Der Zigeuner, der Wolf, der Fuchs und der Esel in der Wolfsgrube

von Josef Haltrich

~5 Min

Ein Zige­uner kam bei der Nacht vom Med­wis­ch­er Mar­grethi-Jahrmarkt (am 13. Juli) und war lustig und guter Dinge und taumelte auf der Land­straße fort und fiedelte dazu. Als er aber einen Seit­en­weg durch den Wald ein­schlug, verir­rte er sich und geri­et in eine Wolf­s­grube. Er krabbelte lange hin und her, um her­auszukom­men, allein die Wände waren zu hoch, es war umson­st. Da ergab er sich in sein Schick­sal, set­zte sich in eine Ecke und war ruhig. Nach ein­er Weile kam auch der Wolf und plump­ste hinein; der erschrak nicht wenig, als er das schwarze Unge­heuer mit den roten Augen und den weißen Zäh­nen sah; er zog sich in eine andere Ecke und ver­hielt sich ruhig. Nicht lange, so kam auch der Fuchs die Straße und fiel hinein; der sah auch in der Ecke das schwarze Unge­heuer mit den roten Augen und den weißen Zäh­nen und dachte: Das ist der leib­haftige Teufel!“ Die Angst ließ ihn nicht recht sehen, wer in der andern Ecke sei; er zog sich in die dritte Ecke und blieb ruhig. Da kam let­ztlich auch der Esel diesen Weg, und plumps! rumpelte er auch hinein. Da sah er gle­ich das schwarze Unge­heuer mit den roten Augen und den weißen Zäh­nen und erschrak nicht wenig; er schlich in die vierte Ecke. Der Zige­uner zit­terte vor Furcht; um diese zu bemeis­tern, nahm er seine Geige und fiedelte. Das aber kann wed­er der Wolf, noch der Fuchs, noch der Esel recht vertragen. 

Der Wolf heulte entset­zlich, der Fuchs bellte, der Esel iahte. Ach, seid Ihr es, Gevat­ter?“ rief der Fuchs zum Wolf und Esel; wir sind ver­loren, wenn ihr nicht meinen Rat befol­gt. Ihr, Gevat­ter Esel, stellt Euch auf die Hin­ter­beine an die Wand, dann klet­tere ich und der Wolf über Euch hin­aus, und wir ziehen Euch dann empor!“ Der Esel tat so, wie ihn der Fuchs geheißen; da sprang dieser und der Wolf sogle­ich hin­aus; sie dacht­en aber gar nicht daran, den Esel hin­aufzuziehen, son­dern waren froh, daß sie der Gefahr entron­nen. Helfe Euch Gott!“ riefen sie dem Esel zu und macht­en sich aus dem Staub. Nun war der Zige­uner nicht min­der froh, als er den Esel allein da sah, den er jet­zt wohl kan­nte; er hörte auf vom Spie­len und sprach: Fürchte dich nicht, Grauchen, ich bin ja der Midi vom Graben, der deine Schuhe beschla­gen hat!“ Da ließ auch der Esel seine Angst, und so schliefen bei­de ruhig bis an den Morgen.