Die beiden Goldkinder

von Josef Haltrich

~8 Min


Vor vie­len, vie­len Jahren geschah es ein­mal, daß zwei Mägde im Feld nicht weit von der Land­straße arbeit­eten; die eine rupfte Hanf, die andere schnitt Korn; sie sprachen aber miteinan­der von mancher­lei und waren lustig und guter Dinge. Nur ein­mal kam auf einem stat­tlichen Roß der junge König herangerit­ten. Die Mägde ließen von ihrer Arbeit, standen und staunten. Als der König ganz nahe war, grüßte er die Jungfern fre­undlich, und da rief die jün­gere gle­ich der altem: Wenn mich der König zum Weibe nähme, würde ich ihn und seinen ganzen Hof mit meinem Hanf bek­lei­den!“ – Und ich“, sagte die ältere, würde, wenn er mich zu sein­er Köchin machte, ihn und sein ganzes Haus mit meinem Korn ernähren!‘

Diese Reden hat­te der hohe Herrsch­er gehört. und da sie ihm wohl gefie­len, schick­te er am fol­gen­den Tage nach den bei­den Mäg­den und wählte sich die jün­gere zu sein­er Gemahlin, die ältere aber machte er zu sein­er Oberköchin und gab ihr die Auf­sicht über alle Bäck­er und Köche des Reich­es. Anfangs fühlten sich bei­de Mägde sehr glück­lich, bald aber erwachte in der älteren der gelbe Neid: sie wäre selb­st gerne in der Stelle ihrer jungem Fre­undin gewe­sen. Darum erdachte sie bei sich einen Plan, wie sie dieselbe verder­ben sollte. Sie stellte sich gegen die junge Köni­gin sehr untertänig und treu, und diese in ihrem arglosen Herzen liebte sie wie zuvor, als sie noch Gespielin­nen waren. Nun kam aber die Zeit, daß die junge Köni­gin gebären sollte; die Köchin hat­te unter gutem Vor­wande alle Leute aus der Nähe ent­fer­nt; die Köni­gin gebar zwei wun­der­liebliche Kinder, einen Knaben und ein Mäd­chen mit gold­e­nen Haaren. Die arge Köchin nahm nun diese schnell, ohne daß es die kranke Köni­gin merken kon­nte, eilte mit ihnen in den Hof und begrub sie in den Mist, lief dann wieder hinein und legte ein Hünd­chen und ein Kätzchen an die Stelle der Kinder und set­zte sich neben das Bett.

Bald darauf bat die Köni­gin ihre Fre­undin, sie möchte ihr die Kinder zeigen. Da fing diese an zu jam­mern und zu kla­gen: O Gott, wün­sche dir das nicht; es ist ein großes Unglück geschehen.“ Damit stand sie auf und lief wehk­la­gend hin­aus und erzählte es den Hofleuten, und diese erzählten es weit­er, und bald kam es an den König. Als dieser hörte, daß sein Weib einen Hund und eine Katze geboren hätte, ward er sehr zornig und ließ gle­ich die bei­den Tiere ersäufen und sein Weib lebendig begraben. Nicht lange dar­nach heiratete er die Köchin. Aus dem Mist aber, worin die bei­den Kinder begraben wor­den, wuch­sen zwei goldne Tan­nen­bäum­chen her­vor, so schön, daß es eine Lust war, sie anzuschauen, und der König beson­ders hat­te große Freude daran. Doch der Köni­gin pochte immer das Herz, wenn sie die Bäum­chen sah, und am Ende kon­nte sie ihren Anblick nicht mehr ertra­gen; sie stellte sich daher krank und sprach zum König: sie könne nicht eher gene­sen, bis sie nicht auf Bret­tern ruhe, die aus den bei­den Tan­nen­bäum­chen gemacht wor­den. So leid es dem König um die Bäum­chen tat, so ließ er es doch geschehen, daß man sie fällte und daraus zwei Bret­ter für das königliche Ehe­bett machte. In der Nacht aber, als der König zuerst darauf ruht­en, fin­gen bei­de Bret­ter nur ein­mal an zu reden: Brüderchen“, sprach das eine, wie drückt es mich so schw­er, auf mir liegt die böse Stief­mut­ter?“ – Schwest­erchen“, sagte das andere, wie ist mir so leicht, auf mir liegt der gute Vater!“ Der König schlief fest und hörte nichts; die Köni­gin jedoch hat­te alles wohl ver­nom­men und war voller Unruhe die ganze Nacht.

Als es Tag wurde und der König erwachte, sprach sie: Ach lieber Mann, die Bret­ter tau­gen gar nichts, mein Übel ist nur ärg­er gewor­den, laß uns sie ver­bren­nen!“ Der König widerre­dete nicht, denn er wün­schte ja, sein Weib solle gesund wer­den. Als­bald wurde der Ofen geheizt, und als die Glut groß genug war, ließ die Köni­gin die zwei Bret­ter hinein­wer­fen, und sie sah zu, wie sie ver­bran­nten. Zwei kleine Funken aber waren her­aus­ge­sprun­gen und in die Ger­ste gefall­en, das hat­te die Köni­gin nicht bemerkt. Bald darauf trug die Magd die Ger­ste den Schafen, und ein Mut­ter­schaf aß die bei­den Funken mit und nach einiger Zeit brachte es zwei Lämm­lein mit gold­ner Wolle zur Welt. Der König hat­te große Freude darüber, aber die Köni­gin stach der erste Anblick der­sel­ben so ins Herz, daß sie gle­ich krank wurde. Man verord­nete ihr aller­lei, allein sie kon­nte nicht gesund wer­den; da sagte sie endlich, wenn sie die Herzen der bei­den Lämm­lein äße, müßte ihr das wohl helfen. Was sollte der König tun; er mußte zulassen, daß sie geschlachtet wur­den. Die Herzen bri­et man und brachte sie der Köni­gin; die Gedärme aber wur­den in den Fluß gewor­fen; zwei Stücke nun wur­den wei­thin vom Wass­er fort­ge­führt und endlich ans Ufer aus­ge­wor­fen. Hier wur­den daraus wieder die zwei Kinder mit den gold­nen Haaren und waren gle­ich so groß, als wären sie seit ihrer Geburt immer gewach­sen; nur blieben sie nackt, denn noch keine Mut­ter hat­te ihnen ja ein Hemd­chen angelegt. Sie waren aber so lieblich und schön, daß die Sonne auf ihrem Tages­gange ste­hen blieb, sich nicht satt sehen kon­nte und sieben Tage lang nicht unterging.

