Der Tannenbaum

von Hans Christian Andersen

~16 Min

Draußen im Wald stand ein so niedlich­er Tan­nen­baum. Er hat­te einen guten Platz, Sonne kon­nte er bekom­men, von Luft gab es genug, und ring­sherum wuch­sen viele größere Kam­er­aden, sowohl Tan­nen wie Ficht­en. Aber der kleine Tan­nen­baum war so erpicht auf das Wach­sen, er dachte nicht an die warme Sonne und die frische Luft, er küm­merte sich nicht um die Bauernkinder, die herumgin­gen und plaud­erten, wenn sie draußen waren, um Erd­beeren oder Him­beeren zu sam­meln; oft kamen sie mit einem ganzen Topf voll, oder sie hat­ten Erd­beeren auf Grashalme aufge­zo­gen, dann set­zten sie sich zu dem kleinen Baum und sagten: Nein, wie ist er niedlich klein!“ Das wollte der Baum gar nicht hören.

Im Jahr danach war er ein langes Ende höher und im Jahr danach wieder um ein noch viel län­geres; denn bei einem Tan­nen­baum kann man immer nach der Zahl der Glieder, die er hat, sehen, wie viele Jahre er gewach­sen ist.

Oh, wäre ich doch solch ein großer Baum wie die andern!” seufzte der kleine Baum, dann kön­nte ich meine Zweige so weit im Umkreis aus­bre­it­en und mit dem Wipfel in die weite Welt hin­ausse­hen! Die Vögel wür­den dann Nester zwis­chen meinen Zweigen bauen, und wenn der Wind wehte, kön­nte ich so vornehm nick­en wie die andern dort!”

Er hat­te gar kein Vergnü­gen am Son­nen­schein, an den Vögeln oder an den roten Wolken, die mor­gens und abends darüber hinsegelten.

War es nun Win­ter und der Schnee ring­sum lag funkel­nd weiß, dann kam oft ein Hase gesprun­gen und set­zte über den kleinen Baum hin­weg, — oh, das war so ärg­er­lich! — Aber zwei Win­ter vergin­gen, und im drit­ten war der Baum so groß, daß der Hase um ihn herumge­hen mußte. Oh, wach­sen, wach­sen, groß und alt wer­den, das war doch das einzig Schöne in dieser Welt, dachte der Baum.

Im Herb­st kamen immer Holzhauer und fäll­ten einige der größten Bäume; das geschah jedes Jahr, und der junge Tan­nen­baum, der nun ganz gut gewach­sen war, zit­terte dabei, denn die großen prächti­gen Bäume fie­len mit einem Knack­en und Krachen zur Erde; die Äste wur­den abge­hauen, sie sahen ganz nackt, lang und schmal aus; sie waren beina­he nicht zu ken­nen, aber dann wur­den sie auf Wagen gelegt, und Pferde zogen sie fort aus dem Wald.

Wo soll­ten sie hin? Was stand ihnen bevor?

Im Früh­ling, als die Schwalbe und der Storch kamen, fragte der Baum sie: Wißt Ihr nicht, wo sie hinge­führt wur­den? Seid Ihr ihnen begegnet?”

Die Schwal­ben wußten nichts, aber der Storch sah nach­den­klich aus, nick­te mit dem Kopfe und sagte: Ja, ich glaube wohl! Ich begeg­nete manchem neuen Schiff, als ich von Ägypten her­flog; auf den Schif­f­en waren prächtige Mast­bäume; ich darf sagen, daß sie es waren, sie rochen nach Tanne; ich kann viel­mals grüßen, sie ragen auf, sie ragen!”

Oh, wäre ich doch auch groß genug, um über das Meer hinzu­fliegen. Wie ist es eigentlich, dieses Meer, und wem gle­icht es?”

Ja, das ist zu weitläu­fig zu erk­lären!” sagte der Storch, und dann ging er.

Freue dich an dein­er Jugend!” sagten die Son­nen­strahlen, freue dich an deinem frischen Wach­s­tum, an dem jun­gen Leben, das in dir ist!”

