Der starke Hans

von Josef Haltrich

~13 Min

Einem Manne starb seine Frau und hin­ter­ließ ihm drei Töchter; da nahm er sich eine andere Frau, die gebar ihm einen Sohn, und den nan­nten sie Hans, und diesen hat­te die Mut­ter so lieb, das sie ihn sieben Jahre immer­fort saugte. Das wurde dem Mann endlich zuviel, und als sie ihn eines Tages saugte, sprach er im Ärg­er: Ei, das du eine Kuh wärest!“ Als­bald war sie eine Kuh, und er schick­te nun seinen kleinen Sohn jeden Tag mit sein­er Mut­ter auf die Wei­de, und das war diesem recht, denn er sog nun fort den ganzen Tag. Sein Vater gab ihm, wenn er mor­gens aus­ging, einen Kuchen aus Asche mit, aber den warf der Knabe jedes mal fort. Als der Junge in kurzem sehr groß und stark wurde, wun­derte sich der Vater, und er dachte, das kann doch nicht vom Aschkuchen kom­men, und er sagte zu sein­er jüng­sten Tochter: Gehe mit deinem Brud­er heute mit und siehe zu, was er den Tag über macht.“

Als sie in das Feld kamen, warf Hans sein Brot fort. Seine Schwest­er fragte ihn: Was willst du jet­zt essen.“ Da sagte Hans: Ich lebe vom Winde!“ Er hat­te aber ein Fläschchen bei sich, wer daraus trank, der ver­fiel sogle­ich in einen fes­ten Schlaf. Sowie er nun hun­grig wurde, sagte er zu sein­er Schwest­er: Komm und trinke ein­mal aus meinem Fläschchen!“ Sie tat es und schlief als­bald ein. Da ging Hans zu sein­er Mut­ter und sog an ihr bis zum Abend. Als sie nach Hause kamen, fragte der Vater seine Tochter: Was hat Hans heute getan“ Da sprach sie: Als wir hin­aus in das Feld kamen, so warf er sein Brot fort, und als ich ihn fragte, was er essen wolle, sagte er: Ich lebe vom Winde!’“. Am anderen Mor­gen schick­te der Mann seine ältere Tochter mit; dieser ging es wie der ersten, und sie kon­nte ihrem Vater auch nichts mehr sagen. Am drit­ten Tage sagte der Mann zu sein­er ältesten Tochter: Gehe du heute mit und gib gut acht,
was dein Brud­er tut.“ Als sie ins Feld kamen, warf Hans seinen Aschkuchen fort und rief: Solche Speise kann ich nicht brauchen!“ – Wovon leb­st du denn?“ fragte ihn die Schwest­er. Du hast es ja gehört, daß ich vom Winde lebe!“ Da lächelte sie und dachte bei sich: „’Warte, du wirst mich nicht betrü­gen!“ Wie er wieder hun­grig ward, gab er sein­er ältesten Schwest­er aus dem Fläschchen zu trinken. Sie ver­fiel sogle­ich in Schlaf; allein sie hat­te im Nack­en noch zwei geheime Augen, die blieben immer offen, und wenn jene zwei auf der Stirne schliefen, sah sie mit diesen alles, was um sie verg­ing. Hans ging wieder zu sein­er Mut­ter und sog wie bish­er. Als sie nun abends nach Hause kamen und der Vater seine Tochter fragte: Hat dein Brud­er heute auch vom Winde gelebt?“ sagte sie: Nein“, und erzählte, was vorge­gan­gen war. Da wurde der Mann zornig und sprach zu Hans: Weil du immer­fort geso­gen und mich und deine Schwest­ern hin­ter­gan­gen hast, sollst du mor­gen mit der Kuh sterben!“

