Der Wind erzählt von Waldemar Daa und seinen Töchtern

von Hans Christian Andersen

~21 Min

Wenn der Wind über das Gras dahin­läuft, kräuselt es sich wie ein Gewäss­er. Läuft er über die Saat­en hin, dann wogen und wallen sie wie die hohe See. Dies ist der Tanz des Windes! Und wie singt er dann aus voller Brust, und wie klingt es gar ver­schieden durch die Wipfel des Waldes, durch die Schal­l­löch­er und Ritzen und Sprünge in der Mauer! Siehst du, wie der Wind dort oben die Wolken jagt, als seien sie eine verängstigte Läm­mer­herde! Hörst du, wie der Wind hier unten durch das offene Tor heult, als sei er ein Wächter und blasé in sein Horn! Mit wun­der­lichen Tönen saust und pfeift er in den Kamin hinein. Das Feuer flammt und knis­tert dabei und leuchtet weit in das Zim­mer. Warm und gemütlich ist dann im Stübchen, und du kannst dir eine Geschichte vom Wind erlauschen.

Las­set den Wind nur erzählen, weiß er doch in Hülle und Fülle Märchen und Geschicht­en, viel mehr als wir alle zusam­men. Nun höret ein­mal zu, wie der Wind erzählt: Huh-uh-usch! Dahinge­braust!” Das ist der Refrain seines Liedes.

An den Ufern des Großen Belts, ein­er der großen Wasser­straßen, die das Kat­te­gatt mit der Ost­see verbinden, liegt ein alter Her­ren­sitz mit dick­en, roten Mauern”, sagt der Wind. Ich kenne jeden Stein darin, und ich habe sie schon damals gese­hen, als sie noch zur Burg des Marks Stig auf der Landzunge gehörten. Der musste aber dort herunter! Die Steine kamen wieder hin­aus und wur­den zu ein­er neuen Mauer, einem neuen Her­ren­sitz an einem anderen Ort. Sie wur­den zum Her­ren­sitz Bor­re­by, wie er jet­zt noch an der Küste steht.

Ich habe sie gekan­nt, die hochadeli­gen Her­ren und Frauen, die wech­sel­nden Geschlechter, die darin­nen gehaust haben. Jet­zt erzäh­le ich von Walde­mar Daa und seinen Töchtern. Wie stolz trug er die Stirn, war er doch von königlichem Geblüt! Er kon­nte mehr als bloß den Hirsch jagen und den Humpen leeren. Es werde sich schon machen lassen, pflegte er zu sagen.

Seine Gemahlin schritt stolz in goldgewirk­ten Gewän­dern über den blanken, getäfel­ten Fuß­bo­den dahin. Die Tape­ten waren prächtig, die Möbel kun­stvoll geschnitzt und teuer gekauft. Gold- und Sil­berzeug hat­te sie ins Haus gebracht und deutsches Bier lagerte im Keller. Schwarze, mutige Heng­ste wieherten im Stall, ja, es sah reich im Her­ren­hause von Bor­re­by aus, damals als der Reich­tum noch herrschte.

Und Kinder waren auch dort. Sie hießen Ida, Johan­na und Anna Dorothea. Ihre Namen sind mir noch immer geblieben. Reiche Leute waren es, vornehme Leute, in Her­rlichkeit geboren, und in Her­rlichkeit erzo­gen! — Huh-uh-usch! Dahinge­braust”, sang der Wind, und dann erzählte er weiter:

Hier sah ich nicht die hochge­borene Frau unter ihren Mäg­den den Spin­nrock­en drehen, wie auf den anderen alten Her­ren­sitzen. Die Her­rin von Bor­re­by schlug die klin­gen­den Sait­en der Zither und sang dazu, aber nicht immer die alten dänis­chen Weisen, son­dern Lieder in fremder Sprache. Hier war ein Leben und Leben lassen. Fremde Gäste kamen, herange­zo­gen von nah und fern, die Musik klang, die Bech­er klan­gen, und ich ver­mochte nicht, diese Klänge zu übertö­nen!” Hochmut und Hof­fart mit Prunk und Pracht gab es im Über­fluss”, sprach der Wind, aber der Her­rgott war nicht eingeladen!”

