Des Hundes Not

von Ludwig Bechstein

~5 Min

Es war ein Hund, der lag hun­grig und kum­mer­voll auf dem Felde, da sang über ihm eine Lerche ihr won­niglich­es Lied. Als der Hund das hörte, da sprach er: O du glück­lich­es Vögelein, wie froh du bist, wie süß du singst, wie hoch du dich auf­schwingst! Aber ich – wie soll ich mich freuen? Mich hat mein Herr ver­stoßen, seine Türe hin­ter mir versper­rt, ich bin lahm, bin krank, kann kein Essen erja­gen und muß hier Hungers sterben!“

Wie die Lerche den hun­gri­gen Hund so kla­gen hörte, flog sie nahe zu ihm und sprach: O du armer Hund! Mich bewegt dein Lei­den, wirst du mir auch Dank wis­sen, wenn ich dir helfe, daß du satt wirst?“

Wom­it, Frau Lerche?“ fragte der Hund mit mat­ter Stimme, und die Lerche antwortete: Sieh, dort kommt ein Kind gegan­gen, das trägt Speise zu jen­em Ack­ers­mann; ich will machen, daß es die Speise nieder­legt und mir nach­läuft, indes gehst du hinzu und ißt den Käse und das Brot und stillst deinen Hunger!“

Der Hund bedank­te sich für dieses fre­undliche Aner­bi­eten, und die Lerche flog nun dem Kind ent­ge­gen und begann es zu äffen. Bald lief sie vor ihm, bald flat­terte sie auf dieser, bald auf jen­er Seite, bis das Kind dachte: Die Lerche muß ich fan­gen.“ Die Lcrche stellte sich flügel­lahm und ließ einen ihrer kleinen Flügel hän­gen wie gebrochen. Das Kind griff oft nach ihr, aber tat es vergebens mit der einen Hand, und da legte es sein Tüch­lein nieder, darin es das Essen trug, und lief der Lerche nach, die immer voran in einen Grund flog; indessen erhob sich der Hund, hink­te nach dem Tuch und schnüf­felte hinein, da lag ein Stück Brot, ein Quarkkäse und vier gute Eier, die fraß er unge­sot­ten und ungeschält und danach den Käse, und das Brot nahm er mit, als er fortkroch und sich im Korn versteckte.

Die Lerche, als sie merk­te, daß der Hund sein Teil hat­te, flug in die Lüfte und sang lustig; das geäffte Kind aber ver­wün­schte sie und noch viel mehr, als es sein Tüch­lein leer fand. Weinend ging es zurück zu sein­er Mut­ter, und ob es Schläge bekom­men hat, weiß ich nicht; es wird aber wohl etwas der­gle­ichen abge­fall­en sein.

Die Lerche flog zum Hund hin und fragte ihn, wie er sich jet­zt befinde? Er sagte ihr schö­nen Dank, und nie sei ihm wohler gewe­sen. Nur eine Bitte, liebe Frau Lerche, habe ich noch auf dem Herzen“, sprach er, wer satt ist, der ist gern froh. O bitte, erzäh­let mir noch etwas, davon ich ein wenig lachen und lustig wer­den kann.“

Wohlan!“ sprach die Lerche. Folge mir.“ Und da flog die Lerche voran, und der Hund fol­gte ihr zu ein­er Scheuer, auf deren Dachbo­den man von der Erde leicht gelan­gen kon­nte; da hin­auf hieß die Lerche den Hund steigen und hin­un­terge­hen, denn der Boden war schad­haft und durchge­brochen. Unten auf der Tenne standen zwei Kahlköpfe, die droschen; da set­zte sich flugs die Lerche dem einen auf die Glatze, und flugs klap­ste der andere mit der Hand darauf, ver­meinend, die Lerche zu fan­gen; das kluge Vöglein war aber schneller als er und flog zur Seite.

Nun, Geselle, was soll das? Was schlägst du mich?“ fragte der erste Kahlkopf den andern. Der entschuldigte sich, daß ein Vöglein sich jen­em auf den Kopf geset­zt, dieses habe er fan­gen wollen; habe der Klaps weh getan, sei es ihm leid. Indem set­zte sich die Lerche auf die Glatze dessen, der eben sprach, und da schlug gle­ich der andere hin, so hart, daß der Kopf gewiß zer­sprun­gen, wenn er von Glas gewe­sen wäre, wenig­stens brummte er dem Geschla­ge­nen tüchtig. Nun ging gle­ich das Schel­ten los, und bei­de Dresch­er war­fen ihre Flegel hin und woll­ten einan­der in die Haare. Weil sie nun keine Haare hat­ten, so kon­nte kein­er dem anderen welche aus­raufen, und so kratzten sie einan­der und stießen sich hart; da ging es Glatz wider Glatz und Kratz wider Kratz, auch zer­rten sie sich an den Ohren, und darüber mußte der Hund so unbändig lachen, daß ihm ganz weh wurde, und er wed­er liegen noch ste­hen kon­nte, und da purzelte er vor Lachen von dem Boden hoch herunter, den Dresch­ern ger­ade auf die Kahlköpfe, daß sie stutzten, denn der Hund war schw­er, und diese Art, Haare auf den Kopf zu bekom­men, kam ihnen spanisch vor. Sie wandten ihren Zorn gle­ich vere­int gegen den Hund, und da sie Dresch­er waren, so droschen sie ihn, so lange, bis er mit Ach und Krach durch ein Loch in der Scheuer­wand und durch den Zaun fuhr, wobei ihm nicht nur das Lachen, son­dern schi­er Hören und Sehen verg­ing. Ganz mürb und krumm legte er sich in das Gras hin­ter den Zaun, und da kam die Lerche geflo­gen und fragte: Edler Herr, wie befind­en Sie sich?“

Ach, Frau Lerche“, ächzte der Hund, ich habe vol­lauf genug. Ich bin ein ganz geschla­gen­er Mann! Ich glaube, mein­er Treu, ich habe gar keinen Rück­en mehr, die Dresch­er haben mir das Fell bei lebendi­gem Leibe abgeschun­den und gegerbt. Ach, soll ich länger leben, so muß ich einen Wun­darzt haben!“ Wohl und get­rost! Ich hole dir auch den, so es irgend möglich ist“, sprach die Lerche und flog von dannen.

Bald fand sie einen Wolf, den redete sie an: Herr Wolf? Ihr habt wohl gar keinen Appetit?“

Ach, Frau Lerche“, war die Antwort, was das bet­rifft, so kann ich mit Wolf­shunger dienen.“

Nun, wenn Ihr mir es danken wollt“, sprach die Lerche weit­er, so wollte ich Euch wohl weisen, wo ein feis­ter Hund liegt, der Euch kaum entrin­nen wird!“

O meine edle Köni­gin, wie gnädig Ihr seid!“ schme­ichelte und schmun­zelte der Wolf und leck­te sich die Zähne. Die Lerche flog vor ihm her, und er fol­gte ihr, und wie sie zu dem Hund kam, redete sie ihn an: Nun, Geselle? Schläf­st du? Willst du nicht den Arzt sehen? Richte dich auf, dort kommt der Doktor!“

Wo? Frau Lerche, wo?“ fragte der Hund ganz müde; aber als er den Wolf sah, da schrie er: Nein, Frau Lerche, nein! Diesen Dok­tor nicht! Hal­tet ihn zurück! Ich bin gesund!“ Und mit einem Satz war der Hund auf den Beinen und fort – daß ihm kein Zaun zu hoch und kein Graben zu bre­it war.