Der standhafte Zinnsoldat

von Hans Christian Andersen

~8 Min

Es waren ein­mal fün­fundzwanzig Zinnsol­dat­en, die waren alle Brüder, denn sie waren aus einem alten zin­ner­nen Löf­fel gemacht wor­den. Das Gewehr hiel­ten sie im Arm und das Gesicht ger­adeaus; rot und blau, über­aus her­rlich war die Uni­form; das allererste, was sie in dieser Welt hörten, als der Deck­el von der Schachtel genom­men wurde, in der sie lagen, war das Wort Zinnsol­dat­en! Das rief ein klein­er Knabe und klatschte in die Hände; er hat­te sie erhal­ten, denn es war sein Geburt­stag, und er stellte sie nun auf dem Tis­che auf. Der eine Sol­dat glich dem andern leib­haft, nur ein einziger war etwas anders; er hat­te nur ein Bein, denn er war zulet­zt gegossen wor­den, und da war nicht mehr Zinn genug da; doch stand er eben­so fest auf seinem einen Bein wie die andern auf ihren zweien, und ger­ade er war es, der sich bemerk­bar machte.

Auf dem Tisch, auf dem sie aufgestellt wur­den, stand vieles andere Spielzeug; aber das, was am meis­ten in die Augen fiel, war ein niedlich­es Schloß von Papi­er; durch die kleinen Fen­ster kon­nte man ger­ade in die Säle hinein­se­hen. Draußen vor ihm standen kleine Bäume rings um einem kleinen Spiegel, der wie ein klein­er See ausse­hen sollte. Schwäne von Wachs schwammen darauf und spiegel­ten sich. Das war alles niedlich, aber das niedlich­ste war doch ein kleines Mäd­chen, das mit­ten in der offe­nen Schloßtür stand; sie war auch aus Papi­er aus­geschnit­ten, aber sie hat­te ein schönes Kleid und ein kleines, schmales, blaues Band über den Schul­tern, ger­ade wie ein Schärpe; mit­ten in diesem saß ein glänzen­der Stern, ger­ade so groß wir ihr Gesicht. Das kleine Mäd­chen streck­te seine bei­den Arme aus, denn es war eine Tänz­erin, und dann hob es das eine Bein so hoch empor, daß der Zinnsol­dat es dur­chaus nicht find­en kon­nte und glaubte, daß es ger­ade wie er nur ein Bein habe.

Das wäre eine Frau für mich, dachte er, aber sie ist etwas vornehm, sie wohnt in einem Schlosse, ich habe nur eine Schachtel, und da sind wir fün­fundzwanzig darin, das ist kein Ort für sie, doch ich muß suchen, Bekan­ntschaft mit ihr anzuknüpfen! Und dann legte er sich, so lang er war, hin­ter eine Schnupftabaks­dose, die auf dem Tis­che stand. Da kon­nte er recht die kleine, feine Dame betra­cht­en, die fort­fuhr auf einem Bein zu ste­hen, ohne umzufallen.

Als es Abend wurde, kamen alle die andern Zinnsol­dat­en in ihre Schachtel, und die Leute im Hause gin­gen zu Bette. Nun fing das Spielzeug an zu spie­len, sowohl Es kommt Besuch! als auch Krieg führen und Ball geben; die Zinnsol­dat­en ras­sel­ten in der Schachtel, denn sie woll­ten mit dabei sein, aber sie kon­nten den Deck­el nicht aufheben. Der Nußk­nack­er schoß Purzel­bäume, und der Grif­fel belustigte sich auf der Tafel; es war ein Lärm, daß der Kanarien­vo­gel davon erwachte und anf­ing mitzus­prechen, und zwar in Versen. Die bei­den einzi­gen, die sich nicht von der Stelle bewegten, waren der Zinnsol­dat und die Tänz­erin; sie hielt sich ger­ade auf der Zehen­spitze und bei­de Arme aus­gestreckt; er war eben­so stand­haft auf seinem einen Bein; seine Augen wandte er keinen Augen­blick von ihr weg.

