Des Märchens Geburt

von Ludwig Bechstein

~7 Min

Es war ein­mal eine Zeit, da es noch keine Märchen gab, und die war betrübend für die Kinder, denn es fehlte in ihrem Jugend­paradiese der schön­ste Schmetter­ling. Und da waren auch zwei Königskinder, die spiel­ten miteinan­der in dem prächti­gen Garten ihres Vaters. Der Garten war voll her­rlich­er Blu­men, seine Pfade waren mit bun­ten Steinen und Gold­kies bestreut und glänzten wet­teifer­nd mit dem Tauge­funkel auf den Blu­men­beeten. Es gab in dem Garten küh­le Grot­ten mit plätsch­ern­den Quellen, hoch zum Him­mel aufrauschende Fontä­nen, schöne Mar­mor­bild­säulen, liebliche Ruhe­bänke. In den Wasser­beck­en schwammen Gold- und Sil­ber­fis­che; in gold­e­nen großen Vogel­häusern flat­terten die schön­sten Vögel, und andere Vögel hüpften und flo­gen frei umher und san­gen mit lieblichen Stim­men ihre Lieder. Die bei­den Königskinder aber hat­ten und sahen das alle Tage, und so waren sie müde des Glanzes der Steine, des Duftes der Blu­men, der Spring­brun­nen und der Fis­che, welche so stumm waren, und der Vögel, deren Lieder sie nicht ver­standen. Die Kinder saßen still beisam­men und waren trau­rig; sie hat­ten alles, was nur ein Kind sich wün­schen mag: gute Eltern, die kost­barsten Spiel­sachen, die schön­sten Kiei­der, wohlschmeck­ende Speisen und Getränke, und durften tagtäglich in dem schö­nen Garten spie­len – sie waren trau­rig, obschon sie nicht wußten, warum, und nicht wußten, was ihnen fehle.

Da trat zu ihnen ihre Mut­ter, die Köni­gin, eine schöne hohe Frau mit mild­fre­undlichen Zügen, und sie beküm­merte sich darüber, daß ihre Kinder so trau­rig waren und sie nur wehmütig anlächel­ten, statt mit Jauchzen ihr ent­ge­gen zu fliegen; sie betrübte sich, daß ihre Kinder nicht glück­lich waren, wie doch Kinder sein sollen und sein kön­nen, weil sie noch keine Sor­gen ken­nen und der Him­mel der Jugend meist ein wolken­los­er ist.

Die Köni­gin set­zte sich zu ihren bei­den Kindern, die ein Knabe und ein Mäd­chen waren, und schlang um jedes der­sel­ben einen ihrer vollen weißen Arme, welche goldne Span­gen schmück­ten, und fragte gar müt­ter­lich und liebre­ich: »Was fehlt euch, meine lleben Kinder?«

»Wir wis­sen es nicht, teure Mut­ter!« sprach der Knabe. »Wir sind so tau­rig!« sprach das Mädchen.

»Es ist so schön hier in diesem Garten, und ihr habt alles, was euch Freude machen kann; macht es euch denn keine Freude?« fragte die Köni­gin, und eine Träne trat in ihr Auge, aus dem eine Seele voll Güte lächelte.

»Nicht genug Freude macht uns, was wir haben«, antwortete dieser Frage das Mäd­chen. »Wir wün­schen uns was und wis­sen nicht, was!« set­zte der Knabe hinzu.

Die Mut­ter schwieg beküm­mert und sann nach, was wohl die Kinder wün­schen möcht­en, das sie mehr erfreue als die Pracht des Gartens, der Schmuck der Klei­der, die Menge der Spiel­sachen, der Genuß edler Speisen und Getränke, aber sie fand nicht, was ihre Gedanken suchten.

»O wäre ich nur selb­st wieder ein Kind!« sprach die Köni­gin still zu sich, mit einem leisen Seufz­er, »dann fiele mir wohl bei, was Kinder froh macht. Um Kindeswün­sche zu begreifen, muß man selb­st ein Kind sein. Aber ich bin schon zu weit gewan­dert aus dem Jugend­lande, wo die gold­nen Vögel durch die Bäume des Paradieses fliegen, jene Vögel, die keine Füße haben, weil die Nim­mer­mü­den irdis­ch­er Ruhe nicht bedür­fen. O käme doch ein solch­er Vogel her und brächte meinen teuern Kindern, was sie glück­lich macht!«

Siehe, wie die Köni­gin also wün­schte, da wiegte sich plöt­zlich über ihr in den blauen Lüften ein wun­der­her­rlich­er Vogel, von dem ein Glanz aus­ging, wie Gold­flam­men und Edel­stein­blitze, der schwebte tiefer und tiefer, und es sah ihn die Köni­gin, es sahen ihn die Kinder. Diese riefen nur: »Ah! ah!« und Staunen ließ sie keine anderen Worte finden.

