Der verrostete Ritter

von Richard von Volkmann-Leander

~11 Min

Ein sehr reich­er und vornehmer Rit­ter lebte in Saus und Braus und war stolz und hart gegen die Armen. Deshalb ließ ihn Gott zur Strafe auf der einen Seite ver­rosten. Der linke Arm ver­rostete und das linke Bein; eben­so der Leib bis zur Mitte. Nur das Gesicht blieb frei. Da zog der Rit­ter an die linke Hand einen Hand­schuh, ließ ihn sich am Handge­lenk fest zunähen und legte ihn Tag und Nacht nicht ab, damit nie­mand sähe, wie sehr er ver­rostet sei. Darauf ging er in sich und ver­suchte einen neuen Lebenswan­del anz­u­fan­gen. Er entließ seine alten Fre­unde und Zechgenossen und nahm sich eine schöne und fromme Frau. Dies­selbe hat­te wohl manch­es Schlimme von dem Rit­ter gehört, aber weil sein Gesicht gut geblieben war, glaubte sie es, wenn sie allein war und darüber nach­dachte, nur halb, und wenn er bei ihr war und fre­undlich mit ihr sprach, gar nicht. Darum nahm sie ihn doch. Nach der Hochzeit aber, in der ersten Nacht, merk­te sie es, warum er niemals den Hand­schuh von der linken Hand abzog, und erschrak heftig. Sie ließ sich jedoch nichts merken, son­dern sagte am andern Mor­gen zu ihrem Manne, sie wolle in den Wald gehen, um in ein­er kleinen Kapelle, die dort stand, zu beten. Neben der Kapelle aber befand sich eine Klause, in der lebte ein alter Eremit, der hat­te früher lange in Jerusalem gelebt und war so heilig, daß die Leute von weit und bre­it zu ihm wall­fahrteten. Den gedachte sie um Rat zu fragen.

Als sie nun dem Eremiten alles erzählt hat­te, ging er in die Kapelle, betete dort lange zur Jungfrau Maria und sagte dann, als er wieder her­auskam: Du kannst deinen Mann noch erlösen, aber es ist schw­er. Fängst du es an und bringst es nicht zu Ende, so mußt du selb­st auch ver­rosten. Viel Unrecht hat dein Mann sein Leb­tag getan, und stolz und hart gegen die Armen ist er gewe­sen: willst du für ihn bet­teln gehen, bar­fuß und in Lumpen wie das allerärm­ste Bet­tler­weib, so lange, bis du hun­dert Goldgulden erbet­telt hast, so ist dein Mann erlöst. Dann nimm ihn an der Hand, gehe mit ihm in die Kirche und lege die hun­dert Goldgulden in das Kirch­beck­en für die Armen. Wenn du das tust, so wird Gott deinem Manne seine Sün­den vergeben, der Rost wird abge­hen, und er wird wieder so weiß wer­den wie zuvor.“

Das will ich tun“, sagte die Rit­ter­frau, und wenn es mir noch so schw­er wer­den wird und es noch so lange dauert. Ich will meinen Mann erlösen, denn er ist nur auswendig ver­rostet, das glaube ich ganz sicher!“

Darauf ging sie fort, tief in den Wald hinein, und nicht lange, so begeg­nete ihr ein altes Müt­terchen, welch­es Reisig suchte. Es hat­te einen zer­lumpten, schmutzi­gen Rock an und darüber einen Man­tel, der war aus eben­so vie­len Fleck­en zusam­menge­set­zt wie wei­land das Heilige Römis­che Reich; was aber die Flick­en früher für eine Farbe gehabt, das kon­nte man kaum mehr sehen, denn Regen und Son­nen­schein hat­ten schon viel Arbeit mit dem Man­tel gehabt.

Willst du mir deinen Rock und deinen Man­tel geben, alte Mut­ter“, sagte die Rit­ter­frau, so schenk ich dir alles Geld, was ich in der Tasche habe, und meine sei­d­nen Klei­der noch dazu; denn ich möchte gern arm sein.“

Da sah die alte Frau sie ver­wun­dert an und sprach: Will’s schon tun, will’s schon tun, mein blankes Töchterchen, wenn’s dein Ernst ist. Hab‘ schon viel gese­hen auf der Welt, auch viele Leute gefun­den, die gern reich wer­den woll­ten, daß aber jemand gern arm wer­den will, das ist mir noch nicht vorgekom­men. Wird dir schlecht schmeck­en mit deinen sei­de­nen Händ­chen und deinem süßen Frätzchen!“

Aber die Rit­ter­frau hat­te schon begonnen sich auszuziehen und sah dabei so ernst und so trau­rig aus, daß die Alte wohl merk­te, daß sie keinen Scherz treibe. Sie reichte ihr also Rock und Man­tel hin, half ihr sie anle­gen und fragte dann:

Was willst du nun tun, mein blankes Töchterchen?“

Bet­teln, Mut­ter!“ antwortete die Ritterfrau.