Da ward der Knabe trau­rig, ging in den Stall zu sein­er Mut­ter und klagte ihr die Not. Fürchte dich nicht, mein Kind“, sprach sie, komme nur, bevor der Tag anbricht, zu mir“ Als er zur bes­timmten Zeit kam und sie los­band, nahm sie ihn zwis­chen ihre Hörn­er und lief weit weg in einen ein­samen Wald, so das man nichts von ihnen hören kon­nte. Hier sog er noch fort, bis wieder sieben Jahre voll waren, dann sprach seine Mut­ter zu ihm: Gehe hin und reiße die dick­ste Eiche aus und stelle sie auf die Spitze.“ Er ging und riss sie aus, aber mit der Spitze kon­nte er sie nicht auf den Boden stellen. Da sagte seine Mut­ter; Du mußt noch sieben Jahre saugen“ Als diese um waren, sprach sie zu ihrem Sohne: Jet­zt hast du dreimal sieben Jahre geso­gen, gehe nun wieder hin und ver­suche es mit der dick­sten Eiche!“ Hans ging und riss die dick­ste Eiche aus, als wäre es eine Gerte, die man in den Erd­bo­den gesteckt, und stellte sie leicht auf die Spitze. So ist es recht“ sprach die Mut­ter, nun kannst du für dich sel­ber sor­gen, gehe jet­zt aus in die große Welt “ Da lief die Kuh fort, und Hans machte sich aus der Eiche eine Keule und wan­derte hin­aus in die Welt. Wie er so ein Stück gegan­gen war, wurde er sehr durstig; da sah er zwis­chen zwei Bergen ein kleines Flüßchen her­vorkom­men. Er ging hin, um zu trinken. Oben auf dem Berge saß aber ein dick­er Mann, der zer­rieb Steine, also, daß dasWass­er ganz trüb wurde. Hans rief hin­auf: Heda, nicht trübe mir das Wass­er, son­st komme ich hin­auf, und dann wehe dir!“ Jen­er aber lachte, rieb noch ärg­er und rief: Ich bin der Steinz­er­reiber, ich möchte dich wohl auch zu Staub zer­reiben!“ Da ward Hans zomig, lief hin­auf und schlug ihn bis unter die Achsel in den Erd­bo­den. Lasse mich leben, ich will dein Knecht sein“, fle­hte der Steinz­er­reiber. Es ist mir recht!“ sprach Hans, zog ihn wieder her­aus, und sie gin­gen miteinan­der weit­er. Sie kamen in einen Wald und sahen da einen lan­gen, baumho­hen Mann, welch­er die krum­men Bäume ger­ade krumm machte. Da dro­hte ihm Hans und sprach: Lasse die Bäume gle­ich so, wie sie gewach­sen sind, son­st wehe dirl“ Aber der Lang­mann lachte, fuhr fort in seinem Geschäfte und rief: Ich bin der Baum­dreher, dir möchte ich wohl auch den Hals umdrehen!“ Da ward Hans zornig, ging hin und schlug ihn auf den Boden, daß es so krachte, als hätte der Sturm eine mächtige Eiche niedergeschmettert. Der Lang­mann bat um sein Leben und sagte, er wolle sein Knecht sein; da zog ihn Hans her­aus, und sie gin­gen miteinan­der weit­er. Nach eini­gen Tagen trafen sie im Wald ein kleines Haus, aber kein Men­sch war drin­nen. Da sprach Hans: Hier wollen wir wohnen, und während zwei auf die Jagd gehen, soll ein­er zu Hause bleiben und etwas kochen.“ Am ersten Tage blieb der Steinz­er­reiber zu Hause. Wie er nun das Essen zubere­it­ete, kam nur ein­mal ein klein­er Mann mit einem sieben Ellen lan­gen Bart hinein und jam­merte: Ach, wie friere ich!“ – Nun so komm und wärme dich“ sprach der Steinz­er­reiber. Der kleine Mann ging zum Herde, stieß aber sogle­ich den Topf um und lief dann hur­tig fort. Als die bei­den andern hun­grig nach Hause kamen und Essen ver­langten, erzählte der Knecht, wie es ihm gegan­gen sei. Hans aber war zornig, nahm seine Keule und schlug auf den Knecht, bis ihm der Hunger verg­ing. Am fol­gen­den Tage blieb der Baum­dreher zu Hause, und es ging ihm wie dem Steinz­er­reiber. Der kleine Mann kam wieder, stieß den Topf um und lief dann hur­tig fort, und als die bei­den hun­grig nach Hause kamen und nichts fan­den, so schlug Hans den Knecht eben­falls mit sein­er Keule, bis ihm der Hunger verg­ing. Am drit­ten Tag sagte Hans: Jet­zt will ich zu Hause bleiben!“ Der kleine Mann kam wieder und jam­merte: Ach, wie friere ich!