Der Springer

von  Hans Christian Andersen

~5 Min

Der Floh, die Heuschrecke und der Spring­bock woll­ten ein­mal sehen, wer von ihnen am höch­sten sprin­gen kon­nte. Deshalb luden sie die ganze Welt und jed­er, der son­st kom­men wollte, ein, die Pracht mit anzuse­hen, und es waren drei tüchtige Springer, die in der Stube zusammenkamen.

„Ja, ich gebe meine Tochter dem, der am höch­sten springt“ sagte der König ​„denn es ist so arm­selig, wenn diese Leute umson­st sprin­gen sollen!“

Der Floh trat zuerst vor, er hat­te so nette Manieren und grüßte nach allen Seit­en, denn er hat­te das Fräulein­blut in sich und war gewöh­nt, nur mit Men­schen umzuge­hen, und das machte eben viel aus.

Dann kam die Heuschrecke. Sie war freilich bedeu­tend schw­er­er, aber sie hat­te doch ein recht gutes Benehmen an sich und war in der grü­nen Uni­form, und die war ange­boren. Außer­dem sagte sie, sie habe eine sehr alte Fam­i­lie in dem Land Ägypten, und sie werde hierzu­lande hochgeschätzt; sie sei ger­ade vom Felde genom­men und in ein Karten­haus geset­zt wor­den, das drei Stock­w­erke hat­te, alle aus Bilderkarten, die die bunte Seite nach innen kehrten; es seien da Türme und Fen­ster aus­geschnit­ten und zwar im Leibe der Herz-Dame. ​„Ich singe so“ sagte sie, ​„dass sechzehn einge­borene Heim­chen, die von klein auf gezirpt und doch kein Karten­haus erhal­ten hat­ten, sich, als sie mich hörten, noch dün­ner ärg­erten, als sie schon waren!“

Alle bei­de, der Floh und die Heuschrecke, verkün­de­ten somit nach­drück­lich, wer sie waren, und dass sie wohl glaubten, eine Prinzessin heirat­en zu können.

Der Spring­bock sagte nichts, aber man behauptete von ihm, dass er um so mehr denke; und als der Hofhund ihn nur beschnüf­felte, stand er dafür ein, dass der Spring­bock von guter Fam­i­lie sei. Der alte Rat­sherr, der drei Orden für das Stillschweigen erhal­ten hat­te, ver­sichert, er wisse, dass der Spring­bock die Gabe des Wahrsagens besitze; man könne es an seinem Rück­en sehen, ob man einen milden oder einen stren­gen Win­ter bekomme, und das kann man nicht ein­mal am Rück­en desjeni­gen sehen, der den Kalen­der schreibt.

„Ja, ich sage lieber gar nichts“ sagte der alte König ​„aber ich gehe nur immer so und denke mir mein Teil!“

Nun kam es darauf an, den Sprung zu tun. Der Floh sprang so hoch, dass nie­mand es sehen kon­nte, und dann behaupteten sie, dass er gar nicht gesprun­gen sei, und das war nun gemein.

Die Heuschrecke sprang nur halb so hoch, aber sie sprang dem König ger­ade ins Gesicht, und da sagte der, das sei ekelhaft.

Der Spring­bock stand lange still und besann sich, man glaubte schließlich, dass er gar nicht sprin­gen könne.

„Wenn ihm nur nicht übel gewor­den ist!“ sagte der Hofhund, und dann beschnüf­felte er ihn wieder Rutsch! sprang er mit einem kleinen, schiefen Sprung hin in den Schoß der Prinzessin, die niedrig auf dem gold­e­nen Schemel saß.

Da sagte der König: ​„Der höch­ste Sprung ist, zu mein­er Tochter hin­auf zu sprin­gen, denn das ist das Feine daran; aber es gehört Kopf dazu, sich so etwas ein­fall­en zu lassen, und der Spring­bock hat gezeigt, dass er Kopf besitzt!“ Und so bekam er die Prinzessin.

„Ich sprang doch am höch­sten“, sagte der Floh. ​„Aber es mag ein­er­lei sein. Lasst sie nur den Gänse­knochen mit Stäbchen und Pech haben! Ich bin doch am höch­sten gesprun­gen; aber in dieser Welt gehört Kör­p­er dazu, damit sie einen sehen kön­nen!“ Und dann ging der Floh in fremde Kriegs­di­en­ste, wo er, wie man sagt, erschla­gen wurde.

Die Heuschrecke set­zte sich draußen in den Graben und dachte darüber nach, wie es eigentlich in der Welt zuge­he, und sie sagte auch: ​„Kör­p­er gehört dazu! Kör­p­er gehört dazu!“ Und dann sang sie ihr eigenes trüb­seliges Lied­chen. Und diesem haben wir die Geschichte ent­nom­men, die doch wohl eine Lüge sein kön­nte, auch wenn sie gedruckt ist.

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