Der Wolf und der Fuchs

von  Brüder Grimm

~5 Min

Der Wolf hat­te den Fuchs bei sich, und was der Wolf wollte, das musste der Fuchs tun, weil er der schwäch­ste war, und der Fuchs wäre gerne des Her­rn los gewe­sen. Es trug sich zu, dass sie bei­de durch den Wald gin­gen, da sprach der Wolf ​‚Rot­fuchs, schaff mir was zu fressen, oder ich fresse dich sel­ber auf.‘ Da antwortete der Fuchs ​‚ich weiss einen Bauern­hof, wo ein paar junge Lämm­lein sind, hast du Lust, so wollen wir eins holen.‘ Dem Wolf war das recht, sie gin­gen hin, und der Fuchs stahl das Lämm­lein, brachte es dem Wolf und machte sich fort. Da frass es der Wolf auf, war aber damit noch nicht zufrieden, son­dern wollte das andere dazu haben und ging, es zu holen. Weil er es aber so ungeschickt machte, ward es die Mut­ter vom Lämm­lein gewahr und fing an entset­zlich zu schreien und zu bIäen, dass die Bauern her­beige­laufen kamen. Da fan­den sie den Wolf und schlu­gen ihn so erbärm­lich, dass er hink­end und heulend bei dem Fuchs ankam. ​‚Du hast mich schön ange­führt,‘ sprach er, ​‚ich wollte das andere Lamm holen, da haben mich die Bauern erwis­cht und haben mich weich geschla­gen.‘ Der Fuchs antwortete ​‚warum bist du so ein Nimmersatt.‘

Am andern Tag gin­gen sie wieder ins Feld, sprach der gierige Wolf aber­mals ​‚Rot­fuchs, schaff mir was zu fressen, oder ich fresse dich sel­ber auf.‘ Da antwortete der Fuchs ​‚ich weiss ein Bauern­haus, da backt die Frau heut abend Pfannkuchen, wir wollen uns davon holen.‘ Sie gin­gen hin, und der Fuchs schlich ums Haus herum, guck­te und schnup­perte so lange, bis er aus­find­ig machte, wo die Schüs­sel stand, zog dann sechs Pfannkuchen herab und brachte sie dem Wolf. ​‚Da hast du zu fressen,‘ sprach er zu ihm und ging sein­er Wege. Der Wolf hat­te die Pfannkuchen in einem Augen­blick hin­un­tergeschluckt und sprach ​’sie schmeck­en nach mehr,‘ ging hin und riss ger­adezu die ganze Schüs­sel herunter, dass sie in Stücke zer­sprang. Da gabs einen gewalti­gen Lärm, dass die Frau her­auskam, und als sie den Wolf sah, rief sie die Leute, die eil­ten her­bei und schlu­gen ihn, was Zeug wollte hal­ten, dass er mit zwei lah­men Beinen laut heulend zum Fuchs in den Wald hin­auskam. ​‚Was hast du mich garstig ange­führt!, rief er, ​‚die Bauern haben mich erwis­cht und mir die Haut gegerbt.‘ Der Fuchs aber antwortete ​‚warum bist du so ein Nimmersatt.‘

Am drit­ten Tag, als sie beisam­men draussen waren und der Wolf mit Mühe nur for­think­te, sprach er doch wieder ​‚Rot­fuchs, schaff mir was zu fressen, oder ich fresse dich sel­ber auf.‘ Der Fuchs antwortete ​‚ich weiss einen Mann, der hat geschlachtet, und das gesalzene Fleisch liegt in einem Fass im Keller, das wollen wir holen.‘ Sprach der Wolf ​‚aber ich will gle­ich mit­ge­hen, damit du mir hil­f­st, wenn ich nicht fort kann.‘ ​‚Meinetwe­gen,‘ sprach der Fuchs, und zeigte ihm die Schliche und Wege, auf welchen sie endlich in den Keller gelangten. Da war nun Fleisch im Über­fluss, und der Wolf machte sich gle­ich daran und dachte ​‚bis ich aufhöre, hats Zeit.‘ Der Fuchs liess sichs auch gut schmeck­en, blick­te über­all herum, lief aber oft zu dem Loch, durch welch­es sie gekom­men waren, und ver­suchte, ob sein Leib noch schmal genug wäre, durchzuschlüpfen. Sprach der Wolf ​‚lieber Fuchs, sag mir, warum rennst du so hin und her, und springst hin­aus und here­in?‘ ​‚Ich muss doch sehen, ob nie­mand kommt,‘ antwortete der Listige, ​‚friss nur nicht zuviel.‘ Da sagte der Wolf ​‚ich gehe nicht eher fort, als bis das Fass leer ist.‘ Indem kam der Bauer, der den Lärm von des Fuch­ses Sprün­gen gehört hat­te, in den Keller. Der Fuchs, wie er ihn sah, war mit einem Satz zum Loch draussen: der Wolf wollte nach, aber er hat­te sich so dick gefressen, dass er nicht mehr durch kon­nte, son­dern steck­en blieb. Da kam der Bauer mit einem Knüp­pel und schlug ihn tot. Der Fuchs aber sprang in den Wald und war froh, dass er den alten Nim­m­er­satt los war.

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