“ – So komm und wärme dich“, sprach Hans; er set­zte sich aber neben den Topf und achtete auf den Kleinen. Wie dieser den Topf wieder umstoßen wollte, so pack­te ihn Hans schnell am Bart, nahm den Löf­fel und schlug ihn aufs Maul und aufs Kreuz, daß er ganz stumm und träge wurde; dann trug er ihn hin­aus und umwand seinen Bart um einen Baum und ver­nagelte ihn. Darauf machte er in der Stube das Essen fer­tig. Als die andern nach Hause kamen, freuten sie sich, wie sie nun den Hans auch unter den Prügel nehmen soll­ten; allein sie fan­den das Essen fer­tig, und so mußten sie ruhig sein. Als sie gegessen hat­ten, sprach Hans: Jet­zt kommt und seht den kleinen Mann, der euch den Topf umgestoßen, ich habe ihn draußen an einen Baum gebun­den!“ Als sie aber hin­auska­men, war der Kleine samt dem Baum ver­schwun­den; doch war, wo der Baum ges­tanden, ein großes Loch. Warte“, sprach Hans, ich will dich schon find­en.“ Da macht­en sie ein langes Seil aus Baum­rinde und ließen den Hans hin­unter; das dauerte aber dreimal sieben Tage, bis er auf den Grund gelangte, und da war erst noch ein langer dun­kler Gang; endlich wurde es wieder hell, und ein neuer Him­mel tat sich hier auf. Hans sah einen großen Palast und ging hin. Da fand er in dem inner­sten Zim­mer drei schöne Königstöchter, die immer­fort klagten und wein­ten. Als sie den starken Hans erblick­ten, sprachen sie: Du armes Men­schenkind, wie kommst du hier­her? Unser Herr ist ein Drache mit zwölf Häuptern, wenn er dich hier trifft, so bist du ver­loren!“ – Ich fürchte mich nicht!“ sprach Hans, käme er nur bald, ich werde mit ihm schon fer­tig wer­den!“ Nur ein­mal kam der Drache und schnaubte Wut und Feuer: Ich rieche Men­schen­fleisch!“ – Du hast einen feinen Geruch, abscheulich­es Ungetüm!“ rief Hans und sprang her­vor auf den Drachen los, umfaßte ihm alle Häupter und erwürgte ihn, den zap­pel­nden Leib und Schwanz aber schlug er mit sein­er Keule nieder, daß er sich nicht mehr regte imd rührte. Da waren die Königstöchter froh und erzählten, wie sie ent­führt wor­den seien, dank­ten dem starken Hans und bat­en ihn, er solle sie jet­zt auch hin­aus auf die Ober­welt führen. Hans ging aber zuerst in alle Zim­mer und besah sich die Gele­gen­heit; da fand er in dem let­zten einen uner­meßlichen Schatz von Gold und Sil­ber und Edel­stein, den nahm er mit sich und führte nun auch die Königstöchter durch den dunkeln Gang an die Öff­nung in die Ober­welt. Er rief aber seinen Gesellen hin­auf, er bringe drei Königstöchter und einen großen Schatz: die bei­den ältern Königstöchter soll­ten ihnen gehören, die Jüng­ste aber solle sein Weib wer­den, den Schatz soll­ten sie teilen; nur soll­ten sie jet­zt alles hin­aufziehen. Als der Steinz­er­reiber und Baum­dreher die drei Jungfrauen und den Schatz hin­aufge­zo­gen hat­ten, sahen sie, daß die Königstöchter sehr schön waren, die Jüng­ste aber war die Schön­ste; sie sprachen untere­inan­der: Er soll sie nicht bekom­men; wir ziehen ihn bis zur Hälfte, dann lassen wir los, daß er zer­schmettert! Hans aber merk­te ihre Bosheit, band einen dick­en Stein an das Seil, und wie sie diesen bis in die Mitte gezo­gen hat­ten, ließen sie los, und der Stein fiel herab und zer­schellte auf kleine Stücke. Die bei­den waren froh, nah­men den Schatz und die Königstöchter und gin­gen weit­er; aber bald fin­gen sie untere­inan­der an zu stre­it­en, denn jed­er von ihnen wollte die Jüng­ste haben.
