Der Teufel mit den drei goldenen Haaren

von  Brüder Grimm

~13 Min

Es war ein­mal eine arme Frau, die gebar ein Söhn­lein, und weil es eine Glück­shaut umhat­te, als es zur Welt kam, so ward ihm geweis­sagt, es werde im vierzehn­ten Jahr die Tochter des Königs zur Frau haben.

Es trug sich zu, dass der König bald darauf ins Dorf kam, und nie­mand wusste, dass es der König war, und als er die Leute fragte, was es Neues gäbe, so antworteten sie: ​„Es ist in diesen Tagen ein Kind mit ein­er Glück­shaut geboren: was so ein­er untern­immt, das schlägt ihm zum Glück aus. Es ist ihm auch voraus­ge­sagt, in seinem vierzehn­ten Jahre solle er die Tochter des Königs zur Frau haben.“

Der König, der ein bös­es Herz hat­te und über die Weis­sa­gung sich ärg­erte, ging zu den Eltern, tat ganz fre­undlich und sagte: ​„Ihr armen Leute, über­lasst mir euer Kind, ich will es ver­sor­gen.“ Anfangs weigerten sie sich, da aber der fremde Mann schw­eres Gold dafür bot und sie dacht­en: ​„Es ist ein Glück­skind, es muss doch zu seinem Besten auss­chla­gen,“ so willigten sie endlich ein und gaben ihm das Kind.

Der König legte es in eine Schachtel und ritt damit weit­er, bis er zu einem tiefen Wass­er kam; da warf er die Schachtel hinein und dachte: ​„Von dem uner­warteten Freier habe ich meine Tochter geholfen.“

Die Schachtel aber ging nicht unter, son­dern schwamm wie ein Schif­fchen, und es drang auch kein Tröpfchen Wass­er hinein. So schwamm sie bis zwei Meilen von des Königs Haupt­stadt, wo eine Müh­le war, an dessen Wehr sie hän­gen blieb. Ein Mahlbursche, der glück­licher­weise da stand und sie bemerk­te, zog sie mit einem Hak­en her­an und meinte grosse Schätze zu find­en, als er sie aber auf­machte, lag ein schön­er Knabe darin, der ganz frisch und munter war. Er brachte ihn zu den Müller­sleuten, und weil diese keine Kinder hat­ten, freuten sie sich und sprachen: ​„Gott hat es uns beschert.“ Sie pflegten den Fin­d­ling wohl, und er wuchs in allen Tugen­den heran.

Es trug sich zu, dass der König ein­mal bei einem Gewit­ter in die Müh­le trat und die Müller­sleute fragte, ob der grosse Junge ihr Sohn wäre. ​„Nein,“ antworteten sie, ​„es ist ein Fin­d­ling, er ist vor vierzehn Jahren in ein­er Schachtel ans Wehr geschwom­men, und der Mahlbursche hat ihn aus dem Wass­er gezo­gen.“ Da merk­te der König, dass es nie­mand anders als das Glück­skind war, das er ins Wass­er gewor­fen hat­te, und sprach: ​„Ihr guten Leute, kön­nte der Junge nicht einen Brief an die Frau Köni­gin brin­gen, ich will ihm zwei Gold­stücke zum Lohn geben?“ – ​„Wie der Herr König gebi­etet,“ antworteten die Leute, und hiessen den Jun­gen sich bere­it hal­ten. Da schrieb der König einen Brief an die Köni­gin, worin stand: ​„Sobald der Knabe mit diesem Schreiben ange­langt ist, soll er getötet und begraben wer­den, und das alles soll geschehen sein, ehe ich zurückkomme.“

Der Knabe machte sich mit diesem Briefe auf den Weg, verir­rte sich aber und kam abends in einen grossen Wald. In der Dunkel­heit sah er ein kleines Licht, ging darauf zu und gelangte zu einem Häuschen. Als er hinein­trat, sass eine alte Frau beim Feuer ganz allein. Sie erschrak, als sie den Knaben erblick­te, und sprach: ​„Wo kommst du her und wo willst du hin?“ – ​„Ich komme von der Müh­le,“ antwortete er, ​„und will zur Frau Köni­gin, der ich einen Brief brin­gen soll; weil ich mich aber in dem Walde verir­rt habe, so wollte ich hier gerne über­nacht­en.“ – ​„Du armer Junge,“ sprach die Frau, ​„du bist in ein Räu­ber­haus ger­at­en, und wenn sie heim kom­men, so brin­gen sie dich um.“ – ​„Mag kom­men, wer will,“ sagte der Junge, ​„ich fürchte mich nicht; ich bin aber so müde, dass ich nicht weit­er kann,“ streck­te sich auf eine Bank und schlief ein.

