Der Trommler

von Brüder Grimm

~19 Min

Eines Abends ging ein junger Tromm­ler ganz allein auf dem Feld und kam an einen See, da sah er an dem Ufer drei Stückchen weisse Leinewand liegen. Was für feines Leinen,“ sprach er und steck­te eins davon in die Tasche. Er ging heim, dachte nicht weit­er an seinen Fund und legte sich zu Bett. Als er eben ein­schlafen wollte, war es ihm, als nen­nte jemand seinen Namen. Er horchte und ver­nahm eine leise Stimme, die ihm zurief: Trom­mel­er, Trom­mel­er, wach auf!“ Er kon­nte, da es fin­stere Nacht war, nie­mand sehen, aber es kam ihm vor, als schwebte eine Gestalt vor seinem Bett auf und ab. Was willst du?“ fragte er. Gib mir mein Hemd­chen zurück,“ antwortete die Stimme, das du mir gestern abend am See weggenom­men hast.“ – Du sollst es wieder­haben,“ sprach der Tromm­ler, wenn du mir sagst, wer du bist.“ – Ach,“ erwiderte die Stimme, ich bin die Tochter eines mächti­gen Königs, aber ich bin in die Gewalt ein­er Hexe ger­at­en und bin auf den Glas­berg geban­nt. Jeden Tag muss ich mit meinen zwei Schwest­ern im See baden, aber ohne mein Hemd­chen kann ich nicht wieder fort­fliegen. Meine Schwest­ern haben sich fort­gemacht, ich aber habe zurück­bleiben müssen. Ich bitte dich, gib mir mein Hemd­chen wieder.“ – Sei ruhig, armes Kind,“ sprach der Tromm­ler, ich will dir’s gerne zurück­geben.“ Er holte es aus sein­er Tasche und reichte es ihr in der Dunkel­heit hin. Sie erfasste es hastig und wollte damit fort. Weile einen Augen­blick,“ sagte er, vielle­icht kann ich dir helfen.“ – Helfen kannst du mir nur, wenn du auf den Glas­berg steigst und mich aus der Gewalt der Hexe befreist. Aber zu dem Glas­berg kommst du nicht, und wenn du auch ganz nahe daran wärst, so kommst du nicht hin­auf.“ – Was ich will, das kann ich,“ sagte der Tromm­ler, ich habe Mitleid mit dir, und ich fürchte mich vor nichts. Aber ich weiss den Weg nicht, der nach dem Glas­berg führt.“ – Der Weg geht durch den grossen Wald, in dem die Men­schen­fress­er hausen,“ antwortete sie, mehr darf ich dir nicht sagen.“ Darauf hörte er, wie sie fortschwirrte.

