, so sollst du sie zur Frau haben.“ Als die jun­gen Leute in die Schlafkam­mer kamen, da stand dort ein stein­ern­er Christoph. Da sagte die Königstochter zu ihm: Um neun Uhr kommt mein Vater, alle Stun­den, bis es drei schlägt; wenn er fragt, so gebt ihr ihm Antwort statt des Königssohnes.“ Da nick­te der stein­erne Christoph mit dem Kopf ganz geschwind, dann immer langsamer, bis er zulet­zt wieder still­stand. Am andern Mor­gen, da sagte der König zu ihm: Du hast deine Sache gut gemacht, aber meine Tochter kann ich nicht hergeben, du müsstest noch eine Nacht bei der zweit­en Tochter wachen, dann will ich noch ein­mal darüber nach­denken, ob du meine älteste Tochter zur Frau haben kannst. Aber ich komme alle Stunde sel­ber, und wenn ich dich rufe, so antworte mir, und wenn ich dich rufe und du antwortest nicht, so soll dein Blut für mich fliessen.“ Und dann gin­gen bei­de zur Schlafkam­mer, da stand noch ein grösser­er stein­ern­er Christoph, zu dem die Königstochter sagte: Wenn mein Vater fragt, so antworte du.“ Da nick­te der grosse stein­erne Christoph geschwind mit dem Kopf, dann immer langsamer, bis er zulet­zt wieder still­stand. Und der Königssohn legte sich auf die Türschwelle, legte die Hand unter den Kopf und schlief ein. Am andern Mor­gen sagte der König zu ihm: Du hast deine Sache gut gemacht, aber meine Tochter kann ich dir immer noch nicht geben. Du musst auch bei der jüng­sten Königstochter noch eine Nacht wachen. Und ich werde bedenken, ob du meine zweite Tochter zur Frau haben kannst, ich komme aber alle Stun­den selb­st; und wenn ich dich rufe, und du antwortest nicht, soll dein Blut für mich fliessen.“ Dann gin­gen sie zusam­men auf ihre Schlafkam­mer. Da war ein noch grösser­er und län­ger­er Christoph darin. Die Königstochter sagte zu ihm: Wenn mein Vater ruft, so antworte du!“ Der grosse, lange, stein­erne Christoph nick­te wohl eine halbe Stunde lang mit dem Kopf, bis er dann wieder still­stand. Der Königssohn legte sich darauf auf die Türschwelle und schlief ein.

Am andern Mor­gen sagte der König: Du hast gut gewacht, aber meine Tochter kann ich dir noch nicht geben. Ich habe da einen grossen Wald, den du mir von heute mor­gen sechs bis abends sechs abholzen musst; dann werde ich mir die Sache bedenken.“ Und er gab ihm eine gläserne Axt, einen gläser­nen Keil und eine gläserne Holzhacke dafür. Wie er nun ins Holz gekom­men war, hack­te er ein­mal mit der Axt, da war sie entzwei; dann nahm er den Keil und schlug ein­mal mit der Holzhacke darauf, da war dieser so kurz und so klein wie ein Stein. Das betrübte ihn sehr, weil er glaubte, nun ster­ben zu müssen, und er set­zte sich hin und weinte. Als es Mit­tag gewor­den war, da sagte der König: Eine von euch Mäd­chen muss ihm etwas zu essen brin­gen.“ – Nein,“ sagten die bei­den älstesten, wir wollen ihm nichts brin­gen. Die, bei der er die let­zte Nacht gewacht hat, die kann ihm auch etwas brin­gen.“ Nun musste die jüng­ste weg, und ihm etwas zu essen brin­gen. Wie sie in den Wald kam, fragte sie ihn, wie es ihm gehe? Es gehe ihm schlecht, sagte er. Da sagte sie, er solle herkom­men und ein wenig essen. Nein, sagte er, das könne er nicht, denn er müsse ja doch ster­ben, und wolle deshalb nicht mehr essen. Sie gab ihm viele gute Worte, er möge doch ein­mal ver­suchen. Endlich kam er und ass davon. Als er ein wenig gegessen hat­te, sagte sie: Damit du auf andere Gedanken kommst, will ich dich erst ein biss­chen kraulen.“ Sie kraulte ihn, und dabei wurde er müde und schlief ein. Da nahm sie ihr Tuch, band einen Knoten hinein, schlug es dreimal auf die Erde und sagte: Arbeit­er, her­aus!“ Da kamen sogle­ich viele, viele Erd­män­nchen her­vor und fragten nach den Befehlen der Königstochter.

