Der Teufel ist los oder Das Märlein, wie der Teufel den Branntwein erfand

von Ludwig Bechstein

~9 Min

Es hat­ten ein­mal zwei Lan­desh­er­ren einen Gren­zstre­it; da waren auf jed­er Seite Zeu­gen, die das Recht behaupteten, und darunter waren zwei, die hat­ten vom Teufel die Schwarzkun­st erlernt und ihm dafur ihre See­len verschrieben.

Diese bei­den haben ein­mal ein jed­er in der Nacht wollen falsche Gren­zsteine set­zen, so, wie jed­er von ihnen die Gren­ze behauptete, und haben die Steine mit schwarz­er Kun­st wollen machen, daß sie aussähen, als ob sie schon viele, viele Jahre da ges­tanden hät­ten. Da sind sie alle zwei als feurige Män­ner hin­auf auf die Höhe gegan­gen. Und wie der eine hin­auf kommt, da ist der andere schon da. Aber kein­er hat etwas von dem andern gewußt, daß dieser densel­ben Gedanken hatte.

Da fragte der eine den andern: »Was machst du da?«

»Was hast du danach zu fra­gen? Sage mir zuvor, was du da machen willst?«

»Gren­zsteine will ich set­zen und will den Grenz­zug machen, wie dieser eigentlich sein muß.«

»Das habe ich selb­st schon getan, und da ste­hen die Steine, und so geht der Grenzzug.«

»Das ist nicht richtig, und so geht der Grenz­zug. Mein Herr hat gesagt, ich hätte recht, und ich solle nicht nachgeben.«

»Wer ist denn dein Herr? Das wird auch ein schön­er Musjö sein!«

»Der Teufel ist mein Herr! Hast du nun Respekt?«

»Das ist nicht wahr, das ist mein Herr, und mein Herr hat mir gesagt, ich habe recht und solle nicht nachgeben. Packe dich den Augen­blick, oder es geht dir schlecht!«

Und so kamen die zwei hin­tere­inan­der, und zulet­zt da gab der eine feurige Mann dem andern eine Maulschelle, daß ihm der Kopf her­abflog und kullerte den ganzen Berg hinab. Und der feurige Mann ohne Kopf ran­nte hin­ter seinem feuri­gen Kopfe her und wollte ihn haschen und ihn sich wieder auf­set­zen. Aber er kon­nte ihn nicht ein­holen bis ganz drun­ten im Graben.

Wie nun der eine dem andern die Maulschelle gegeben hat­te, und jen­er hin­ter seinem Kopfe her­lief, da kam auf ein­mal ein drit­ter feuriger Mann dazu und fragte den, der oben blieb: »Was hast du da gemacht?«

»Was geht es dich an, und was hast du mir zu befehlen? Den Augen­blick packe dich dein­er Wege, oder ich mache es dir ger­ade so wie jenem.«

»Halunke! Hast du nicht mehr Respekt vor mir? Weißt du nicht, daß ich dein Herr, der Teufel, bin?«

»Und wenn du zehn­mal der Teufel selb­st bist, so liegt mir daran gar nichts; du kannst mich meinetwe­gen recht schön rein machen!«

»Diesen Gefall­en will ich dir tun, du sollst aber dein Leb­tag daran gedenken!«

Und da fing der Teufel an und machte ihn rein, daß die Feuer­putzen auf dem ganzen Bergrück­en herumflogen.

Aber wie er ihn so rein machte, da ersah mein feuriger Mann den gün­sti­gen Augen­blick und griff hin und erwis­chte den Teufel im Nack­en, hielt ihn fest und sagte ihm:

»Nun bist du in mein­er Gewalt; nun sollst du sehen, daß du in der Men­schen Hände bist! Du hast dein Leben lang genug armen Leuten den Hals herumge­dreht, nun sollst du auch selb­st ein­mal erfahren, wie es tut, wenn einem der Hals umge­dreht wird!«

