Der Wolf und der Fuchs beim Kürschner in der Beize

von Josef Haltrich

~5 Min

Fuchs: Nicht wahr, Gevat­ter, es liegt sich hier so san­ft, so ruhig; wir müssen im Paradiese sein! Aber saget mir, wie kommt Ihr denn her?

Wolf: Weiß der blaue Teufel! Ich hat­te meinen Hunger, lief damit in die Schafherde, pack­te mir ein schönes, junges Lämm­chen und eilte fort. Da fie­len die Hunde über mich her; doch erwehrte ich mich ihrer, biß zwei zusam­men und kam glück­lich in den Wald. Jet­zt glaubte ich an keine Gefahr mehr; siehe, da blies nur ein­mal ein­er in ein Rohr, daß es rauchte; sogle­ich kitzelte es mich auch in dem Kopfe, ich bekam Schwindel, ver­lor das Bewusst­sein , und von der Zeit an bis jet­zt weiß ich nicht mehr, was mit mir geschehen. Aber wie kommt Ihr denn her ? Las­set hören!

Fuchs: Weiß Gott, durch die Falschheit und Undankbarkeit eines Bauern. Es waren auf einem Hofe zwölf schöne Hüh­n­er; neun hat­te ich mir davon geholt. Der böse Bauer hat­te umson­st seine Hunde auf die Wache gestellt und mir Fußeisen gelegt; er bekam mich nicht. Ich wollte mir jet­zt nur noch das zehnte Huhn holen; zwei wollte ich bei Gott dem Bauern lassen, den Hahn und eine Henne, daß er Nachzucht hätte. Aber siehe da, der Boshafte und Undankbare; er hat­te sich selb­st – o der Bauer ist des Teufels! -, den­ket Euch nur, in den Hüh­n­er­stall auf die Lauer gestellt und die Hunde und Fall­en ent­fer­nt. Ich Törichter gehe bis zum Stalle behut­sam fort und spüre und lausche hin und her und sehe keinen Hund, keine Falle. Als ich glück­lich bis an die Öff­nung zum Hüh­n­er­stall gekom­men, war ich weit­er sor­g­los und springe blind hinein und – dem Kukelure (Paßauf) ger­ade in die Arme. Nur ein­mal fühlte ich meine Kehle beengt wie bei ein­er bösen Halsentzün­dung und ver­lor sogle­ich die Besin­nung. Was weit­er bis jet­zt mit mir geschehen, weiß ich nicht.

Wolf: Euch ist nur recht geschehen; Ihr lei­det für Eure Sün­den; aber was hat­te ich denn jen­em Manne im Walde getan?

Fuchs: Schweiget, Ihr Viel­fraß, Nim­m­er­satt; Euch ist recht geschehen; Ihr seid ja der große Mörder, Dieb! – aber ich Unschuldiger! – 

Der Stre­it wäre jet­zt arg gewor­den und bald hät­ten sie sich derb die Wahrheit gesagt und einan­der zerzaust. Da trat der Kürschn­er zum Glück ein – und bei­de verstummten.