Und der Wind küßte den Baum, und der Tau weinte Trä­nen auf ihn, aber das ver­stand der Tan­nen­baum nicht.

Wenn die Wei­h­nacht­szeit kam, dann wur­den ganz junge Bäume gefällt, Bäume, die nicht ein­mal so groß oder in einem Alter mit diesem Tan­nen­baum waren, der wed­er Rast noch Ruhe fand, son­dern immer fort wollte; diese jun­gen Bäume, und es waren ger­ade die aller­schön­sten, behiel­ten immer ihre Zweige, sie wur­den auf die Wagen gelegt, und Pferde zogen sie fort aus dem Wald.

Wohin sollen sie?” fragte der Tan­nen­baum. Sie sind nicht größer als ich, da war sog­ar ein­er, der viel klein­er war; weshalb behiel­ten sie alle ihre Zweige? Wo fuhren sie hin?”

Das wis­sen wir! Das wis­sen wir!” zwitscherten die Sper­linge. Wir haben unten in der Stadt in die Fen­ster geguckt ! Wir wis­sen, wo sie hin­fahren! Oh, sie kom­men zu dem größten Glanz und der größten Her­rlichkeit, die man denken kann! Wir haben bei den Fen­stern hineingeguckt und gese­hen, daß sie mit­ten in die warme Stube gepflanzt und mit den schön­sten Din­gen geputzt wur­den, mit ver­gold­e­ten Äpfeln, Honigkuchen, Spielzeug und vie­len hun­dert Lichtern!”

Und dann — ?” fragte der Tan­nen­baum und zit­terte an allen Zweigen. Und dann? Was geschah dann?”

Ja, mehr haben wir nicht gese­hen! Das war unvergleichlich!”

Wenn ich nun dazu gewor­den bin, um diesen strahlen­den Weg zu gehen!“jubelte der Baum. Das ist noch bess­er, als über das Meer zu fahren! Wie ich mich sehne! Wäre es doch Wei­h­nacht­en! Nun bin ich hoch und bre­it wie die andern, die im let­zten Jahr fort­ge­fahren wur­den! — Oh, wäre ich schon auf dem Wagen! Wäre ich doch in der war­men Stube mit all der Pracht und Her­rlichkeit! Und dann -? Ja, dann kommt etwas noch Besseres, noch Schöneres, weshalb soll­ten sie mich son­st so schmück­en! Da muß etwas noch Größeres, noch Her­rlicheres kom­men -! Aber was ? Oh, ich lei­de! Ich sehne mich! Ich weiß selb­st nicht, was mit mir ist!”

Freue dich mit mir!” sagten die Luft und das Son­nen­licht; freue dich an dein­er frischen Jugend draußen im Freien!”

Aber er freute sich gar nicht; er wuchs und wuchs, Win­ter und Som­mer stand er grün, dunkel­grün stand er; die Leute, die ihn sahen, sagten: Das ist ein schön­er Baum!” Und zur Wei­h­nacht­szeit wurde er als erster von allen gefällt. Die Axt traf tief hinein durch das Mark, der Baum fiel mit einem Seufz­er hin zur Erde, er fühlte einen Schmerz, eine Ohn­macht, er kon­nte gar nicht an irgen­dein Glück denken; er war betrübt, sich von der Heimat zu tren­nen, von dem Fleck, wo er aufgewach­sen war. Er wußte ja, daß er nie mehr die lieben alten Kam­er­aden sehen würde, die kleinen Büsche und Blu­men ring­sum, ja, vielle­icht nicht ein­mal die Vögel. Die Abreise war gar nicht behaglich.

Der Baum kam erst zu sich, als er im Hof, mit den andern Bäu­men abgepackt, einen Mann sagen hörte: Der ist prächtig! Wir brauchen keinen anderen!”

