Der Vogel Greif

von Brüder Grimm

~14 Min

Es war ein­mal ein König, wo der regiert und wie er geheis­sen hat, weiss ich nicht mehr. Er hat keinen Sohn gehabt, nur eine einzige Tochter, die war immer krank, und kein Dok­tor kon­nte sie heilen. Da wurde dem König geweis­sagt, seine Tochter werde sich an Äpfeln gesun­dessen. Da liess er durch sein ganzes Land bekan­nt­machen: Wer sein­er Tochter Äpfel bringe, dass sie sich daran gesun­dessen könne, der könne sie zur Frau haben und oben­drein König wer­den. Das hörte dann auch ein Bauer, der hat­te drei Söhne. Er sagte zum ältesten: Geh auf den Spe­ich­er, nimm einen Hand­ko­rb voll der schön­sten Äpfeln mit roten Back­en und trag sie zum Königshof; vielle­icht kann sich die Königstochter dran gesun­dessen, und darf­st sie heirat­en und wirst König.“ Der Sohn machte es so und nahm den Weg unter seine Füsse. Wie er eine Zeit­lang gegan­gen war, begeg­nete er einem kleinen eis­grauen Männlein, das ihn fragte, was er in seinem Korb hätte. Ulrich – das war sein Name – sagte darauf: Froschschenkel.“ Das Männlein sagte darauf: Nun, so sollen’s welche sein und bleiben,“ und ist weit­erge­gan­gen. Endlich kam Ulrich vor das Schloss und liess sich anmelden und sagte, er habe Äpfel, die die Tochter gesund­machen wür­den, wenn sie davon ässe. Das freute den König sehr, und er liess den Ulrich zu sich kom­men. Aber – o weh! – als er aufdeck­te, so waren anstatt Äpfel Froschschenkel im Korb, die noch zap­pel­ten. Darüber wurde der König sehr böse und liess ihn aus dem Schloss jagen. Wie er zu Hause angekom­men war, erzählte er seinem Vater, wie es ihm ergan­gen war. Daraufhin schick­te der Vater den nächst ältesten Sohn, der Samuel hiess; aber dem erg­ing es genau­so wie dem Ulrich. Ihm begeg­nete auch das kleine Männlein, das ihn fragte, was er im Korbe trage. Und Samuel sagte: Schweins­borsten,“ und das eis­graue Männlein sagte: Nun, so sollen’s welche sein und bleiben.“ Wie er nun vor das Königss­chloss kam und sagte, er habe Äpfel, an denen sich die Königstochter gesun­dessen könne, so woll­ten die Wachen ihn nicht ein­lassen und sagten, es sei schon mal ein­er dagewe­sen, der sie zum Nar­ren gehal­ten hätte. Samuel aber behar­rte ern­sthaft darauf, er habe gewiss Äpfel, sie soll­ten ihn nur ein­lassen. Endlich glaubten sie ihm und führten ihn vor den König. Aber als er seinen Korb aufdeck­te, so hat­te er halt nur Schweins­borsten dabei. Darüber erzürnte sich der König so schreck­lich, dass er Samuel aus dem Schloss peitschen liess. Zu Hause angekom­men, erzählte er, wie es ihm ergan­gen war.

Da kam der jüng­ste Bub, der nur der dumme Hans genan­nt wurde, und fragte den Vater, ob er auch mit Äpfeln gehen dürfe. Ja,“ sagte der Vater, du wärst der rechte Kerl dazu. Wenn die gescheit­en nichts aus­richt­en, was willst du dann aus­richt­en?“ Der Bub aber liess nicht lock­er: Jawohl, Vater, ich will auch gehen.“ – Geh mir doch weg, du dum­mer Kerl, du musst warten, bis du gescheit­er wirst,“ sagte darauf der Vater und kehrte ihm den Rück­en. Der Hans aber zupft ihn hin­ten am Kit­tel: Vater, ich will auch gehen!“ – Nun, meinetwe­gen, so geh! Du wirst wohl wieder zurück­kom­men,“ gab der Vater grantig zur Antwort. Der Bub aber freute sich sehr und machte einen Luft­sprung. Ja, tu jet­zt nicht wie ein Narr: du wirst von einem Tag zum andern immer düm­mer,“ sagte der Vater wieder. Das aber machte dem Hans nichts aus, und er liess sich in sein­er Freude auch nicht stören. Weil es aber schon auf die Nacht zug­ing, so dachte er, er wolle warten bis zum Mor­gen, er komme heute doch nicht mehr zum Hofe. Nachts im Bett kon­nte er nicht schlafen, und wann er ein­mal eingeschlum­mert war, dann träumte er von schö­nen Jungfrauen, von Schlössern, Gold und Sil­ber und aller­hand solch­er Sachen mehr. Am Mor­gen in der Frühe machte er sich auf den Weg, und gle­ich darauf begeg­nete ihm ein kleines mür­risches Män­nchen in einem eis­grauen Gewand und fragte ihn, was er da in seinem Korbe habe. Der Hans gab ihm zur Antwort, er habe Äpfel, an denen sich die Königstochter gesun­dessen sollte. Nun,“ sagte das Männlein, so sollen’s solche sein und bleiben.“