Es war ger­ade am Abend des ersten Maien­t­ages”, sprach der Wind, ich kam aus dem West­en und hat­te gese­hen, wie die Schiffe mit Mann und Maus von den Meereswellen zer­malmt an die West­küste Jüt­lands gewor­fen wur­den. Ich war über die Hei­de und über Jüt­lands östliche Küste, über die Insel Fünen dahinge­jagt und fuhr nun ächzend und prus­tend über den Großen Belt. Da legte ich mich zur Ruhe auf den Strand von See­land. Das war in der Nähe vom Her­ren­sitz Bor­re­by, wo damals noch der her­rliche Eichen­wald prangte. Die jun­gen Knechte aus der Gegend lasen Reisig und Äste unter den Eichen auf. Die größten und dürrsten, die sie fan­den, tru­gen sie in das Dorf, türmten sie zu einem Haufen auf, und zün­de­ten sie an. Knechte und Mägde tanzten sin­gend im Kreise um den flam­menden Scheit­er­haufen herum. Ich lag ganz ruhig”, sagte der Wind, aber ich berührte leise einen Ast, der von dem schön­sten Knecht hinzuge­tra­gen wor­den war. Sein Holz flammte am höch­sten, so war er der Auserko­rene und trug von Stund an den Ehren­na­men Der Maien­bock’. Er wählte als Erster unter den Mäg­den sein Maien­lämm­chen’ aus. Da war eine große Freude, ein Jubel, mehr noch, als in den Sälen des Her­ren­sitzes je zu hören war.

Zur sel­ben Zeit fuhren die hohe Frau und ihre drei Töchter sechsspän­nig, in ver­gold­e­ter Karosse auf den Her­ren­sitz zu. Die Töchter waren zart und jung, drei reizende Blu­men: Rose, Lilie und die blasse Hyazinthe. Die Mut­ter war eine prahlende Tulpe. Sie dank­te nicht einem aus der ganzen Schar der Knechte und Mägde, die im Spiel innehiel­ten und nick­end grüßten. Man hätte glauben kön­nen, die gnädi­ge Frau sei etwas steif im Stängel.

Rose, Lilie und die blasse Hyazinthe, ja, ich sah sie alle drei! Wessen Maien­lämm­chen wür­den sie wohl einst wer­den, dachte ich. Ihr Maien­bock wird ein stat­tlich­er Rit­ter sein, ein Prinz vielle­icht! — Huh-uh-usch! Dahinge­braust! Hinge­braust? — Ja, die Karosse brauste mit ihnen dahin, und die Bauer­sleute brausten im Tanze. Sie rit­ten den Som­mer ein in alle Dör­fer der Gegend.

Aber in der Nacht, als ich mich erhob”, sprach der Wind, legte sich die vornehme Frau nieder, um nicht mehr aufzuste­hen. Es überkam sie das, was alle Men­schen überkommt, das ist nichts Neues.

Walde­mar Daa stand eine Weile ernst und gedanken­schw­er vor dem Bette sein­er Frau. Der stolzeste Baum kann gebeugt, aber nicht geknickt wer­den’, sprach es in seinem Innern. Die Töchter wein­ten, und alle Leute auf dem Her­ren­sitz trock­neten sich die Augen, aber die Frau Daa war nun dahinge­fahren. — und ich fuhr auch dahin, brauste dahin! Huh-uh-usch!”, sprach der Wind.

Ich kehrte wieder, ich kehrte oft wieder über Fünen­land und den Strand des Beltes. Ich ließ mich nieder bei Bor­re­by an dem prächti­gen Eichen­wald, dort, wo die Fis­chrei­her, die Wald­tauben, die blauen Raben und gar der schwarze Storch nis­teten. Es war Früh­jahr! Einige hat­ten noch Eier und brüteten, andere hat­ten schon die Jun­gen aus­ge­brütet. Nein, wie sie auf­flo­gen, wie sie schrieen! Die Axt erk­lang Schlag auf Schlag, denn der Wald sollte gefällt werden.

Walde­mar Daa wollte ein prächtiges Schiff, ein Kriegss­chiff, einen Drei­deck­er bauen, welch­es der König sich­er kaufen würde. Deshalb fiel der Wald, das Wahrze­ichen der Seefahrt, die Heimat der Vögel. Der Habicht schreck­te auf und flog davon, sein Nest wurde zer­stört. Der Fis­chrei­her und alle Vögel des Waldes flo­gen ziel­los, verängstigt und zornig umher. Ich ver­stand es wohl, wie ihnen zumute war. Krähen und Dohlen, schrieen laut wie zum Spott: Krach! Krach! Das Nest kracht! Krah, Krah!