Bet­teln? Nun, gräme dich nicht darum, das ist keine Schande. An der Him­mel­stür wird’s auch manch­er tun müssen, der’s hier unten nicht gel­ernt hat. – Aber das Bet­tel­lied will ich dich erst noch lehren:

Bet­teln und lungern,
Dursten und hungern
Immer­dar, allezeit
Müssen wir Bet­telleut‘!
Habt ihr was, schenkt mir was,
Ach, nur ein Häp­pchen!
Brot in den Bet­tel­sack,
Suppe ins Näpfchen! –
Led­erne Ranzen,
Röcke mit Fransen
Tra­gen wir Bet­telleut‘!
– Was man erbet­telt hat,
Wird ver­juch­heit!

Nicht wahr, ein hüb­sches Lied?“ sagte die Alte. Damit warf sie sich die sei­d­nen Klei­der um, sprang in den Busch und war bald verschwunden.

Die Rit­ter­frau aber wan­derte durch den Wald, und nach einiger Zeit begeg­nete ihr ein Bauer, der war aus­ge­gan­gen, eine Magd zu suchen, denn es war um die Ernte und Leutenot. Da blieb die Rit­ter­frau ste­hen, hielt die Hand hin und sagte: Habt ihr was, schenkt mir was, ach, nur ein Häp­pchen!“ Aber die anderen Verse sagte sie nicht, weil sie ihr nicht gefie­len. Der Bauer sah sich die Frau an, und da er fand, daß sie trotz ihrer Lumpen schmuck und gesund war, fragte er sie, ob sie nicht bei ihm Magd wer­den wolle.

Ich schenke dir zu Ostern einen Kuchen, zu Mar­ti­ni eine Gans und zu Wei­h­nacht­en einen Taler und ein neues Kleid. Bist du damit zufrieden?“

Nein“, erwiderte die Rit­ter­frau, ich muß bet­teln gehen, der liebe Gott will es so haben.“

Darüber wurde der Bauer zornig, schimpfte und schmähte und sagte höhnisch:

Der liebe Gott will’s so haben? He? Du hast wohl mit ihm zu Mit­tag gegessen? Was? Lin­sen mit Bratwürsten, nicht wahr? Oder bist du vielle­icht seine Muhme, daß du so genau weißt, was er will? Eine faule Haut bist du. Gut für den Knüt­tel, zu schlecht für den Büt­tel!“ Darauf ging er sein­er Wege, ließ sie ste­hen und gab ihr nichts. Da merk­te die Rit­ter­frau wohl, daß das Bet­teln schw­er sei.

Sie ging jedoch weit­er, und nach aber­mals einiger Zeit kam sie an eine Stelle, wo die Straße sich teilte und zwei Steine standen. Auf dem einen saß ein Bet­tler mit ein­er Krücke. Da sie nun müde gewor­den war, gedachte sie sich eine kurze Zeit auf den leeren Stein zu set­zen, um auszu­ruhen. Kaum hat­te sie jedoch dies getan, als der Bet­tler mit der Krücke nach ihr schlug und ihr zurief:

Mach, daß du fortkommst, du lieder­liche Liese! Willst du mir mit deinen Lumpen und deinem zuck­er­süßen Gesicht die Kund­schaft abzwick­en? Die Ecke hier habe ich gepachtet. Mach flink, son­st sollst du sehen, was mein Krück­holz für ein schön­er Fiede­bo­gen ist und dein Rück­en für eine när­rische Geige!“

Da seufzte die Rit­ter­frau, stand auf und ging so weit, als sie die Füße tra­gen woll­ten. Endlich kam sie in eine große fremde Stadt. Hier blieb sie, set­zte sich an den Kirch­weg und bet­telte; und nachts schlief sie auf den Kirchen­stufen. So lebte sie tagaus, tagein, und es schenk­te ihr der eine einen Pfen­nig und der andere einen Heller; manche aber auch gaben ihr nichts oder schimpften gar, wie es der Bauer getan hat­te. Es ging aber sehr langsam mit den hun­dert Goldgulden. Denn als sie drei Viertel­jahre gebet­telt hat­te, hat­te sie erst einen Gulden erspart. Und genau wie der erste Gulden voll war, gebar sie einen wun­der­schö­nen Knaben, den nan­nte sie Docher­löst“, weil sie hoffte, daß sie ihren Mann doch noch erlösen würde. Sie riß sich von ihrem Man­tel unten einen Streifen ab, eine gute Elle bre­it, so daß der Man­tel nur noch bis an die Knie reichte, wick­elte das Kind hinein, nahm es auf den Schoß und bet­telte weit­er. Und wenn das Kind nicht schlafen wollte, wiegte sie es und sang:

Schlaf ein auf meinem Schoße,
Du armes Bet­telkind,
Dein Vater wohnt im Schlosse –
Und draußen weht der Wind.
Er geht in Samt und Sei­de,
Trinkt Wein, ißt weißes Brot,
Und säh er so uns bei­de,
So härmt er sich zu Tod.
Er braucht sich nicht zu här­men,
Du liegst ja weich und warm;
Er ist ja noch viel ärmer,
Daß Gott sich sein erbarm!“