Bald her­nach kamen die Räu­ber und fragten zornig, was da für ein fremder Knabe läge. ​„Ach,“ sagte die Alte, ​„es ist ein unschuldiges Kind, es hat sich im Walde verir­rt, und ich habe ihn aus Barmherzigkeit aufgenom­men: er soll einen Brief an die Frau Köni­gin brin­gen.“ Die Räu­ber erbrachen den Brief und lasen ihn, und es stand darin, dass der Knabe sogle­ich, wie er ankäme, sollte ums Leben gebracht wer­den. Da emp­fan­den die hartherzi­gen Räu­ber Mitleid, und der Anführer zer­riss den Brief und schrieb einen andern, und es stand darin, sowie der Knabe ankäme, sollte er sogle­ich mit der Königstochter ver­mählt wer­den. Sie liessen ihn dann ruhig bis zum andern Mor­gen auf der Bank liegen, und als er aufgewacht war, gaben sie ihm den Brief und zeigten ihm den recht­en Weg.

Die Köni­gin aber, als sie den Brief emp­fan­gen und gele­sen hat­te, tat, wie darin stand, hiess ein prächtiges Hochzeits­fest anstellen, und die Königstochter ward mit dem Glück­skind ver­mählt; und da der Jüngling schön und fre­undlich war, so lebte sie vergnügt und zufrieden mit ihm.

Nach einiger Zeit kam der König wieder in sein Schloss und sah, dass die Weis­sa­gung erfüllt und das Glück­skind mit sein­er Tochter ver­mählt war. ​„Wie ist das zuge­gan­gen?“ sprach er, ​„ich habe in meinem Brief einen ganz andere Befehl erteilt.“ Da reichte ihm die Köni­gin den Brief und sagte, er möchte selb­st sehen, was darin stände. Der König las den Brief und merk­te wohl, dass er mit einem andern war ver­tauscht wor­den. Er fragte den Jüngling, wie es mit dem anver­traut­en Briefe zuge­gan­gen wäre, warum er einen andern dafür gebracht hätte. ​„Ich weiss von nichts,“ antwortete er, ​„er muss mir in der Nacht ver­tauscht sein, als ich im Walde geschlafen habe.“

Voll Zorn sprach der König: ​„So leicht soll es dir nicht wer­den, wer meine Tochter haben will, der muss mir aus der Hölle drei gold­ene Haare von dem Haupt des Teufels holen; bringst du mir, was ich ver­lange, so sollst du meine Tochter behal­ten. “ Damit hoffte der König ihn auf immer los zu wer­den. Das Glück­skind aber antwortete: ​„Die gold­e­nen Haare will ich wohl holen, ich fürchte mich vor dem Teufel nicht.“

Darauf nahm er Abschied und begann seine Wan­der­schaft. Der Weg führte ihn zu ein­er grossen Stadt, wo ihn der Wächter an dem Tore aus­fragte, was für ein Gewerbe er ver­stände und was er wüsste. ​„Ich weiss alles,“ antwortete das Glück­skind. ​„So kannst du uns einen Gefall­en tun,“ sagte der Wächter, ​„wenn du uns sagst, warum unser Mark­t­brun­nen, aus dem son­st Wein quoll, trock­en gewor­den ist, und nicht ein­mal mehr Wass­er gibt.“ – ​„Das sollt ihr erfahren,“ antwortete er, ​„wartet nur, bis ich wiederkom­men. Da ging er weit­er und kam vor eine andere Stadt, da fragte der Tor­wächter wiederum, was für ein Gewerb er ver­stünde und was er wüsste. ​„Ich weiss alles,“ antwortete er. ​„So kannst du uns einen Gefall­en tun und uns sagen, warum ein Baum in unser­er Stadt, der son­st gold­ene Äpfel trug, jet­zt nicht ein­mal Blät­ter her­vortreibt.“ – ​„Das sollt ihr erfahren,“ antwortete er, ​„wartet nur, bis ich wiederkom­men. Da ging er weit­er, und kam an ein gross­es Wass­er, über das er hinüber musste. Der Fährmann fragte ihn, was er für ein Gewerbe ver­stände und was er wüsste. ​„Ich weiss alles,“ antwortete er. ​„So kannst du mir einen Gefall­en tun,“ sprach der Fährmann, ​„und nur sagen, warum ich immer hin- und her­fahren muss und niemals abgelöst werde.“ – ​„Das sollst du erfahren,“ antwortete er, ​„warte nur, bis ich wiederkomme.

