Der silberne Schilling

von Hans Christian Andersen

~8 Min

Es war ein­mal ein klein­er Schilling. Ganz blank ging er aus der Münze her­vor, und hüpfte vor lauter Freude. Hur­ra! Jet­zt geht’s in die weite Welt hin­aus!”, rief er, und es sollte wirk­lich so kommen.

Das Kind hielt ihn mit war­men Hän­den, und der Geizige mit kalten, krampfhaften Hän­den. Der Ältere drehte und wen­dete ihn Gott weiß wie viele Male, während die Jugend ihn gle­ich wieder rollen ließ. Der Schilling war aus Sil­ber, hat­te sehr wenig Kupfer an sich und befand sich bere­its ein ganzes Jahr in der Welt, das heißt in dem Land, in dem er geprägt wor­den war.

Eines Tages aber ging er auf Reisen ins Aus­land. Er war die let­zte Münze in dem Geld­beu­tel, der in der Tasche eines Reisenden steck­te. Der Herr wusste sel­ber nicht, dass er den Schilling noch hat­te, bis er ihn in die Fin­ger bekam. Hier habe ich ja noch einen Schilling aus mein­er Heimat” sagte er. Nun, der kann die Reise mit­machen.” Der Schilling klang und sprang vor Freude, als er wieder in den Beu­tel steck­te. Hier lag er nun bei frem­den Kam­er­aden, die nur so kamen und gin­gen. Ein­er machte dem anderen Platz, aber der Schilling aus der Heimat blieb immer im Beu­tel, das war eine Auszeichnung.

Mehrere Wochen waren schon ver­gan­gen. Der Schilling war weit in die Welt hin­aus­ge­langt, doch eigentlich wusste er nicht, wo er sich befand. Zwar erfuhr er von den anderen Münzen, dass sie franzö­sis­che und ital­ienis­che seien. Eine sagte, sie seien jet­zt in dieser Stadt, eine andere sprach von jen­er Stadt. Von alle­dem kon­nte sich der Schilling aber keine Vorstel­lung machen. Man sieht ja nichts von der Welt, wenn man immer nur im Sack steckt, und das war sein Los.

Doch eines Tages, als er so da lag, bemerk­te er, dass der Geld­beu­tel nicht zugemacht war. Der Schilling schlich sich bis an die Öff­nung vor, um ein wenig hin­auszuschauen. Das hätte er nun freilich nicht tun sollen, denn er war zu neugierig. Und das rächte sich, denn er glitt hin­aus in die Hosen­tasche. Als der Geld­beu­tel am Abend her­ausgenom­men wurde, lag der Schilling noch da, wo er hingerutscht war. Er kam mit den Klei­dern in die Vorkam­mer hin­aus. Dort fiel er sogle­ich auf den Fuß­bo­den, was nie­mand hörte und nie­mand sah.

Am anderen Mor­gen wur­den die Klei­der wieder in das Zim­mer getra­gen. Der Herr zog sie an, reiste weit­er, und der Schilling blieb zurück. Er wurde gefun­den und sollte wieder Dien­ste tun, so ging er mit drei anderen Münzen aus. Es ist doch angenehm, sich in der Welt umzuschauen”, dachte der Schilling, und dabei andere Men­schen und andere Sit­ten ken­nen zu ler­nen.” Was ist das für ein Schilling!”, tönte es in diesem Augen­blick. Das ist keine Lan­desmünze! Der ist falsch! Der taugt nichts!”

Ja, nun begin­nt die Geschichte des Schillings, wie er sie später sel­ber erzählte. Falsch! Taugt nichts! — Dies ging mir durch und durch”, erzählte der Schilling. Ich wusste, ich war von gutem Klang und hat­te eine echte Prä­gung. Die Leute mussten sich jeden­falls irren, aber sie mein­ten mich doch! Ich war es, den sie falsch nan­nten. Ich taugte nichts.”

