Der Wolf und die beiden Böcke

von Josef Haltrich

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Lange Zeit lag der Wolf wie in Ohn­macht; aber er hat­te nicht himm­lis­che, son­dern wirre Träume; endlich erwachte er und damit auch sein gewaltiger Hunger. Wie er nun seine Blicke hin und her wandte, sah er im Tal zwei Böcke gegeneinan­der laufen. Aha!“ rief er freudig, da hast du gle­ich dop­pelte Beute! Die sind jet­zt blind in ihrem Grimm und in ihrer Wut, die kannst du leicht haben.“ Er lief sturm­stracks hinab auf sie los; die Böcke aber hat­ten den Wolf gese­hen, noch ehe er an ihnen war. Lassen wir jet­zt unsern Stre­it“, sprachen sie, und sehen, wie wir uns vor dem Wolf schützen, denn der hat Bös­es im Schilde.“ – Ha!“ schrie der Wolf, als er ange­langt war, darf man so die Gemein­dewei­de zertreten?“ – Aber lieber Wolf!“ sprachen sie, wie kön­nt Ihr das sagen? Sehet nur recht, das ist ja nicht Gemein­de­grund; wir sind hier auf unserm väter­lichen Erbe und woll­ten es uns teilen. Da Ihr aber so ausse­het wie ein weis­er Teil­herr, so müßt Ihr die Sache bess­er ver­ste­hen als wir; helfet uns daher lieber den Stre­it aus­tra­gen.“ Der Wolf wollte nicht sagen: Was ver­ste­he denn ich von Teilung!“, da man ihm ein­mal die Ehre ange­tan, und sprach: Nun, so ist es mir recht, fahret also fort, dann will ich entschei­den!“ – Lieber Wolf!“ sprachen die Böcke, stel­let Euch denn in die Mitte des Grund­stück­es, dann geht jed­er von uns an ein Ende. Wer nun zuerst im Laufe zu Euch gelangt, soll der kün­ftige recht­mäßige Besitzer sein!“ – So soll es sein!“ sprach der Wolf. Da ran­nten die Böcke gle­ich­mäßig wie der Blitz von bei­den ent­ge­genge­set­zten Seit­en her­an und bohrten dem Wolf ihre Homer durch die Weichen so tief, daß der Mond in den leeren Magen hinein­scheinen kon­nte; er sank bewußt­los zu Boden; die Böcke aber liefen schnell nach Hause und woll­ten nicht abwarten, bis der Grim­mige sich erklaube.