Des Toten Dank

von Johann Wilhelm Wolf

~10 Min

Es war ein­mal ein reich­er Kauf­mann, der hat­te einen einzi­gen Sohn und han­delte in die Türkei. Jedes Jahr fuhr er auf einem großen Schiff ins Mor­gen­land, und wenn er wiederkam, war es immer mit den kost­barsten Gütern beladen. Als er nun ein alter Mann gewor­den war und ihm das Seereisen zu beschw­er­lich vorkam, dachte er, er könne es doch wohl mit seinem Sohn pro­bieren und ihn ein­mal statt sein­er fortschicken.

Der junge Kauf­mannssohn bekam ein schönes Schiff und einen großen Beu­tel voll Geld und aller­lei gute Rath­schläge mit auf den Weg. Vor Allem aber warnte ihn sein Vater, dass er ja kein Men­schen­fleisch kaufen solle.

Der Kauf­mannssohn segelte mit gutem Winde über das Meer und legte in der Türkei sein Schiff ans Land. Dann steck­te er seinen Beu­tel ein und ging in die Stadt, um zu sehen, was es Gutes zu kaufen gebe. Da standen unter dem Thore eine Menge Leute und wie er hinkam, sah er den Leich­nam eines schwarzen Sklaven, den hat­te sein Herr da ein­mauern lassen, weil er ihm gestor­ben war, statt zu arbeit­en und er ihm keinen größeren Tort mehr anzu­tun wusste. Wie nun der junge Men­sch ein gutes Herz hat­te, ging er gle­ich hin und fragte, ob er denn den armen Kerl nicht loskaufen könne zu ehrlichem Begräb­nis. Anfangs wollte der schlimme Türke Nichts davon wis­sen, doch durch vieles Lamen­tieren und Sup­plicieren brachte es der Kauf­mannssohn endlich dahin, dass man ihm für sein ganzes Geld den Leich­nam gab, den er sogle­ich ehrlich und ordentlich begraben ließ.

Nun kann man sich leicht denken, was der alte Kauf­mann für einen Lärm anschlug, als sein Sohn mit leerem Schiff wiederkam und erzählte, für was er sein Geld aus­gegeben hat­te. Er ver­schwor sich, dass er ihn nie mehr auf den Han­del schick­en wolle; doch als ein Jahr herum war, hat­te ihm seine Frau so zugere­det, dass er ihn doch noch ein­mal gehen ließ. Als er nun wieder hinüberge­fahren war und in die Stadt kam, da sah er einen großen, her­rlichen Garten, darin war eine wun­der­schöne Dame einges­per­rt. Er fragte sie, wie sie dahin komme, und sie erzählte ihm, wie sie auf dem Wass­er gefan­gen und von einem reichen Türken gekauft wor­den sei; sie werde zwar recht gut gehal­ten, aber gefan­gen sei sie eben doch. Gle­ich lief er zu ihrem Her­rn und sagte, er wolle die Dame kaufen, es koste, was es wolle. Da half anfangs kein Bit­ten und kein Lamen­tieren, endlich kam es aber doch so weit, dass er sie bekam, dafür musste er freilich sein Schiff verkaufen und Alles hergeben, so dass er ger­ade genug übrig behielt, um mit sein­er Frau auf einem andern Schiff überz­u­fahren. Sie kamen nach Haus, er getraute sich aber nicht, seinem Vater unter die Augen zu treten. Er mietete sich ein Zim­mer bei einem Bekan­nten und ließ nur sein­er Mut­ter heim­lich sagen, er wäre da. Die Mut­ter war bald wieder gut und schick­te den jun­gen Eheleuten Essen und Geld und in ein­er guten Stunde trug sie auch ihrem Mann die Sache vor. Der aber wollte Nichts mehr von seinem Sohne wis­sen. Da gab die junge Frau ihrem Mann zehn Gulden, er solle Das und Jenes dafür kaufen, her­nach schloss sie sich mit den Sachen, die er geholt hat­te, ein und sagte, jet­zt müsse er sie acht Tage lang allein lassen. Als die acht Tage herum waren, hat­te sie eine wun­der­schöne Schabracke gestickt, mit der schick­te sie ihn auf den Markt, er dürfe sie aber nicht anders geben als für fünfhun­dert Gulden.