Sie sagte: In der Zeit von drei Stun­den muss der grosse Wald abge­hauen und das Holz in Stapeln aufge­set­zt sein!“ Und da gin­gen die Erd­män­nchen herum und boten ihre ganze Ver­wand­schaft auf, dass sie ihnen bei der Arbeit helfen soll­ten. Sie fin­gen gle­ich an, und als die drei Stun­den um waren, hat­ten sie die Arbeit erledigt. Da kamen sie wieder zur Königstochter und sagten es ihr. Das Mäd­chen nahm ihr weiss­es Tuch und sagte: Arbeit­er, nach Hause!“ Und da sind alle gle­ich wieder weggewesen.

Als der Königssohn aufwachte, da war er von Herzen froh; sie aber sagte zu ihm: Wenn es nach sechs geschla­gen hat, dann komm zurück nach Haus!“ Das befol­gte er, und der König fragte: Hast du den Wald ab?“ -„Ja,“ sagte der Königssohn. Und als sie bei Tisch sassen, sagte der König: Noch kann ich dir meine Tochter nicht zur Frau geben, du musst noch etwas für sie tun.“ Der Königssohn fragte, was es denn sei. Ich habe einen grossen Teich,“ sagte der König, da musst du mor­gen hin und musst ihn auss­chläm­men, dass er so blank ist wie ein Spiegel, und es müssen noch aller­hand Fis­che darin sein.“ Am anderen Mor­gen gab ihm der König eine gläserne Schippe und sagte: Um sechs Uhr muss der Teich fer­tig sein.“ Da ging er fort, und als er zu dem Teich gekom­men war, da steck­te er die Schippe in den Sumpf, und sie brach ab. Er stach mit der Hacke hinein, und sie zer­sprang. Da wurde er wieder ganz betrübt. Am Mit­tag brachte ihm die Tochter das Essen, und fragte ihn, wie es ihm gehe. Da sagte der Königssohn, es gehe ihm ganz schlecht, und er würde wohl seinen Kopf ver­lieren. Oh, sagte sie, er solle nur kom­men und etwas essen, um wieder auf andere Gedanken zu kom­men. Nein, sagte er, essen könne er nicht, dazu sei er viel zu trau­rig. Aber sie redete ihm wieder gut zu, bis er zu ihr kam und etwas ass. Da kraulte sie ihn wieder, und er schlief ein. Dann nahm sie ihr Tuch, knüpfte einen Knoten hinein und klopfte damit dreimal auf die Erde und sagte: Arbeit­er, her­aus!“ Da kamen gle­ich so viele, viele Erd­män­nchen und alle fragten nach ihrem Begehren. Sie sagte es ihnen. Da gin­gen die Erd­män­nchen hin und boten ihre Ver­wandtschaft auf, dass sie ihnen helfen sollte. Und in zwei Stun­den war alles fer­tig. Sie kehrten zur Königstochter zurück und sagten: Wir tat­en, was du uns befohlen hast.“ Da nahm die Königstochter das Tuch und schlug wieder dreimal auf die Erde und sagte: Arbeit­er, nach Hause!“ Da gin­gen alle wieder weg.