Den muss ich im Dunkeln aus­geben”, sagte der Mann, der mich erhal­ten hat­te. Dann wurde ich im Dunkeln aus­gegeben und am hellen Tage wieder aus­geschimpft. Falsch, taugt nichts! Wir müssen machen, dass wir ihn los werden!”

Oh, ich armer Schilling zit­terte jedes Mal zwis­chen den Fin­gern der Leute, wenn ich heim­lich fort­geschafft wurde und als Lan­desmünze gel­ten sollte. Was hil­ft mir mein Sil­ber, mein Wert, meine Prä­gung, wenn das alles keine Gel­tung hat! In den Augen der Welt ist man eben das, was die Welt von einem hält! Es muss entset­zlich sein, ein bös­es Gewis­sen zu haben und sich auf bösen Wegen umherzuschle­ichen. Wenn mir, der ich doch unschuldig bin, schon so zumute ist, wie mag es da dem Schuldigen erge­hen! Jedes Mal, wenn man mich her­vor­suchte, schaud­erte ich vor den Augen, die mich anse­hen wür­den. Ich wusste doch, dass ich zurück­gestoßen auf den Tisch fall­en würde, als sei ich Lug und Trug.

Ein­mal kam ich zu ein­er alten, armen Frau. Sie erhielt mich als Tagelohn für harte Arbeit, doch sie kon­nte mich nun gar nicht wieder los wer­den. Nie­mand wollte mich annehmen, und ich war der Frau ein wahres Unglück. Ich bin wahrhaftig gezwun­gen, den Schilling jeman­dem anzu­drehen”, sagte sie. Ich kann einen falschen Schilling beim besten Willen nicht aufheben. Der reiche Bäck­er soll ihn haben, er kann es leicht ver­schmerzen. Aber unrecht ist es trotz­dem, dass ich’s tue.” Oh, ich armer Schilling! So muss ich auch noch das Gewis­sen der Frau belas­ten. Habe ich mich denn auf meine alten Tage wirk­lich so verändert?

Die Frau begab sich also zu dem reichen Bäck­er, aber der kan­nte die gängi­gen Schillinge, sodass er mich nicht behal­ten wollte. Er warf mich der Frau ger­adewegs ins Gesicht. Brot bekam sie für mich nicht, und mein Herz war so betrübt, dass ich mir eine andere Prä­gung wün­schte, als diejenige, auf welche in meinen jun­gen Tagen so stolz gewe­sen war! So wurde ich recht trau­rig, wie es ein armer Schilling wer­den kann, wenn nie­mand ihn haben will.

Die Frau nahm mich aber wieder mit nach Hause. Sie betra­chtete mich mit einem her­rlichen, fre­undlichen Blick und sagte: Nein, ich will dich nie­man­dem andrehen! Ich will ein Loch durch dich schla­gen, damit jed­er sehen kann, dass du ein falsches Ding bist. Und doch — das fällt mir jet­zt so ein — bist du vielle­icht sog­ar ein Glückss­chilling! Ich werde ein Loch durch den Schilling schla­gen, eine Schnur hin­durchziehen und ihn dem Kleinen der Nach­bars­frau als Glückss­chilling um den Hals hängen.”

Und sie schlug ein Loch durch mich. Angenehm ist es freilich nicht, wenn ein Loch durch einen geschla­gen wird, doch wenn es in guter Absicht geschieht, lässt sich vieles ertra­gen! Eine Schnur wurde auch durchge­zo­gen, und ich wurde eine Art Medail­lon zum Tra­gen. Man hängte mich um den Hals des kleinen Kindes, und das Kind lächelte mich an, küsste mich, und ich ruhte eine ganze Nacht an der war­men, unschuldigen Brust des Kindes.