Als er auf dem Mark­te saß, blieb Alles ste­hen und betra­chtete die schöne Schabracke. Auch der alte Kauf­mann kam, und die Stick­erei gefiel ihm so gut, dass er seinem Sohn gle­ich sechs­hun­dert Gulden dafür bot; der aber sagte: Willst du mich nicht, so sollst du auch die Schabracke nicht haben“, und da war’s auf immer vor­bei mit der Fre­und­schaft. Als er nun die Schabracke an einen Andern verkauft hat­te, brachte er sein­er Frau das Geld und erzählte ihr, wie es jet­zt Alles ab sei zwis­chen ihm und seinem Vater. Da musste er ihr für zwanzig Gulden Sachen holen und sie vierzehn Tage allein lassen. Als aber die Zeit herum war, sagte sie zu ihm: War ich mit dir bei deinen Leuten, so gehe jet­zt mit mir zu meinen Leuten.“ Sie mieteten sich auf ein Schiff ein, die junge Frau aber holte eine Fahne her­bei, die sie in den vierzehn Tagen gemacht und wor­ein sie gestickt hat­te, wer sie war und wie es ihr gegan­gen. Die Fahne ließ sie oben an den Mast nageln, damit jed­er gle­ich sehen könne, wer da komme.

Jet­zt muss ich aber geste­hen, dass sie eigentlich eine Königstochter war. Ihr Vater hat­te drei wun­der­schöne Töchter gehabt, die waren ihm alle drei gestohlen wor­den und seit drei Jahren schon segel­ten des Königs Schiffe in der Welt umher und sucht­en. Solch ein Schiff kam nun her­an geschwom­men und sah die Fahne. Gle­ich war es da. Unter großem Viva­trufen stieg die Prinzessin mit ihrem Mann hinein und rasch ging es fort nach Haus zu.

Die Befehlshaber des Schiffs waren aber drei große Bösewichter, die hät­ten den Lohn für die Erlö­sung der Prinzessin viel lieber sel­ber gehabt und so wur­den sie eins, dass sie, als es dunkel wurde, den jun­gen Kauf­mann im Schlafe beim Kopf nah­men und hin­un­ter­war­fen in die See.

Der hat­te aber kaum das Wass­er berührt, so war ein kohlschwarz­er Kerl neben ihm, der hielt ihn, dass er nicht sinken kon­nte: er glaubte es wäre der Teufel. Gegen Mor­gen tat ihn der Schwarze wieder ins Schiff und als seine Frau da saß und sich grämte, weil ihr die Bösewichter erzählt hat­ten, wie er aus Verse­hen über Bord gefall­en sei, ging auf ein­mal die Tür auf und er trat frisch und gesund here­in. Die drei Mörder glaubten, er sei unbe­merkt am Schiff wieder in die Höhe gek­let­tert und stell­ten sich, als wenn sie sich sehr über seine Ret­tung freuten. Sie baut­en ihm nun eine Falle und lock­ten ihn darauf, dass er auf ein­mal durch ein Loch wieder in das Wass­er hinab fiel und dies­mal kam er nicht wieder. Dann fuhren sie mit gutem Winde weit­er und lan­de­ten daheim bei dem alten König. Der hat­te eine gar zu große Freude und fragte, wer denn seine Tochter erlöst habe? Das haben wir getan!“ sagten die Mörder und weil sie der Königstochter einen Schwur abgenom­men hat­ten, dass sie nichts sagen durfte, so wur­den sie große Män­ner im Land und der reich­ste von ihnen sollte die Prinzessin heirat­en. Da sie sah, dass es nicht anders ging, bat sie sich Jahr und Tag Frist aus und als die Frist um war, sagte sie, jet­zt wolle sie heirat­en, vorher aber müsste ihr Bräutigam die drei Brautz­im­mer nach ihren Gedanken aus­malen lassen. Es wur­den nun aus der ganzen Welt die besten Maler her­beigerufen, aber kein­er kon­nte es ihr recht machen, immer sagte sie, es sei nicht nach ihren Gedanken.

