Der törichte Hans

von Josef Haltrich

~9 Min

Eine Frau hat­te endlich erlangt, was sie lange verge­blich sich gewün­scht: einen Mann; aber das war ein Mann, um den sie keine andere Frau benei­den durfte. In der Wirtschaft im Hause war er zu gar nichts zu gebrauchen, denn alles stellte er verkehrt und töricht an. Da dachte die Frau, sie wolle ihn wenig­stens auf den Markt schick­en, um eines und das andere durch ihn einkaufen zu lassen, während sie daheim das Hauswe­sen besorgte. Am näch­sten Don­ner­stag schick­te sie ihn aus, um eine Steck­nadel zu kaufen. Hans – so hieß der Mann – lief auf den Markt und fragte jeden, der ihm begeg­nete, ob er ihm nicht eine Nadel verkaufen wolle, und zeigte dabei seinen Groschen. Endlich verkaufte ihm ein ver­schmitzter Arme­nier eine große und schlechte Nadel, die nicht einen Kreuzer wert war, um den Groschen. Hans war sehr froh, nahm sie zwis­chen bei­de Hände und rieb diese immer­fort und lief heimwärts. Es war aber sehr kalt und ihn fror an die Fin­ger; da kam ihm ein gescheit­er Gedanke ein; vor ihm fuhr ein Wagen mit Stroh zum Schweine­ab­sen­gen, auf diesen warf er seine Nadel und lief hin­ter­her. Als der Wagen an sein­er Woh­nung ange­langt war, rief er dem Fuhrmann zu: Ho! ho! (im Reg­n­er Dialekt heißt Ho auch Heu). Der Fuhrmann blick­te zurück, und als er den töricht­en Hans sah, sprach er: Ei, warum nicht gar, Stroh, Stroh!“ und fuhr weit­er. O weh, meine Nadel, meine Nadel, halte doch still!“ Nun erzählte Hans, wie er die Nadel ihm auf das Stroh geladen; der Fuhrmann war aber nicht dazu aufgelegt, sein Stroh her­abzuw­er­fen und die Nadel zu suchen und fuhr lachend von dan­nen, und Hans lief weinend hinein und klagte das Unglück sein­er Frau. Oh, du törichter Men­sch!“ rief sie, wenn man so etwas kauft, steckt man’s hüb­sch auf den Hut.“ – Nu warte, jet­zt weiß ich’s, ich will es das näch­ste Mal gewiß so machen!“

Am fol­gen­den Don­ner­stag ging er auf den Markt und kaufte zwei Eisen­schienen zum Radbeschla­gen, steck­te sie mit großer Mühe auf seinen Hut und band sie mit einem Seil fest; dann set­zte er den Hut auf und ging; aber die schw­eren Stan­gen zogen ihm den Kopf bald nasen‑, bald nack­en­wärts, bald rechts, bald links, und er taumelte fort wie ein Betrunk­en­er und mußte mit bei­den Hän­den den Hut am Kopfe fes­thal­ten. Die Leute, die zum Mark­te gin­gen und vom Mark­te kamen, standen still und lacht­en, und die Kinder, die aus der Schule heimkehrten, liefen dem Hans nach und ver­lacht­en und verspot­teten ihn. Dem war der Nack­en aber zulet­zt krumm und steif gewor­den, und er kon­nte es kaum länger aushal­ten. Als er endlich daheim anlangte und ins Zim­mer trat, seufzte er: Nu, Frau, du hast mich schön gelehrt! Da hat man’s !“ – Oh, du törichter Men­sch; wenn man so etwas kauft, so bindet man’s an ein Seil und zieht es hin­ter sich nach!“ – Nu warte, jet­zt weiß ich’s; das näch­ste Mal will ich’s so machen!“ Am fol­gen­den Don­ner­stag schick­te ihn seine Frau wieder auf den Markt, er solle einen Bachen (zwei unge­tren­nte Speck­seit­en) kaufen. Das tat er auch und band an das Kopf­stück („den Zan­jder­leng“) ein langes Seil und zog den Bachen hin­ter sich her. Das machte aber Staub und Geräusch, und die Hunde liefen hin­ter­her und zer­rten sich Stücke herunter, und als Hans zu Hause anlangte, war nur das Kopf­stück noch am Seil. Die Leute und Schulkinder hat­ten aber wieder etwas zum Lachen gehabt.