Aber am Hofe woll­ten sie den Hans dur­chaus nicht ein­lassen, denn es seien schon zwei dagewe­sen und hät­ten gesagt, sie brächt­en Äpfel: da habe der eine Froschschenkel, der andere Schweins­borsten dabeige­habt. Der Hans aber liess nicht lock­er und sagte, er habe gewiss keine Froschschenkel, son­dern die schön­sten Äpfel, die im ganzen Kön­i­gre­ich wüch­sen. Wie er nun so offen daherre­dete, dachte der Torhüter, der könne nicht lügen und liess ihn ein und hat­te danach recht getan, denn als der Hans seinen Korb vor dem König abdeck­te, so lagen goldgelbe Äpfel darin. Der König freute sich sehr und liess gle­ich sein­er Tochter davon brin­gen und wartete nun in banger Erwartung, bis man ihm Bericht brächte, welche Wirkung sie gehabt hät­ten. Aber nicht lange Zeit verg­ing, so brachte ihm jemand den Bericht; aber wer ist’s gewe­sen? Seine Tochter selb­st war es! Sobald sie von den Äpfeln gegessen hat­te, war sie gesund aus dem Bett gesprun­gen. Was der König für eine Freude gehabt hat­te, kann man nicht beschreiben. Aber jet­zt wollte er seine Tochter dem Hans nicht zur Frau geben und sagte, er müsse erst einen Nachen machen, der auf dem trock­e­nen Land noch bess­er gin­ge als im Wass­er drin. Der Hans nahm die Bedin­gung an und ging heim und erzählte, wie es ihm ergan­gen sei. Da schick­te der Vater den Ulrich ins Holz, um einen solchen Nachen zu machen. Er arbeit­ete fleis­sig und pfiff dazu. Am Mit­tag, als die Sonne am höch­sten stand, kam ein kleines eis­graues Männlein und fragte, was er da mache. Der Ulrich gab ihm zur Antwort: Einen Waschtrog.“ Das eis­graue Männlein sagte: Nun, so sollen’s welche sein und bleiben.“ Am Abend meinte der Ulrich, er habe jet­zt einen Nachen gemacht, aber als er sich hinein­set­zen wollte, da waren’s lauter Waschtröge. Am andern Tag ging der Samuel in den Wald, aber es erg­ing ihm genau­so wie dem Ulrich. Am drit­ten Tag ging der dumme Hans. Er schaffte recht fleis­sig, dass der ganze Wald von seinen Schlä­gen wider­hallte und pfiff und sang recht lustig dazu. Da kam wieder das eis­graue Männlein zu Mit­tag, wo es am heiss­es­ten war, und fragte, was er da mache. Einen Nachen, der auf dem trock­e­nen Land bess­er geht als auf dem Wass­er,“ und wenn er damit fer­tig sei, so bekomme er die Königstochter zur Frau. Nun,“ sagte das Männlein, dann soll’s ein­er wer­den und bleiben.“ Am Abend, als die Sonne ganz gold­en unterge­gan­gen war, hat­te der Hans seinen Nachen fer­tig mit allem, was dazu gehörte. Er set­zte sich hinein und rud­erte der Res­i­denz des Königs zu. Der Nachen aber ging so geschwind wie der Wind. Der König sah es von weit­em, wollte aber dem Hans seine Tochter noch nicht geben und sagte, er müsse erst noch hun­dert Hasen hüten – vom frühen Mor­gen bis zum späten Abend ‑und wenn ihm auch nur ein­er fortliefe, bekomme er die Tochter nicht. Der Hans war’s zufrieden, und gle­ich am andern Tag ging er mit sein­er Herde auf die Wei­de und passte sehr gut auf, dass ihm kein­er davon­liefe. Kurze Zeit danach kam eine Magd vom Schloss und sagte zum Hans, er solle ihr geschwind einen Hasen geben, sie hät­ten näm­lich plöt­zlich Besuch bekom­men. Der Hans aber merk­te wohl, wo das hin­aus wollte, und sagte, er gäbe keinen her, der König könne dann mor­gen seinem Besuch mit Hasenpf­ef­fer aufwarten. Die Magd aber gab sich damit nicht zufrieden und fing am Ende auch noch zu schimpfen an. Da sagte der Hans, wenn die Königstochter sel­ber komme, so wolle er ihr einen Hasen geben. Das sagte die Magd im Schloss, und die Königstochter ging daraufhin selb­st. Unter­dessen aber kam zum Hans wieder das eis­graue Männlein und fragte ihn, was er da tue. Ha,“ sagte Hans, ich muss hun­dert Hasen hüten, dass mir auch kein­er davon­läuft, dann darf ich die Königstochter heirat­en und werde König.“ – Gut,“ sagte das Männlein, da hast du ein Pfeifchen, und wenn dir ein­er davon­läuft, so pfeife nur, dann kommt er wieder zurück.“ Wie nun die Königstochter kam, gab Hans ihr einen Hasen in die Schürze. Aber wie sie hun­dert Schritte weg war, nahm er die Pfeife und pfiff, und der Hase sprang ihr aus der Schürze und – hast du’s nicht gese­hen? – kehrte wieder zur Herde zurück. Als es nun Abend war, pfiff der Hasen­hirte noch ein­mal und sah zu, dass alle da waren; dann trieb er sie zum Schloss. Der König war sehr ver­wun­dert, dass Hans imstande war, hun­dert Hasen zu hüten, ohne dass ihm ein­er davon­lief. Er wollte ihm die Tochter aber immer noch nicht geben und sagte, er müsse ihm erst eine Fed­er aus dem Schwanz des Vogel Greif brin­gen. Da machte sich Hans auf den Weg und marschierte rüstig voran. Am Abend kam er zu einem Schloss, da bat er um ein Nacht­lager, denn damals gab es noch keine Wirtshäuser; da sagte der Herr vom Schloss mit gross­er Freude zu und fragte ihn, wohin er wollte. Der Hans gab darauf zur Antwort: Zum Vogel Greif.“ – So, zum Vogel Greif? Hm, man sagt immer, der wisse alles, und ich habe den Schlüs­sel zur eis­er­nen Geld­kiste ver­loren: Ihr kön­nt doch so gut sein und ihn fra­gen, wo er sei.“ – Ja freilich,“ sagte der Hans, das will ich schon tun.“ Am Mor­gen in der Frühe ist er weit­erge­gan­gen und kam unter­wegs zu einem andern Schloss, in dem er wieder über Nacht blieb. Wie dort die Leute ver­nah­men, dass er zum Vogel Greif wolle, sagten sie, im Hause sei eine Tochter krank, und sie hät­ten schon alle Mit­tel ver­sucht, aber keines habe bish­er geholfen. Er solle doch so gut sein und den Vogel Greif fra­gen, was die Tochter wieder gesund­machen könne. Der Hans sagte, das wolle er gern tun, und ging weit­er. Da kam er zu einem Wass­er, und anstatt ein­er Fähre war da ein gross­er, gross­er Mann, der alle Leute hinüber­tra­gen musste. Der Mann fragte den Hans, wo seine Reise hingin­ge. Zum Vogel Greif,“ sagte der Hans. Nun, wenn Ihr zu ihm kommt,“ sagte da der Mann, so fragt ihn auch, warum ich alle Leute über das Wass­er tra­gen muss.“ Da sagte der Hans: Ja, mein Gott, ja, das will ich schon tun.“ Dann nahm ihn der Mann auf die Schul­ter und trug ihn hinüber. Endlich kam der Hans zum Haus vom Vogel Greif, aber es war nur seine Frau zu Hause und der Vogel Greif sel­ber nicht. Da fragte ihn die Frau, was er wolle. Da erzählte ihr der Hans alles, dass er eine Fed­er aus dem Schwanz des Vogel Greif holen sollte, und dann hät­ten sie in einem Schloss den Schlüs­sel zur Geld­kiste ver­loren, und er sollte den Vogel Greif fra­gen, wo der Schlüs­sel sei. Dann sei in einem andern Schloss eine Tochter krank, und er sollte wis­sen, was das Mäd­chen wieder gesund machte. Dann sei nicht weit von hier ein Wass­er und ein Mann dabei, der die Leute hinüber­tra­gen müsse, und er möchte auch gern wis­sen, warum dieser Mann alle Leute hinüber­tra­gen müsse. Da sagte die Frau: Ja schaut, mein guter Fre­und, es kann kein Christ mit dem Vogel Greif reden, er frisst sie alle; wenn Ihr aber wollt, so kön­nt Ihr Euch unter sein Bett leg­en, und zur Nacht, wenn er recht fest schläft, kön­nt Ihr her­au­flan­gen und eine Fed­er aus seinem Schwanz reis­sen; und wegen der Sachen, die Ihr wis­sen wollt, will ich ihn sel­ber fragen.“

