Der Wolf und das Menschenkind

von Josef Haltrich

~5 Min

Der Wolf rühmte sich ein­mal gegen den Fuchs, er sei der Stärk­ste auf Erden, er fürchte sich vor nie­mand. Da sprach der Fuchs: Ich kenne doch wohl einen, der stärk­er ist, das ist das Men­schenkind.“ – Was?“ rief der Wolf, dem möcht ich doch alle Knochen zerk­natschen und zer­beißen, wenn ich es sähe!“ – Ich will dich zu einem hin­führen“, sagte der Fuchs. 

Als sie so hingin­gen, kam ein alter Mann ganz krumm und gebückt. Ist das ein Men­sch?“ rief der Wolf. Das war ein­er!“ sagte der Fuchs. Sie gin­gen ein wenig weit­er, da spielte ein Kind im Felde. Ist das ein Men­sch?“ – Das wird ein­er!“ sagte der Fuchs. Sie macht­en nur einige Schritte, da trat der Jäger aus dem Wald her­vor. Nun, das ist ein Men­sch“, sprach der Fuchs ängstig und schlich auf der Stelle seitwärts. 

Der Wolf aber war ganz wild und trotzig, ging auf den Jäger los und sprach: Dem will ich bald die Nieren prüfen!“ Der Jäger stand ruhig und wartete; als der Wolf schußgerecht war, zielte er und drück­te los. Der Wolf stutzte über das Krachen, und sogle­ich kitzelte ihn etwas so unan­genehm ins Gesicht, und das Blut rann ihm von der Stirne. Er ging aber den­noch auf den Jäger zu; der griff nach dem Hirschfänger, und als der Wolf ihn pack­en wollte, stocherte er ihm einige Male in die Seite, daß diesem die Lust dazu verg­ing und er laut heulte und fortlief. 

Der Fuchs lachte sich in den Bauch, als er den Wolf kom­men sah. Nun, wer ist stärk­er, Gevat­ter?“ – Der Teufel!“ sprach der Wolf, das war mir so ein Kerl, der hat­te ein langes, krummes Holz, hin­ten rauchte es und vorne fuhr das Don­ner­wet­ter her­aus, dann nahm er eine Hand­voll Steinchen und warf mir ins Gesicht, und zulet­zt zog er eine Rippe aus sein­er Seite und stocherte mir in den Magen, das war noch das ärg­ste. Ja, so einen habe ich nicht mehr gesehen!“