Wie nun der Königssohn wieder aufwachte, war der Teich fer­tig. Jet­zt ging auch die Königstochter weg und sagte, wenn es sechs wäre, sollte er nach Hause kom­men. Als er nach Hause kam, da fragte ihn der König: Hast du den Teich fer­tig?“ – Ja,“ sagte der Königssohn. Als sie bei Tis­che sassen, meinte der König: Du hast den Teich zwar fer­tig, aber meine Tochter kann ich dir noch nicht geben, denn du musst erst noch etwas tun.“ – Was denn?“ fragte der Königssohn. Er hätte noch einen grossen Berg, sagte der König, da wären viele Dorn­büsche drauf, die alle abge­hauen wer­den müssten. Und oben auf dem Gipfel müsste er ein gross­es Schloss bauen, das so schön sein müsste, als es sich nur ein Men­sch denken kön­nte, und alles Haus­gerät und was son­st noch in ein Schloss gehört, sollte drin­nen sein.

Als er am andern Mor­gen auf­s­tand, gab ihm der König eine gläserne Axt und einen Bohrer aus Glas mit. Um sechs Uhr, sagte der König, müsste er damit fer­tig sein. Als er den ersten Dorn­busch mit der Axt anhieb, ging sie kurz und klein, dass die Stücke um ihn herum­flo­gen; auch der Bohrer ging entzwei. Da war er wieder ganz betrübt und wartete auf seine Lieb­ste, ob sie nicht käme und ihm aus der Not helfen würde. Gegen Mit­tag kam sie auch und brachte ihm etwas zu essen. Da ging er ihr ent­ge­gen und erzählte ihr alles und ass etwas; dann liess er sich von ihr kraulen und schlief wieder ein.

Da nahm sie wieder den Knoten, schlug damit auf die Erde und sagte: Arbeit­er, her­aus!“ Und wieder kamen viele Erd­män­nchen und fragten, was sie begehre? Sie sagte: In der Zeit von drei Stun­den müsst ihr alle Dorn­büsche abholzen, und oben auf dem Berge, da muss ein Schloss ste­hen, das muss so schön sein, wie es kein anderes mehr gibt.“ Die Erd­män­nchen gin­gen nun hin und boten ihre Ver­wandtschaft auf, dass sie helfen sollte. Als die Zeit um war, da war auch alles fer­tig. Da kamen sie zur Königstochter und sagten es ihr. Und die Königstochter nahm das Tuch, schlug damit dreimal auf die Erde und sagte: Arbeit­er, nach Hause!“ Da sind alle gle­ich wieder weggewe­sen, und als der Königssohn aufwachte und alles sah, war er so froh wie ein Vogel in der Luft.

Als es nun sechs geschla­gen hat­te, da gin­gen sie zusam­men nach Hause, und der König fragte: Ist das Schloss auch fer­tig?“ – Ja,“ sagte der Königssohn. Als sie nun bei Tis­che sassen, sagte der König: Meine jüng­ste Tochter kann ich nicht eher hergeben, als bis die bei­den älteren gefre­it haben.“ Da waren der Königssohn und die Königstochter sehr betrübt, und der Königssohn wusste sich nicht mehr zu helfen. Und als die Nacht gekom­men war, lief er mit der Königstochter davon. Als sie schon eine Weile fort waren, da schaute sich die Königstochter ein­mal um und sah ihren Vater hin­ter sich. Oh,“ sagte sie, was sollen wir machen? Mein Vater ist hin­ter uns und will uns ein­holen. Ich werde dich in einen Dorn­busch ver­wan­deln und mich in eine Rose. Und mit­ten im Busch werde ich wohl sich­er sein.“ Als der Vater an die Stelle kam, stand dort ein Dorn­busch und mit­ten­drin eine Rose. Er wollte die Rose abbrechen, doch kam der Dorn und stach ihm in die Fin­ger, dass er wieder nach Hause gehen musste. Da fragte seine Frau, warum er sie nicht mit­ge­bracht hat­te? Da sagte er, er habe nur einen Dorn­busch und eine Rose gese­hen. Da sagte die Köni­gin: Hättest du nur die Rose abge­brochen, dann wäre der Busch schon mit­gekom­men.“ Da ging der König wieder fort und wollte die Rose holen. Aber die bei­den waren schon weit über Feld, und der König lief immer hin­ter ihnen her. Da sah sich die Tochter wieder um und erblick­te den Vater. Da sagte sie: Oh, wie wollen wir es jet­zt machen? Ich werde dich in eine Kirche ver­wan­deln und mich in einen Pas­tor. Da will ich auf der Kanzel ste­hen und predi­gen.“ Und als der König an die Stelle kam, stand dort eine Kirche, und ein Pas­tor stand auf der Kanzel und predigte. Der König hörte sich die Predigt an, ging dann nach Hause und erzählte alles sein­er Frau. Du hättest den Pas­tor mit­brin­gen sollen,“ sagte die Frau, die Kirche wäre dann schon von sel­ber gekom­men. Wenn man dich schon schickt. Ich glaube doch, ich muss sel­ber gehen.“