Bei Anbruch des Tages machte sich der Tromm­ler auf, hing seine Trom­mel um und ging ohne Furcht ger­adezu in den Wald hinein. Als er ein Weilchen gegan­gen war und keinen Riesen erblick­te, so dachte er: Ich muss die Langschläfer aufweck­en,“ hing die Trom­mel vor und schlug einen Wirbel, dass die Vögel aus den Bäu­men mit Geschrei auf­flo­gen. Nicht lange, so erhob sich auch ein Riese in die Höhe, der im Gras gele­gen und geschlafen hat­te, und war so gross wie eine Tanne. Du Wicht,“ rief er ihm zu, was trom­melst du hier und weckst mich aus dem besten Schlaf?“ – Ich tromm­le,“ antwortete er, weil viele Tausende hin­ter mir herkom­men, damit sie den Weg wis­sen.“ – Was wollen die hier in meinem Wald?“ fragte der Riese. Sie wollen dir den Garaus machen und den Wald von einem Ungetüm, wie du bist, säu­bern.“ – Oh,“ sagte der Riese, ich trete euch wie Ameisen tot.“ – Meinst du, du kön­ntest gegen sie etwas aus­richt­en?“ sprach der Tromm­ler, wenn du dich bückst, um einen zu pack­en, so springt er fort und ver­steckt sich, wie du dich aber nieder­legst und schläf­st, so kom­men sie aus allen Gebüschen her­bei und kriechen an dir hin­auf. Jed­er hat einen Ham­mer von Stahl am Gür­tel steck­en, damit schla­gen sie dir den Schädel ein.“ Der Riese ward ver­driesslich und dachte: Wenn ich mich mit dem listi­gen Volk befasse, so kön­nte es doch zu meinem Schaden auss­chla­gen. Wölfen und Bären drücke ich die Gurgel zusam­men, aber vor den Erd­würmern kann ich mich nicht schützen. Hör, klein­er Kerl,“ sprach er, zieh wieder ab, ich ver­spreche dir, dass ich dich und deine Gesellen in Zukun­ft in Ruhe lassen will, und hast du noch einen Wun­sch, so sag’s mir, ich will dir wohl etwas zu Gefall­en tun.“ – Du hast lange Beine,“ sprach der Tromm­ler, und kannst schneller laufen als ich, trag mich zum Glas­berge, so will ich den Meini­gen ein Zeichen zum Rück­zug geben, und sie sollen dich dies­mal in Ruhe lassen.“ – Komm her, Wurm,“ sprach der Riese, setz dich auf meine Schul­ter, ich will dich tra­gen, wohin du ver­langst.“ Der Riese hob ihn hin­auf, und der Tromm­ler fing oben an nach Herzenslust auf der Trom­mel zu wirbeln. Der Riese dachte: Das wird das Zeichen sein, dass das andere Volk zurück­ge­hen soll. Nach ein­er Weile stand ein zweit­er Riese am Weg, der nahm den Tromm­ler dem ersten ab und steck­te ihn in sein Knopfloch. Der Tromm­ler fasste den Knopf, der wie eine Schüs­sel gross war, hielt sich daran und schaute ganz lustig umher. Dann kamen sie zu einem drit­ten, der nahm ihn aus dem Knopfloch und set­zte ihn auf den Rand seines Hutes; da ging der Tromm­ler oben auf und ab und sah über die Bäume hin­aus, und als er in blauer Ferne einen Berg erblick­te, so dachte er, Das ist gewiss der Glas­berg, und er war es auch. Der Riese tat noch ein paar Schritte, so waren sie an dem Fuss des Berges ange­langt, wo ihn der Riese abset­zte. Der Tromm­ler ver­langte, er sollte ihn auch auf die Spitze des Glas­berges tra­gen, aber der Riese schüt­telte mit dem Kopf, brummte etwas in den Bart und ging in den Wald zurück.