Nun kamen zwei Diener in vollem Staat und tru­gen den Tan­nen­baum in einen großen schö­nen Saal hinein. Ring­sum an den Wän­den hin­gen Porträts und auf dem großen Kach­e­lofen standen große chi­ne­sis­che Vasen mit Löwen auf den Deck­eln; da waren Schaukel­stüh­le, Sei­den­so­fas, große Tis­che voll von Bilder­büch­ern und mit Spielzeug für hun­dert mal hun­dert Reich­staler — wenig­stens sagten die Kinder das. Und der Tan­nen­baum wurde in ein großes Faß voll Sand gestellt, aber nie­mand kon­nte sehen, daß es ein Faß war, denn es wurde rund­herum mit grünem Zeug behängt und es stand auf einem großen bun­ten Tep­pich. Oh, wie der Baum bebte! Was würde noch geschehen? Sowohl Diener wie Fräuleins gin­gen und schmück­ten ihn. Auf die Zweige hängten sie kleine Net­ze, aus­geschnit­ten aus bun­tem Papi­er, jedes Netz war mit Zuck­erzeug gefüllt; ver­gold­ete Äpfel und Wal­nüsse hin­gen, als wären sie fest­gewach­sen, und über hun­dert rote, blaue und weiße Lichtchen wur­den an den Zweigen fest­gesteckt. Pup­pen, die leib­haftig wie Men­schen aus­sa­hen — der Baum hat­te so etwas nie zuvor gese­hen -, schwebten in dem Grü­nen, und ganz zuoberst in den Wipfel wurde ein großer Stern aus Flit­ter­gold geset­zt; das war prächtig, unver­gle­ich­lich prächtig.

Heute abend,” sagten sie alle, heute abend soll er strahlen!”

Oh!” dachte der Baum, wäre es doch Abend! wären nur die Lichter bald angezün­det! Oh, was wohl dann geschieht? Ob dann die Bäume aus dem Walde kom­men und mich anse­hen? Ob die Sper­linge gegen die Scheiben fliegen? Ob ich hier fest­wachse und Win­ter und Som­mer geschmückt stehe?”

Ja, der wußte gut Bescheid; aber er hat­te nun ordentlich Rinden­weh vor Sehn­sucht, und Rinden­weh ist eben­so schlimm für einen Baum, wie Kopfweh für uns andere!

Nun wur­den die Lichte angezün­det. Welch­er Glanz, welche Pracht! Der Baum zit­terte an allen Zweigen dabei, so daß eines der Lichte das Grüne ansteck­te; er schwitzte ordentlich.

Gott bewahre uns!” schrien die Fräuleins und löscht­en das Feuer schnell.

Nun durfte der Baum nicht ein­mal beben. Oh, das war ein Grauen! Er war so bange davor, etwas von all seinem Staat zu ver­lieren; er war ganz ver­wirrt von all dem Glanz ‑und nun gin­gen bei­de Flügeltüren auf und eine Menge Kinder stürzte here­in, als woll­ten sie den ganzen Baum umreißen; die älteren Leute kamen besinnlich hin­ter­her. Die Kleinen standen ganz still, aber nur einen Augen­blick, dann jubel­ten sie wieder, so daß es hallte; sie tanzten rund um den Baum, und ein Geschenk nach dem andern wurde abgepflückt.

Was tun sie nur?” dachte der Baum. Was soll da geschehen?” Und die Lichte bran­nten bis auf die Zweige herab, und nach­dem sie her­abge­bran­nt waren, löschte man sie aus, und dann erhiel­ten die Kinder Erlaub­nis, den Baum zu plün­dern. Oh, sie stürzten auf ihn ein, so daß es in allen Ästen knack­te; wäre er nicht mit der Spitze und dem Gold­stern an der Decke fest­ge­bun­den gewe­sen, so wäre er umgestürzt.

Die Kinder tanzten herum mit ihrem prächti­gen Spielzeug, kein­er sah den Baum an, außer dem alten Kin­der­mäd­chen, das hing­ing und zwis­chen die Zweige guck­te, aber das war nur, um zu sehen, ob nicht noch eine Feige oder ein Apfel vergessen war.

