Der Zigeuner und die drei Teufel

von Josef Haltrich

~8 Min


Unser Herr Chris­tus wan­derte mit Petrus und Johannes durch mancher­lei Län­der, um zu sehen, wie es in der Welt gin­ge. Da kamen sie eines Abends zu einem Zige­uner und bat­en um Her­berge. Nur die Frau war zu Hause; der Mann war im Wirtshaus. Ich möchte euch gerne aufnehmen“, sprach die Zige­uner­in, aber mein Mann wird euch mißhan­deln, wenn er nach Hause kommt!“ – Nu, es wird ja nicht so arg sein!“ sprach der Herr; wir leg­en uns gle­ich in den Winkel zum Schlafen, und da wird er uns schw­er­lich bemerken!“ Jet­zt wollte sie die Zige­uner­in nicht abweisen, sie machte eine Streu, und die drei Wan­der­er legten sich: der Herr zunächst, Johannes in die Mitte, Petrus an die Wand. Als der Zige­uner schw­er angetrunk­en nach Hause kam, fing er an zu schel­ten und zu lär­men und auf seine Frau loszuschla­gen: Du glaub­st, ich sei betrunk­en, du lügst!“ – Aber Mann, ich habe ja gar nichts gesagt!“ Indem erblick­te er die drei auf dem Boden. Ha, Schlange, wen hast du hier?“ – Es sind müde Wan­der­er!“ – Ei zum Don­ner, kon­nten die nicht auf der Gasse schlafen?“ Da ließ er seine Frau und fing nun auf den ersten besten an zu schla­gen, und das war Chris­tus. Der Herr regte und rührte sich nicht. Als am Mor­gen die Wan­der­er dank­ten und fort­ge­hen woll­ten, hat­te der Zige­uner seinen Rausch ver­schlafen und bat um Verzei­hung, daß er sie mißhan­delt habe; er habe es nicht gerne getan, allein wenn er lustig sei, müsse er jeman­den schla­gen. Der Herr sprach san­ft­mütig: Schon gut, kein Men­sch ist ja ohne Fehler!“ Damit gin­gen sie fort.

Nach einem Jahr aber kehrte der Herr mit den bei­den Jüngern wieder da ein. Der Zige­uner war auch jet­zt nicht zu Hause, son­dern, wie gewöhn­lich, wenn er Geld hat­te, im Wirtshaus. Chris­tus hat­te sich dies­mal in die Mitte gelegt. Als der Zige­uner betrunk­en heimkam, schalt und lärmte er aber­mals und schlug auf seine Frau, und als diese ihm sagte, es seien wieder die drei armen Wan­der­er da, ließ er seine Frau und schlug auf den mit­tlem los. Die Rei­he ist jet­zt an dem!“ sprach er bei sich; es war aber wieder Chris­tus, den er geschla­gen hat­te. Am andern Mor­gen bat er aber­mals um Verzei­hung, und der Herr sagte wieder: Schon gut, kein Men­sch ist ja ohne Fehler!“ Zum drit­ten­mal, wieder nach einem Jahre, kehrten die drei Wan­der­er bei dem Zige­uner ein; jet­zt hat­te sich Chris­tus an die Wand gelegt. Als der Zige­uner betrunk­en aus dem Wirtshaus nach Hause kam, schlug er mit Vorbe­dacht den drit­ten. Jet­zt dür­fen sie einan­der nichts vor­w­er­fen!“ sprach er bei sich: jed­er hat sein Teil bekom­men“; allein Chris­tus hat­te auch dies­mal die Schläge empfangen.