Als er zu sein­er Frau kam, sprach er: Nu, du hast mich wieder schön gelehrt! Die Hunde haben mir fast alles gefressen.“ – Oh, du törichter Men­sch, wenn man so etwas kauft, bindet man einen Strang vorn und hängt es sich auf den Rück­en!“ – Nu warte, jet­zt weiß ich’s; das näch­ste Mal will ich’s so machen.“ Am fol­gen­den Don­ner­stag wurde er wieder auf den Markt geschickt; er kaufte jet­zt ein kleines Kalb, band ihm den Strang um den Hals und nahm es auf den Rück­en; dieses aber reck­te bald die Zunge her­aus und war tot. Du armes Kalb, du bist hun­grig!“ dachte Hans in seinem Herzen, denn er war zu seinem Zeichen son­st sehr mitlei­dig, warte nur, du sollst zu Hause gle­ich fressen!“ Als er nach Hause ankam, war er froh und sprach: Nu, Frau, jet­zt wirst du nichts zu tadeln find­en!“- Oh, du törichter Men­sch!“ rief sie, du hast ja das arme Kalb erwürgt! Wenn man so etwas kauft, bindet man ein Seil an den Hals und führt es schön neben sich her und stre­ichelt es san­ft und bindet es daheim in den Stall an die Krippe und legt ihm Gras und Grum­met vor!“ – Jet­zt weiß ich’s genau, warte nur, ich will es zum näch­sten Mal so machen!“ Am näch­sten Don­ner­stag ging er wieder auf den Markt und kaufte einen Wind­hund; dem band er denn ein Seil um den Hals, führte ihn schön nach Hause, band ihn in den Stall an die Krippe und legte ihm Gras und Grum­met vor. Als aber seine Frau dazukam, schlug sie die Hände übere­inan­der und rief: Oh, du törichter Men­sch, was hast du gekauft? Das ist ja ein Jagdhund, wer mit dem geht, ruft: Hai­hai! hai­hai!‘, dann läuft der Hund und fängt den Hasen; aber der gehört nicht in den Stall, son­dern in die Stube, und der frißt nichts von Gras und Grum­met son­dern Brotkru­men und Knochen!“ Damit schnitt sie den Hund frei und brachte ihn in ihr Zim­mer und gab ihm zu fressen. Weil er aber so dünn und schmal war, nan­nte sie ihn Petersilie.

Von jet­zt an wollte sie aber ihren Mann nicht mehr zum Einkaufen schick­en: denn er hat­te ja die Sache immer verkehrt gemacht und ihrem Hauswe­sen großen Schaden zuge­fügt. Am näch­sten Don­ner­stag ging sie denn wieder selb­st auf den Markt, wie sie es anfangs getan hat­te. Ihrem Mann aber sagte sie: Sorge du auf das Kind in der Wiege, daß es ruhig schläft und lege in den Topf beim Feuer Peter­silie.“ – Ich weiß es jet­zt, ich will es schon gut machen!“ sprach Hans. Kaum war seine Frau fort, so ließ er die Wiege ste­hen, ging hin­aus, nahm die Axt und zer­hieb den Hund in kleine Stücke und legte davon in den Topf. Als er aber ins Zim­mer trat, schrie das Kind und ward unruhig. Da fing er an, die Wiege zu schwin­gen, allein es schrie noch ärg­er, denn es war hun­grig; da merk­te Hans, daß dem Kinde der Schei­t­el zuck­te, das waren aber die Weichen, die bei der Aufre­gung des Kindes erzit­terten. Hans aber dachte, das sei eine bösar­tige Blasé, nahm eine große Nadel und stach sie durch und durch; das Kind zuck­te nur einige­mal und war tot; Hans war froh und dachte, es schlafe.