Eine Geschichte! Eine Geschichte!” riefen die Kinder und zogen einen kleinen dick­en Mann zum Baum hin, und er set­zte sich grade darunter. Denn dann sind wir im Grü­nen!” sagte er, und dem Baum kann es noch beson­ders gut tun mit zuzuhören; aber ich erzäh­le nur eine Geschichte. Wollt Ihr von Ivede-Avede hören oder von Klumpe-Dumpe, der die Trep­pen her­ab­fiel und doch auf den Hochsitz kam und die Prinzessin kriegte?”

Ivede-Avede!” schrien einige, und Klumpe-Dumpe!” schrien andere. Es war ein Rufen und Schreien, nur der Tan­nen­baum schwieg ganz stille und dachte: Soll ich gar nicht dabei sein, gar nichts tun?” Er war ja dabei gewe­sen, hat­te getan, was er tun sollte.

Und der Mann erzählte von Klumpe-Dumpe”, der die Trep­pen her­ab­fiel und doch in den Hochsitz kam und die Prinzessin erhielt. Und die Kinder klatscht­en in die Hände und riefen: Erzäh­le! Erzäh­le!” Sie woll­ten auch Ivede-Avede” haben, aber sie beka­men nur Klumpe-Dumpe” zu hören. Der Tan­nen­baum stand ganz still und gedanken­voll, niemals hat­ten die Vögel draußen im Wald so etwas erzählt. Klumpe-Dumpe fiel die Trep­pen hinab und bekam doch die Prinzessin! Ja, ja! So geht es zu in der Welt!” dachte der Tan­nen­baum und glaubte, daß es wahr sei, weil es ein so net­ter Mann war, der erzählte. Ja! ja! Wer kann wis­sen! Vielle­icht falle ich auch die Trep­pen hinab und bekomme eine Prinzessin!” Und er freute sich auf den näch­sten Tag, daß er wieder mit Eicht­en und Spielzeug, Gold und Frücht­en geschmückt wer­den solle.

Mor­gen werde ich nicht zit­tern!” dachte er. Ich will mich recht all mein­er Her­rlichkeit erfreuen. Mor­gen werde ich wieder die Geschichte von Klumpe-Dumpe’ und vielle­icht die von Ivede-Avede’ hören.” Und der Baum stand still und gedanken­voll die ganze Nacht.

Am Mor­gen kamen Burschen und Mäd­chen herein.

Nun begin­nt der Staat wieder!” dachte der Baum, aber sie schleppten ihn aus der Stube, die Trep­pen hin­auf auf den Spe­ich­er und dort, in ein­er dun­klen Ecke, wohin kein Tag schien, stell­ten sie ihn hin. Was soll das bedeuten?” dachte der Baum. Was habe ich wohl hier zu tun? Was werde ich wohl zu hören bekom­men?” Und er lehnte sich gegen die Mauer und stand und dachte und dachte. — - Und gut Zeit hat­te er, denn Tage und Nächte vergin­gen; kein­er kam her­auf, und als endlich jemand kam, war es, um einige große Kas­ten in die Ecke hinzustellen; der Baum stand ganz ver­bor­gen, man hätte glauben kön­nen, daß er rein vergessen war.

Nun ist es Win­ter draußen!” dachte der Baum. Die Erde ist hart und mit Schnee bedeckt. Die Men­schen kön­nen mich nicht einpflanzen; deshalb soll ich wohl hier im Schutz ste­hen bis zum Früh­ling! Wie ist das wohlbe­dacht! Wie sind die Men­schen doch gut! — Wäre es hier nur nicht so dunkel und so schreck­lich ein­sam! — Nicht ein­mal ein klein­er Hase! — Das war doch so hüb­sch draußen im Wald, wenn der Schnee lag und der Hase vor­beis­prang; ja selb­st, als er über mich hin­wegsprang, aber das mochte ich damals nicht. Hier oben ist es doch schreck­lich einsam.”