Nun stand der arme Tromm­ler vor dem Berg, der so hoch war, als wenn drei Berge aufeinan­derge­set­zt wären, und dabei so glatt wie ein Spiegel, und wusste keinen Rat, um hin­aufzukom­men. Er fing an zu klet­tern, aber verge­blich, er rutschte immer wieder herab. Wer jet­zt ein Vogel wäre, dachte er, aber was half das Wün­schen, es wuch­sen ihm keine Flügel. Indem er so stand und sich nicht zu helfen wusste, erblick­te er nicht weit von sich zwei Män­ner, die heftig miteinan­der strit­ten. Er ging auf sie zu und sah, dass sie wegen eines Sat­tels uneins waren, der vor ihnen auf der Erde lag, und den jed­er von ihnen haben wollte. Was seid ihr für Nar­ren,“ sprach er, zankt euch um einen Sat­tel und habt kein Pferd dazu.“ – Der Sat­tel ist wert, dass man darum stre­it­et,“ antwortete der eine von den Män­nern, wer darauf sitzt und wün­scht sich irgend­wohin, und wär’s am Ende der Welt, der ist im Augen­blick ange­langt, wie er den Wun­sch aus­ge­sprochen hat. Der Sat­tel gehört uns gemein­schaftlich, die Rei­he, darauf zu reit­en, ist an mir, aber der andere will es nicht zulassen.“ – Den Stre­it will ich bald aus­tra­gen,“ sagte der Tromm­ler, ging eine Strecke weit und steck­te einen weis­sen Stab in die Erde. Dann kam er zurück und sprach: Jet­zt lauft nach dem Ziel, wer zuerst dort ist, der reit­et zuerst.“ Bei­de set­zten sich in Trab, aber kaum waren sie ein paar Schritte weg, so schwang sich der Tromm­ler auf den Sat­tel, wün­schte sich auf den Glas­berg, und ehe man die Hand umdrehte, war er dort. Auf dem Berg oben war eine Ebene, da stand ein altes stein­ernes Haus; und vor dem Haus lag ein gross­er Fis­chte­ich, dahin­ter aber ein fin­ster­er Wald. Men­schen und Tiere sah er nicht, es war alles still, nur der Wind raschelte in den Bäu­men, und die Wolken zogen ganz nah über seinem Haupt weg. Er trat an die Türe und klopfte an. Als er zum drit­ten­mal gek­lopft hat­te, öffnete eine Alte mit braunem Gesicht und roten Augen die Türe; sie hat­te eine Brille auf ihrer lan­gen Nase und sah ihn scharf an, dann fragte sie, was sein Begehren wäre. Ein­lass, Kost und Nacht­lager,“ antwortete der Tromm­ler. Das sollst du haben,“ sagte die Alte, wenn du dafür drei Arbeit­en ver­richt­en willst.“ – Warum nicht?“ antwortete er, ich scheue keine Arbeit, und wenn sie noch so schw­er ist.“ Die Alte liess ihn ein, gab ihm Essen und abends ein gutes Bett. Am Mor­gen, als er aus­geschlafen hat­te, nahm die Alte einen Fin­ger­hut von ihrem dür­ren Fin­ger, reichte ihn dem Tromm­ler hin und sagte: Jet­zt geh an die Arbeit und schöpfe den Teich draussen mit diesem Fin­ger­hut aus, aber ehe es Nacht wird, musst du fer­tig sein, und alle Fis­che, die in dem Wass­er sind, müssen nach ihrer Art und Grösse aus­ge­sucht und nebeneinan­dergelegt sein.“ – Das ist eine selt­same Arbeit,“ sagte der Tromm­ler, ging aber zu dem Teich und fing an zu schöpfen. Er schöpfte den ganzen Mor­gen, aber was kann man mit einem Fin­ger­hut bei einem grossen Wass­er aus­richt­en, und wenn man tausend Jahre schöpft? Als es Mit­tag war, dachte er: Es ist alles umson­st, und ist ein­er­lei, ob ich arbeite oder nicht,“ hielt ein und set­zte sich nieder. Da kam ein Mäd­chen aus dem Haus gegan­gen, stellte ihm ein Kör­bchen mit Essen hin und sprach: Du sitzest da so trau­rig, was fehlt dir?“ Er blick­te es an und sah, dass es wun­der­schön war. Ach,“ sagte er, ich kann die erste Arbeit nicht voll­brin­gen, wie wird es mit den andern wer­den? Ich bin aus­ge­gan­gen, eine Königstochter zu suchen, die hier wohnen soll, aber ich habe sie nicht gefun­den; ich will weit­erge­hen.“ – Bleib hier,“ sagte das Mäd­chen, ich will dir aus dein­er Not helfen. Du bist müde, lege deinen Kopf in meinen Schoss und schlaf. Wenn du wieder aufwachst, so ist die Arbeit getan.“ Der Tromm­ler liess sich das nicht zweimal sagen. Sobald ihm die Augen zufie­len, drehte sie einen Wun­schring und sprach Wass­er her­auf, Fis­che her­aus.“ Als­bald stieg das Wass­er wie ein weiss­er Nebel in die Höhe und zog mit den andern Wolken fort, und die Fis­che schnalzten, sprangen ans Ufer und legten sich nebeneinan­der, jed­er nach sein­er Grösse und Art. Als der Tromm­ler erwachte, sah er mit Erstaunen, dass alles voll­bracht war. Aber das Mäd­chen sprach: Ein­er von den Fis­chen liegt nicht bei seines­gle­ichen, son­dern ganz allein. Wenn die Alte heute abend kommt und sieht, dass alles geschehen ist, was sie ver­langt hat, so wird sie fra­gen: Was soll dieser Fisch allein? Dann wirf ihr den Fisch ins Angesicht und sprich: Der soll für dich sein, alte Hexe.“ Abends kam die Alte, und als sie die Frage getan hat­te, so warf er ihr den Fisch ins Gesicht. Sie stellte sich, als merk­te sie es nicht, und schwieg still, aber sie blick­te ihn mit boshaften Augen an. Am andern Mor­gen sprach sie: Gestern hast du es zu leicht gehabt, ich muss dir schw­erere Arbeit geben. Heute musst du den ganzen Wald umhauen, das Holz in Scheite spal­ten und in Klaftern leg­en, und am Abend muss alles fer­tig sein.“ Sie gab ihm eine Axt, einen Schläger und zwei Keile. Aber die Axt war von Blei, der Schläger und die Keile waren von Blech. Als er anf­ing zu hauen, so legte sich die Axt um, und Schläger und Keile drück­ten sich zusam­men. Er wusste sich nicht zu helfen, aber mit­tags kam das Mäd­chen wieder mit dem Essen und tröstete ihn. Lege deinen Kopf in meinen Schoss,“ sagte sie, und schlaf, wenn du aufwachst, so ist die Arbeit getan.“ Sie drehte ihren Wun­schring, in dem Augen­blick sank der ganze Wald mit Krachen zusam­men, das Holz spal­tete sich von selb­st und legte sich in Klaftern zusam­men; es war als ob unsicht­bare Riesen die Arbeit voll­brächt­en. Als er aufwachte, sagte das Mäd­chen: Siehst du, das Holz ist geklaftert und gelegt; nur ein einziger Ast ist übrig, aber wenn die Alte heute abend kommt und fragt, was der Ast solle, so gib ihr damit einen Schlag und sprich: Der soll für dich sein, du Hexe.“ Die Alte kam: Siehst du,“ sprach sie, wie leicht die Arbeit war; aber für wen liegt der Ast noch da?“ – Für dich, du Hexe,“ antwortete er und gab ihr einen Schlag damit. Aber sie tat, als fühlte sie es nicht, lachte höh­nisch und sprach: Mor­gen früh sollst du alles Holz auf einen Haufen leg­en, es anzün­den und ver­bren­nen.“ Er stand mit Anbruch des Tages auf und fing an das Holz her­beizu­holen, aber wie kann ein einziger Men­sch einen ganzen Wald zusam­men­tra­gen? Die Arbeit rück­te nicht fort. Doch das Mäd­chen ver­liess ihn nicht in der Not, es brachte ihm mit­tags seine Speise, und als er gegessen hat­te, legte er seinen Kopf in den Schoss und schlief ein. Bei seinem Erwachen bran­nte der ganze Holzs­toss in ein­er unge­heuern Flamme, die ihre Zun­gen bis in den Him­mel ausstreck­te. Hör mich an,“ sprach das Mäd­chen, wenn die Hexe kommt, wird sie dir aller­lei auf­tra­gen, tust du ohne Furcht, was sie ver­langt, so kann sie dir nichts anhab­en, fürcht­est du dich aber, so packt dich das Feuer und verzehrt dich. Zulet­zt, wenn du alles getan hast, so packe sie mit bei­den Hän­den und wirf sie mit­ten in die Glut.“ Das Mäd­chen ging fort, und die Alte kam herangeschlichen: Hu! Mich friert,“ sagte sie aber das ist ein Feuer, das bren­nt, das wärmt mir die alten Knochen, da wird mir wohl. Aber dort liegt ein Klotz, der will nicht bren­nen, den hol mir her­aus. Hast du das noch getan, so bist du frei und kannst ziehen, wohin du willst. Nur munter hinein!“ Der Tromm­ler besann sich nicht lange, sprang mit­ten in die Flam­men, aber sie tat­en ihm nichts, nicht ein­mal die Haare kon­nten sie ihm versen­gen. Er trug den Klotz her­aus und legte ihn hin. Kaum aber hat­te das Holz die Erde berührt, so ver­wan­delte es sich, und das schöne Mäd­chen stand vor ihm, das ihm in der Not geholfen hat­te, und an den sei­de­nen, goldglänzen­den Klei­dern, die es anhat­te, merk­te er wohl, dass es die Königstochter war. Aber die Alte lachte giftig und sprach: Du meinst, du hättest sie, aber du hast sie noch nicht.“ Eben wollte sie auf das Mäd­chen los­ge­hen und es fortziehen, da pack­te er die Alte mit bei­den Hän­den, hob sie in die Höhe und warf sie den Flam­men in den Rachen, die über ihr zusam­men­schlu­gen, als freuten sie sich, dass sie eine Hexe verzehren sollten.

