Die Alte-Weiber-Mühle

von Richard von Volkmann-Leander

~5 Min

Bei Apol­da in Thürin­gen liegt die Alte-Weiber-Müh­le. Sie sieht unge­fähr aus wie eine große Kaf­feemüh­le, nur daß nicht oben gedreht wird, son­dern unten. Unten ste­hen näm­lich zwei große Balken her­aus, die von zwei Knecht­en ange­faßt wer­den, um mit ihnen die Müh­le zu drehen. Oben wer­den die alten Weiber hineinge­tan; faltig und buck­lig, ohne Haare und Zähne, und unten kom­men sie jung wieder her­aus: schmuck und rot­back­ig wie die Borstäpfel. Mit einem Male Umdrehen ist‘s gemacht; knack und krach geht es, daß es einem durch Mark und Bein fährt. 

Wenn man aber die, welche her­auskom­men und wieder jung gewor­den sind, fragt, ob es nicht erschreck­lich weh tue, antworten sie: Lieber gar! Wun­der­schön ist es! Unge­fähr so, wie wenn man früh aufwacht, gut aus­geschlafen ist und die Sonne ins Zim­mer scheint, und draußen sin­gen die Vögel, und die Bäume rauschen, und man sich dann noch ein­mal im Bett ordentlich dehnt und reckt. Da knackt‘s auch zuweilen.“ 

Sehr weit von Apol­da wohnte ein­mal eine alte Frau; die hat­te auch davon gehört. Da sie nun sehr gern jung gewe­sen war, entschloß sie sich eines Tages kurz und machte sich auf den Weg. Es ging zwar langsam; sie mußte oft ste­hen­bleiben und hus­ten, aber mit der Zeit kam sie doch vor­wärts, und endlich langte sie richtig vor der Müh­le an. Ich möchte wieder jung wer­den und mich ummahlen lassen“, sagte sie zu einem der Knechte, der, die Hände in den Hosen­taschen, vor der Müh­le auf der Bank saß und aus sein­er Pfeife Ringel in die blaue Luft blies. Du lieber Gott, was das Apol­da weit ist!“ Wie heißt Ihr denn?“ fragte der Knecht gäh­nend. Die alte Mut­ter Klap­prothen!“ Set­zt Euch solange auf die Bank, Mut­ter Klap­prothen“, sagte der Knecht, ging in die Müh­le, schlug ein großes Buch auf und kam mit einem lan­gen Zettel wieder her­aus. Ist wohl die Rech­nung, mein Jün­gelchen?“ fragte die Alte. I bewahre!“ erwiderte der Knecht. Das Ummahlen kostet nichts. Aber Ihr müßt zuvor das hier unter­schreiben!“ Unter­schreiben?“ wieder­holte die alte Frau. Wohl meine arme Seele dem Teufel ver­schreiben? Nein! das tue ich nicht! Ich bin eine fromme Frau und hoffe, ein­mal in den Him­mel zu kom­men.“ Ist nicht so schlimm!“ lachte der Knecht. Auf dem Zettel ste­hen bloß alle Torheit­en verze­ich­net, die Ihr in Eurem ganzen Leben began­gen habt, und zwar ganz genau der Rei­he nach, mit Zeit und Stunde. Ehe Ihr Euch ummahlen laßt, müßt Ihr Euch verpflicht­en, wenn Ihr nun wieder jung gewor­den seid, alle die Torheit­en noch ein­mal zu machen, und zwar ganz genau in der­sel­ben Rei­hen­folge, juste­ment wie‘s auf dem Zettel steht!“ 

Darauf besah er den Zettel und sagte schmun­zel­nd: Freilich ein bißchen viel, Mut­ter Klap­prothen, ein bißchen viel! Vom sechzehn­ten bis zum sech­sundzwanzig­sten Leben­s­jahre täglich eine, son­ntags zwei. Nach­her wird‘s bess­er. Aber im Anfang der Vierziger, der Tausend, da kommt’s‘noch ein­mal dicke! Zulet­zt ist’s wie gewöhn­lich!“ Da seufzte die Alte und sagte: Aber Kinder, dann lohnt es sich ja gar nicht, sich ummahlen zu lassen!“ Freilich, freilich“, ent­geg­nete der Knecht, für die meis­ten lohnt sich‘s nicht! Darum haben wie eben gute Zeit; sieben Feiertage die Woche, und die Müh­le ste­ht immer still, zumal seit den let­zten Jahren. Früher war schon das Geschäft etwas leb­hafter.“ Ist es denn nicht möglich, wenig­stens etwas auf dem Zettel auszus­tre­ichen?“ fragte die Alte noch ein­mal und stre­ichelte dem Knechte die Back­en. Bloß drei Sachen, mein Jün­gelchen, alles andere will ich, wenn es denn ein­mal sein muß, noch ein­mal machen.“ Nein“, antwortete der Knecht, das ist plat­ter­d­ings unmöglich. Entwed­er – oder!“ Nehmt nur Euren Zettel wieder“, sagte darauf die alte Frau nach einigem Besin­nen, ich habe die Lust an Euer­er dum­men alten Müh­le ver­loren!“ und machte sich auf den Heimweg. 

Als sie aber zu Hause ankam und die Leute sie ver­wun­dert ansa­hen und sagten: Aber Mut­ter Klap­prothen, Ihr kommt ja ger­ade so alt wieder, als Ihr fort­ge­gan­gen seid! Es ist wohl nichts mit der Müh­le?“ hus­tete sie und antwortete: O ja, es ist wohl etwas daran; aber ich hat­te zu große Angst, und dann – was hat man denn an dem bißchen Leben? Du lieber Gott!“