Nun schlug die Uhr zwölf, und klatsch, da sprang der Deck­el von der Schnupftabaks­dose auf, aber da war kein Tabak darin, nein, son­dern ein klein­er, schwarz­er Kobold. Das war ein Kunststück!

Zinnsol­dat sagte der Kobold, halte deine Augen im Zaum!

Aber der Zinnsol­dat tat, als ob er es nicht hörte.

Ja, warte nur bis mor­gen! sagte der Kobold.

Als es nun Mor­gen wurde und die Kinder auf­s­tanden, wurde der Zinnsol­dat in das Fen­ster gestellt, und war es nun der Kobold oder der Zug­wind, auf ein­mal flog das Fen­ster zu, und der Sol­dat stürzte drei Stock­w­erke tief hin­unter. Das war eine erschreck­liche Fahrt. Er streck­te das Bein ger­ade in die Höhe und blieb auf der Helm­spitze mit dem Bajonett abwärts zwis­chen den Pflaster­steinen stecken.

Das Dien­st­mäd­chen und der kleine Knabe kamen sogle­ich hin­unter, um zu suchen; aber obgle­ich sie nahe daran waren, auf ihn zu treten, so kon­nten sie ihn doch nicht erblick­en. Hätte der Zinnsol­dat gerufen: Hier bin ich!, so hät­ten sie ihn wohl gefun­den, aber er fand es nicht passend, laut zu schreien, weil er in Uni­form war.

Nun fing es an zu reg­nen; die Tropfen fie­len immer dichter, es ward ein ordentlich­er Platzre­gen; als der zu Ende war, kamen zwei Straßen­jun­gen vorbei.

Sieh du! sagte der eine, da liegt ein Zinnsol­dat! Der soll hin­aus und segeln!

Sie macht­en ein Boot aus ein­er Zeitung, set­zten den Sol­dat­en mit­ten hinein, und nun segelte er den Rinnstein hin­unter; bei­de Knaben liefen neben­her und klatscht­en in die Hände. Was schlu­gen da für Wellen in dem Rinnstein, und welch­er Strom war da! Ja, der Regen hat­te aber auch geströmt. Das Papier­boot schaukelte auf und nieder, mitunter drehte es sich so geschwind, daß der Zinnsol­dat bebte; aber er blieb stand­haft, ver­zog keine Miene, sah ger­adeaus und hielt das Gewehr im Arm.

Mit einem Male trieb das Boot unter eine lange Rinnstein­brücke; da wurde es ger­ade so dunkel, als wäre er in sein­er Schachtel.

Wohin mag ich nun kom­men? dachte er. Ja, Ja, das ist des Kobolds Schuld! Ach, säße doch das kleine Mäd­chen hier im Boote, da kön­nte es meinetwe­gen noch ein­mal so dunkel sein!

Da kam plöt­zlich eine große Wasser­rat­te, die unter der Rinnstein­brücke wohnte.

Hast du einen Paß? fragte die Rat­te. Her mit dem Passé!

Aber der Zinnsol­dat schwieg still und hielt das Gewehr noch fes­ter. Das Boot fuhr davon und die Rat­te hin­ter­her. Hu, wie fletschte sie die Zähne und rief den Holzspä­nen und dem Stroh zu:

Halt auf! Halt auf! Er hat keinen Zoll bezahlt; er hat den Paß nicht gezeigt!

Aber die Strö­mung wurde stärk­er und stärk­er! Der Zinnsol­dat kon­nte schon da, wo das Brett aufhörte, den hellen Tag erblick­en, aber er hörte auch einen brausenden Ton, der wohl einen tapfern Mann erschreck­en kon­nte. Denkt nur, der Rinnstein stürzte, wo die Brücke endete, ger­ade­hin­aus in einen großen Kanal; das würde für den armen Zinnsol­dat­en eben­so gefährlich gewe­sen sein wie für uns, einen großen Wasser­fall hinunterzufahren!