Als es Mor­gen ward, nahm die Mut­ter mich zwis­chen ihre Fin­ger und sah mich an. Sie war in ihre eige­nen Gedanken ver­sunken, das fühlte ich bald her­aus. Sie suchte eine Schere her­vor und schnitt die Schnur entzwei. Glückss­chilling”, sagte sie, das wer­den wir jet­zt erfahren!” Und sie legte mich in Essig, bis ich ganz grün wurde. Darauf kit­tete sie das Loch zu, rieb mich ein wenig und ging in der Däm­mer­stunde zum Lot­terieein­nehmer, um sich ein Los zu kaufen, das Glück brin­gen sollte.

Wie war mir übel zumute! Es zwick­te in mir, als müsste ich zerknick­en. Ich wusste, dass ich falsch genan­nt und hinge­wor­fen wer­den würde, und zwar ger­ade vor die Menge von Schillin­gen und Münzen, die auf ihre Inschrift stolz sein kon­nten. Aber ich ent­ging der Schande. Beim Ein­nehmer waren viele Men­schen, und er hat­te gar viel zu tun. Ich fuhr klin­gend in den Kas­ten unter die anderen Münzen, ob später das Los gewann, weiß ich nicht. Das aber weiß ich, dass ich schon am anderen Mor­gen als falsch­er Schilling ent­deckt, auf die Seite gelegt und aus­ge­sandt wurde, um zu betrü­gen und immer wieder zu betrü­gen. Es ist nicht auszuhal­ten, wenn man einen redlichen Charak­ter hat. Den kann und will ich mir sel­ber nicht absprechen.

Jahr und Tag ging ich in solch­er Weise von Hand zu Hand, von Haus zu Haus, immer aus­geschimpft, immer ungern gese­hen. Nie­mand traute mir, und ich traute mir sel­ber nicht. Es war eine schwere Zeit! Da kam eines Tages ein Reisender, ein Fremder an, und man drehte mich ihm an. Er war treuherzig genug, mich als gängige Münze anzunehmen. Dann wollte er mich aber­mals aus­geben, und ich ver­nahm wieder die Aus­rufe: Taugt nichts! Falsch!”

Ich habe ihn für echt erhal­ten”, sagte der Mann und betra­chtete mich dabei recht genau. Plöt­zlich lächelte er über sein ganzes Gesicht. Das geschah son­st bei keinem anderen Gesicht, wenn man mich betra­chtete. Nein, was ist denn das?”, sagte er. Das ist ja eine unser­er Lan­desmünzen, ein guter, ehrlich­er Schilling aus der Heimat, durch den man ein Loch geschla­gen hat. Das ist in der Tat kurios! Dich werde ich mit nach Hause nehmen!”

Die Freude durchrieselte mich. Man nan­nte mich einen guten, ehrlichen Schilling, und in die Heimat sollte ich zurück­kehren. Jed­er­mann würde mich erken­nen und wis­sen, dass ich aus gutem Sil­ber bin und eine echte Prä­gung habe. Ich hätte vor Freude Funken schla­gen kön­nen, aber es liegt nun ein­mal nicht in mein­er Natur, zu sprühen. Das kann wohl der Stahl, nicht aber das Silber.

Ich wurde in feines, weißes Papi­er gewick­elt, damit ich nicht mit den anderen Münzen ver­wech­selt wer­den kon­nte. Bei fes­tlichen Gele­gen­heit­en, wenn Land­sleute sich begeg­neten, wurde ich vorgezeigt, und es wurde sehr gut von mir gesprochen. Sie sagten, ich sei inter­es­sant! Es ist freilich merk­würdig, dass man inter­es­sant sein kann, ohne ein einziges Wort zu sagen.

Und endlich kam ich in der Heimat an, wo all meine Not ein Ende hat­te! Die Freude kehrte wieder bei mir ein, war ich doch aus gutem Sil­ber mit der richti­gen Prä­gung. Und gar keine Beschimp­fun­gen hat­te ich zu erlei­den, obgle­ich man das Loch durch mich geschla­gen hat­te. Doch das tut nichts! Man muss aushar­ren, dann kommt alles schließlich mit der Zeit zu seinem Recht! Das ist mein Glaube als ehrlich­er Schilling.