Jet­zt müssen wir wieder nach dem Kauf­mannssohn sehen. Wie der zum zweit­en­mal ins Wass­er fiel, hat­te ihn auch gle­ich der Schwarze wieder beim Arm und führte ihn mit sich fort durch die Luft. Unter­wegs aber sagte er zu ihm, er sehe jet­zt, wie schlimm seine Sachen stün­den, doch könne ihm noch geholfen wer­den, wenn er ihm das erste Kind, das er dere­inst von sein­er Frau bekomme, auf seinen zwölften Geburt­stag zu eigen geben wolle. In sein­er Not ver­sprach der Kauf­mannssohn Alles und war nur froh, dass es nichts Größeres war. Der Schwarze flog noch lang mit ihm fort und set­zte ihn endlich in ein warmes Mooshüttchen, das weit, weit an dem steini­gen Meerufer stand. Da lag er nun und hat­te Hunger und Durst und dachte: ach wenn du nur ein gutes Stück Brat­en und einen Schop­pen Wein hättest! Und noch hat­te er’s nicht fer­tig gedacht, da stand es schon da. Als er gegessen und getrunk­en hat­te, wün­schte er sich eine Pfeife Tabak, und gle­ich hat­te er sie im Munde. So lebte er fort, Jahr und Tag, und aß und trank zu was er Lust hat­te und betra­chtete die weite Aus­sicht. Nach langer Zeit endlich kam der Schwarze und fragte ihn, ob er nicht Lebkuchen­bäck­er wer­den wolle in ein­er großen schö­nen Stadt? Er ver­stand sich zwar nicht auf die Bäck­erei, weil er sich nie damit abgegeben, doch um nur ein­mal fortzukom­men aus dem lang­weili­gen Hüttchen, sagte er zu. Der Schwarze pack­te ihn auf, flog wieder weit, weit mit ihm fort und set­zte ihn endlich in die große schöne Stadt, einem Lebkuchen­bäck­er vor die Tür, der ger­ade einen Gesellen nötig hat­te und den Kauf­mannssohn deswe­gen mit Freuden annahm. Der machte sich gle­ich an die Arbeit und die Sache ging ihm so gut von der Hand, dass man bald in der ganzen Stadt von dem geschick­ten Lebkuchen­bäck­er sprach. Es kam auch vor den König, der ließ ihn kom­men und da er großes Wohlge­fall­en an ihm und seinen Bäck­ereien fand, so sagte er: wenn er die Lebkuchen so schön malen könne mit Bildern und Ver­slein, so könne er vielle­icht auch sein­er Tochter die Zim­mer aus­malen, wie sie es haben wolle nach ihren Gedanken.

Er war gern dazu bere­it und malte die drei Zim­mer, eins schön­er als das andere und in das dritte malte er an die Decke, wie er die Königstochter erlöst hat­te und wie er ver­rat­en wor­den war. Als er fer­tig und wieder nach Haus gegan­gen war, kam die Prinzessin mit dem ganzen Hof­s­taate zur Besich­ti­gung. Im ersten Zim­mer stutzte sie, im zweit­en sagte sie, es wäre recht so, aber als sie im drit­ten die Bilder sah, stürzte sie hin wie tot. Als sie wieder zu sich kam, fiel sie mit großem Weinen ihrem Vater zu Füßen und sagte, das habe kein Ander­er gemalt, als ihr wahrhaftiger Erlös­er und rechter Gemahl, und länger könne sie den Schwur nicht hal­ten und somit ges­tand sie Alles.

Zugle­ich aber sah der König, wie die ganze Sache in dem Zim­mer abge­malt war, – kam in großen Zorn und ließ die falschen Diener rad­brechen, von unten her­auf. Im Schloss aber gab er ein großes Fest und das ganze Land musste sich mit­freuen; der Kauf­mannssohn hat­te seine liebe Frau wieder und das Kön­i­gre­ich dazu.

Er lebte von sel­bigem Tage an glück­lich und in Freuden; seine Eltern wur­den auch herge­holt und seine Frau genas eines Knäbleins, bei dem stand der alte Kauf­mann zu Gevat­ter und es wuchs her­an zu einem wun­der­schö­nen Prin­zlein. Doch als das Kind zehn Jahr alt war, fiel sein Vater in Trauer, denn er gedachte seines Ver­sprechens, das er dem Schwarzen gegeben, als er mit ihm davon­flog durch die Luft.

Freilich hat­te er immer den Trost: lieber König und im Schloss, als beim Teufel im Hüttchen; doch als das Kind elf Jahr alt war und ins zwölfte ging, da kon­nte er’s nicht mehr aushal­ten, und ges­tand Alles sein­er Frau. Die hat­te darob noch viel größeren Jam­mer als er und als des Kindes zwölfter Geburt­stag her­ankam, da legten sie es jede Nacht zwis­chen sich ins Bett und hiel­ten es fest von bei­den Seiten.

Als nun die let­zte Nacht da war und es auf dem Schlossturm zwölf Uhr schlug, da klopfte es dreimal ans Fen­ster. Die Eltern sprangen mit großem Kla­gen und Weinen aus dem Bett und der Vater nahm das Kind und hielt es hin­aus vors Fen­ster, draußen aber stand der Schwarze und fragte ihn, was er denn eigentlich glaubte und für wen er ihn eigentlich hielte, gewiss für den Teufel? Für nichts Anderes“, sagte der König. Da sprach der Schwarze: Nein, ich bin der, den du in der Türkei hast ehrlich begraben lassen, und dir zu Gefall­en bin ich noch über der Erde geschwebt, bis auf diesen Tag; jet­zt magst du dein Kind behal­ten, ich aber will schlafen bis zum jüng­sten Gericht.“