Die Königstochter blick­te darauf den Tromm­ler an, und als sie sah, dass es ein schön­er Jüngling war, und bedachte, dass er sein Leben daran geset­zt hat­te, um sie zu erlösen, so reichte sie ihm die Hand und sprach: Du hast alles für mich gewagt, aber ich will auch für dich alles tun. Ver­sprichst du mir deine Treue, so sollst du mein Gemahl wer­den. An Reichtümern fehlt es uns nicht, wir haben genug an dem, was die Hexe hier zusam­menge­tra­gen hat.“ Sie führte ihn in das Haus, da standen Kisten und Kas­ten, die mit ihren Schätzen ange­füllt waren. Sie liessen Gold und Sil­ber liegen und nah­men nur die Edel­steine. Sie wollte nicht länger auf dem Glas­berg bleiben, da sprach er zu ihr: Set­ze dich zu mir auf meinen Sat­tel, so fliegen wir hinab wie Vögel.“ – Der alte Sat­tel gefällt mir nicht,“ sagte sie, ich brauche nur an meinem Wun­schring zu drehen, so sind wir zu Haus.“ – Wohlan,“ antwortete der Tromm­ler, so wün­sch uns vor das Stadt­tor.“ Im Nu waren sie dort, der Tromm­ler aber sprach: Ich will erst zu meinen Eltern gehen und ihnen Nachricht geben, harre mein hier auf dem Feld, ich will bald zurück sein.“ – Ach,“ sagte die Königstochter, ich bitte dich, nimm dich in acht, küsse deine Eltern bei dein­er Ankun­ft nicht auf die rechte Wange, denn son­st wirst du alles vergessen, und ich bleibe hier allein und ver­lassen auf dem Feld zurück.“ – Wie kann ich dich vergessen?“ sagte er und ver­sprach ihr in die Hand, recht bald wiederzukom­men. Als er in sein väter­lich­es Haus trat, wusste nie­mand, wer er war, so hat­te er sich verän­dert, denn die drei Tage, die er auf dem Glas­berg zuge­bracht hat­te, waren drei lange Jahre gewe­sen. Da gab er sich zu erken­nen, und seine Eltern fie­len ihm vor Freude um den Hals, und er war so bewegt in seinem Herzen, dass er sie auf bei­de Wan­gen küsste und an die Worte des Mäd­chens nicht dachte. Wie er ihnen aber den Kuss auf die rechte Wange gegeben hat­te, ver­schwand ihm jed­er Gedanke an die Königstochter. Er leerte seine Taschen aus und legte Hände voll der grössten Edel­steine auf den Tisch. Die Eltern wussten gar nicht, was sie mit dem Reich­tum anfan­gen soll­ten. Da baute der Vater ein prächtiges Schloss, von Gärten, Wäldern und Wiesen umgeben, als wenn ein Fürst darin wohnen sollte. Und als es fer­tig war, sagte die Mut­ter: Ich habe ein Mäd­chen für dich aus­ge­sucht, in drei Tagen soll die Hochzeit sein.“ Der Sohn war mit allem zufrieden, was die Eltern wollten.