Als sie eine Weile unter­wegs war und die bei­den von ferne sah, da guck­te sich die Königstochter um und sah ihre Mut­ter kom­men und sagte: O weh, nun kommt meine Mut­ter selb­st. Ich will dich in einen Teich ver­wan­deln und mich in einen Fisch.“ Als die Mut­ter an die Stelle kam, war da ein gross­er Teich und in der Mitte sprang ein Fisch herum und sah mit dem Kopf aus dem Wass­er und war ganz lustig. Da war sie ganz böse und trank den ganzen Teich aus, damit sie den Fisch doch noch fan­gen kon­nte. Doch wurde ihr davon so übel, dass sie das ganze Wass­er wieder ausspeien musste. Und sie sagte: Ich sehe wohl, dass hier nichts mehr helfen kann!“ Und die Köni­gin gab ihrer Tochter drei Wal­nüsse und sagte: Mit diesen kannst du Hil­fe in höch­ster Not erhal­ten.“ Und damit gin­gen die jun­gen Leute wieder zusam­men fort. Sie waren nun schon an die zehn Stun­den gegan­gen, da kamen sie zu dem Schloss, aus dem der Königssohn war, und in dessen Nähe sich ein Dorf befand. Als sie da angekom­men waren, da sagte der Königssohn: Bleib hier, meine Lieb­ste, ich will zuer­ste zum Schloss gehen, und dann mit Wagen und Bedi­en­ten kom­men und dich abholen.“ Als er in das Schloss kam, da waren alle so froh, dass sie den Königssohn wieder­hat­ten, und er erzählte, dass er eine Braut hätte, und die wäre jet­zt im Dorf; sie soll­ten mit dem Wagen hin­fahren und sie holen. Da span­nten sie auch gle­ich an, und viele Bedi­ente set­zten sich auf den Wagen. Als nun der Königssohn ein­steigen wollte, da gab ihm seine Mut­ter einen Kuss, der ihn alles vergessen liess, was geschehen war und auch, was er hat­te tun wollen. Da befahl die Mut­ter, sie soll­ten wieder auss­pan­nen, und alle kehrten ins Haus zurück. Das Mäd­chen aber sitzt im Dorf und lauert und lauert und meint, er komme, sie abzu­holen, es kommt aber kein­er. Da ver­mi­etet sich die Königstochter in die Müh­le, die gehört aber zum Schloss. Da musste sie alle Nach­mit­tage am Wass­er sitzen und Gefässe reini­gen. Ein­mal kam die Köni­gin vom Schlosse her, um am Wass­er spazieren­zuge­hen. Sie sah das wackere Mäd­chen da sitzen und sagte: Was ist das für ein wack­eres Mäd­chen! Das gefällt mir gut!“ Da guck­ten sie alle an, aber kein Men­sch erkan­nte sie.

