Der undankbare Sohn

von Ludwig Bechstein

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Eine alte Mut­ter hat­te einen Sohn, der wollte heirat­en und bat die Mut­ter, sie möge ihm doch ihr Häuschen und ihr Gütchen geben, er und ihre zukün­ftige Schwiegertochter woll­ten es auch gar gut mit ihr meinen, sie bei sich hegen und pfle­gen und sie sozusagen auf den Hän­den tra­gen. Die alte Mut­ter war vom Herzen gut und vom Hirn etwas ein­fältig; sie kan­nte das Sprich­wort nicht: Ziehe dich nicht eher aus, bis du dich schlafen legst, und gab her, was sie hat­te. Zum Danke wurde sie sehr übel gehal­ten, war über nichts mehr Her­rin, und jed­er Bis­sen Brot wurde ihr erst schmal genug vorgeschnit­ten, dann vorg­erech­net und jed­er Tropfen Trankes ihr vergällt; aber Sohn und Schwiegertochter ließen sich’s ganz gütlich und wohl sein.

Einst speis­ten let­ztere bei­den miteinan­der und mit Knecht und Magd ein gebratenes Truthuhn, ohne die Mut­ter dazu einzu­laden; zufäl­lig kam diese aber den­noch, mußte jedoch anklopfen, denn die Türe war zugeschlossen. »Hol­la, die Alte kommt, fort mit dem Huhn! Set­ze es der­weil in die Ofen­röhre und mache deren Türe zu!« gebot der Sohn dem Knechte, und dieser vol­l­zog als­bald den erhal­te­nen Befehl. Jet­zt wurde die Stuben­türe aufgeris­sen von dem Sohne und die arme Alte ange­fahren: »Nun, was soll es denn? Hat der alte Drache etwa schon wieder Hunger? Ei, so wollt ich doch! Da, nehmt, hier ist Brot, und nun trollt Euch von hinnen!«

Weinend wank­te mit dem trock­e­nen Stückchen Brot die alte Mut­ter aus der Stube; der böse Sohn warf hin­ter ihr die Türe in das Schloß, daß es krachte, und eiferte: »Keinen Bis­sen kann man doch in Ruhe und ohne Ärg­er genießen! Ich möchte nur wis­sen, ob die Alte ewig leben will.«

»Bringe das Huhn wieder her!« gebot die Sohnes­frau dem Knechte – dieser öffnete die Ofen­türe und sprang mit einem laut­en Schrei des Schreck­ens drei Schritte vom Ofen zurück und ver­färbte sich.

»Nun, was hat denn der tölpel­hafte Narr? Er ist wohl ver­rückt!« rief der Mann und gebot der Magd, das Huhn aus der Röhre zu holen. Diese ging und griff in die Rönre und kreis­chte als­bald vor Entset­zen auf, indem auch sie zurück­sprang. »Was soll das heißen, ihr dummes Volk?« schalt der Herr. »Und wenn der lebendi­ge Teufel drin­nen saße, so würde ich nicht solchen Lärm auf­schla­gen! Geh du hin, Frau.«

»Ich?« fragte die Frau, »nicht um die Welt, ich tu’s nicht – ich danke; ich bin satt.«

»Ei, so muß ich selb­st nach­se­hen und will es, und wenn der Don­ner drin­nen säße!« rief der Mann, stieg auf und ging an die Röhre. Hu! da schoß eine armdicke und klafter­lange Schlange her­aus, schnellte gegen ihn und ringelte sich um seinen Hals, eiskalt, und als er sie abzuwen­den strebte, riß sie ihren Rachen greulich auf und zeigte ihre Giftzähne und ihre Gabelzunge, und wed­er er noch son­st jemand anders durfte sie berühren, und wenn man Miene machte, sie von weit­em zu beschädi­gen, so zog sie sich gle­ich fes­ter um den Hals, daß der Mann zu erstick­en Gefahr lief und ängstlich schrie, man solle die Schlange unberührt und ungeschädigt lassen.

Und die Schlange wich nicht von ihn; sie um seinen Hals legte er sich schlafen, sie um seinen Hals stieg er wieder auf. Ehe er einen Bech­er Getränk zum Munde führte, trank erst die Schlange aus dem­sel­ben Bech­er, jeden Bis­sen, den er aß, beleck­te sie oder biß Stück­en davon ab, ach, und dabei roch sie, so wie sie nur den Rachen aufriß, fürchter­llch aus dem Halse, daß dem Mann eine Ohn­macht um die andere anstieß, und nie­mand es in sein­er Nähe aushal­ten kon­nte. Wer zuerst von ihm weglief, das war seine Frau, die doch die meiste Schuld daran trug, daß er die Schlange des Undanks gegen seine betagte Mut­ter in seinem Herzen getra­gen, die schlim­mer und scheußllch­er ist als jen­er Wurm, den er jet­zt am Halse tra­gen mußte, zur quälen­den Strafe. Knecht und Magd liefen auch davon; Hund und Katze wan­derten aus; der Vogel im Käfig krepierte; Mot­ten und Mück­en star­ben, die Spin­nen macht­en sich hin­weg, die Mäuse ent­flo­hen so schnell sie nur kon­nten; die Wanzen zogen in lan­gen Zügen langsam an den Türp­fos­ten nieder und schlüpften zwis­chen Türe und Angel hin­aus – nicht das arm­selig­ste Läuschen bewies dem Undankbaren, von Gottes Strafgericht hart Heimge­sucht­en noch freudi­ge Anhänglichkeit und Treue – alles, was lebte, floh ihn. Nur ein Wesen, welch­es lebte, floh ihn nicht, hielt treu bei ihm aus, und das war seine arme alte Mut­ter – sie pflegte sein, sie betete zu Gott um Erlö­sung für ihren undankbaren Sohn, und da diese nicht erfol­gte, so griff sie endlich furcht­los mit ihrer zit­tern­den Hand und doch kräftig die dro­hende, zis­chende, Zähne zeigende, Gift hauchende Schlange an, und in dem Augen­blicke, wie die alte Mut­ter das tat, fiel die Schlange ab vom Halse des Sohnes und – verschwand.

Der Sohn aber stürzte nieder zu den Füßen sein­er Mut­ter und küßte ihr die Füße und ihres Klei­des Saum und weinte heiße Reueträ­nen auf die treuen Mut­ter­hände und begann for­t­an ein neues Leben voll Demut gegen sie, voll Sorgfalt, voll Liebe, voll Gehor­sam, voll Zuvorkom­men­heit, und sie lebte noch lange glück­lich mit dem durch ihre starke Mut­ter­liebe ihr und sich selb­st geretteten Sohne bis in das höch­ste Greisenalter.