Der Wunderbaum

von Josef Haltrich

~11 Min


Der Hirtenkn­abe – ob er ger­ade der Sohn des armen Mannes war, den unser Herr Chris­tus und Petrus geseg­net hat­ten, weiß ich nicht – erblick­te eines Tages, als er die Schafe wei­dete, auf dem Felde einen Baum, der war so schön und groß, daß er lange Zeit voll Ver­wun­derung das­tand und ihn ansah. Aber die Lust trieb ihn hinzuge­hen und hin­aufzusteigen; das wurde ihm auch sehr leicht, denn an dem Baume standen die Zweige her­vor wie Sprossen an ein­er Leit­er. Er zog seine Schuhe aus und stieg und stieg in einem fort neun Tage lang. Siehe da kam er nur ein­mal in ein weites Feld, da waren viele Paläste von lauter Kupfer, und hin­ter den Palästen war ein großer Wald mit kupfer­nen Bäu­men, und auf dem höch­sten Baume saß ein kupfern­er Hahn; unter dem Baume war eine Quelle von flüs­sigem Kupfer, die sprudelte immer­fort, und das war das einzige Getöse; son­st schien alles wie tot, und nie­mand war zu sehen, und nichts regte und rührte sich.
Als der Knabe alles gese­hen, brach er sich ein Zwei­glein von einem Baum, und weil seine Füße vom lan­gen Steigen müde waren, wollte er sie in der Quelle erfrischen. Er tauchte sie ein, und wie er sie her­aus­zog, so waren sie mit blankem Kupfer über­zo­gen; er kehrte schnell zurück zum großen Baum; der reichte aber noch hoch in die Wolken, und kein Ende war zu sehen. Da oben muß es noch schön­er sein!“ dachte er und stieg nun aber­mals neun Tage aufwärts, ohne daß er müde wurde, und siehe da kam er in ein offenes Feld, da waren auch viele Paläste, aber von lauter Sil­ber, und hin­ter den Palästen war ein großer Wald mit sil­ber­nen Bäu­men, und auf dem höch­sten Baum saß ein sil­bern­er Hahn; unter dem Baum war eine Quelle mit flüs­sigem Sil­ber, die sprudelte immer­fort, und das war das einzige Getöse, son­st lag alles wie tot, und nie­mand war zu sehen, und nichts regte und rührte sich. 

Als aber der Knabe alles gese­hen hat­te, brach er sich ein Zwei­glein von einem Baum und wollte sich aus der Quelle die Hände waschen; wie er sie aber her­aus­zog, waren sie von blink­en­dem Sil­ber über­zo­gen. Er kehrte schnell zurück zum großen Baum, der reichte noch immer hoch in die Wolken, und es war noch kein Ende zu sehen. Da oben muß es noch schön­er sein!“ dachte er und stieg aber­mals neun Tage aufwärts, und siehe da war er im Wipfel des Baumes, und es öffnete sich ein weites Feld; darauf standen lauter goldne Paläste, und hin­ter den Palästen war ein großer Wald mit gold­nen Bäu­men, und auf dem höch­sten Baum saß ein gold­ner Hahn; unter dem Hahn war eine Quelle mit flüs­sigem Golde, die sprudelte immer­fort, und das war das einzige Getöse; son­st lag alles wie tot, und nie­mand war zu sehen, und nichts regte und rührte sich. Als der Knabe alles gese­hen hat­te, brach er sich ein Zwei­glein von einem Baum, nahm seinen Hut ab, bück­te sich über die Quelle und ließ seine Haare ins sprudel­nde Gold hine­in­fall­en. Als er sie aber her­aus­zog, waren sie über­gold­et. Er set­zte seinen Hut auf, und wie er alles gese­hen hat­te, kehrte er zurück zum großen Baum und stieg nun in einem fort wieder hin­unter und wurde gar nicht müde. Als er auf der Erde ange­langt war, zog er seine Schuhe an und suchte seine Schafe; doch er sah von ihnen keine Spur. In weit­er Feme aber erblick­te er eine große Stadt; jet­zt merk­te er, daß er in einem andern Lande sei. Was war zu tun.