Der Hans war damit zufrieden und legte sich unter das Bett. Am Abend kam der Vogel Greif heim. Und wie er in die Stube kam, so sagte er: Frau, ich rieche einen Chris­ten! Hier schmeckt’s nach Men­sch!“ – Ja,“ sagte da die Frau, es war heut ein­er da, aber er ist wieder fort­ge­gan­gen“; und da sagte der Vogel Greif nichts mehr. Mit­ten in der Nacht, als der Vogel Greif recht schnar­chte, langte Hans hin­auf und riss ihm eine Fed­er aus dem Schwanz. Da schreck­te der Vogel Greif plöt­zlich hoch und sagte: Frau, ich rieche einen Men­schen, und es ist mir, als habe mich jemand am Schwanz gez­er­rt!“ Da sagte die Frau: Du hast gewiss geträumt, und ich hab dir ja heut schon gesagt, es war ein Men­sch da, aber er ist wieder fort. Doch hat er mir aller­hand Sachen erzählt. Sie hät­ten in einem Schloss den Schlüs­sel zur Geld­kiste ver­loren und kön­nten ihn nicht mehr wiederfind­en.“ – Oh, die Nar­ren,“ sagte der Vogel Greif, der Schlüs­sel liegt im Holzhaus hin­ter der Tür unter einem Holzs­toss.“ – Und dann hat er auch gesagt, in einem Schloss sei eine Tochter krank, und sie wüssten kein Mit­tel, um sie gesundzu­machen.“ – Oh, die Nar­ren,“ sagte der Vogel Greif, unter der Keller­stiege hat eine Kröte ein Nest von ihren Haaren gemacht, und wenn sie die Haare wieder zurück­bekommt, so wird sie gesund.“ – Und dann hat er auch noch gesagt, es sei an einem Ort ein Wass­er und ein Mann dabei, der müsse alle Leute darüber­tra­gen.“ – Oh, der Narr,“ sagte der Vogel Greif, täte er nur ein­mal einen mit­ten rein­stellen, er müsste keinen mehr hinübertragen.“

