Der wunderliche Spielmann

von Brüder Grimm

~5 Min

Es war ein­mal ein wun­der­lich­er Spiel­mann, der ging durch einen Wald mut­tersee­le­nallein und dachte hin und her. Und als für seine Gedanken nichts mehr übrig war, sprach er zu sich selb­st: Mir wird hier im Walde Zeit und Weile lang, ich will einen guten Gesellen her­bei­holen.“ Da nahm er die Geige vom Rück­en und fiedelte eins, dass es durch die Bäume schallte. Nicht lange, so kam ein Wolf durch das Dic­kicht daher getra­bt. Ach, ein Wolf kommt! Nach dem trage ich kein Ver­lan­gen,“ sagte der Spiel­mann. Aber der Wolf schritt näher und sprach zu ihm: Ei, du lieber Spiel­mann, was fiedelst du so schön! Das möchte ich auch ler­nen.“ – Das ist bald gel­ernt,“ antwortete der Spiel­mann, du musst nur alles tun, was ich dir heisse.“ – O Spiel­mann,“ sprach der Wolf, ich will dir gehorchen, wie ein Schüler seinem Meis­ter.“ Der Spiel­mann hiess ihn mit­ge­hen, und als sie ein Stück Wegs zusam­men gegan­gen waren, kamen sie an einen alten Eich­baum, der innen hohl und in der Mitte aufgeris­sen war. Sieh her,“ sprach der Spiel­mann, willst du fiedeln ler­nen, so lege die Vorderp­foten in diesen Spalt.“ Der Wolf gehorchte, aber der Spiel­mann hob schnell einen Stein auf und keilte ihm die bei­den Pfoten mit einem Schlag so fest, dass er wie ein Gefan­gener da liegen­bleiben musste. Warte da so lange, bis ich wiederkomme,“ sagte der Spiel­mann und ging seines Weges.

Über eine Weile sprach er aber­mals zu sich sel­ber: Mir wird hier im Walde Zeit und Weile lang, ich will einen anderen Gesellen her­bei­holen,“ nahm seine Geige und fiedelte wieder in den Wald hinein. Nicht lange, so kam ein Fuchs durch die Bäume dahergeschlichen. Ach, ein Fuchs kommt,“ sagte der Spiel­mann, nach dem trage ich kein Ver­lan­gen.“ Der Fuchs kam zu ihm her­an und sprach: Ei, du lieber Spiel­mann, was fiedelst du so schön! Das möchte ich auch ler­nen.“ – Das ist bald gel­ernt,“ sprach der Spiel­mann, du musst nur alles tun, was ich dir heisse.“ – O Spiel­mann,“ antwortete der Fuchs, ich will dir gehorchen, wie ein Schüler seinem Meis­ter.“ – Folge mir,“ sagte der Spiel­mann, und als sie ein Stück Wegs gegan­gen waren, kamen sie auf einen Fuss­weg, zu dessen bei­den Seit­en hohe Sträuch­er standen. Da hielt der Spiel­mann still, bog von der einen Seite ein Hasel­nuss­bäum­chen zur Erde herab und trat mit dem Fuss auf die Spitze, dann bog er von der andern Seite noch ein Bäum­chen herab und sprach: Wohlan, Füch­slein, wenn du etwas ler­nen willst, so reich mir deine linke Vorderp­fote.“ Der Fuchs gehorchte, und der Spiel­mann band ihm die Pfote an den linken Stamm. Füch­slein,“ sprach er, nun reich mir die rechte.“ Die band er ihm an den recht­en Stamm. Und als er nachge­se­hen hat­te, ob die Knoten der Stricke auch fest genug waren, liess er los, und die Bäum­chen fuhren in die Höhe und schnell­ten das Füch­slein hin­auf, dass es in der Luft schwebte und zap­pelte. Warte da so lange, bis ich wiederkomme,“ sagte der Spiel­mann und ging seines Weges.

Wiederum sprach er zu sich: Zeit und Weile wird mir hier im Walde lang; ich will einen andern Gesellen her­bei­holen,“ nahm seine Geige und der Klang erschallte durch den Wald. Da kam ein Häschen daherge­sprun­gen. Ach, ein Hase kommt!“ sagte der Spiel­mann, den wollte ich nicht haben.“ – Ei, du lieber Spiel­mann,“ sagte das Häschen, was fiedelst du so schön, das möchte ich auch ler­nen.“ – Das ist bald gel­ernt,“ sprach der Spiel­mann, du musst nur alles tun, was ich dir heisse.“ – O Spiel­mann,“ antwortete das Häslein, ich will dir gehorchen, wie ein Schüler seinem Meis­ter.“ Sie gin­gen ein Stück Wegs zusam­men, bis sie zu ein­er licht­en Stelle im Walde kamen, wo ein Espen­baum stand. Der Spiel­mann band dem Häschen einen lan­gen Bind­faden um den Hals, wovon er das andere Ende an den Baum knüpfte. Munter, Häschen, jet­zt spring mir zwanzig­mal um den Baum herum!“ rief der Spiel­mann, und das Häschen gehorchte. Und wie es zwanzig­mal herumge­laufen war, so hat­te sich der Bind­faden zwanzig­mal um den Stamm gewick­elt, und das Häschen war gefan­gen, und es mochte ziehen und zer­ren, wie es wollte, es schnitt sich nur den Faden in den weichen Hals. Warte da so lange, bis ich wiederkomme,“ sprach der Spiel­mann und ging weiter.

Der Wolf indessen hat­te gerückt, gezo­gen, an dem Stein gebis­sen, und so lange gear­beit­et, bis er die Pfoten freigemacht und wieder aus der Spalte gezo­gen hat­te. Voll Zorn und Wut eilte er hin­ter dem Spiel­mann her und wollte ihn zer­reis­sen. Als ihn der Fuchs laufen sah, fing er an zu jam­mern, und schrie aus Leibeskräften: Brud­er Wolf, komm mir zu Hil­fe, der Spiel­mann hat mich bet­ro­gen!“ Der Wolf zog die Bäum­chen herab, biss die Schnur entzwei und machte den Fuchs frei, der mit ihm ging und an dem Spiel­mann Rache nehmen wollte. Sie fan­den das gebun­dene Häschen, das sie eben­falls erlösten, und dann sucht­en alle zusam­men ihren Feind auf.

Der Spiel­mann hat­te auf seinem Weg aber­mals seine Fiedel erklin­gen lassen, und dies­mal war er glück­lich­er gewe­sen. Die Töne drangen zu den Ohren eines armen Holzhauers, der als­bald, er mochte wollen oder nicht, von der Arbeit abliess und mit dem Beil unter dem Arme her­ankam, die Musik zu hören. Endlich kommt doch der rechte Geselle,“ sagte der Spiel­mann, denn einen Men­schen suchte ich und keine wilden Tiere.“ Und fing an und spielte so schön und lieblich, dass der arme Mann wie beza­ubert das­tand, und ihm das Herz vor Freude aufging. Und wie er so stand, kamen der Wolf, der Fuchs und das Häslein her­an, und er merk­te wohl, dass sie etwas Bös­es im Schilde führten. Da erhob er seine blink­ende Axt und stellte sich vor den Spiel­mann, als wollte er sagen: Wer an ihn will, der hüte sich, der hat es mit mir zu tun.“ Da ward den Tieren angst und sie liefen in den Wald zurück; der Spiel­mann aber spielte dem Manne noch eins zum Dank und zog dann weiter.