Er entschloß sich hineinzuge­hen und sich dort einen Dienst zu suchen. Zuvor jedoch ver­steck­te er die drei Zwei­glein in seinen Man­tel, und aus dem Zipfel des­sel­ben machte er sich Hand­schuhe, um seine sil­beri­gen Hände zu ver­ber­gen.
Als er in der Stadt ankam, suchte der Koch des Königs ger­ade einen Küchen­jun­gen und kon­nte keinen find­en; indem kam ihm der Knabe zu Gesicht. Er fragte ihn, ob er um guten Lohn Dien­ste bei ihm nehmen wolle. Der Junge war das zufrieden unter ein­er Bedin­gung: er solle den Hut, den Man­tel, die Hand­schuhe und die Stiefel nie able­gen müssen, denn er habe einen bösen Grind und müßte sich schä­men. Das war dem Koch nicht ganz recht; allein weil er son­st nie­man­den bekom­men kon­nte, mußte er ein­willi­gen. Er gedachte bei sich: Du kannst ihn ja immer nur in der Küche ver­wen­den, daß nie­mand ihn sieht.“ Das währte so eine Zeit­lang. Der Junge war sehr fleißig und tat alle Geschäfte, die ihm der Koch auftrug, so pünk­tlich, daß ihn dieser sehr liebge­wann. Da geschah es, daß wieder ein­mal Rit­ter und Grafen erschienen waren, die es unternehmen woll­ten, auf den Glas­berg zu steigen, um der schö­nen Tochter des Königs, die oben saß, die Hand zu reichen und sie dadurch zu erwer­ben. Viele hat­ten es bish­er vergebens ver­sucht; sie waren alle noch weit vom Ziele aus­geglitscht und hat­ten zum Teil den Hals gebrochen. Der Küchen­junge bat den Koch, daß er ihm erlauben möchte, von ferne zuzuse­hen. Der Koch wollte es ihm nicht abschla­gen, weil er so treu und fleißig war, und sagte nur: Du sollst dich aber ver­steckt hal­ten, daß man dich nicht sieht!“ Das ver­sprach der Junge und eilte in die Nähe des Glas­berges.
Da standen schon die Rit­ter und Grafen in voller Rüs­tung mit Eisen­schuhen, und sie fin­gen bald an, der Rei­he nach hin­aufzusteigen; allein kein­er gelangte auch nur bis in die Mitte, sie stürzten alle herab, und manche blieben tot liegen. Nun dachte der Knabe bei sich: Wie wäre es, wenn du auch ver­sucht­est?“ Er legte sogle­ich Hut und Man­tel und Hand­schuhe ab, zog seine Stiefel aus und nahm den kupfer­nen Zweig in die Hand, und ehe ihn jemand bemerkt hat­te, war er durch die Menge gedrun­gen und stand am Berge; die Rit­ter und Grafen wichen zurück und sahen und staunten; der Knabe aber schritt sogle­ich den Berg hinan ohne Furcht, und das Glas gab unter seinen Füßen nach wie Wachs und ließ ihn nicht aus­gleit­en. Als er nun oben war, reichte er der Königstochter demütig das kupferne Zwei­glein, kehrte darauf sogle­ich um, stieg hinab, fest und sich­er, und ehe sich’s die Menge ver­sah, war er ver­schwun­den.