Als er über das Wass­er hinüber war, so fand er den Ein­gang zur Hölle. Es war schwarz und rus­sig darin, und der Teufel war nicht zu Haus, aber seine Eller­mut­ter sass da in einem bre­it­en Sor­gen­stuhl. ​„Was willst du?“ sprach sie zu ihm, sah aber gar nicht so böse aus. ​„Ich wollte gerne drei gold­ene Haare von des Teufels Kopf,“ antwortete er, ​„son­st kann ich meine Frau nicht behal­ten.“ – ​„Das ist viel ver­langt,“ sagte sie, ​„wenn der Teufel heim kommt und find­et dich, so geht dir’s an den Kra­gen; aber du dauerst mich, ich will sehen, ob ich dir helfen kann.“ Sie ver­wan­delte ihn in eine Ameise und sprach: ​„Kriech in meine Rock­fal­ten, da bist du sich­er.“ – ​„Ja,“ antwortete er, ​„das ist schon gut, aber drei Dinge möchte ich gerne noch wis­sen, warum ein Brun­nen, aus dem son­st Wein quoll, trock­en gewor­den ist, jet­zt nicht ein­mal mehr Wass­er gibt: warum ein Baum, der son­st gold­ene Äpfel trug, nicht ein­mal mehr Laub treibt: und warum ein Fährmann immer herüber- und hinüber­fahren muss und nicht abgelöst wird.“ – ​„Das sind schwere Fra­gen,“ antwortete sie, ​„aber halte dich nur still und ruhig, und hab acht, was der Teufel spricht, wann ich ihm die drei gold­e­nen Haare ausziehe.“

Als der Abend ein­brach, kam der Teufel nach Haus. Kaum war er einge­treten, so merk­te er, dass die Luft nicht rein war. ​„Ich rieche, rieche Men­schen­fleisch,“ sagte er, ​„es ist hier nicht richtig.“ Dann guck­te er in alle Eck­en und suchte, kon­nte aber nichts find­en. Die Eller­mut­ter schalt ihn aus: ​„Eben ist erst gekehrt,“ sprach sie, ​„und alles in Ord­nung gebracht, nun wirf­st du mir’s wieder untere­inan­der; immer hast , du Men­schen­fleisch in der Nase! Set­ze dich nieder und iss dein Abend­brot.“ Als er gegessen und getrunk­en hat­te, war er milde, legte der Eller­mut­ter seinen Kopf in den Schoss und sagte, sie sollte ihn ein wenig lausen. Es dauerte nicht lange, so schlum­merte er ein, blies und schnar­chte. Da fasste die Alte ein gold­enes Haar, riss es aus und legte es neben sich. ​„Autsch!“ schrie der Teufel, ​„was hast du vor?“

„Ich habe einen schw­eren Traum gehabt,“ antwortete die Eller­mut­ter, ​„da hab ich dir in die Haare gefasst.“ – ​„Was hat dir denn geträumt?“ fragte der Teufel. ​„Mir hat geträumt, ein Mark­t­brun­nen, aus dem son­st Wein quoll, sei ver­siegt, und es habe nicht ein­mal Wass­er daraus quellen wollen, was ist wohl schuld daran?“ – ​„He, wenn sie’s wüssten!“ antwortete der Teufel, ​„es sitzt eine Kröte unter einem Stein im Brun­nen, wenn sie die töten, so wird der Wein schon wieder fliessen.“

Die Eller­mut­ter lauste ihn wieder, bis er ein­schlief und schnar­chte, dass die Fen­ster zit­terten. Da riss sie ihm das zweite Haar aus. ​„Hu! was machst du?“ schrie der Teufel zornig. ​„Nimm’s nicht übel,“ antwortete sie, ​„ich habe es im Traum getan.“ – ​„Was hat dir wieder geträumt?“ fragte er. ​„Mir hat geträumt, in einem Kön­i­gre­iche ständ ein Obst­baum, der hätte son­st gold­ene Äpfel getra­gen und wollte jet­zt nicht ein­mal Laub treiben. Was war wohl die Ursache davon?“

„He, wenn sie’s wüssten!“ antwortete der Teufel, ​„an der Wurzel nagt eine Maus, wenn sie die töten, so wird er schon wieder gold­ene Äpfel tra­gen, nagt sie aber noch länger, so ver­dor­rt der Baum gän­zlich. Aber lass mich mit deinen Träu­men in Ruhe, wenn du mich noch ein­mal im Schlafe störst, so kriegst du eine Ohrfeige.“ Die Eller­mut­ter sprach ihn zu gut und lauste ihn wieder, bis er eingeschlafen war und schnar­chte. Da fasste sie das dritte gold­ene Haar und riss es ihm aus. Der Teufel fuhr in die Höhe, schrie und wollte übel mit ihr wirtschaften, aber sie besän­ftigte ihn nochmals und sprach: ​„Wer kann für böse Träume!“