Der Vogel war über­aus her­rlich anzuse­hen, wie er, immer tiefer schwebend, sich nieder­senk­te, so schim­mernd, so glänzend, im Regen­bo­gen­far­benge­funkel, fast das Auge blendend und doch immer wieder das Auge fes­sel­nd. Er war so schön, daß die Köni­gin und die Kinder vor Freude leise schauerten, zumal sie jet­zt das Wehen sein­er Flügel fühlten. Und ehe sie es ahn­ten, so hat­te sich der Wun­der­vo­gel niederge­lassen in den Schoß der Köni­gin, der Mut­ter, und sah aus Augen, die wie fre­undliche Kinder­au­gen gestal­tet waren, die Kinder an, und doch war etwas in diesen Augen, das die Kinder nicht begrif­f­en, etwas Frem­dar­tiges, Schauer­haftes, und sie wagten darum nicht, den Vogel zu berühren, auch sahen sie jet­zt, daß der selt­same, überirdisch schöne Vogel unter seinen glänzend­bun­ten Fed­ern auch einige tief­schwarze Fed­ern hat­te, die man aber von weit­em nicht gewahrte. Indes blieb den Kindern zu näher­er Betra­ch­tung des schö­nen Wun­der­vo­gels kaum so lange Zeit, als nötig war, dies zu erwäh­nen, denn als­bald hob sich der Vogel wieder empor, der Paradiesvo­gel ohne Füße, schwebte, scn­im­merte, flog immer höher, bis er nur eine im Äther schwim­mende bunte Fed­er schien, dann nur noch ein gold­en­er Streif, und dann entschwand – so lange aber, bis das geschah, sahen ihm auch die Köni­gin und die Kinder mit Staunen nach. Aber O Wun­der! Als Mut­ter und Kinder wieder niederblick­ten, wie staunten sie da aufs neue! Auf dem Schoße der Mut­ter lag ein goldnes Ei, das hat­te der Vogel gelegt, O und das schim­merte auch so grün­gold­en und gold­blau wie der köstlich­ste Labradorstein und die schön­ste Per­len­muschel der Meer­estiefen. Und die Königskinder riefen aus einem Munde: »Ei, das schöne Ei!« Die Mut­ter aber lächelte selig und ahnete voll Dankge­fühl, das müsse der Edel­stein sein, der noch zum Glück ihrer Kinder fehle, das Ei müsse in sein­er zauber­far­bigschillern­den Schale ein Gut enthal­ten, das den Kindern gewähre, was dem Alter ver­sagt ist, Zufrieden­heit, und das ihre Sehn­sucht, ihre kindis­che Trauer stille.

Die Kinder aber kon­nten sich nicht satt sehen an dem prächti­gen Ei und ver­gaßen bald über dem Ei den Vogel, der es brachte; erst wagten sie nicht, es zu berühren, endlich aber legte das Mägdlein doch eines sein­er rosi­gen Fin­gerchen daran und rief plöt­zlich, indem sein unschuld­volles Gesichtchen sich mit Pur­pur über­goß: »Das Ei ist warm!« Nun tippte auch der Königskn­abe vor­sichtig und leise an das Ei, um zu fühlen, ob die Schwest­er wahr gesprochen. Endlich legte auch die Mut­ter ihre zarte weiße Hand auf das köstllche Ei, und siehe, was begab sich da? Die Schale fiel in zwei Hälften auseinan­der, und aus dem Ei kam ein Wesen her­vor, wun­der­bar anzuse­hen. Es hat­te Flügel und war nicht Vogel, nicht Schmetter­ling, Biene nicht und nicht Libelle, und doch von allen diesen etwas, aber nicht zu beschreiben; mit einem Wort, es war das bunt­ge­flügelte, far­ben­schillernde Kinder­glück, selb­st ein Kind, näm­lich des Wun­der­vo­gels Phan­tasie, das Märchen. Und nun sah die Mut­ter ihre Kinder nicht mehr trau­rig, denn das Märchen blieb for­t­an immer bei den Kindern, und sie wur­den sein­er nicht müde, solange sie Kinder blieben, und seit sie das Märchen hat­ten, wur­den ihnen Garten und Blu­men, Lauben und Grot­ten, Wälder und Haine erst recht lieb, denn das Märchen belebte alles zur Lust der Kinder; das Märchen lieh selb­st den Kindern seine Flügel, da flo­gen sie weit umher in der uner­meßlichen Welt und waren doch immer gle­ich wieder daheim, sobald sie nur woll­ten. Jene Königskinder – das waren die Men­schen in ihrem Jugend­paradiese, und die Natur war ihre schöne mild­fre­undliche Mut­ter. Sie wün­schte den Wun­der­vo­gel Phan­tasie vom Him­mel nieder, der so prächtige Goldfed­ern und auch einige tief­dun­kle hat, und er legte in ihren Schoß das goldne Märchenei.

Und wie die Kinder das Märchen innig lieb gewan­nen, das ihre Kind­heit­stage ver­schönte, in tausender­lei Gestal­tun­gen und Ver­wand­lun­gen sie ergötzte und über alle Häuser und Hüt­ten, über alle Schlöss­er und Paläste flog, so war des Märchens Art auch diese, daß es selb­st den Erwach­se­nen gefiel und sie sich sein­er freuten, wenn sie nur etwas aus dem Garten der Kind­heit mit herüber­ge­tra­gen in das reifere Alter, näm­lich die Kindlichkeit des Herzens.