Der Wolf und die Geiß mit ihren zehn Zicklein

von Josef Haltrich

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Der Hunger nagte bald wieder in den Eingewei­den des Wolfes, die Wurzeln ver­fluchte er, denn die hat­ten ihm nur allen Geschmack am Guten und Schö­nen ver­dor­ben, und er hat­te einen Eid getan, keine in seinem Leben mehr zu berühren und sollte er des entset­zlich­sten Hunger­todes ster­ben. Das Aben­teuer mit der Sau war ihm im frischen Gedächt­nis, und er ward fast toll vor Ärg­er­nis. Die prächti­gen Fer­kel, ha! und die boshafte Treulosigkeit ihrer Mut­ter; soll man da nicht den Glauben an die Ehrlichkeit in der Welt verlieren ?“

Unter solchen Gedanken hat­te er sich wieder dem Dorfe genähert, und wun­der­bar, es sah in den Gassen so aus, als wäre alles tot. Er fing an, mit der Vorse­hung sich auszusöh­nen. Das scheint sich jet­zt doch ein­mal gut zu machen“, sprach er bei sich. Die Leute im Dorf hiel­ten näm­lich ger­ade Richt­tag, tanzten in den Häusern und waren lustig, und die Hunde trieben sich, wie es bei der­lei Gele­gen­heit­en geschieht, auch immer in der Küche herum. Da sah der Wolf am Ende des Dor­fes die alte Geiß mit ihren zehn Zick­lein, die waren wie immer fröh­lich und sprangen sor­g­los um den Back­ofen herum. Die hast du jet­zt sich­er!“ dachte er und war schnell an ihnen. Ha!“ rief er, da habe ich Euch ein­mal; Ihr seid es, die das Laub und die Blüten in meinem Baum­garten gefressen habt, fol­gt mir nur gle­ich als meine Gefan­genen !“ – Aber lieber Wolf“, sprach die Geiß fle­hend, wie kön­nt Ihr uns so arg beschuldigen, wir haben uns ja nicht von dieser Stelle gerührt!“ – Ach was!“ sprach der Wolf, das ist nun ein­mal so, das lasse ich mir nicht nehmen; nur kein langes Gerede mehr!“ Als die Geiß sah, daß mit Vorstel­lun­gen wider Unrecht hier nichts anz­u­fan­gen sei, sprach sie: Lieber Wolf, ich weiß, Ihr kön­nt so gut sin­gen, Ihr seid ja der beste Kan­tor, singt uns doch ein­mal vor, wir sin­gen für unser Leben gern. Wenn wir dann gesun­gen haben, mögt Ihr uns führen, wohin Ihr wollt!“ Der Wolf war stolz darauf, daß man ihn für einen guten Sänger hielt, daher kon­nte er die Bitte nicht abschla­gen. Es sei!“ sprach er. Da schick­te die alte Geiß ihre zehn Zick­lein in den Back­ofen, sie selb­st sprang auf den Back­ofen und bat den Wolf, er möge auf das Back­brett steigen, das sei der Ehren­platz für ihn. Als sie aufgestellt waren, schlug der Wolf den Takt und fing an sein Lied, das er auf der Hochzeit gesun­gen: Ullul­luh! Juju­juhl“ Die Geiß und die Zick­lein macht­en ihr Meck, meck!“ Als die Leute auf dem Richt­tag den wilden Gesang hörten, sahen sie zum Fen­ster hin­aus und erblick­ten den Wolf; alles lief hin­aus, Män­ner und Frauen, mit Holzscheit­en, Ofenga­beln, Besen, was jed­er zuerst in die Hand bekam und – hal­lo! auf den Wolf los; auch die Hunde aus der Küche waren nun flink. Als der Wolf sie kom­men sah, sprang er eilig von seinem Kan­torstuhl hinab und nahm die Flucht. Das war eine Het­ze! Man ver­fol­gte ihn weit ins Feld; dann kehrten die Men­schen zurück; die Hunde bell­ten ihm noch eine Weile nach, dann eil­ten auch sie aber­mals zum fröh­lichen Feste. Der Geiß aber und den kleinen Zick­lein zit­terte noch der Bart von der Furcht, die sie aus­ge­s­tanden. Da gab man ihnen einige Hoff­mannstropfen ein, und bald waren sie wieder lustig und hüpften und sprangen herum wie ehedem.