Weit drin­nen im Walde, wo die Schar der Arbeit­er tobte, standen Walde­mar Daa und seine Töchter. Sie lacht­en über das wilde Geschrei der Vögel. Nur der jüng­sten Tochter, Anna Dorothea, tat es im Herzen weh. Und als man darange­hen wollte, auch einen Baum zu fällen, auf dessen nack­tem Gezweig der schwarze Storch sein Nest gebaut hat­te, bat sie um Scho­nung für die Kleinen und tat es mit nassem Auge. Da ließ man den Baum mit dem Nest des schwarzen Storch­es ste­hen. Der kranke Baum war ohne­hin nicht der Rede wert.

Es wurde gehauen und gesägt und ein Schiff mit drei Verdeck­en gebaut. Der Baumeis­ter sel­ber war von geringem Holz, aber von bestem Stolz. Augen und Stirn sprachen davon, wie klug er sei, und Walde­mar Daa hörte ihn gern erzählen. Auch sein Töchterklein Ida, mit fün­fzehn die älteste von den Dreien, hörte ihm gerne zu. Und während der Baumeis­ter dem Vater ein Schiff erbaute, baute er für sich sel­ber und Ida ein Luftschloss, wo sie als Mann und Frau ein­zo­gen. Was wohl geschehen wäre, wenn dieses Schloss aus stein­er­nen Mauern mit Wall und Graben, mit Wald und Park gewe­sen wäre. Aber ungeachtet seines klu­gen Kopfes blieb der Meis­ter doch nur ein armer Vogel. Was sollte der Spatz also beim Pfauen­tanz? Huh-uh-usch! — Ich fuhr davon und der Meis­ter auch, denn er durfte nicht bleiben. Und Idalein ver­schmerzte es, weil sie es ver­schmerzen musste!

Im Stalle wieherten die stolzen Rap­pen. Sie waren das Anschauen wert, und sie wur­den auch angeschaut. Der Admi­ral, der vom König sel­ber gesandt war, um das neue Kriegss­chiff zu besichti­gen, sprach in lauter Bewun­derung von den schö­nen Pfer­den. Ich hörte alles”, sagte der Wind, denn ich begleit­ete die Her­ren durch die offene Tür und streute Stro­hhalme gle­ich Gold­bar­ren vor ihre Füße. Gold wollte Walde­mar Daa für das Schiff haben. Der Admi­ral wollte aber die stolzen Rap­pen als Anerken­nung für seine Dien­ste haben, deshalb lobte er sie sehr. Das wurde von Walde­mar Daa aber nicht ver­standen, und darum wurde das Schiff auch nicht gekauft. Es blieb auf dem Strande liegen, überdeckt mit Bret­tern, eine Arche Noah, die nie ins Wass­er gelangte. Huh-uh-usch, dahinge­braust! Hin! Und das war kläglich!

Zur Win­terzeit, wenn die Felder mit Schnee bedeckt und die Gewäss­er voller Treibeis waren, das ich zur Küste hin­auf­schob”, sprach der Wind, kamen Krähen und Raben in großen Scharen. Sie ließen sich auf das öde, tote, vere­in­samte Schiff am Strand nieder und schrieen in heis­eren Tönen vom dem Wald, der dahin gegan­gen war. Die Vögel beklagten die vie­len prächti­gen Nester, die heimat­losen Kleinen. Das alles war nur um des großen Gerüm­pels willen geschehen, das niemals hin­aussegeln sollte.

Ich machte ein ordentlich­es Schneegestöber, und der Schnee lag wie große Brech­er hoch um das Schiff herum. So ließ ich es meine Stimme vernehmen, damit es lerne, was ein Sturm zu sagen ver­mag. Gewiss, ich tat das Meinige, dass es Schiffsken­nt­nisse bekam. Huh-uh-usch! Fahr dahin!

Win­ter und Som­mer fuhren dahin, wie ich dahin­fahre. Dahin, dahin, dahin fahren auch die Menschen!