Pi! Pi!” sagte eine kleine Maus in diesem Augen­blick und schlüpfte her­vor; und dann kam noch eine kleine. Sie schnüf­fel­ten am Tan­nen­baum und glit­ten zwis­chen den Zweigen auf ihm herum.

Es ist eine grausame Kälte!” sagte die kleine Maus. Son­st ist es hier her­rlich zu sein! Nicht wahr, du alter Tannenbaum?”

Ich bin gar nicht alt!” sagte der Tan­nen­baum, es gibt viele, die viel älter sind als ich!”

Wo kommst du her?” fragten die Mäuse, und was weißt du?” Sie waren so schreck­lich neugierig. Erzähl’ uns doch von dem schön­sten Ort der Welt! Bist du dort gewe­sen? Warst du in der Speisekam­mer, wo Käse auf den Bret­tern liegen und Schinken unter der Decke hän­gen, wo man auf Tal­glicht­en tanzt und mager hineinkommt und fett herausgeht?”

Das kenne ich nicht!” sagte der Baum, aber den Wald kenne ich, wo die Sonne scheint und wo die Vögel sin­gen!” Und dann erzählte er alles von sein­er Jugend, und die kleinen Mäuse hat­ten nie zuvor so etwas gehört, und sie hörten zu und sagten: Nein, wie viel hast du gese­hen! Wie glück­lich warst du!”

Ich!” sagte der Tan­nen­baum und dachte über das, was er selb­st erzählte: Ja, es waren im Grunde ganz angenehme Zeit­en!” — aber dann erzählte er vom Wei­h­nachtsabend, als er mit Kuchen und Licht­en geschmückt wor­den war.

Oh!” sagten die kleinen Mäuse, wie bist du glück­lich gewe­sen, du alter Tannenbaum!”

Ich bin gar nicht alt!” sagte der Baum, es war ja in diesem Win­ter, daß ich aus dem Wald gekom­men bin! Ich bin in meinem allerbesten Alter, ich bin nur im Wach­s­tum voraus!”

Wie du schön erzählst!” sagten die kleinen Mäuse, und näch­ste Nacht kamen sie mit vier anderen kleinen Mäusen, die den Baum erzählen hören soll­ten, und je mehr er erzählte, desto deut­lich­er erin­nerte er sich selb­st und dachte: Es waren doch ganz vergnügte Zeit­en! Aber sie kön­nen noch kom­men! Sie kön­nen kom­men! Klumpe-Dumpe fiel die Trep­pen hinab und bekam doch die Prinzessin, vielle­icht kann ich auch eine Prinzessin bekom­men!” Und dann dachte der Tan­nen­baum an solch einen niedlichen Birken­baum, der draußen im Walde wuchs, der war für den Tan­nen­baum eine wirk­liche schöne Prinzessin.

Wer ist Klumpe-Dumpe?” fragten die kleinen Mäuse. Und da erzählte der Tan­nen­baum das ganze Märchen, er kon­nte sich jedes einzel­nen Wortes erin­nern; und die kleinen Mäuse waren bere­it, auf die Spitze des Baumes zu sprin­gen vor lauter Vergnü­gen! Näch­ste Nacht kamen viel mehr Mäuse, und am Son­ntag kamen auch zwei Rat­ten; aber sie sagten, daß die Geschichte nicht amüsant sei, und das betrübte die kleinen Mäuse, denn nun gefiel sie ihnen auch weniger.

Kön­nen Sie nur die eine Geschichte?” fragten die Ratten.

Nur die eine!” antwortete der Baum, die hörte ich an meinem glück­lich­sten Abend, aber damals dachte ich gar nicht, wie glück­lich ich war!”

Das ist eine über die Maßen jäm­mer­liche Geschichte! Ken­nen Sie keine mit Speck und Tal­glicht­en? Keine Speisekam­mergeschicht­en?” Nein!” sagte der Baum.

Ja, nun wollen wir Ihnen danken!” sagten die Rat­ten und gin­gen hin­weg zu den Ihren.