Die arme Königstochter hat­te lange vor der Stadt ges­tanden und auf die Rück­kehr des Jünglings gewartet. Als es Abend ward, sprach sie: Gewiss hat er seine Eltern auf die rechte Wange geküsst und hat mich vergessen.“ Ihr Herz war voll Trauer, sie wün­schte sich in ein ein­sames Wald­häuschen und wollte nicht wieder an den Hof ihres Vaters zurück. Jeden Abend ging sie in die Stadt und ging an seinem Haus vorüber: er sah sie manch­mal, aber er kan­nte sie nicht mehr. Endlich hörte sie, wie die Leute sagten: Mor­gen wird seine Hochzeit gefeiert.“ Da sprach sie: Ich will ver­suchen, ob ich sein Herz wiedergewinne.“ Als der erste Hochzeit­stag gefeiert ward, da drehte sie ihren Wun­schring und sprach: Ein Kleid so glänzend wie die Sonne.“ Als­bald lag das Kleid vor ihr und war so glänzend, als wenn es aus lauter Son­nen­strahlen gewebt wäre. Als alle Gäste sich ver­sam­melt hat­ten, so trat sie in den Saal. Jed­er­mann wun­derte sich über das schöne Kleid, am meis­ten die Braut, und da schöne Klei­der ihre grösste Lust waren, so ging sie zu der Frem­den und fragte, ob sie es ihr verkaufen wollte. Für Geld nicht,“ antwortete sie, aber wenn ich die erste Nacht vor der Türe ver­weilen darf, wo der Bräutigam schläft, so will ich es hingeben.“ Die Braut kon­nte ihr Ver­lan­gen nicht bezwin­gen und willigte ein, aber sie mis­chte dem Bräutigam einen Schlaftrunk in seinen Nachtwein, wovon er in tiefen Schlaf ver­fiel. Als nun alles still gewor­den war, so kauerte sich die Königstochter vor die Türe der Schlafkam­mer, öffnete sie ein wenig und rief hinein: 

