Der Wolf und die Sau mit den zwölf Ferkeln

von Josef Haltrich

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Als der Wolf wieder zur Besin­nung kam, quälte ihn gle­ich auch sein entset­zlich­er Hunger. Ich bin zu ein­er unglück­lichen Stunde geboren; ich habe kein Glück!“ klagte er, was ich immer unternehme mißlingt, und ich gewinne davon nur Schläge; solange ich mit dem Fuchs gut war, kriegte ich zwar auch Schläge, aber ich stillte doch meinen Hunger; dieser ist nun riesen­groß und wächst immer­fort!“ Weit und bre­it im Felde war nun nichts mehr zu sehen, das er als Beute hätte ein­treiben kön­nen. Da gedachte er, wie seine Vor­fahren in Zeit­en der Not von Wurzeln gelebt hät­ten; er griff auch jet­zt zu diesem Mit­tel; allein schon nach eini­gen Tagen war er ihrer satt, ver­wün­schte sie und rief: Der Teufel soll weit­er­hin Wurzeln fressen; ich bin es ein­mal von mein­er Jugend an bess­er gewohnt, das ist keine Speise für einen ehrlichen Wolf; ich muß mir jet­zt woher immer Fleisch ver­schaf­fen!“ Was war zu tun? In Feld und Wald war nichts zu find­en; da mußte er zu den gefahrvollen Unternehmungen ins Dorf sich entschließen. Oft hat­te er sich den Garten­zäunen glück­lich genähert, da rochen ihn aber die Hunde und ver­trieben und ver­fol­gten ihn ins weite Feld. Ein­mal traf es sich, daß der Müller in der Stadt auf dem Jahrmarkt war und seine Hunde mitgenom­men hat­te. Der Wolf hat­te sich unbe­merkt herangeschlichen und traf des Müllers Sau mit ihren zwölf Fer­keln, die wühlten unbe­sorgt ober­halb der Müh­le am Müh­len­graben. Ha!“ jauchzte der Wolf, zwölf Fer­kel sind keine magere Kost; da kannst du dich ein­mal für alle Not entschädi­gen.“ Er lief im Sturm auf die Sau los und schrie: Aha! Habe ich Euch ein­mal! Ihr seid es mit Euer­er Sipp­schaft, die Ihr mein Kartof­felfeld ver­wühlt habt; Eure Kinder als Pfand her!“

Die Sau stutzte; sie dachte anfangs den Wolf gle­ich zu pack­en, als sie aber seine grim­mi­gen Hungerzähne sah, fürchtete sie, es könne bei dem Kampfe eines ihrer Kinder in Gefahr kom­men; sie sprach: So? Ich entsinne mich nicht, daß ich mit meinen Kindern je auf Euerem Kartof­felfeld gewe­sen, doch nehmt sie hin, wenn Ihr uns dur­chaus für straf­bar hal­tet; um eines nur bitte ich Euch: die armen sind noch Hei­den; ich fand bis jet­zt noch keinen Priester, um sie taufen zu lassen; doch sehe ich an Euerem Rock, daß Ihr ein würdi­ger‘ Herr sein müs­set; Ihr kön­nt gewiß taufen!“ Der Wolf wollte nicht sagen: Nein, das ver­ste­he ich nicht“, denn das schme­ichelte seinem Ehrgeiz, dass man ihn für einen Pfar­rer hielt. Ja, ja!“ sprach er, gle­ich will ich sie taufen!“ Da ging er ans Müh­len­gerinne, bück­te sich hin­unter, benet­zte seine Rechte und taufte der Rei­he nach alle Fer­kel. Als er am let­zten war und sich wieder zum Wass­er bück­te, gab ihm die Sau mit ihrer Schnau­ze einen tüchti­gen Schub; er plump­ste hinein und mußte saufen, aber nun kam er auch unters Rad und wurde hier gut gewalkt und zer­quetscht; endlich fiel er durch, tunk­te noch ein­mal im schar­fen Wass­er unter und kam plutschnaß“ und ganz matt wieder aufs Trock­ene. Da dachte er voll Grimm an die Sau und wollte über sie her­fall­en, die war aber indes mit ihren Fer­keln in die Müh­le gelaufen und hat­te sich gebor­gen; bald kam auch der Müller mit seinen Hun­den heim. Jet­zt ging die Not für den Wolf aufs neue an, und er hat­te von Glück zu sagen, daß er mit dem Leben elendiglich davonkam.