Er eilte in sein Ver­steck, legte seine Sachen an und war schnell in der Küche. Bald kam auch der Koch und erzählte seinem Jun­gen die Wun­derdinge von dem schö­nen Jüngling mit den kupfer­nen Füßen, den sil­ber­nen Hän­den und den gold­nen Haaren, und wie er den Glas­berg erstiegen und ein kupfernes Zwei­glein der Königstochter gere­icht habe und wie er dann wieder ver­schwun­den sei; dann fragte er den Jun­gen, ob er das auch gese­hen habe. Der Junge sagte: Nein, das habe ich nicht gese­hen, das war ich ja selb­st!“ Aber der Koch lachte über den dum­men Ein­fall und erwiderte im Scherz: Na, da müßte ich dann ein großer Herr wer­den!“
Am andern Tage woll­ten es mehrere Rit­ter und Grafen wieder ver­suchen und ver­sam­melten sich vor dem Glas­berg. Der Junge bat den Koch aber­mals, er möchte ihm erlauben, aus der Ferne zuzuse­hen. Der Koch kon­nte es ihm nicht abschla­gen und sagte nur: Du sollst dich aber ver­steckt hal­ten, daß nie­mand dich sieht!“ Das ver­sprach der Junge und eilte an seinen gestri­gen Platz. Die Rit­ter fin­gen an hin­aufzusteigen, allein vergebens: sie stürzten alle herab, und mehrere blieben tot. Der Junge zögerte nicht länger und ver­suchte zum zweit­en­mal. Er hat­te schnell seine Klei­der abgelegt; er nahm das sil­berne Zwei­glein und schritt, ehe man es merken kon­nte, woher er kam, durch die Menge, und alles wich vor ihm zurück, und er ging ruhig und sich­er den Glas­berg hinan, und das Glas gab nach wie Wachs und zeigte die Spuren, und wie er oben war, über­re­ichte er demütig der Königstochter das Zwei­glein; gerne hätte sie auch seine Hand gefaßt; er aber kehrte gle­ich zurück und schritt hinab und war in der Menge auf ein­mal ver­schwun­den. Er warf seine Klei­der um und eilte nach Hause. Bald kam auch der Koch und erzählte wieder von den Wun­derdin­gen, von dem schö­nen Jüngling mit den kupfer­nen Füßen, den sil­ber­nen Hän­den, den gold­e­nen Haaren und wie er hinangestiegen, der Königstochter ein sil­bernes Zwei­glein gere­icht, wie er her­abgekom­men und ver­schwun­den sei. Er fragte seinen Jun­gen, ob er das nicht gese­hen.
Der Junge sagte: Nein, das habe ich nicht gese­hen, das war ich selb­st!“ Der Koch lachte wieder recht her­zlich und sagte im Scherz; Da müßte ich auch ein großer Herr wer­den!“
Am drit­ten Tage woll­ten es einige Rit­ter und Grafen noch ein­mal ver­suchen und ver­sam­melten sich vor dem Glas­berg. Der Junge bat den Koch wieder, er möchte ihm erlauben, aus der Ferne zuzuse­hen. Der Koch wollte ihm’s nicht abschla­gen und sagte nur; Du sollst dich aber ver­steckt hal­ten, daß nie­mand dich sieht!“ Das ver­sprach der Junge und eilte sogle­ich an seinen Platz. Die Rit­ter und Grafen versuchten’s, aber umson­st; sie stürzten alle herab, und mehrere blieben tot liegen. Der Knabe dachte: Noch ein­mal willst du es auch ver­suchen; er warf seine Klei­der von sich, nahm das gold­ene Zwei­glein und eilte, noch ehe man’s merken kon­nte, woher er kam, durch die Menge bis zum Glas­berg; alles wich vor ihm zurück. Da schritt er fest und sich­er hinan, und das Glas gab nach wie Wachs und zeigte die Spuren, und als er oben war, über­re­ichte er demütig das Goldzwei­glein der Königstochter und bot ihr die rechte Hand; sie ergriff sie mit Freuden und wäre gern mit ihm den Berg hin­abgestiegen. Der Junge aber machte sich frei und stieg allein hin­unter und war wieder schnell unter der Menge ver­schwun­den. Er legte seine Klei­der an und eilte zurück an seinen Platz in die Küche.