Und fing an und wollte dem Teufel den Hals umdrehen. Wie der Teufel sah, daß der feurige Mann Ernst mit ihm machte, legte er sich aufs Bit­ten und gab ihm die him­melbesten Worte, er solle ihn doch gehen lassen und solle ihm den Hals nicht herum­drehen; er wolle ihm auch alles tun, was er nur von ihm ver­langte. Da sagte ihm der: »Weil du also erbärm­lich tust, so will ich dich nur gehen lassen; aber zuvor mußt du mir meine Ver­schrei­bung wiedergeben, in welch­er ich dir meine Seele ver­schrieben habe, und mußt mir auch ver­sprechen, ja, du mußt mir das bei dein­er Groß­mut­ter beschwören, daß du kein Teil mehr an mir haben willst, auch all dein Lebe­tage von keinem Men­schen dir wieder die Seele ver­schreiben lassen.«

Wollte der Teufel wohl oder übel, ein­mal stak er in der Klemme, und wenn er loskom­men wollte und wollte nicht den Hals herumge­dreht haben, so mußte er in einen sauren Apfel beißen, und gab ihm seine Ver­schrei­bung wieder und versprach’s ihm und ver­schwur sich bei sein­er Groß­mut­ter, daß er keinen Teil mehr an ihm haben wolle und wolle auch alle sein Lebe­tag von keinem Men­schen sich wieder lassen die Seele ver­schreiben. Wie er das alles getan hat­te, ließ jen­er den Teufel los.

Wie aber der Teufel wieder ledig war, da tat er einen Sprung zurück, daß ihn jen­er nicht etwa unverse­hens noch ein­mal erwis­che, und stellte sich hin und sagte: »So, nun bin ich wieder ledig; wenn ich dir, du Schalk­snarr, nun auch deine Ver­schrei­bung wiedergegeben habe und habe dir ver­sprochen und beschworen, daß ich kein Teil mehr an dir haben wolle, so habe ich dir doch nicht ver­sprochen, daß ich den Hals dir nicht auch umdrehen wolle, so ich wieder ledig wäre. Und auf dem Hecke da sollst du alleweil ster­ben, dafür, daß du mich gegurgelt hast und hast mir wollen den Hals umdrehen!«

Und damit fuhr der Teufel auf ihn hinein und wollte ihm den Garaus machen, der aber riß aus und lief zum Wald hinein. Und der Teufel immer hin­ter ihm her. Endlich ersah es jen­er und kam an eine alte Buche, die war hohl und hat­te unten ein Loch. Da kroch er geschwind hinein und wollte sich ver­steck­en vor dem Teufel. Aber er war nicht weit genug hinein gekrochen, und die Fußze­he guck­te ihm noch her­aus. Und weil er über und über feurig war, da leuchtete die Zehe durch die Nacht, und der Teufel wurde es gewahr, wo jen­er sich hin ver­steckt hat­te, und kam und wollte ihn an der Fußze­he erwischen.

Aber der in seinem Baume hörte es, wie der Teufel getappt kam, wie er nach ihm greifen und ihn erwis­chen wollte; da zog er sich vol­lends hinein und machte sich weit­er im Baume hin­auf. Da kroch der Teufel auch hinein, und jen­er machte immer weit­er im Baume hin­auf und der Teufel immer hin­ter ihm her. Endlich da hat­te der Baum oben in der Höhe ein weites Ast­loch, da kam jen­er dran und kroch her­aus. Und wie er draußen war, da nahm er etwas und verkeilte das Ast­loch, wo er her­aus­gekrochen war, und stieg geschwind herab und verkeilte auch das untere Loch und machte es mit schwarz­er Kun­st so fest, daß es der Teufel selb­st und seine Groß­mut­ter und die ganze Hölle nicht wieder auf­brin­gen kon­nten. Danach ging er sein­er Wege.