Als seine Frau nach Hause kam, erzählte er ihr, daß er den Peter­silie nicht ganz in den Topf habe steck­en kön­nen und zeigte ihr noch einige Stücke vom Wind­hund, fern­er wie das Kind nur ein­mal laut geschrien und wie er es endlich zum Schweigen gebracht, daß es dann immer wie jet­zt geschlafen habe. Als die Frau ihr Kind in der Wiege erblick­te, so entset­zte sie sich, denn sie sah, daß es tot war. Wehe, wehe!“ rief sie, du törichter Men­sch, was hast du getan?“

Sie rang in ihrem Schmerze die Hände und kon­nte sich lange nicht fassen und trösten; endlich sprach sie zu ihrem Manne: Gehe hin­aus und siehe nach Bret­tern, daß wir einen Sarg machen lassen!“ Hans lief fort und sah über­all nach Bret­tern hin und fand keine; zulet­zt kam er an eine Plankenum­friedung, da steck­te er seinen Kopf in eine große Öff­nung zwis­chen zwei Bret­tern, um die obern Bret­ter her­auszuheben; allein wie diese bewegt wur­den, fie­len sie bei ihrer Schwere ihm in den Nack­en und zwängten ihn ein, und er kon­nte den Kopf gar nicht her­ausziehen und war daran zu erwür­gen. Da sahen ihn einige Knaben, die melde­ten es sein­er Frau, und diese kam mit Hil­fe her­bei und zog ihn her­aus. O du törichter Men­sch, gehe nach Hause, ich will schon Bret­ter schaf­fen!“ Da bestellte sie den Sarg und ord­nete das Leichen­begäng­nis an. Weil sie aber fürchtete, daß ihr Mann durch seine Torheit die ern­ste Leichen­feier stören kön­nte, so ver­steck­te sie ihm seinen Hut, damit er gezwun­gen sei, daheim zu bleiben. Kaum war aber der Leichen­zug vom Hause fort, so nahm Hans, als er seinen Hut lange vergebens gesucht, statt des Hutes ein langes, hutähn­lich­es But­terge­fäß, set­zte es auf, sper­rte die Türe zu und lief hin­ter­her. Als die Leute in solchem Aufzug ihn sahen, kon­nten sie sich des Lachens nicht erwehren; Hans aber lief zu sein­er Frau und rief ganz fröh­lich: Ich komme doch mit, siehst du es, du woll­test gut, ich solle nichts sehen und zu Hause bleiben!“ – Hans, kehre schnell um, das Haus bren­nt l“ rief seine Frau und wollte ihn auf so feine Art heim­schick­en. Er aber rief: O du när­risches Weib, das kann ja nicht sein, ich habe ja den Schlüs­sel in mein­er Tasche!“ Jet­zt war der Frau der lange Gedulds­faden ger­ade aus­ge­gan­gen und riß kurz ab: Gehe mir aus den Augen, du törichter Mann, daß ich dich nim­mer sehe!“ Hans ließ sich das nicht zweimal sagen und lief fort.

Als aber die Frau ihr Kind begraben hat­te und nun ein­sam in ihre Woh­nung zurück­kehrte, sprach sie: Es ist bess­er, sich einen Mühlstein an den Hals zu hän­gen und ins Wass­er zu sprin­gen, als so einen Toren zum Manne zu haben; wehe der Frau, über welche unser Her­rgott eine solche Strafe verhängt!“

Der törichte Mann aber lief in die Welt mit dem But­ter­fäßchen auf dem Kopfe, damit ihn seine Frau nicht sehe, und läuft noch immer­fort, wenn er nicht bei den klu­gen Män­nern, die stets Licht und Luft in Säck­en zusam­men­tra­gen, um Glass­cheiben an ihren Fen­stern daraus zu machen, in Dummhan­nes­dorf ange­langt ist und sich da seßhaft niederge­lassen hat.