„Was hat dir denn geträumt?“ fragte er, und war doch neugierig. ​„Mir hat von einem Fährmann geträumt, der sich beklagte, dass er immer hin- und her­fahren musste, und nicht abgelöst würde. Was ist wohl schuld?“ – ​„He, der Dumm­bart! “ antwortete der Teufel, ​„wenn ein­er kommt und will über­fahren, so muss er ihm die Stange in die Hand geben, dann muss der andere über­fahren, und er ist frei.“ Da die Eller­mut­ter ihm die drei gold­e­nen Haare aus­geris­sen hat­te und die drei Fra­gen beant­wortet waren, so liess sie den alten Drachen in Ruhe, und er schlief, bis der Tag anbrach. Als der Teufel wieder fort­ge­zo­gen war, holte die Alte die Ameise aus der Rock­falte, und gab dem Glück­skind die men­schliche Gestalt zurück.

„Da hast du die drei gold­e­nen Haare,“ sprach sie, ​„was der Teufel zu deinen drei Fra­gen gesagt hat, wirst du wohl gehört haben.“ – ​„Ja,“ antwortete er, ​„ich habe es gehört und will’s wohl behal­ten.“ – ​„So ist dir geholfen,“ sagte sie ​„und nun kannst du dein­er Wege ziehen.“ Er bedank­te sich bei der Alten für die Hil­fe in der Not, ver­liess die Hölle und war vergnügt, dass ihm alles so wohl geglückt war. Als er zu dem ​‚Fährmann kam, sollte er ihm die ver­sproch­ene Antwort geben. ​„Fahr mich erst hinüber,“ sprach das Glück­skind, ​„so will ich dir sagen, wie du erlöst wirst,“ und als er auf dem jen­seit­i­gen Ufer ange­langt war, gab er ihm des Teufels Rat ​„wenn wieder ein­er kommt und will überge­fahren sein, so gib ihm nur die Stange in die Hand.“

Er ging weit­er und kam zu der Stadt, worin der unfrucht­bare Baum stand, und wo der Wächter auch Antwort haben wollte. Da sagte er ihm, wie er vom Teufel gehört hat­te, ​„tötet die Maus, die an sein­er Wurzel nagt, so wird er wieder gold­ene Äpfel tra­gen.“ Da dank­te ihm der Wächter und gab ihm zur Beloh­nung zwei mit Gold beladene Esel, die mussten ihm nach­fol­gen. Zulet­zt kam er zu der Stadt, deren Brun­nen ver­siegt war. Da sprach er zu dem Wächter, wie der Teufel gesprochen hat­te: ​„Es sitzt eine Kröte im Brun­nen unter einem Stein, die müsst ihr auf­suchen und töten, so wird er wieder reich­lich Wein geben.“ Der Wächter dank­te und gab ihm eben­falls zwei mit Gold beladene Esel.

Endlich langte das Glück­skind daheim bei sein­er Frau an, die sich her­zlich freute, als sie ihn wieder­sah und hörte, wie wohl ihm alles gelun­gen war. Dem König brachte er, was er ver­langt hat­te, die drei gold­e­nen Haare des Teufels, und als dieser die vier Esel mit dem Golde sah, ward er ganz vergnügt und sprach: ​„Nun sind alle Bedin­gun­gen erfüllt und du kannst meine Tochter behal­ten. Aber, lieber Schwiegersohn, sage mir doch, woher ist das viele Gold? Das sind ja gewaltige Schätze!“ – ​„Ich bin über einen Fluss gefahren,“ antwortete er, ​„und da habe ich es mitgenom­men, es liegt dort statt des Sandes am Ufer.“ – ​„Kann ich mir auch davon holen?“ sprach der König und war ganz begierig.“ So viel Ihr nur wollt,“ antwortete er, ​„es ist ein Fährmann auf dem Fluss, von dem lasst Euch über­fahren, so kön­nt Ihr drüben Eure Säcke füllen.“

Der hab­süchtige König machte sich in aller Eile auf den Weg, und als er zu dem Fluss kam, so wink­te er dem Fährmann, der sollte ihn über­set­zen. Der Fährmann kam und hiess ihn ein­steigen, und als sie an das jen­seit­ige Ufer kamen, gab er ihm die Rud­er­stange in die Hand und sprang davon. Der König aber musste von nun an fahren zur Strafe für seine Sün­den. ​„Fährt er wohl noch?“ – ​„Was denn? es wird ihm nie­mand die Stange abgenom­men haben.“

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