Doch die Töchter von Walde­mar Daa waren noch jung. Idalein war wie eine Rose, so schön anzuschauen wie damals, als der Schiffs­baumeis­ter sie sah. Oft fasste ich in ihr langes, braunes Haar, wenn sie im Garten am Apfel­baum stand. Sie merk­te nicht dass ich ihr Blüten übers Haar streute und es löste, während sie die rote Sonne und den gold­e­nen Him­mel durch zwis­chen den Bäu­men des Gartens erblickte.

Ihre Schwest­er war wie die Lilie, glänzend und schlank. Johan­na hat­te Hal­tung und Gestalt, wie die Mut­ter, war aber etwas steif im Stän­gel. Gar gern durch­wan­delte sie den großen Saal, wo die Ahnen­bilder hin­gen. Die Frauen waren in Samt und Sei­de gemalt, mit einem kleinen per­lenge­stick­ten Hütchen auf den Haarflecht­en. Das waren wirk­lich schöne Frauen! Die Her­ren erblick­te man dort in Stahl oder in kost­baren Män­teln, die mit Eich­hörnchen­fell gefüt­tert waren. Sie tru­gen kleine Hal­skrausen, und das Schw­ert war ihnen um die Lende, nicht um die Hüfte geschnallt. Wo würde wohl einst das Bild von Johan­na hän­gen, und wie würde wohl der adelige Herr und Gemahl ausse­hen? Ja, daran dachte sie, davon sprach sie leise in sich hinein. Ich hörte es, wenn ich durch den lan­gen Gang in den Saal hine­in­fuhr und drin­nen wieder umkehrte!

Anna Dorothea, die blasse Hyazinthe, ein vierzehn­jähriges Kind nur, war still und beson­nen. Die großen wasserblauen Augen schaut­en gedanken­schw­er drein, aber das Lächeln eines Kindes umspielte noch immer ihre Lip­pen. Ich kon­nte es nicht hin­weg­blasen, und ich wollte es auch nicht.

Wir begeg­neten und und im Garten, im Hohlweg, auf Feld und Flur. Sie sam­melte Kräuter und Blu­men, von denen sie wusste, dass ihr Vater sie zu den Getränken und Tropfen des­til­lierte. Walde­mar Daa war hochmütig und stolz, aber auch ken­nt­nis­re­ich, und er kan­nte sich in vie­len Din­gen gut aus. Das war kein Geheim­nis, und es wurde auch viel davon gemunkelt. Das Feuer bran­nte selb­st zur Som­merzeit in seinem Kamin. Er schloss die Kam­mertüre stets ab, während das Feuer Tage und Nächte lang geschürt wurde, aber davon wollte er nicht sprechen. Die Naturkräfte muss man schweigend ban­nen, und er sollte schon bald das Beste find­en — das rote Gold.

So rauchte und knis­terte es aus dem Kamin. Ja, ich war dabei!”, erzählte der Wind. Lass ab, lass ab, sang ich durch den Schorn­stein hinab. Es wird zu Rauch, Schmauch, Kohle und Asche, und du wirst dich selb­st ver­bren­nen! Huh-uh-usch, fahr dahin, fahr dahin! Aber Walde­mar Daa ließ es nicht fahren.

Die prächti­gen Rap­pen im Stall — wo blieben die? Die alten sil­ber­nen und gold­e­nen Gefäße in Schränken und Kisten, die Kühe auf dem Feld, Haus und Hof? Ja, die kön­nen schmelzen, in einem gold­e­nen Tiegel schmelzen, und geben doch kein Gold.

Es wurde leer in der Sche­une und in der Vor­ratskam­mer, im Keller und auf dem Boden. Die Leute nah­men ab, die Mäuse nah­men zu. Eine Fen­ster­scheibe zer­sprang, eine andere zer­brach, ich brauchte nicht mehr durch die Türe gehen!”, sagte der Wind. Wo der Schorn­stein raucht, wird die Mahlzeit gebrat­en, heißt es in einem Sprich­wort. Nun, der Schorn­stein rauchte — er, der alle Mahlzeit­en ver­schlang, um des roten Goldes willen.

Ich blies durch das Hoftor, als sei ich ein Wächter, der ins Horn blies. Aber kein Wächter war da!”, sprach der Wind. Ich drehte den Wet­ter­hahn an der Turm­spitze. Er schnar­rte, wie einst der Turmwächter schnar­chte, aber der Wächter nicht mehr da. Armut deck­te den Tisch, Armut saß dort im Klei­der­schrank und im Küchen­schrank. Die Tür ging aus den Angeln. Risse und Sprünge kamen zum Vorschein, und ich ging dort ein und aus”, sprach der Wind.