Es verg­ing nun eine lange Zeit, und das Mäd­chen diente dem Müller treu und brav. Unter­dessen hat­te die Köni­gin eine Frau für ihren Sohn gesucht, die von ganz weit herkam. Als die Braut ankam, soll­ten sie gle­ich einan­der ver­bun­den wer­den. Es liefen so viele Leute zusam­men, die das alles sehen woll­ten, dass auch das Mäd­chen den Müller bat, zur Kirche gehen zu dür­fen. Geh nur hin,“ sagte der Müller. Doch bevor sie weg­ging, öffnete sie eine der drei Wal­nüsse; darin lag ein schönes Kleid. Das zog sie an und ging in die Kirche, ganz nahe an den Altar. Auf ein­mal kommt die Braut und der Bräutigam, und sie set­zten sich vor den Altar; und als der Pas­tor sie ein­seg­nen will, sieht die Braut zur Seite und sieht das Mäd­chen. Sie ste­ht sofort wieder auf und sagt, sie würde nicht eher wieder zur Trau­ung erscheinen, als bis sie so ein schönes Kleid wie die Dame hätte. Da gin­gen sie wieder nach Hause und liessen die Dame fra­gen, ob sie das Kleid wohl verkaufte. Nein, verkaufen würde sie es nicht, aber ver­di­enen, das kön­nte es die Braut schon. Da fragten sie das Mäd­chen, was es damit wohl meine. Dieses sagte, wenn sie nachts vor der Tür des Königssohnes schlafen dürfte, dann kön­nte die Braut das Kleid gern haben. Und die Braut sagte ja! So mussten die Bedi­en­ten dem Königssohn einen Schlaftrunk her­richt­en, und das Mäd­chen legte sich vor die Tür und weinte und erzählte die ganze Nacht: sie hätte für ihn den ganzen Wald abholzen, den Teich auss­chläm­men und das Schloss für ihn bauen lassen. Dann hätte sie ihn in einen Dorn­busch ver­wan­delt, als zweites in eine Kirche und zulet­zt in einen Teich; aber er hätte sie so rasch vergessen. Davon hörte der Königssohn jedoch nichts, und nur die Diener waren dadurch aufgewacht und hat­ten alles gehört, wussten aber nicht, was es bedeuten sollte.

Am andern Mor­gen, als sie aufge­s­tanden waren, zog die Braut das Kleid an und fuhr mit dem Bräutigam zur Kirche. Unter­dessen öffnete das Mäd­chen die zweite Wal­nuss, und darin lag ein noch schöneres Kleid. Das zog sie an, ging damit in die Kirche und set­zte sich dicht an den Altar; und alles ging genau­so wie beim let­zten Mal: Das Mäd­chen legte sich vor die Tür der Stube des Königssohnes, dessen Bedi­en­ten ihm wieder einen Schlaftrunk geben soll­ten. Doch enthielt der Trunk des Königssohnes kein Schlafmit­tel, und er legte sich wach zu Bett. Die Müllers­magd weinte wieder und erzählte, was sie alles getan hätte. Das alles hörte der Königssohn, und war davon ganz betrübt, und plöt­zlich fiel ihm alles wieder ein, was in der Ver­gan­gen­heit geschehen war. Da wollte er zu ihr gehen, aber seine Mut­ter hat­te die Türe zugeschlossen. Am andern Mor­gen aber ging er gle­ich zu sein­er Lieb­sten und erzählte ihr alles, wie es ihm ergan­gen wäre, und sie möchte doch nicht böse sein, dass er sie so lange vergessen hätte. Da machte die Königstochter die dritte Wal­nuss auf, und es war das aller­schön­ste Kleid darin, das man sich nur denken kon­nte. Das zog sie an und fuhr mit dem Bräutigam zur Kirche; da kamen viele Kinder, die gaben ihnen Blu­men und legten ihnen bunte Bän­der zu Füssen, und sie liessen sich ein­seg­nen und hiel­ten eine lustige Hochzeit; aber die falsche Mut­ter und die Braut mussten weg. Und wer das zulet­zt erzählt hat, dem ist der Mund noch warm.