Der Stiefel von Büffelleder

von Brüder Grimm

~7 Min

Ein Sol­dat, der sich vor nichts fürchtet, küm­mert sich auch um nichts. So ein­er hat­te seinen Abschied erhal­ten, und da er nichts gel­ernt hat­te und nichts ver­di­enen kon­nte, so zog er umher und bat gute Leute um ein Almosen. Auf seinen Schul­tern hing ein alter Wet­ter­man­tel, und ein Paar Reit­er­stiefeln von Büf­felled­er waren ihm auch noch geblieben. Eines Tages ging er, ohne auf Weg und Steg zu acht­en, immer ins Feld hinein und gelangte endlich in einen Wald. Er wusste nicht, wo er war, sah aber auf einem abge­haue­nen Baum­stamm einen Mann sitzen, der gut gek­lei­det war und einen grü­nen Jäger­rock trug. Der Sol­dat reichte ihm die Hand, liess sich neben ihm auf das Gras nieder und streck­te seine Beine aus. Ich sehe, du hast feine Stiefel an, die glänzend gewichst sind,‘ sagte er zu dem Jäger, wenn du aber herumziehen müsstest wie ich, so wür­den sie nicht lange hal­ten. Schau die meini­gen an, die sind von Büf­felled­er und haben schon lange gedi­ent, gehen aber durch dick und dünn.‘ Nach ein­er Weile stand der Sol­dat auf und sprach ich kann nicht länger bleiben, der Hunger treibt mich fort. Aber, Brud­er Wichsstiefel, wo hin­aus geht der Weg?‘ Ich weiss es sel­ber nicht,‘ antwortete der Jäger, ich habe mich in dem Wald verir­rt.‘ So geht dirs ja wie mir,‘ sprach der Sol­dat, gle­ich und gle­ich gesellt sich gern, wir wollen beieinan­der bleiben und den Weg suchen.‘ Der Jäger lächelte ein wenig, und sie gin­gen zusam­men fort, immer weit­er, bis die Nacht ein­brach. Wir kom­men aus dem Wald nicht her­aus,‘ sprach der Sol­dat, aber ich sehe dort in der Ferne ein Licht schim­mern, da wirds etwas zu essen geben.‘ Sie fan­den ein Stein­haus, klopften an die Türe, und ein altes Weib öffnete. Wir suchen ein Nachtquarti­er,‘ sprach der Sol­dat, und etwas Unter­fut­ter für den Magen, denn der meinige ist so leer wie ein alter Tor­nister.‘ Hier kön­nt ihr nicht bleiben,‘ antwortete die Alte, das ist ein Räu­ber­haus, und ihr tut am klüg­sten, dass ihr euch fort­macht, bevor sie heim kom­men, denn find­en sie euch, so seid ihr ver­loren.‘ Es wird so schlimm nicht sein,‘ antwortete der Sol­dat, ich habe seit zwei Tagen keinen Bis­sen genossen, und es ist mir ein­er­lei, ob ich hier umkomme oder im Wald vor Hunger sterbe. Ich gehe here­in.‘ Der Jäger wollte nicht fol­gen, aber der Sol­dat zog ihn am Ärmel mit sich komm, Bruder­herz, es wird nicht gle­ich an den Kra­gen gehen.‘ Die Alte hat­te Mitlei­den und sagte kriecht hin­ter den Ofen, wenn sie etwas übrig lassen und eingeschlafen sind, so will ichs euch zusteck­en.‘ Kaum sassen sie in der Ecke, so kamen zwölf Räu­ber hereingestürmt, set­zten sich an den Tisch, der schon gedeckt war, und forderten mit Ungestüm das Essen. Die Alte trug einen grossen Brat­en here­in, und die Räu­ber liessen sichs wohl schmeck­en. Als der Geruch von der Speise dem Sol­dat­en in die Nase stieg, sagte er zum Jäger ich halts nicht länger aus, ich set­ze mich an den Tisch und esse mit.‘ Du bringst uns ums Leben,‘ sprach der Jäger und hielt ihn am Arm. Aber der Sol­dat fing an laut zu hus­ten. Als die Räu­ber das hörten, war­fen sie Mess­er und Gabel hin, sprangen auf und ent­deck­ten die bei­den hin­ter dem Ofen. Aha, ihr Her­ren,‘ riefen sie, sitzt ihr in der Ecke? was wollt ihr hier? seid ihr als Kund­schafter aus­geschickt? wartet, ihr sollt an einem dür­ren Ast das Fliegen ler­nen.‘ Nur manier­lich,‘ sprach der Sol­dat, mich hungert, gebt mir zu essen, her­nach kön­nt ihr mit mir machen, was ihr wollt.‘ Die Räu­ber stutzten, und der Anführer sprach ich sehe, du fürcht­est dich nicht, gut, Essen sollst du haben, aber her­nach musst du ster­ben.‘ Das wird sich find­en,‘ sagte der Sol­dat, set­zte sich an den Tisch und fing an tapfer in den Brat­en einzuhauen. Brud­er Wichsstiefel, komm und iss,‘ rief er dem Jäger zu, du wirst hun­grig sein so gut als ich, und einen bessern Brat­en kannst du zu Haus nicht haben;‘ aber der Jäger wollte nicht essen. Die Räu­ber sahen dem Sol­dat­en mit Erstaunen zu und sagten der Kerl macht keine Umstände.‘ Her­nach sprach er das Essen wäre schon gut, nun schafft auch einen guten Trunk her­bei.‘ Der Anführer war in der Laune, sich das auch noch gefall­en zu lassen, und rief der Alten zu hol eine Flasche aus dem Keller, und zwar von dem besten.‘ Der Sol­dat zog den Pfropfen her­aus, dass es knallte, ging mit der Flasche zu dem Jäger und sprach gib acht, Brud­er, du sollst dein blaues Wun­der sehen: jet­zt will ich eine Gesund­heit auf die ganze Sipp­schaft aus­brin­gen.‘ Dann schwenk­te er die Flasche über den Köpfen der Räu­ber, rief ihr sollt alle leben, aber das Maul auf und die rechte Hand in der Höhe,‘ und tat einen herzhaften Zug. Kaum waren die Worte her­aus, so sassen sie alle bewe­gungs­los, als wären sie von Stein, hat­ten das Maul offen und streck­ten den recht­en Arm in die Höhe. Der Jäger sprach zu dem Sol­dat­en ich sehe, du kannst noch andere Kun­st­stücke, aber nun komm und lass uns heim gehen.‘ Oho, Bruder­herz, das wäre zu früh abmarschiert, wir haben den Feind geschla­gen und wollen erst Beute machen. Die sitzen da fest und sper­ren das Maul vor Ver­wun­derung auf: sie dür­fen sich aber nicht rühren, bis ich es erlaube. Komm, iss und trink.‘ Die Alte musste noch eine Flasche von dem besten holen, und der Sol­dat stand nicht eher auf, als bis er wieder für drei Tage gegessen hat­te. Endlich, als der Tag kam, sagte er nun ist es Zeit, dass wir das Zelt abbrechen, und damit wir einen kurzen Marsch haben, so soll die Alte uns den näch­sten Weg nach der Stadt zeigen.‘ Als sie dort ange­langt waren, ging er zu seinen alten Kam­er­aden und sprach ich habe draussen im Wald ein Nest voll Gal­gen­vögel aufge­fun­den, kommt mit, wir wollen es ausheben.‘ Der Sol­dat führte sie an und sprach zu dem Jäger du musst wieder mit zurück: und zuse­hen, wie sie flat­tern, wenn wir s ie an den Füssen pack­en.‘ Er stellte die Mannschaft rings um die Räu­ber herum, dann nahm er die Flasche, trank einen Schluck, schwenk­te sie über ihnen her und rief ihr sollt alle leben!, Augen­blick­lich hat­ten sie ihre Bewe­gung wieder, wur­den aber niederge­wor­fen und an Hän­den und Füssen mit Strick­en gebun­den. Dann hiess sie der Sol­dat wie Säcke auf einen Wagen wer­fen und sagte fahrt sie nur gle­ich vor das Gefäng­nis.‘ Der Jäger aber nahm einen von der Mannschaft bei­seite und gab ihm noch eine Bestel­lung mit.