In Rauch und Asche, in Kum­mer und in schlaflos­er Nacht ergraute das Haar von Walde­mar Daa. Die Haut erblasste und vergilbte, und die Augen schaut­en gierig nach Gold, nach dem ersehn­ten Gold.

Ich blies ihm Rauch und Asche auf Gesicht und Bart. Schulden statt Gulden kamen her­aus. Ich sang durch die zer­sprun­genen Fen­ster­scheiben und die klaf­fend­en Mauer­ritzen hin­durch. Ich blies hinein in die Truhen der Töchter, in denen die Klei­der verblassen, weil sie immer und immer wieder getra­gen wer­den mussten. Dieses Lied war den Kindern nicht an der Wiege gesun­gen wor­den! Aus dem Her­ren­leben wurde ein Kum­mer­leben! Ich allein jubelte laut im Schloss”, sprach der Wind.

Es man­gelte an Holz, denn der Wald war umge­hauen, aus dem sie es hät­ten holen kön­nen. Es war schnei­den­der Frost, und ich schwang mich durch Schal­l­löch­er und Gänge, über Giebel und Mauern, damit ich flink bliebe. Drin­nen lagen sie im Bett, der Kälte wegen. Die adeli­gen Töchter, selb­st der Papa kroch unter die led­erne Bettdecke. Nichts zu beißen, nichts zu brechen, kein Feuer im Kamin, das ist ein Her­ren­leben! Huh-uh-usch! Lass fahren! Doch das kon­nte Herr Daa nicht, er kon­nte es nicht lassen!

Nach dem Win­ter kommt der Früh­ling!’, sagte Herr Daa, Nach der Not kom­men die guten Zeit­en.’ Man müsse nur nicht die Geduld ver­lieren, man müsse warten kön­nen! Jet­zt ist Haus und Hof verpfän­det, jet­zt ist es die äußer­ste Zeit — und wann wird das Gold wohl kom­men? Zu Ostern?

Ich hörte, wie er in das Gewebe der Spinne hinein­sprach: Du flink­er klein­er Weber, du lehrst mich aushar­ren! Zer­reißt man dein Gespinst, so beginnst du wieder von neuem und vol­len­d­est es. Wieder zer­ris­sen — und unver­drossen gehst du wieder an die Arbeit! Das ist es, war wir tun müssen, und das wird belohnt.’

Es war am Oster­mor­gen. Die Glock­en klan­gen herüber von der nahen Kirche, und die Sonne tanzte am Him­mel. In Fieber­wal­lung hat­te Herr Daa die Nacht durchwacht, hat­te geschmolzen und abgekühlt, gemis­cht und des­til­liert. Ich hörte ihn seufzen wie eine verzweifelte Seele. Ich hörte ihn beten und ver­nahm, wie er seinen Atem anhielt. Die Lampe war aus­ge­bran­nt, er bemerk­te es nicht. Ich blies das Kohlen­feuer an. Es warf einen roten Schein in sein krei­deweißes Antlitz, das dadurch Farbe bekam. Die Augen star­rten zusam­mengeknif­f­en aus ihren tiefen Höhlen her­aus, doch nun wur­den sie größer und größer, als woll­ten sie zerspringen.

Seht das alchimistis­che Glas! Es glänzt in dem Glas, glühend, pur und schw­er!’, rief Herr Daa. Er hob es mit zit­tern­der Hand, er rief mit zit­tern­der Zunge: Gold! Gold!’

Ihm schwindelte dabei, ich hätte ihn umblasen kön­nen”, erzählte der Wind weit­er. Doch ich fachte nur die glühen­den Kohlen an und begleit­ete ihn durch die Türe, wo die Töchter saßen und froren. Sein Rock war mit Asche bestreut, und Asche hing in in seinem ver­wor­re­nen Haar und in seinem Barte. Er richtete sich hoch auf, hob seinen reichen Schatz in dem zer­brech­lichen Glas empor: Gefun­den! Gewon­nen! — Gold!’, rief er und hielt das Glas hoch in die Höhe, dass es in den Son­nen­strahlen blitzte. Seine Hand zit­terte, und das alchimistis­che Glas fiel klin­gend zu Boden und zer­sprang in tausend Stücke. Zer­platzt war die let­zte Blasé seines Glück­es. Huh-uh-usch! Dahinge­fahren! Und ich fuhr davon vom Her­ren­hof des Goldmachers.

