Der Wunschring

von Richard von Volkmann-Leander

~8 Min

Ein junger Bauer, mit dem es in der Wirtschaft nicht recht vor­wärts­ge­hen wollte, saß auf seinem Pfluge und ruhte einen Augen­blick aus, um sich den Schweiß vom Angesichte zu wis­chen. Da kam eine alte Hexe vor­beigeschlichen und rief ihm zu: Was plagst du dich und bringst’s doch zu nichts? Geh zwei Tage lang ger­adeaus, bis du an eine große Tanne kommst, die frei im Walde ste­ht und alle anderen Bäume über­ragt. Wenn du sie umschlägst, ist dein Glück gemacht.“

Der Bauer ließ sich das nicht zweimal sagen, nahm sein Beil und machte sich auf den Weg. Nach zwei Tagen fand er die Tanne. Er ging sofort daran, sie zu fällen, und in dem Augen­blicke, wo sie umstürzte und mit Gewalt auf den Boden schlug, fiel aus ihrem höch­sten Wipfel ein Nest mit zwei Eiern her­aus. Die Eier roll­ten auf den Boden und zer­brachen, und wie sie zer­brachen, kam aus dem einen Ei ein junger Adler her­aus, und aus dem anderen fiel ein klein­er gold­en­er Ring. Der Adler wuchs zuse­hends, bis er wohl halbe Man­neshöhe hat­te, schüt­telte seine Flügel, als wollte er sie pro­bieren, erhob sich etwas über die Erde und rief dann:

Du hast mich erlöst! Nimm zum Dank den Ring, der in dem anderen Ei gewe­sen ist! Es ist ein Wun­schring. Wen du ihn am Fin­ger umdrehst und dabei einen Wun­sch aussprichst, wird er als­bald in Erfül­lung gehen. Aber es ist nur ein einziger Wun­sch im Ring. Ist der getan, so hat der Ring alle weit­ere Kraft ver­loren und ist nur wie ein gewöhn­lich­er Ring. Darum über­lege dir wohl, was du dir wün­schst, auf daß es dich nicht nach­her gereue.“

Darauf hob sich der Adler hoch in die Luft, schwebte lange noch in großen Kreisen über dem Haupte des Bauern und schoß dan wie ein Pfeil nach Morgen.

Der Bauer nahm den Ring, steck­te ihn an den Fin­ger und begab sich auf den Heimweg. Als es Abend war, langte er in ein­er Stadt an; da stand der Gold­schmied im Laden und hat­te viele köstliche Ringe feil. Da zeigte ihm der Bauer seinen Ring und fragte ihn, was er wohl wert wäre. Einen Pap­pen­stiel!“ ver­set­zte der Gold­schmied. Da lachte der Bauer laut auf und erzählte ihm, daß es ein Wun­schring sei und mehr wert als alle Ringe zusam­men, die jen­er feil­hielte. Doch der Gold­schmied war ein falsch­er, ränkevoller Mann. Er lud den Bauer ein, über Nacht bei ihm zu bleiben, und sagte: Einen Mann, wie dich, mit solchem Klein­ode zu beherber­gen, bringt Glück; bleibe bei mir!“ Er bewirtete ihn aufs schön­ste mit Wein und glat­ten Worten, und als er nachts schlief, zog er ihm unbe­merkt den Ring vom Fin­ger und steck­te ihm statt dessen einen ganz gle­ichen, gewöhn­lichen Ring an.

Am näch­sten Mor­gen kon­nte es der Gold­schmied kaum erwarten, daß der Bauer auf­bräche. Er weck­te ihn schon in der früh­esten Mor­gen­stunde und sprach: Du hast noch einen weit­en Weg vor dir. Es ist bess­er, wenn du dich früh aufmachst.“

Sobald der Bauer fort war, ging er eiligst in seine Stube, schloß die Läden, damit nie­mand etwas sähe, riegelte dann auch noch die Tür hin­ter sich zu, stellte sich mit­ten in die Stube, drehte den Ring um und rief: Ich will gle­ich hun­dert­tausend Taler haben.“

Kaum hat­te er dies gesprochen, so fing es an, Taler zu reg­nen, harte, blanke Taler, als wenn es mit Mulden gösse, und die Taler schlu­gen ihm auf den Kopf, Schul­tern und Arme. Er fing an, kläglich zu schreien, und wollte zur Türe sprin­gen, doch ehe er sie erre­ichen und aufriegeln kon­nte, stürzte er, am ganzen Leibe blu­tend, zu Boden. Aber das Taler­reg­nen nahm kein Ende, und bald brach von der Lat die Diele zusam­men, und der Gold­schmied mit­samt dem Gelde stürzte in den tiefen Keller. Darauf reg­nete es immer weit­er, bis die hun­dert­tausend voll waren, und zulet­zt lag der Gold­schmied tot im Keller und auf ihm das viele Geld. Von dem Lärm kamen die Nach­barn her­beigeeilt, und als sie den Gold­schmied tot unter dem Gelde liegen fan­den, sprachen sie: Es ist doch ein großes Unglück, wenn der Segen so knüp­peldick kommt.“ Darauf kamen auch die Erben und teilten.