Und da steck­te nun der Teufel in der alten Buche und kon­nte nicht her­auskom­men, und es half ihm alles nichts, er mußte drin steck­en­bleiben. Und da hat er lange Zeit darin gesteckt, und viel­mal zu jen­er Zeit, wenn die Leute des Wegs über jenen Berg gegan­gen sind, da haben sie ihn darin hören blöken und grun­zen in sein­er Buche. Endlich aber, wie der Holzschlag dort hin­auf gekom­men ist, da ist die Buche abge­hauen wor­den. Da ist er endlich wieder her­aus­gekom­men und ist wieder frei gewor­den, der Teufel. Wie er nun wieder los war, da machte er sich auf und ging heim in die Hölle und wollte sehen, wie es aussähe. Aber da war alles leer darin, wie es in der Kirche in der Woche ist, und war keine Seele mehr zu hören noch zu sehen. Seit der Teufel damals fort­ge­gan­gen und nicht wieder gekom­men war, und auch kein Men­sch nicht gewußt hat­te, wo er hingekom­men war, da war nicht eine einzige Seele wieder in die Hölle gekom­men. Und da war seine Groß­mut­ter aus Herzeleid gestor­ben, und wie die tot war, da pack­ten alle die armen See­len, die dazu­mal in der Hölle waren, auf und macht­en sich auf und davon und gin­gen alle miteinan­der in den Him­mel. Und da stand er, Maus-Mut­ter-Stern-allein in der Hölle, und wußte seines Lei­des keinen Rat, wie er’s wohl anfin­ge, daß er wieder arme See­len bekäme, weil er es nicht mehr tun durfte, und hat­te es damals bei sein­er Groß­mut­ter ver­schwören müssen, daß er von keinem Men­schen sich wieder wollte die Seele ver­schreiben lassen, und auf andere Weise bekam er damals keine Men­schen in die Hölle. Und da stand er und wußte seines Herzelei­ds kein Ende und wollte sich die Hörn­er aus dem Kopfe raufen vor lauter Herzeleid und Jam­mer. Da fiel ihm auf ein­mal etwas ein.

Wie er in der alten Buche gesteckt hat­te und nicht her­aus­gekon­nt, da war ihm zulet­zt die Zeit lang gewor­den, und da hat­te er über aller­lei nach­simuliert und den Bran­ntwein erdacht und erfun­den. Das fiel ihm alleweil mit­ten in seinem Herzelei­de wieder ein, und da dachte er sich, das müsse ein Mit­telchen sein, wie er doch wieder arme See­len in die Hölle bekom­men könne.

Und da pack­te er auf der Stelle auf und ließ die Hölle Hölle sein und ging nach Nord­hausen und wurde ein Schnaps­bren­ner und machte Bran­ntwein drein und drauf und schenk­te ihn in die Welt hinein. Und er zeigte auch den Nord­häusern allen miteinan­der, wie der Schnaps gemacht wird, und ver­sprach ihnen viel Geld und Gut, wenn sie’s lern­ten und Bran­ntwein bren­nten. Und die Nord­häuser ließen sich’s auch nicht zweimal sagen und wur­den alle Schnaps­bren­ner und macht­en Bran­ntwein und schenk­ten ihn in die Welt hinein. Seit dieser Zeit schreibt sich’s her, daß bis auf den heuti­gen Tag so viel Bran­ntwein in Nord­hausen gebran­nt wird wie an keinem andern Orte in der ganzen Welt.

Aber wie sich’s der Teufel gedacht hat­te, also ging es auch. Wenn die Leute erst ein wenig Bran­ntwein im Leibe hat­ten, da fin­gen sie an zu fluchen und zu schwören, und flucht­en und schwuren ihre Seele zum Teufel, daß sie der Teufel bekam, wenn sie gestor­ben waren, und brauchte ihnen darum nicht zu dienen, wie er son­st hat­te tun müssen, wenn er eine arme Seele hat­te haben wollen. Und wenn sie sich den Kopf erst richtig vollge­sof­fen hat­ten im Bran­ntwein, da fin­gen sie auch an und zank­ten sich und prügel­ten sich und brachen sich sel­ber die Hälse, daß sich der Teufel nicht erst brauchte die Mühe zu geben und brauchte sie ihnen herum zu drehen. Und wenn der Teufel son­st mit aller Mühe und Not hat­te alle Wochen ein­mal eine arme Seele in die Hölle bekom­men kön­nen, da kamen sie jet­zt dutzend- und schock­weise alle Tage hinein, und es dauerte kein Jahr, da war die Hölle zu klein gewor­den und kon­nte der Teufel die See­len nicht mehr unter­brin­gen und mußte ein ganz neues Stück lassen anbauen an die Hölle.

Und kurz und gut, seit der Teufel aus der alten Buche jenes­mal wieder los­gekom­men ist, seit der Zeit ist der Bran­ntwein aufgekom­men, und seit der Bran­ntwein in der Welt ist, da kann man erst recht eigentlich sagen: »Der Teufel ist los!«