Als sie am andern Mor­gen Abschied nah­men, bat der Zige­uner wieder gar sehr um Verzei­hung für seine Unart; er meine es gar nicht schlecht; allein wenn er in der Lust sei, müsse er jeman­den schla­gen. Da freute sich der Herr, daß er im Grunde ein so gutes Herz habe, und sprach zu ihm: Erbitte dir dreier­lei Gnade!“ – So bitte ich“, sprach der Zige­uner, um einen Beu­tel voll Geld, der nie leer wird, zum zweit­en um einen Spiegel, mit der Eigen­schaft, daß, wer ein­mal hinein­sieht, sich nicht von der Stelle rühren kann, bis ich ihn nicht fort­stoße, und zum drit­ten um einen Birn­baum vor meinem Haus, stets voll von Frücht­en, mit der Eigen­schaft, daß, wer hin­auf kriecht, nicht herun­terkom­men kann, bis ich ihn nicht herun­ter­stoße.“ – Es soll dir wer­den!“ sprach Chris­tus, und damit zog er mit Petrus und Johannes weit­er. Der Zige­uner freute sich sehr, wie er am näch­sten Tage seine Wün­sche erfüllt sah. Jet­zt habe ich, was mein Herz begehrt; nun kann ich immer­fort lustig leben!“ Von da an war er jeden Tag vom Mor­gen bis zum Abend im Wirtshaus und lebte wie ein Kaiser oder König, aß stets Schweine­fleisch und trank stets süßen Rosoli. Endlich aber, als es Zeit war, daß er ster­ben sollte, kam der Teufel und sprach: Na, Brud­er Midi, jet­zt bist du mein, auf und folge mir!“ – Gle­ich auf der Stelle, nur daß ich meine Sachen zusam­men­nehme, sieh indes in jen­em Spiegel, was für ein schön­er Kerl du bist!“ Der Teufel tat das gerne; denn er denkt ja auch, er sei schön, und wo er kann, besieht er sich im Spiegel. Der Zige­uner ging in seine Schmiede und machte eine Zange glühend und kam dann und faßte den Teufel an sein­er Nase, versen­gte und dehnte sie; der Arme kon­nte sich nicht von der Stelle rühren; er brüllte aber vor entset­zlichem Schmerze. Da stieß ihn zulet­zt der Zige­uner, daß er zur Türe hin­aus­flog. Der Teufel aber war froh und lief, daß er kein Leben hat­te. Der Zige­uner dachte: Der wird dir gewiß nicht wiederkommen!“

Als der Teufel außer Atem in der Hölle ankam, erzählte er seinem Vater und seinem Brud­er, was ihm begeg­net sei, und die mußten die Wahrheit an sein­er Nase erken­nen. Du elen­der Kerl!“ sprach sein Brud­er, warte, ich will ihn gle­ich lehren und holen!“ Da ging er zum Zige­uner, und ohne einen guten Tag zu bieten, rief er von der Gasse, denn er wollte gar nicht ins Zim­mer, damit er nicht in den Spiegel sehe, ihm trotzig zu: He, Midi, du bist mein, auf, folge mir!“ – Auf der Stelle!“ sprach der Zige­uner: ich will nur ein wenig ein­sack­en, daß wir auf dem weit­en Wege zu essen haben!“ Damit ging er hin­aus und brachte einen großen Kohlen­sack und sprach zum Teufel: Sei so gut und krieche auf den Baum und fülle diesen Sack, bis ich meine Reisek­lei­der anlege.“ Das gefiel dem Teufel, denn er hat­te die schö­nen Bir­nen schon lange ange­se­hen und sie zu kosten gewün­scht. Der Zige­uner aber ging in die Schmiede, nahm eine lange Eisen­stange, schärfte sie an dem einen Ende und machte die Spitze ganz glühend. Dann kam er und stach damit auf den Teufel, daß dieser laut aufheulte; er kroch immer höher am Baum, damit der Zige­uner ihn nicht mehr erre­ichen könne. Der aber nahm zulet­zt eine Leit­er und stocherte immer­fort den Teufel in die Seite; der war zulet­zt bis in die höch­ste Baum­spitze hin­auf, da brach diese ab, und er plump­ste wie ein Sack herunter und brach noch ein Bein. Den­noch raffte er sich schnell auf und lief unter großem Geheul in einem fort bis in die Hölle. Da kam sein Brud­er schaden­froh und rief: Aha! da hast’s! sagt‘ ich dir’s! da hast’s!“ Der Zer­schla­gene aber hielt immer­fort die Hände in seine zer­stoch­enen Seit­en und zeigte seinen zer­broch­enen Fuß und jam­merte entset­zlich. Der alte Teufel stand da und wußte nicht, was er sagen solle. Endlich seufzte er: Das muß ein gedonnert­er Kerl sein! Den möchte ich auch ken­nen­ler­nen!“ Er hat­te aber den­noch keine Lust hinzugehen.