Da blieben oft die Leute ste­hen und besa­hen sich die arme junge Bet­tel­frau mit dem wun­der-schö­nen Kinde und schenk­ten ihr mehr als früher. Sie aber war get­rost und weinte nicht mehr, denn sie wußte, daß sie ihren Mann gewiß erlösen würde, wenn sie nur ausharrte. –

Als aber die Frau nicht wieder zurück­kehrte, ward der Rit­ter auf seinem Schlosse tief betrübt, denn er sagte sich: Sie hat alles gemerkt und dich deshalb ver­lassen. Er ging zuerst in den Wald zu dem Eremiten, um zu hören, ob sie in der Kapelle gewe­sen sei und dort gebetet habe. Aber der Eremit war sehr kurz ange­bun­den und streng gegen ihn und sagte:

Hast du nicht in Saus und Braus gelebt? Bist du nicht stolz und hart gegen die Armen gewe­sen? Hat dich nicht der liebe Gott zur Strafe ver­rosten lassen? Deine Frau hat ganz recht getan, wenn sie dich ver­ließ. Man muß nicht einen guten und einen faulen Apfel in einen Kas­ten leg­en, son­st wird der gute auch faul!“

Da set­zte sich der Rit­ter auf die Erde, nahm den Helm ab und weinte bitterlich.

Als der Eremit dies gewahr wurde, ward er fre­undlich­er und sprach: Da ich sehe, daß dein Herz noch nicht mitver­rostet ist, so will ich dir rat­en: tue Gutes und gehe in alle Kirchen, so wirst du deine Frau wiederfinden.“

Da ver­ließ der Rit­ter sein Schloß und ritt in alle Welt. Wo er Arme fand, schenk­te er ihnen etwas, und wenn er eine Kirche sah, ging er hinein und betete. Aber seine Frau fand er nicht. So war fast ein Jahr ver­gan­gen, da kam er auch in die Stadt, wo seine Frau am Kirch­weg saß und bet­telte, und sein erster Weg war in die Kirche. Schon von weit­em erkan­nte ihn die Frau, denn er war groß und stat­tlich und trug einen gold­nen Helm mit ein­er Geierk­laue auf dem Knauf, der wei­thin leuchtete. Da erschrak sie, denn sie hat­te erst zwei Goldgulden zusam­men, so daß sie ihn noch nicht erlösen kon­nte. Sie zog sich den Man­tel tief über den Kopf, damit er sie nicht erken­nen sollte, und kauerte sich so eng zusam­men, als sie irgend kon­nte, damit er nicht ihre schneeweißen Füße sähe; denn der Man­tel ging ihr nur bis an die Knie, seit sie den Streifen für das Kind abgeris­sen hat­te. Als aber der Rit­ter an ihr vor­beis­chritt, hörte er sie leise schluchzen, und als er ihren zer­lumpten und geflick­ten Man­tel sah und das wun­der­schöne Kind auf ihrem Schoß, welch­es eben­falls nur in Lumpen gewick­elt war, tat es ihm in der Seele weh. Er trat an sie her­an und fragte sie, was ihr fehle. Doch die Frau antwortete nicht und schluchzte nur noch mehr, so sehr sie sich auch Mühe gab, es zu ver­beißen. Da zog der Rit­ter seine Geld­tasche her­vor, in der viel mehr waren als hun­dert Goldgulden, legte sie ihr auf den Schoß und sagte: Ich gebe dir alles, was ich noch habe, und sollte ich mich nach Hause betteln.“

Da fiel der Frau, ohne daß sie es wollte, der Man­tel vom Kopf herunter, und der Rit­ter sah, daß es sein eigenes, ange­trautes Eheweib war, der er das Geld geschenkt hat­te. Trotz der Lumpen fiel er ihr um den Hals und küßte sie, und als er ver­nahm, daß das Kind sein Sohn war, herzte und küßte er es auch. Doch die Frau nahm ihren Mann, den Rit­ter, an der Hand, führte ihn in die Kirche und legte das Geld auf das Kirch­beck­en. Dann sagte sie: Ich wollte dich erlösen, aber du hast dich selb­st erlöst.“

Und so war es auch; denn als der Rit­ter aus der Kirche trat, war der Fluch gehoben und der Rost, der seine ganze linke Seite bedeck­te, ver­schwun­den. Er hob seine Frau mit dem Kinde auf sein Pferd, ging selb­st zu Fuß daneben und zog mit ihr zurück in sein Schloß, wo er lange Jahre glück­lich mit ihr lebte und so viel Gutes tat, daß ihn alle Leute lobten.

Die Bet­tler­lumpen aber, die seine Frau getra­gen hat­te, hing er in einen kost­baren Schrein, und jeden Mor­gen, wenn er aufge­s­tanden war, ging er an den Schrein, besah sich die Lumpen und sagte: Das ist meine Mor­ge­nan­dacht, die nimmt mir der liebe Gott nicht übel, denn er weiß, wie ich’s meine, und ich gehe nach­her doch noch in die Kirche.“