Der Wolf und die sieben jungen Geisslein

von Brüder Grimm

~5 Min

Es war ein­mal eine alte Geiss, die hat­te sieben junge Geisslein, und hat­te sie lieb, wie eine Mut­ter ihre Kinder lieb hat. Eines Tages wollte sie in den Wald gehen und Fut­ter holen, da rief sie alle sieben her­bei und sprach: Liebe Kinder, ich will hin­aus in den Wald, seid auf eur­er Hut vor dem Wolf, wenn er hereinkommt, so frisst er euch mit Haut und Haar. Der Bösewicht ver­stellt sich oft, aber an sein­er rauhen Stimme und an seinen schwarzen Füssen werdet ihr ihn gle­ich erken­nen.“ Die Geisslein sagten: Liebe Mut­ter, wir wollen uns schon in acht nehmen, Ihr kön­nt ohne Sorge fort­ge­hen.“ Da meck­erte die Alte und machte sich get­rost auf den Weg.

Es dauerte nicht lange, da klopfte jemand an die Haustür und rief: Macht auf, ihr lieben Kinder, eure Mut­ter ist da und hat jedem von euch etwas mit­ge­bracht!“ Aber die Geisslein hörten an der rauhen Stimme, dass es der Wolf war. Wir machen nicht auf,“ riefen sie, du bist unsere Mut­ter nicht, die hat eine feine und liebliche Stimme, aber deine Stimme aber ist rau; du bist der Wolf.“ Da ging der Wolf fort zu einem Krämer und kaufte sich ein gross­es Stück Krei­de; er ass es auf und machte damit seine Stimme fein. Dann kam er zurück, klopfte an die Haustür und rief: Macht auf, ihr lieben Kinder, eure Mut­ter ist da und hat jedem von euch etwas mit­ge­bracht!“ Aber der Wolf hat­te seine schwarze Pfote in das Fen­ster gelegt, das sahen die Kinder und riefen: Wir machen nicht auf, unsere Mut­ter hat keinen schwarzen Fuss, wie du; du bist der Wolf!“ Da lief der Wolf zu einem Bäck­er und sprach: Ich habe mich an den Fuss gestossen, stre­ich mir Teig darüber.“ Als ihm der Bäck­er die Pfote bestrichen hat­te, so lief er zum Müller und sprach: Streu mir weiss­es Mehl auf meine Pfote.“ Der Müller dachte: Der Wolf will einen betrü­gen, und weigerte sich; aber der Wolf sprach: Wenn du es nicht tust, fresse ich dich!“ Da fürchtete sich der Müller und machte ihm die Pfote weiss. Ja, so sind die Menschen.

Nun ging der Bösewicht zum drit­ten Mal zu der Haustür, klopfte an und sprach: Macht auf, Kinder, euer liebes Müt­terchen ist heimgekom­men und hat jedem von euch etwas aus dem Walde mit­ge­bracht!“ Die Geisslein riefen: Zeig uns zuerst deine Pfote, damit wir wis­sen, dass du unser liebes Müt­terchen bist.“ Da legte der Wolf die Pfote ins Fen­ster, und als sie sahen, dass sie weiss war, so glaubten sie, es wäre alles wahr, was er sagte, und macht­en die Türe auf. Wer aber hereinkam, war der Wolf. Die Geisslein erschrak­en und woll­ten sich ver­steck­en. Das eine sprang unter den Tisch, das zweite ins Bett, das dritte in den Ofen, das vierte in die Küche, das fün­fte in den Schrank, das sech­ste unter die Waschschüs­sel, das siebente in den Kas­ten der Wan­duhr. Aber der Wolf fand sie alle und machte nicht langes Fed­er­lesen: eins nach dem andern schluck­te er in seinen Rachen; nur das jüng­ste in dem Uhrkas­ten fand er nicht. Als der Wolf seine Lust gebüsst hat­te, trollte er sich fort, legte sich draussen auf der grü­nen Wiese unter einen Baum und fing an zu schlafen.

Nicht lange danach kam die alte Geiss aus dem Walde wieder heim. Ach, was musste sie da erblick­en! Die Haustür stand sper­rweit auf, Tisch, Stüh­le und Bänke waren umge­wor­fen, die Waschschüs­sel lag in Scher­ben, Decke und Kissen waren aus dem Bett gezo­gen. Sie suchte ihre Kinder, aber nir­gends waren sie zu find­en. Sie rief sie nacheinan­der bei Namen, aber nie­mand antwortete. Endlich, als sie das jüng­ste rief, da rief eine feine Stimme: Liebe Mut­ter, ich stecke im Uhrkas­ten.“ Sie holte es her­aus, und es erzählte ihr, dass der Wolf gekom­men wäre und die anderen alle gefressen hätte. Da kön­nt ihr denken, wie sie über ihre armen Kinder geweint hat!

Endlich ging sie in ihrem Jam­mer hin­aus, und das jüng­ste Geisslein lief mit. Als sie auf die Wiese kam, so lag da der Wolf an dem Baum und schnar­chte, dass die Äste zit­terten. Sie betra­chtete ihn von allen Seit­en und sah, dass in seinem ange­füll­ten Bauch sich etwas regte und zap­pelte. Ach, Gott, dachte sie, soll­ten meine armen Kinder, die er zum Nachtmahl hin­un­tergewürgt hat, noch am Leben sein? Da musste das Geisslein nach Hause laufen und Schere, Nadel und Zwirn holen. Dann schnitt sie dem Ungetüm den Wanst auf, und kaum hat­te sie einen Schnitt getan, so streck­te schon ein Geisslein den Kopf her­aus, und als sie weit­er schnitt, so sprangen nacheinan­der alle sechse her­aus, und waren noch alle am Leben, und hat­ten nicht ein­mal Schaden erlit­ten, denn das Ungetüm hat­te sie in der Gier ganz hin­un­tergeschluckt. Das war eine Freude! Da herzten sie ihre liebe Mut­ter, und hüpften wie Schnei­der, der Hochzeit hält. Die Alte aber sagte: Jet­zt geht und sucht Wack­er­steine, damit wollen wir dem got­t­losen Tier den Bauch füllen, solange es noch im Schlafe liegt.“ Da schleppten die sieben Geis­serchen in aller Eile die Steine her­bei und steck­ten sie ihm in den Bauch, so viel als sie hinein­brin­gen kon­nten. Dann nähte ihn die Alte in aller Geschwindigkeit wieder zu, dass er nichts merk­te und sich nicht ein­mal regte.

Als der Wolf endlich aus­geschlafen hat­te, machte er sich auf die Beine, und weil ihm die Steine im Magen so grossen Durst erregten, so wollte er zu einem Brun­nen gehen und trinken. Als er aber anf­ing zu gehen und sich hin und her zu bewe­gen, so stiessen die Steine in seinem Bauch aneinan­der und rap­pel­ten. Da rief er: 

Was rumpelt und pumpelt
In meinem Bauch herum?
Ich meinte, es wären sechs Geisselein,
Doch sind’s lauter Wackerstein.“

Und als er an den Brun­nen kam und sich über das Wass­er bück­te und trinken wollte, da zogen ihn die schw­eren Steine hinein, und er musste jäm­mer­lich ersaufen. Als die sieben Geisslein das sahen, kamen sie eilig her­beige­laufen und riefen laut: Der Wolf ist tot! Der Wolf ist tot!“ und tanzten mit ihrer Mut­ter vor Freude um den Brun­nen herum.