Die Alte im Wald

von Brüder Grimm

~4 Min

Es fuhr ein­mal ein armes Dien­st­mäd­chen mit sein­er Herrschaft durch einen grossen Wald, und als sie mit­ten darin waren, kamen Räu­ber aus dem Dic­kicht her­vor und ermorde­ten, wen sie fan­den. Da kamen alle miteinan­der um bis auf das Mäd­chen, das war in der Angst aus dem Wagen gesprun­gen und hat­te sich hin­ter einem Baum ver­bor­gen. Wie die Räu­ber mit ihrer Beute fort waren, trat es her­bei und sah das grosse Unglück. Da fing es an bit­ter­lich zu weinen und sagte: Was soll ich armes Mäd­chen nun anfan­gen, ich weiss mich nicht aus dem Wald her­auszufind­en, keine Men­schenseele wohnt darin, so muss ich gewiss ver­hungern.“ Es ging herum, suchte einen Weg, kon­nte aber keinen find­en. Als es Abend war, set­zte es sich unter einen Baum, befahl sich Gott und wollte da sitzen bleiben und nicht wegge­hen, möchte geschehen, was immer wollte.

Als es aber eine Weile da gesessen hat­te, kam ein weiss Täubchen zu ihm geflo­gen und hat­te ein kleines, gold­enes Schlüs­selchen im Schn­abel. Das Schlüs­selchen legte es ihm in die Hand und sprach: Siehst du dort den grossen Baum, daran ist ein kleines Schloss, das schliess mit dem Schlüs­selchen auf, so wirst du Speise genug find­en und keinen Hunger mehr lei­den.“ Da ging es zu dem Baum und schloss ihn auf und fand Milch in einem kleinen Schüs­selchen und Weiss­brot zum Ein­brock­en dabei, dass es sich satt essen kon­nte. Als es satt war, sprach es: Jet­zt ist es Zeit, wo die Hüh­n­er daheim auf­fliegen, ich bin so müde, kön­nt ich mich doch auch in mein Bett leg­en.“ Da kam das Täubchen wieder geflo­gen und brachte ein anderes gold­enes Schlüs­selchen im Schn­abel und sagte: Schliess dort den Baum auf, so wirst du ein Bett find­en.“ Da schloss es auf und fand ein schönes, weich­es Bettchen; da betete es zum lieben Gott, er möchte es behüten in der Nacht, legte sich und schlief ein. Am Mor­gen kam das Täubchen zum drit­ten­mal, brachte wieder ein Schlüs­selchen und sprach: Schliess dort den Baum auf, da wirst du Klei­der find­en,“ und wie es auf­schloss, fand es Klei­der, mit Gold und Edel­steinen beset­zt, so her­rlich, wie sie keine Königstochter hat. Also lebte es da eine Zeit­lang, und kam das Täubchen alle Tage und sorgte für alles, was es bedurfte, und war das ein stilles, gutes Leben.

Ein­mal aber kam das Täubchen und sprach: Willst du mir etwas zuliebe tun?“

Von Herzen gerne,“ sagte das Mäd­chen. Da sprach das Täubchen: Ich will dich zu einem kleinen Häuschen führen, da geh hinein, mit­ten­drein am Herd wird eine alte Frau sitzen und ›Guten Tag‹ sagen. Aber gib ihr beileibe keine Antwort, sie mag auch anfan­gen, was sie will, son­dern geh zu ihrer recht­en Hand weit­er, da ist eine Türe, die mach auf, so wirst du in eine Stube kom­men, wo eine Menge von Rin­gen aller­lei Art auf dem Tisch liegt, darunter sind prächtige mit glitzeri­gen Steinen, die lass aber liegen und suche einen schlicht­en her­aus, der auch darunter sein muss, und bring ihn zu mir her, so geschwind du kannst.“

Das Mäd­chen ging zu dem Häuschen und trat zu der Türe ein; da sass eine Alte, die machte grosse Augen, wie sie es erblick­te, und sprach: Guten Tag, mein Kind.“ Es gab ihr aber keine Antwort und ging auf die Türe zu. Wohin­aus?“ rief sie und fasste es beim Rock und wollte es fes­thal­ten, das ist mein Haus, da darf nie­mand here­in, wenn ich’s nicht haben will.“ Aber das Mäd­chen schwieg still, machte sich von ihr los und ging ger­ade in die Stube hinein. Da lag nun auf dem Tisch eine über­grosse Menge von Rin­gen, die glitzten und glim­merten ihm vor den Augen; es warf sie herum und suchte nach dem schlicht­en, kon­nte ihn aber nicht finden.

Wie es so suchte, sah es die Alte, wie sie daher­schlich und einen Vogelkä­fig in der Hand hat­te und damit fort wollte. Da ging es auf sie zu und nahm ihr den Käfig aus der Hand, und wie es ihn aufhob und hinein­sah, sass ein Vogel darin, der hat­te den schlicht­en Ring im Schn­abel. Da nahm es den Ring und lief ganz froh damit zum Haus hin­aus und dachte, das weisse Täubchen würde kom­men und den Ring holen, aber es kam nicht. Da lehnte es sich an einen Baum und wollte auf das Täubchen warten, und wie es so stand, da war es, als wäre der Baum weich und biegsam und senk­te seine Zweige herab. Und auf ein­mal schlangen sich die Zweige um es herum und waren zwei Arme, und wie es sich umsah, war der Baum ein schön­er Mann, der es umfasste und her­zlich küsste und sagte: Du hast mich erlöst und aus der Gewalt der Alten befre­it, die eine böse Hexe ist. Sie hat­te mich in einen Baum ver­wan­delt, und alle Tage ein paar Stun­den war ich eine weisse Taube, und solang sie den Ring besass, kon­nte ich meine men­schliche Gestalt nicht wieder­erhal­ten.“ Da waren auch seine Bedi­en­ten und Pferde von dem Zauber frei, die sie auch in Bäume ver­wan­delt hat­te, und standen neben ihm. Da fuhren sie fort in sein Reich, denn er war eines Königs Sohn, und sie heirateten sich und lebten glücklich.