Am andern Mor­gen in der Frühe stand der Vogel Greif auf und ging fort. Da kam Hans unter dem Bett her­vor und hat­te eine schöne Fed­er; auch hat­te er gehört, was der Vogel Greif gesagt hat­te wegen des Schlüs­sels und der Tochter und dem Manne. Die Frau vom Vogel Greif erzählte ihm dann alles noch ein­mal, dass er nichts vergesse, und dann ging er wieder nach Hause. Zuerst kam er zu dem Mann am Wass­er, der ihn gle­ich fragte, was der Vogel Greif gesagt habe. Da sagte der Hans, er solle ihn erst hinüber­tra­gen, er wolle es ihm dann drüben, am andern Ufer, sagen. Da trug ihn der Mann hinüber. Als er drüben war, sagte ihm der Hans, er sollte nur ein­mal einen mit­ten hinein in den Fluss stellen, so müsste er keinen mehr hinüber­tra­gen. Da freute sich der Mann vom Wass­er sehr und sagte zum Hans, er wolle ihn zum Dank noch ein­mal hin- und zurück­tra­gen. Da sagte der Hans, er wolle ihm die Mühe ers­paren, er sei schon mit ihm zufrieden und ging weit­er. Da kam er zu dem Schloss, wo die Tochter krank war, nahm sie auf die Schul­tern, denn sie kon­nte nicht laufen, trug sie die Keller­stiege hinab und nahm das Krötennest unter der unter­sten Stufe vor und gab es der Tochter in die Hände. Die sprang plöt­zlich von der Schul­ter herunter, die Stiege hin­auf und war wieder ganz gesund. Jet­zt hat­ten der Vater und die Mut­ter eine grosse Freude und schenk­ten dem Hans Gold und Sil­ber, und was er immer nur haben wollte, das gaben sie ihm. Als Hans nun zu dem andern Schloss kam, ging er gle­ich ins Holzhaus, und richtig, hin­ter der Tür unter einem Holzs­toss fand er den Schlüs­sel, den er sogle­ich dem Her­rn brachte. Er freute sich nicht wenig und gab dem Hans zur Beloh­nung viel von dem Gold, das in der Kiste war, und son­st noch aller­hand Sachen, wie Kühe und Schafe und Geissen.

Wie der Hans zum König kam mit all seinen Sachen, mit dem Geld und Gold und Sil­ber und den Kühen, Schafen und Geis­sen, fragte ihn der König, woher er das alles nur habe. Da sagte der Hans, der Vogel Greif gebe einem, so viel man wollte. Da dachte der König, er könne das auch brauchen, und machte sich auf den Weg zum Vogel Greif. Und als er zum Wass­er kam, da war er der erste, der nach dem Hans kam, und der Mann stellte ihn mit­ten im Wass­er ab und ging fort. Und der König ertrank. Der Hans aber heiratete die Tochter und wurde König.