Da es nun so lange nicht Nacht wer­den wollte, so wun­derte sich des unser Her­rgott und dachte; Das hast du doch nicht also geord­net!“ Er kam daher zur Sonne und fragte sie, warum sie so lange am Him­mel ver­weile und nicht unterge­he. Da zeigte sie ihm unten auf der Erde die bei­den schö­nen Kinder, wie sie an dem Flusse spiel­ten. Unser Her­rgott war entzückt und gerührt bei dem Anblick der Kleinen, welche so mut­tersee­le­nallein und nackt waren, und sprach: Ich will mich ihrer annehmen.“ Da stieg er auf die Erde als ein alter guter Mann, und die Kinder liefen, sobald sie ihn sahen, gle­ich zu ihm und waren froh. Da gab er jedem ein Hemd­chen und ein goldnes Häm­merchen und sprach: Gehet nur immer auf der Straße fort, da werdet ihr in die große Stadt kom­men; klopfet an die Türen an, und wo man euch auf­macht, da tretet ein. Wenn nun ein fre­undlich­er Mann euch fragt, wer ihr seid, so erzählt ihm dieses Märchen.“ Nun erzählte ihnen unser Her­rgott ihre ganze Lebens­geschichte, ent­fer­nte sich dann und stieg wieder in seinen Him­mel hin­auf. Die Kleinen aber wan­del­ten fort und kamen endlich in die große Stadt; sie klopften an viele Türen, aber keine wur­den ihnen aufge­tan; zulet­zt kamen sie auch an den Palast des Königs. Sowie sie hier anklopften, öffneten sich gle­ich von selb­st die großen Flügeltüren. Sie trat­en ein, und es saß der König ger­ade in tiefem Nach­denken und härmte sich, daß er keine Kinder hat­te; indem fiel sein Blick auf die kleinen himm­lisch-schö­nen Kinder mit den gold­nen Haaren. Kommt her“, rief er, was für ein Engel hat euch zu mir gesendet ? Erzäh­let mir’s!“ Die Kleinen gin­gen hin, set­zten sich ihm ver­traulich auf die bei­den Knie und liebkosten ihn; der Knabe fing darauf an zu erzählen, wie ihn unser Her­rgott gelehrt hat­te, und wenn er etwas aus­ließ oder nicht gut erzählte, verbesserte ihn sein Schwesterchen.

Gott, o Gott!“ seufzte der König, als die Erzäh­lung zu Ende war, und in dem Augen­blicke trat auch die Köni­gin ein. Als sie die Kinder erblick­te, erfaßte sie ein grausiges Entset­zen; sie kehrte um, schlug die Türe hin­ter sich zu und lief wie wahnsin­nig fort. Die Kinder aber saßen dem König auf dem Schoße ruhig und voller Unschuld und wußten nicht, warum er so schw­er geseufzt und die Frau so entset­zlich sie ange­se­hen hatte.

Endlich sagte er: Oh ihr meine lieben Kinder, das ist kein Märchen, das euch der alte Mann erzählt hat, son­dern euere und meine wahrhaftige Geschichte. Der alte gute Mann aber ist der liebe Gott, der alles so wun­der­bar­lich geleit­et und nun offen­bart hat. Wehe, wehe der bösen Köni­gin!“ Damit ging er hin­aus und gab Befehl, daß man sein Weib sogle­ich lebendig begraben solle. Aber man kon­nte sie lange nicht find­en; endlich traf man sie am Ufer des Flusses, wie sie sich die Haare zer­raufte. Sie hat­te sich erhän­gen wollen, allein der Strick war zer­ris­sen, darauf hat­te sie sich ins Wass­er gestürzt, allein der Fluß hat­te sie wieder her­aus­ge­wor­fen; nun wurde sie ergrif­f­en und lebendig ver­schar­rt; die Erde behielt sie nun und bedeck­te ihre große Sünde mit.

Der König aber schick­te nun sogle­ich in das Land der sieben Zwerge um Wass­er des Lebens, ließ seine echte Gemahlin aus­graben und machte sie lebendig. Bei­de lebten nun froh und vergnügt und hat­ten große Freude an ihren Kindern. Der Knabe wurde ein stat­tlich­er Jüngling und Nach­fol­ger im Reiche seines Vaters, das Mäd­chen eine wun­der­schöne Prinzessin. Ach, die war so schön, so schön, daß es nicht zu beschreiben ist; ich will nur dieses sagen: wenn sie aus­ging, neigten sich alle Blu­men vor ihr demütig, und alle jun­gen Kaiser und Könige war­ben um ihre Hand. Da sie aber gelobt hat­te, nur den zu heirat­en, der das beste Herz habe, so nahm sie zulet­zt einen armen Kohlen­bren­ner, denn damals hat­te der das beste Herz in der Christenheit.

Auch du hättest sie wahrlich gerne bekom­men;
Allein dich hätte sie nicht genommen!