Tromm­ler, Tromm­ler, hör mich an,
Hast du mich denn ganz vergessen?
Hast du auf dem Glas­berg nicht bei mir gesessen?
Habe ich vor der Hexe nicht bewahrt dein Leben?
Hast du mir auf Treue nicht die Hand gegeben?
Tromm­ler, Tromm­ler, hör mich an.“

Aber es war alles verge­blich, der Tromm­ler wachte nicht auf, und als der Mor­gen anbrach, musste die Königstochter unver­richteter Dinge wieder fort­ge­hen. Am zweit­en Abend drehte sie ihren Wun­schring und sprach: Ein Kleid so sil­bern als der Mond.“ Als sie mit dem Kleid, das so zart war wie der Mond­schein, bei dem Fest erschien, erregte sie wieder das Ver­lan­gen der Braut und gab es ihr für die Erlaub­nis, auch die zweite Nacht vor der Türe der Schlafkam­mer zubrin­gen zu dür­fen. Da rief sie in nächtlich­er Stille: 

Tromm­ler, Tromm­ler, hör mich an,
Hast du mich denn ganz vergessen?
Hast du auf dem Glas­berg nicht bei mir gesessen?
Habe ich vor der Hexe nicht bewahrt dein Leben?
Hast du mir auf Treue nicht die Hand gegeben?
Tromm­ler, Tromm­ler, hör mich an.“

Aber der Tromm­ler, von dem Schlaftrunk betäubt, war nicht zu erweck­en. Trau­rig ging sie den Mor­gen wieder zurück in ihr Wald­baus. Aber die Leute im Haus hat­ten die Klage des frem­den Mäd­chens gehört und erzählten dem Bräutigam davon; sie sagten ihm auch, dass es ihm nicht möglich gewe­sen wäre, etwas davon zu vernehmen, weil sie ihm einen Schlaftrunk in den Wein geschüt­tet hät­ten. Am drit­ten Abend drehte die Königstochter den Wun­schring und sprach: Ein Kleid flim­mernd wie Sterne.“ Als sie sich darin auf dem Fest zeigte, war die Braut über die Pracht des Klei­des, das die andern weit über­traf, ganz auss­er sich und sprach: Ich soll und muss es haben.“ Das Mäd­chen gab es, wie die andern, für die Erlaub­nis, die Nacht vor der Türe des Bräutigams zuzubrin­gen. Der Bräutigam aber trank den Wein nicht, der ihm vor dem Schlafenge­hen gere­icht wurde, son­dern goss ihn hin­ter das Bett. Und als alles im Haus still gewor­den war, so hörte er eine san­fte Stimme, die ihn anrief: 

Tromm­ler, Tromm­ler, hör mich an,
Hast du mich denn ganz vergessen?
Hast du auf dem Glas­berg nicht bei mir gesessen?
Habe ich vor der Hexe nicht bewahrt dein Leben?
Hast du mir auf Treue nicht die Hand gegeben?
Tromm­ler, Tromm­ler, hör mich an.“

Plöt­zlich kam ihm das Gedächt­nis wieder. Ach,“ rief er, wie habe ich so treu­los han­deln kön­nen, aber der Kuss, den ich meinen Eltern in der Freude meines Herzens auf die rechte Wange gegeben habe, der ist schuld daran, der hat mich betäubt.“ Er sprang auf, nahm die Königstochter bei der Hand und führte sie zu dem Bett sein­er Eltern. Das ist meine rechte Braut,“ sprach er, wenn ich die andere heirate, so tue ich gross­es Unrecht.“ Die Eltern, als sie hörten, wie alles sich zuge­tra­gen hat­te, willigten ein. Da wur­den die Lichter im Saal wieder angezün­det, Pauken und Trompe­ten her­beige­holt, die Fre­unde und Ver­wandten ein­ge­laden wiederzukom­men, und die wahre Hochzeit ward mit gross­er Freude gefeiert. Die erste Braut behielt die schö­nen Klei­der zur Entschädi­gung und gab sich zufrieden.