Indessen dachte Hans, wie er hin­auskäme. Er ging lange herum und wußte sich nicht zu helfen; endlich fand er in einem Winkel den kleinen Mann mit dem sieben Ellen lan­gen Bart, der noch immer um die Eiche umwun­den war. Dieser mußte sich mit der Eiche fortschlep­pen und ihm einen anderen Weg auf die obere Welt zeigen. Sie gin­gen und kamen nach langer Zeit an einen mächti­gen hohen Baum, der mit sein­er Spitze weit nach der Ober­welt ragte. Da sagte der Kleine zu Hans: er solle nur da hin­auf­steigen, so werde er schon in die obere Welt kom­men. Als Hans sieben Tage gestiegen war, kam er endlich in die Spitze; von da sah er weit, weit ein kleines Licht, und das war in der Ober­welt; aber wie sollte er nun dahin kom­men? Indem er darüber nach­dachte, sah er auf dem Baum ein großes Nest vom Vogel Greif, darin waren junge Vögel. Da kroch eben eine gewaltige Schlange am Baum her­auf, die wollte die kleinen Vögel fressen. Wie nun die Kleinen die Schlange merk­ten, flat­terten sie voll Angst herum und schrieen: Lieber Mann, hilf uns, son­st sind wir ver­loren!“ Da zer­schmetterte Hans mit sein­er Keule der Schlange das Haupt, faßte ihren Leib dann in bei­de Hände und zer­quetschte und zerknit­terte sie auf tausend Stücke. Indem kam auch der alte Vogel Greif. Wie er den Hans von Blut bespritzt bei dem Neste sah, dachte er gle­ich: Ha, der hat deine Kinder umge­bracht“, ward wütend und ver­schluck­te den Hans gle­ich im ersten Grimm. Nun sah er aber seine Kleinen wohlbe­hal­ten, und diese erzählten, wie der Mann sie vor der bösen Schlange gerettet habe und klagten und wein­ten, daß er nun dafür so schlecht belohnt sei. Da spuck­te der alte Vogel den Hans wieder aus, und der war nun viel schön­er und her­rlich­er; er sprach aber auch zu Hans: Weil du meine Kinder gerettet hast, so wün­sche dir etwas!“ – Trage mich auf die Ober­welt!“ sprach Hans zum Vogel Greif. Das soll geschehen doch mußt du mir erst sieben Fäss­er Wein und sieben Löwen her­auf­brin­gen, daß ich Nahrung habe auf dem Wege, denn er ist weit länger, als du glaub­st.“
Hans stieg hin­unter und brachte alles her­auf, belud den Vogel und set­zte sich auf seinen Hals. Da hob sich der­selbe und flog dem kleinen Lichte zu; sooft er rief: Fleisch, Wein!“ gab ihm Hans immer einen Löwen und ein Faß Wein. Als alles aufgezehrt war, gelangten sie auch auf die Ober­welt. Hans stieg ab und dank­te dem Vogel; der senk­te sich jet­zt wie der Blitz hin­unter in sein Nest. Hans wan­derte fort und traf bald zwei Königssöhne, die in die Welt zogen und sich Frauen sucht­en. Kommt mit mir!“ sprach Hans, und sie fol­gten ihm. Da dachte er an seine falschen Knechte und an die schö­nen Königstöchter und an die jüng­ste und schön­ste, die er zu seinem Weibe bes­timmt hat­te. Nicht lange, so traf er seine Knechte, wie sie noch miteinan­der im Kampfe lagen. Kein­er der bei­den gön­nte dem anderen die jüng­ste Königstochter. Die drei Jungfrauen aber standen von weit­em und sahen zu. Da trat Hans plöt­zlich unter die Kämpfer, wie sie sich ger­ade umschlun­gen hat­ten, und sie standen gle­ich steif und erstar­rt vor Schreck­en, und Hans rief mit furcht­bar­er Stimme: Ha, ihr Feigen und Elen­den, weil ihr mich betrü­gen woll­tet, so emp­fanget jet­zt eurem Lohn!“ Damit hob er seine Keule und schlug bei­de auf einen Schlag tot. Dann ging er zu den Königstöchtern und sprach zu der jüng­sten, ob sie ihn zum Gemahl haben wolle. Sie sagte nicht nein, und Hans freute sich und sprach zu den bei­den älteren Jungfrauen: Weil jede Frau ihren Mann haben muß, so will ich auch für euch sor­gen“ Er führte sie jet­zt zu den bei­den Königssöh­nen und gab einem jeden eine; er teilte auch den großen Schatz mit diesen, und dann feierten sie miteinan­der die Hochzeit und waren über die Maßen froh und glücklich.