Der Zige­uner lebte von da wieder lustig und ungestört noch eine gute Zeit. Als er endlich fühlte, daß er ster­ben müsse, befahl er, daß man ihm seine led­erne Schürze, Vorschürze und Nägel, Ham­mer und Zange neben ihn lege. Als er gestor­ben war, kam er vor die Him­mel­stüre und klopfte an. Da erschien Petrus gle­ich mit den vie­len Schlüs­seln und öffnete. Wie er aber den Zige­uner sah, rief er: Du gehörst nicht hieher, du hast lüder­lich gelebt!“ und schlug damit die Türe gewaltig zu. Da bat der Zige­uner gar untertänig, er möge ihn doch ein­lassen, er wolle alle Schmiedear­beit im Him­mel umson­st tun und schlug auch gle­ich einige Nägel in die Him­mel­stüre, die her­aus­ge­fall­en waren; aber Petrus war nicht zu erwe­ichen. Da blieb dem Zige­uner nichts anders übrig, als in die Hölle zu gehen und da sein Glück zu ver­suchen. Da hast du wenig­stens das Feuer umson­st!“ tröstete er sich, und kannst immer deines Handw­erks pflegen.“

Als er an das Höl­len­tor ange­langt war, nahm er seinen Ham­mer und klopfte. Da kam der junge Teufel mit der langgedehn­ten Nase und sah durch die Tor­ritze; gle­ich erkan­nte er den furcht­baren Mann und lief voll Entset­zen davon und schrie: Er ist hier, er ist hier!“ Als der andere das hörte, der auf dem Baum gesessen, lief er mit, und den alten Teufel pack­te die Furcht anfangs auch, und er lief gle­ich­falls, und sie kamen in den inner­sten Höl­len­winkel und verkrochen sich. Der Zige­uner aber klopfte fort und immer stärk­er. Da sprach der alte Teufel: Ich möchte ihn doch auch nur sehen“, und wie sehr ihn die bei­den Söhne zurück­zuhal­ten sucht­en, so ging er doch, denn seine Neugierde war zu groß. Er öffnete das Tor nur ein wenig und steck­te seine Nase hin­aus. Tschack! schnappte der Zige­uner die Spitze davon mit sein­er Zange ab. Der Alte drück­te die Türe schnell zu, klemmte aber dabei seinen Bart ein und kon­nte jet­zt nicht frei wer­den, wie sehr er herumz­er­rte; seine Söhne fürchteten sich aber, ihm zu Hil­fe zu kom­men, und so mußte der Alte seinen Geist elendiglich aufgeben, und seit­dem spricht man nicht mehr vom alten Teufel, son­dern nur von seinen Söh­nen, dem lang­nasi­gen und [dem] hink­enden Teufel.

Die Zeit aber wurde dem Zige­uner vor dem Höl­len­tor endlich zu lang; er ver­suchte noch ein­mal an der Him­mel­stüre; doch Petrus blieb uner­we­ich­lich. Zulet­zt wurde er auch zornig und sprach: Weil man mich denn wed­er in den Him­mel noch in die Hölle ein­läßt, so ist es mir recht; ich gehe wieder auf die Erde, da gefällt es mir ohne­hin bess­er!“ Und so find­et man den Zige­uner bis auf den heuti­gen Tag hier. Wenn er Geld hat, ist er im Wirtshaus; hat er keins, ergeigt er sich einen Trunk oder er nimmt den Ham­mer und macht Schuh- und Lattnägel.