Unter­des ging der Bauer vergnügt nach Hause und zeigte sein­er Frau den Ring. Nun kann es uns gar nicht fehlen, liebe Frau“, sagte er. Unser Glück ist gemacht. Wir wollen uns nur recht über­legen, was wir uns wün­schen wollen.“

Doch die Frau wußte gle­ich guten Rat. Was meinst du“, sagte sie, wenn wir uns noch etwas Ack­er wün­scht­en? Wir haben gar so wenig. Da reicht so ein Zwick­el ger­ade zwis­chen unsere Äck­er hinein; den wollen wir uns wünschen.“

Das wäre der Mühe wert“, erwiderte der Mann. Wenn wir ein Jahr lang tüchtig arbeit­en und etwas Glück haben, kön­nten wir ihn uns vielle­icht kaufen.“ Darauf arbeit­eten Mann und Frau ein Jahr lang mit aller Anstren­gung, und bei der Ernte hat­te es noch nie so geschüt­tet wie dieses Mal, so daß sie den Zwick­el kaufen kon­nten und noch ein Stück Geld übrig­blieb. Siehst du!“ sagte der Mann, wir haben den Zwick­el, und der Wun­sch ist immer noch frei.“

Da meinte die Frau, es wäre wohl gut, wenn sie sich noch eine Kuh wün­scht­en und ein Pferd dazu. Frau“, ent­geg­nete aber­mals der Mann, indem er mit dem übrigge­bliebe­nen Gelde in der Hosen­tasche klap­perte, was wollen wir wegen solch ein­er Lumperei unsern Wun­sch vergeben. Die Kuh und das Pferd kriegen wir auch so.“

Und richtig, nach aber­mals einem Jahr waren die Kuh und das Pferd reich­liche ver­di­ent. Da rieb sich der Mann vergnügt die Hände und sagte: Wieder ein Jahr den Wun­sch ges­part und doch alles bekom­men, was man sich wün­schte. Was wir für ein Glück haben!“ Doch die Frau redete ihrem Manne ern­sthaft zu, endlich ein­mal an den Wun­sch zu gehen.

Ich kenne dich gar nicht wieder“, ver­set­zte sie ärg­er­lich. Früher hast du immer geklagt und gebarmt und dir alles mögliche gewün­scht, und jet­zt, wo du’s haben kannst, wie du’s willst, plagst und schin­d­est du dich, bist mit allem zufrieden und läßt die schön­sten Jahre verge­hen. König, Kaiser, Graf, ein großer, dick­er Bauer kön­ntest du sein, alle Truhen voll Geld haben – und kannst dich nicht entschließen, was du wählen willst.“

Laß doch dein ewiges Drän­gen und Treiben“, erwiderte der Bauer. Wir sind bei­de noch jung, und das Leben ist lang. Ein Wun­sch ist nur in dem Ringe, und der ist bald ver­tan. Wer weiß, was uns noch ein­mal zustößt, wo wir den Ring brauchen. Fehlt es uns denn an etwas? Sind wir nicht, seit wir den Ring haben, schon so her­aufgekom­men, daß sich alle Welt wun­dert? Also sei ver­ständig. Du kannst dir ja mit­tler­weile immer über­legen, was wir uns wün­schen könnten.“

Damit hat­te die Sache vor­läu­fig ein Ende. Und es war wirk­lich so, als wenn mit dem Ringe der volle Segen ins Haus gekom­men wäre, denn Scheuern und Kam­mern wur­den von Jahr zu Jahr voller und voller, und nach ein­er län­geren Rei­he von Jahren war aus dem kleinen, armen Bauer ein großer, dick­er Bauer gewor­den, der den Tag über mit den Knecht­en schaffte und arbeit­ete, als wollte er die ganze Welt ver­di­enen, nach dem Ves­per aber behäbig und zufrieden vor der Haustüre saß und sich von den Leuten guten Abend wün­schen ließ.

So verg­ing Jahr um Jahr. Dann und wann, wenn sie ganz allein waren und nie­mand es hörte, erin­nerte zwar die Frau ihren Mann immer noch an den Ring und machte ihm aller­hand Vorschläge. Da er aber jedes­mal erwiderte, es habe noch vol­lauf Zeit, und das Beste falle einem stets zulet­zt ein, so tat sie es immer sel­tener, und zulet­zt kam es kaum noch vor, daß auch nur von dem Ring gesprochen wurde. Zwar der Bauer selb­st drehte den Ring täglich wohl zwanzig­mal am Fin­ger um und besah ihn sich, aber er hütete sich, einen Wun­sch dabei auszusprechen.

Und dreißig und vierzig Jahre vergin­gen, und der Bauer und seine Frau waren alt und schneeweiß gewor­den, der Wun­sch aber war immer noch nicht getan. Da erwies ihnen Gott eine Gnade und ließ sie bei­de in ein­er Nacht selig sterben.

Kinder und Kinde­skinder standen um ihre bei­den Särge und wein­ten, und als eines von ihnen den Ring abziehen und aufheben wollte, sagte der älteste Sohn:

Laß den Vater seinen Ring mit ins Grab nehmen. Er hat sein Leb­tag seine Heim­lichkeit mit ihm gehabt. Es ist wohl ein liebes Andenken. Und die Mut­ter besah sich den Ring auch so oft; am Ende hat sie ihn dem Vater in ihren jun­gen Tagen geschenkt.“

So wurde denn der alte Bauer mit dem Ringe begraben, der ein Wun­schring sein sollte und kein­er war, und doch so viel Glück ins Haus gebracht hat­te, als ein Men­sch sich nur wün­schen kann. Denn es ist eine eigene Sache mit dem, was richtig und was falsch ist; und schlecht Ding in guter Hand ist immer noch viel mehr wert als gut Ding in schlechter.