Die kleinen Mäuse blieben zulet­zt auch fort, und dann seufzte der Baum: Das war doch ganz hüb­sch, als sie um mich herum­saßen, die zappli­gen Mäuschen, und hörten, was ich erzählte! Nun ist das auch vor­bei! — Aber ich werde daran denken, mich zu freuen, wenn ich nun wieder her­vorge­holt werde!”

Aber wann geschah das? — Ja doch! es war an einem Mor­gen, da kamen Leute und räumten auf dem Spe­ich­er auf. Die Kas­ten wur­den wegge­hoben, der Baum her­vorge­zo­gen; sie war­fen ihn freilich etwas hart auf den Boden, aber gle­ich schleppte ein Bursche ihn zur Treppe hin, wo der Tag schien.

Nun begin­nt wieder das Leben!” dachte der Baum; er fühlte die frische Luft, die ersten Son­nen­strahlen, — und nun war er draußen im Hof. Alles ging so schnell, der Baum ver­gaß ganz, sich selb­st anzuse­hen, so viel war ring­sum zu sehen. Der Hof stieß an einen Garten, und alles blühte darin; Rosen hin­gen da so frisch und duf­tend über das kleine Git­ter­w­erk hin­aus, und die Schwal­ben flo­gen umher und sagten: Quirre-wirre-witt, mein Mann ist da!” Aber es war nicht der Tan­nen­baum, den sie meinten.

Nun werde ich leben!” jubelte er und bre­it­ete seine Zweige weit aus; ach, sie waren alle vertrock­net und gelb; er war in der Ecke zwis­chen Unkraut und Nes­seln, da lag er, der Gold­pa­pier­stern saß noch oben an der Spitze und schim­merte im hell­sten Sonnenschein.

Im Hof spiel­ten ein paar der lusti­gen Kinder, die zur Wei­h­nacht­szeit um den Baum getanzt hat­ten und über ihn so froh gewe­sen waren. Eines der Kle­in­sten eilte hin und riß den Gold­stern ab.

Seht, was da noch auf dem häßlichen alten Wei­h­nachts­baum sitzt!” sagte es und tram­pelte auf den Zweigen, so daß sie unter seinen Stiefeln knackten.

Und der Baum sah auf all die Blu­men­pracht und Frische im Garten, er sah sich selb­st an, und er wün­schte, daß er in sein­er dun­klen Ecke auf dem Spe­ich­er geblieben wäre; er dachte an seine frische Jugend im Wald, an den lusti­gen Wei­h­nachtsabend und an die kleinen Mäuse, die so froh die Geschichte von Klumpe-Dumpe gehört hatten.

Vor­bei! Vor­bei!” sagte der arme Baum. Hätte ich mich doch gefreut, da ich es kon­nte! Vor­bei! Vorbei!”

Und der Hausknecht kam und hack­te den Baum in kleine Stücke, ein ganz­er Bund lag da; prächtig flammte das auf unter dem großen Braukessel; und es seufzte so tief; jed­er Seufz­er war wie ein klein­er Schuß; deshalb liefen die Kinder, die spiel­ten, here­in und set­zten sich vor das Feuer, sahen es an und riefen: Piff! Paff!” aber bei jedem Knall, der ein tiefer Seufz­er war, dachte der Baum an einen Som­mertag im Wald, an eine Win­ter­nacht draußen, wenn die Sterne leuchteten; er dachte an den Wei­h­nachtsabend und Klumpe-Dumpe, das einzige Märchen, das er gehört hat­te und zu erzählen wußte — und dann war der Baum ausgebrannt.

Die Jun­gen spiel­ten im Hof, und der Kle­in­ste hat­te den Gold­stern auf der Brust, den der Baum an seinem glück­lich­sten Abend getra­gen hat­te. Nun war der vor­bei, und der Baum war vor­bei und die Geschichte auch! Vor­bei, vor­bei, und so geht es mit allen Geschichten!