Im Spätherb­st, in den kurzen Tagen, wenn der Nebel kommt und nasse Tropfen auf die roten Beeren und die ent­blät­terten Zweige set­zt, kehrte ich zurück. In frisch­er Stim­mung jagte ich durch die Luft, fegte den Him­mel rein und knick­te die dür­ren Zweige, was freilich keine große Arbeit ist. Aber es muss getan wer­den! Da wurde auch in ander­er Weise auf dem Her­ren­sitz Bor­re­by reinge­fegt. Ein Feind von Walde­mar Daa mit Namen Owe Ramel von Bas­näs war dort. Er hat­te den Schuld­brief über Haus und Hof und alles, was sich im Hause befand, in der Tasche. Ich trom­melte an die zer­sprun­genen Fen­ster­scheiben, schlug mit den alten morschen Türen, pfiff durch Ritzen und Spal­ten: Huh-ih! — Herr Owe sollte nicht ger­ade Lust ver­spüren, dazubleiben. Ida und Anna Dorothea wein­ten bit­ter­lich. Johan­na stand stolz und blass da und biss sich in den Dau­men, dass er blutete! Owe Ramel ges­tat­tete Her­rn Daa, bis an das Ende seines Lebens auf dem Her­ren­hof zu bleiben, aber man dank­te ihm nicht für sein Ange­bot. Ich sah den obdachlosen Her­rn seinen Kopf stolz erheben und empor wer­fen, und ich warf mich der­maßen gegen das Haus und die alten Lin­den, dass ein­er der dick­sten Zweige brach. Der Zweig blieb an der Ein­fahrt liegen, ein Reisigbe­sen, wenn jemand auskehren wollte. Und aus­gekehrt wurde dort, das merk­te ich wohl.

Es war ein har­ter Tag, um Hal­tung zu bewahren. Nichts kon­nte die Fam­i­lie Daa noch ihr Eigen­tum nen­nen, außer was sie an Klei­dern am Leibe tru­gen. Und doch war da etwas, das alchimistis­che Glas. Es war erst kür­zlich gekauft und mit dem ange­füllt wor­den war, was man als ver­schüt­tet vom Boden wieder aufge­le­sen hat­te. Der Schatz, der viel ver­sprach, aber sein Ver­sprechen nicht hielt. Walde­mar Daa ver­barg des Glas an sein­er Brust, nahm darauf seinen Stock zur Hand, und wan­derte mit seinen drei Töchtern aus dem Her­ren­sitz Bor­re­by. Ich blies kalt auf seine heißen Wan­gen. Ich strich seinen grauen Bart, sein langes weißes Haar, und ich sang, wie ich es eben ver­stand: Huh-uh-usch! Dahinge­fahren! Dahinge­fahren! Fahren! Das war das Ende der reichen Herrlichkeit.

Sie schrit­ten den Weg ent­lang, wo sie einst dahinge­fahren waren in der reichen Karosse. Sie gin­gen den Bet­t­ler­gang mit dem Vater, wan­derten hin­aus auf das offe­nen Feld, auf die Hei­de in die Lehmhütte, die sie für anderthalb Taler jährliche Miete erstanden hat­ten. Dieser neue Her­ren­sitz war kahl und leer. Krähen und Dohlen flo­gen über sie dahin und schrieen wie zum Spott: Krah, krah, aus dem Nest! Krah, krah!’ So hat­ten sie es auch im Wald bei Bor­re­by getan, als die Bäume gefällt wur­den. Herr Daa und seine Töchter hörten es wohl, aber was soll­ten sie noch weit­er horchen?

Sie zogen hinein in die Lehmhütte auf dem offe­nen Feld, und ich fuhr dahin über Moor und Feld, durch nack­tes Gebüsch und ent­blät­terte Wälder. Huh-uh-usch! Dahinge­fahren! Fahren! Jahraus, jahrein!”

Wie erg­ing es nun Walde­mar Daa? Wie erg­ing es seinen Töchtern? Der Wind kann es uns erzählen:

Die, welche ich zulet­zt sah, war Anne Dorothea, die blasse Hyazinthe. Damals war sie alt und gebeugt, und es war ein halbes Jahrhun­dert später. Sie blieb länger als die anderen am Leben.