Brud­er Wichsstiefel,‘ sprach der Sol­dat, wir haben den Feind glück­lich über­rumpelt und uns wohl genährt, jet­zt wollen wir als Nachzü­gler in aller Ruhe hin­ter­her marschieren.‘ Als sie sich der Stadt näherten, so sah der Sol­dat, wie sich eine Menge Men­schen aus dem Stadt­tor drängten, lautes Freudengeschrei erhuben und grüne Zweige in der Luft schwan­gen. Dann sah er, dass die ganze Leib­wache herange­zo­gen kam.

Was soll das heis­sen?‘ sprach er ganz ver­wun­dert zu dem Jäger. Weisst du nicht,‘ antwortete er, dass der König lange Zeit aus seinem Reich ent­fer­nt war, heute kehrt er zurück, und da gehen ihm alle ent­ge­gen.‘ Aber wo ist der König?‘ sprach der Sol­dat, ich sehe ihn nicht.‘ Hier ist er,‘ antwortete der Jäger, ich bin der König und habe meine Ankun­ft melden lassen.‘ Dann öffnete er seinen Jäger­rock, dass man die königlichen Klei­der sehen kon­nte. Der Sol­dat erschrak, fiel auf die Knie und bat ihn um Verge­bung, dass er ihn in der Unwis­senheit wie seines­gle­ichen behan­delt und ihn mit solchem Namen angere­det habe. Der König aber reichte ihm die Hand und sprach du bist ein braver Sol­dat und hast mir das Leben gerettet. Du sollst keine Not mehr lei­den, ich will schon für dich sor­gen. Und wenn du ein­mal ein Stück guten Brat­en essen willst, so gut als in dem Räu­ber­haus, so komm nur in die königliche Küche. Willst du aber eine Gesund­heit aus­brin­gen, so sollst du erst bei mir Erlaub­nis dazu holen.‘