Des Gockels Hochzeit

von Johann Wilhelm Wolf

~5 Min

Als der Weltschluss geschlossen war und alle Tiere geschaf­fen waren, da paarten sie sich und der Gock­el hielt Hochzeit mit dem Hinkel. Er hat­te aber viel Gäste dazu geladen, alle Hinkel von fern und nahe. Als das Gastmahl vorüber war, führten die jun­gen Eheleute ihre Gäste in ihre Gärten und Wälder und der Gock­el sprach stolz: Das Alles gehört mein.“ Gretchen das Hinkel aber sagte: Wir sind junge Anfänger und der Win­ter dro­ht hart zu wer­den, darum kön­ntet ihr alle uns helfen Eicheln lesen, damit wir einen kleinen Vor­rat bekom­men.“ Als sie nun so dahingin­gen und sam­melten, kam plöt­zlich aus der Ferne der Fuchs geschlichen und alle Hinkel wur­den ängstlich und drängten sich um den Gock­el. Der sprach: Gretchen geh du nach Hause und sorge fürs Aben­dessen, ihr andern seid unbe­sorgt.“ Da ging Gretchen, aber kaum war sie aus dem Walde, als ein Stoßvo­gel nieder­schoss, die arme junge Frau pack­te und mit sich wegtrug, ohne dass eins von den andern etwas davon ahnte. Unter­dessen kam der Fuchs den andern immer näher und die Hinkel schlichen sich weg, eins hier­hin eins dortin bis zulet­zt der Gock­el ganz allein stand, dem erlaubte es näm­lich sein Stolz nicht, so feig durchzuge­hen. Als der Fuchs ihm ganz nahe war, schnappte er nach dem guten Gock­el, fasste ihn an den Flügeln und lief mit ihm vor seine Höh­le. Da rief der Gock­el: Wie kannst du dich unter­ste­hen, einen ehrlichen Mann so gewalt­sam von seinem Eigen­tum wegzuschlep­pen und was willst du von mir?“ Ich will dich fressen“, sprach der Fuchs, darum mach dich zum Tod bere­it, aber kurz, denn ich habe Hunger.“ Mich fressen und ohne dass du zuvor betest?“ fragte der Hahn. Da sind wir doch from­mer wie ihr; sieh nur wie die Hinkel gack­ern, wenn sie ein Körnchen Essen find­en und wie sie die Köpfe so fromm heben, wenn sie trinken.“ Wie soll ich denn beten?“ fragte der Fuchs. Da bre­it­ete der Gock­el die Flügel auseinan­der, stellte die Beine dicht beisam­men, bück­te den Kopf und drück­te die Augen zu; so macht man das“ sprach er. Lehre es mich, dann lasse ich dich noch so lange leben“ sagte der Fuchs und der Gock­el rück­te des Fuch­ses Beine zusam­men, drück­te seinen Schwanz gegen die Erde, den Kopf nieder, bis die Schnau­ze den Boden berührte und sagte: Jet­zt sprich mir nach A B C und“, da flog der Gock­el auf einen Baum und rief „- D, jet­zt bin ich in der Höh.“ Der Fuchs merk­te jet­zt, dass er geprellt war und wenn auch alle Tiere beten, bevor sie essen, der Fuchs tut’s nicht. Der gute Gock­el fand sein Gretchen natür­lich nicht als er nach Hause kam. Er glaubte sie habe sich verir­rt und das glaubt er noch, darum ruft er jeden Mor­gen allen Vögeln bei Tage­san­bruch schon zu: Grüß mir die Gret!“

Aus: Johann Wil­helm Wolf
Deutsche Haus­märchen
(1851)
Rechtschrei­bung und Gram­matik leicht korrigiert.