Als der Koch nach Hause kam, erzählte er von den Wun­derdin­gen, von dem schö­nen Jüngling mit den kupfer­nen Füßen, den sil­ber­nen Hän­den, den gold­nen Haaren und wie er zum drit­ten­mal den Glas­berg erstiegen, der Königstochter ein goldnes Zwei­glein gere­icht und ihr die Hand geboten habe, wie er aber allein wieder her­abgestiegen und unter der Menge ver­schwun­den sei; er fragte ihn, ob er das nicht gese­hen hätte. Der Junge sagte wieder: Nein, das habe ich nicht gese­hen, das war ich selb­st!“ Der Koch lachte wieder über den dum­men Ein­fall und sprach: Da müßte ich auch ein großer Herr wer­den!“
Der König aber und die Königstochter waren sehr trau­rig, daß der schöne Junge nicht erscheinen wollte. Da ließ der König ein Gebot aus­ge­hen, daß alle jun­gen Burschen aus seinem Reiche bar­füßig und bloßhäuptig und ohne Hand­schuhe vor dem König der Rei­he nach vorüberge­hen und sich zeigen soll­ten. Sie kamen und gin­gen, aber der rechte, nach dem man suchte, war nicht unter ihnen. Der König ließ darauf fra­gen, ob son­st kein Junge mehr im Reich wäre. Der Koch ging sofort zum König und sprach: Herr, ich habe noch einen Küchen­jun­gen bei mir, der mir treu und redlich dient; der ist es aber gewiß nicht, nach dem ihr sucht! Denn er hat einen bösen Grind, und er trat nur unter der Bedin­gung zu mir in den Dienst, daß er Hand­schuhe, Man­tel, Hut und Stiefel nie able­gen dürfe.“ Der König aber wollte sich überzeu­gen, und die Königstochter freute sich im stillen und dachte: Ja, der kön­nte es sein!“ Der Koch mußte dableiben; ein Diener brachte den Küchen­jun­gen here­in, der sah aber ganz schmutzig aus. Der König fragte: Bist du es, der dreimal den Glas­berg erstiegen hat?“ – Ja, das bin ich!“ sprach der Junge, und ich habe es auch meinem Her­rn immer gesagt!“ Der Koch fühlte bei diesen Worten den Boden nicht unter seinen Füßen, und die Rede blieb ihm eine Zeit­lang ste­hen; endlich sagte er: Aber wie kannst du hier so reden“ Der König achtete indes nicht darauf, son­dern sprach gle­ich zum Jun­gen: Wohlan, ent­blöße dein Haupt, deine Hände und Füße!“ Als­bald warf der Junge seine Klei­der ab und stand da in voller Schön­heit und reichte der Jungfrau die Hand, und sie drück­te sie und war über die Maßen froh; es wurde die Hochzeit gefeiert, und nicht lange darauf über­gab der König das Reich dem Jun­gen. Glaub­st du nun, daß ich es war, der dreimal den Glas­berg erstiegen?“ sprach der Junge zum Koch. Was sollt‘ ich denn glauben, wenn ich das nicht glaubte!“ sprach der Koch und bat um Verzei­hung. Nun, so sollst du auch ein großer Herr wer­den, wie du hofftest, und über alle Köche im Reich die Auf­sicht führen.“ 

Die junge Köni­gin aber hätte gar zu gerne gewußt, woher ihr Gemahl die drei Zwei­glein und die kupfer­nen Füße, die sil­ber­nen Hände und das goldige Haar habe. Das will ich dir, mein Kind, nun sagen!“ sprach der junge König eines Tages, und du sollst auch selb­st sehen, wie das zuge­gan­gen!“ Er wollte mit ihr noch ein­mal auf den Wun­der­baum steigen und die Her­rlichkeit ihr zeigen; allein, als er an die Stätte kam, so war der Baum ver­schwun­den, und kein Men­sch hat weit­er davon etwas gehört und gesehen.