Nun war er schon so nahe dabei, daß er nicht mehr anhal­ten kon­nte. Das Boot fuhr hin­aus, der Zinnsol­dat hielt sich so steif, wie er kon­nte; nie­mand sollte ihm nach­sagen, daß er mit den Augen blinke. Das Boot schnur­rte drei‑, vier­mal herum und war bis zum Rande mit Wass­er gefüllt, es mußte sinken. Der Zinnsol­dat stand bis zum Halse im Wass­er, und tiefer und tiefer sank das Boot, mehr und mehr löste das Papi­er sich auf; nun ging das Wass­er über des Sol­dat­en Kopf. Da dachte er an die kleine, niedliche Tänz­erin, die er nie mehr zu Gesicht bekom­men sollte, und es klang vor des Zinnsol­dat­en Ohren das Lied:

Fahre, fahre Kriegs­mann!
Den Tod mußt du erleiden!

Nun ging das Papi­er entzwei, und der Zinnsol­dat stürzte hin­durch, wurde aber augen­blick­lich von einem großen Fisch verschlungen.

Wie war es dunkel da drin­nen! Da war es noch schlim­mer als unter der Rinnstein­brücke, und dann war es so sehr eng; aber der Zinnsol­dat war stand­haft und lag, so lang er war, mit dem Gewehr im Arm.

Der Fisch fuhr umher, er machte die aller­schreck­lich­sten Bewe­gun­gen; endlich wurde er ganz still, es fuhr wie ein Blitzs­trahl durch ihn hin. Das Licht schien ganz klar, und jemand rief laut: Der Zinnsol­dat! Der Fisch war gefan­gen wor­den, auf den Markt gebracht, verkauft und in die Küche hin­aufgekom­men, wo die Köchin ihn mit einem großen Mess­er auf­schnitt. Sie nahm mit zwei Fin­gern den Sol­dat­en mit­ten um den Leib und trug ihn in die Stube hinein, wo alle den merk­würdi­gen Mann sehen woll­ten, der im Magen eines Fis­ches herumgereist war; aber der Zinnsol­dat war gar nicht stolz. Sie stell­ten ihn auf den Tisch und da – wie son­der­bar kann es doch in der Welt zuge­hen! Der Zinnsol­dat war in der­sel­ben Stube, in der er früher gewe­sen war, er sah diesel­ben Kinder, und das gle­iche Spielzeug stand auf dem Tis­che, das her­rliche Schloß mit der niedlichen, kleinen Tänz­erin. Die hielt sich noch auf dem einen Bein und hat­te das andere hoch in der Luft, sie war auch stand­haft. Das rührte den Zinnsol­dat­en, er war nahe daran, Zinn zu weinen, aber es schick­te sich nicht. Er sah sie an, aber sie sagten gar nichts.

Da nahm der eine der kleinen Knaben den Sol­dat­en und warf ihn ger­ade in den Ofen, obwohl er gar keinen Grund dafür hat­te; es war sich­er der Kobold in der Dose, der schuld daran war.

Der Zinnsol­dat stand ganz beleuchtet da und fühlte eine Hitze, die erschreck­lich war; aber ob sie von dem wirk­lichen Feuer oder von der Liebe her­rührte, das wußte er nicht. Die Far­ben waren ganz von ihm abge­gan­gen – ob das auf der Reise geschehen oder ob der Kum­mer daran schuld war, kon­nte nie­mand sagen. Er sah das kleine Mäd­chen an, sie blick­te ihn an, und er fühlte, daß er schmelze, aber noch stand er stand­haft mit dem Gewehre im Arm. Da ging eine Tür auf, der Wind ergriff die Tänz­erin, und sie flog, ein­er Syl­phide gle­ich, ger­ade in den Ofen zum Zinnsol­dat­en, loderte in Flam­men auf und war ver­schwun­den. Da schmolz der Zinnsol­dat zu einem Klumpen, und als das Mäd­chen am fol­gen­den Tage die Asche her­aus­nahm, fand sie ihn als ein kleines Zinnherz; von der Tänz­erin hinge­gen war nur der Stern noch da, und der war kohlschwarz gebrannt.