Drüben auf der Hei­de, bei der alten jütländis­chen Kreis­stadt Wiborg, lag das neue schöne Haus des Dom­pro­p­stes aus roten Mauer­steinen mit geza­ck­tem Giebel. Der Rauch quoll dicht aus dem Schorn­stein her­aus. Die san­fte Frau Prop­stin und die hold­en Töchter saßen im Erk­er und schaut­en über das hän­gende Hage­dornge­büsch des Gartens hin­aus in die braune Hei­de. Wonach schaut­en sie? Ihre Blicke fie­len auf ein Storchennest, draußen auf der baufäl­li­gen Hütte. Das Dach bestand aus Moos und Laub, soweit man über­haupt von einem Dache sprechen kon­nte. Das Nest des Storch­es deck­te ein großen Teil schützend ab, und das allein wurde auch instand gehalten.

Es war ein Haus zum Anschauen, nicht zum Anfassen. Ich musste behut­sam damit umge­hen”, sagte der Wind. Das Häuschen ließ man für den Storch noch ste­hen, obgle­ich es die Hei­de­land­schaft arg verun­stal­tete. Und so kon­nte auch die arme Frau darin wohnen bleiben. Das hat­te sie also dem ägyp­tis­chen Vogel zu ver­danken, oder war es vielle­icht Vergel­tung, weil sie sich einst den schwarzen Storchen­brud­er im Wald bei Bor­re­by einge­set­zt hat­te? Damals war sie noch ein junges Kind, eine zarte, blasse Hyazinthe in dem adeli­gen Garten. Sie erin­nerte sich daran, die gute Anna Dorothea.

Ja, die Men­schen kön­nen schon seufzen, wie es der Wind im Schilf und im Röhricht tut. Oh weh! Keine Glock­en läuteten zu deinem Begräb­nis, Walde­mar Daa! Die armen Schulkn­aben san­gen nicht, als der alte Herr von Bor­re­by in die Erde gebet­tet ward! — Oh! Alles hat ein Ende, auch das Elend!

Schwest­er Ida wurde auch noch das Weib eines Bauern. Das war dem Vater die härteste Prü­fung! Der Mann sein­er Tochter war nun ein elen­der Leibeigen­er, der vom Gut­sher­rn aufs hölz­erne Pferd gebracht wer­den kon­nte! Jet­zt ist er aber wohl unter der Erde, genau wie du, meine kleine Ida.

Die Dritte von den Schwest­ern habe ich mich selb­st unter meine Fit­tiche genom­men!”, sprach der Wind. Mannhaft war ihr Sinn, und in Man­nesklei­dern, verd­ingte sie sich an Bord eines Segelschiffes. Sie war karg mit Worten, fin­ster im Gesicht, aber fleißig bei ihrer Arbeit. Doch sie ver­stand das Klet­tern nicht, so blies ich sie denn über Bord, ohne dass es jemand erfahren hat. Das war mein­er Ansicht nach gut gemacht”, sagte der Wind.

An einem Oster­mor­gen ver­nahm ich dann Psalmen­klänge unter dem Storchennest. Es war das let­ztes Lied für Anna Dorothea. Ein Fen­ster war nicht da, nur ein Loch in der Wand. Die Sonne kam her­auf, einem Gold­klumpen gle­ich, und set­zte sich hinein. War das ein Glanz! Ihre Augen brachen, ihr Herz brach! Das hät­ten sie auch getan, wenn die Sonne an jedem Mor­gen nicht auf Anna Dorothea geschienen hätte.

Der Storch deck­te ihre Hütte bis zu ihrem Tode, und ich sang an ihrem Grab!”, sprach der Wind. Ich sang auch am Grab ihres Vaters, denn ich weiß wo alle ruhen. Das weiß son­st niemand.

Neue Zeit­en, andere Zeit­en! Die alte Heer­straße führt in das umzäunte Feld. Wo die gehegten Gräber lagen, schlän­gelt sich die Land­straße hin, und bald kommt der Dampf mit sein­er Wagen­rei­he und braust dann über die Gräber, deren Namen vergessen sind. Huh-uh-usch! Dahingefahren!

Das ist die Geschichte von Walde­mar Daa und seinen Töchtern. Erzählt sie bess­er, ihr anderen, wenn ihr kön­nt!”, sprach der Wind und drehte sich. Dahin war er.