Der Schweinhirt

von Hans Christian Andersen

~7 Min

Es war ein­mal ein armer Prinz; er hat­te nur ein ganz kleines Kön­i­gre­ich; aber es war immer groß genug, um sich darauf zu ver­heirat­en, und ver­heirat­en wollte er sich.

Nun war es freilich etwas keck von ihm, dass er zur Tochter des Kaisers zu sagen wagte: Willst du mich haben?“ Aber er wagte es doch, denn sein Name war weit und bre­it berühmt; es gab hun­dert Prinzessin­nen, die gerne ja gesagt hät­ten; aber ob sie es tat? Nun, wir wollen hören.

Auf dem Grabe des Vaters des Prinzen wuchs ein Rosen­strauch, ein her­rlich­er Rosen­strauch; der blühte nur jedes fün­fte Jahr und trug dann auch nur die einzige Blume; aber das war eine Rose, die duftete so süß, dass man alle seine Sor­gen und seinen Kum­mer ver­gaß, wenn man daran roch. Der Prinz hat­te auch eine Nachti­gall, die kon­nte sin­gen, als ob alle schö­nen Melo­di­en in ihrer Kehle säßen. Diese Rose und die Nachti­gall sollte die Prinzessin haben, und deshalb wur­den sie bei­de in große sil­berne Behäl­ter geset­zt und ihr zugesandt.

Der Kaiser ließ sie vor sich her in den großen Saal tra­gen, wo die Prinzessin war und mit ihren Hof­damen Es kommt Besuch“ spielte. Als sie die großen Behäl­ter mit den Geschenken erblick­te, klatschte sie vor Freude in die Hände. Wenn es doch eine kleine Miezekatze wäre!“ sagte sie, aber da kam der Rosen­strauch mit der her­rlichen Rose hervor.

Wie niedlich sie gemacht ist!“ sagten alle Hofdamen.

Sie ist mehr als niedlich“, sagte der Kaiser, sie ist schön!“

Aber die Prinzessin befühlte sie, und da war sie nahe daran, zu weinen.

Pfui, Papa!“ sagte sie, sie ist nicht kün­stlich, sie ist natürlich!“

Pfui,“ sagten alle Hof­damen, sie ist natürlich!“

Lasst uns nun erst sehen, was in dem andern Behäl­ter ist, ehe wir böse wer­den!“ meinte der Kaiser, und da kam die Nachti­gall her­aus, die so schön sang, dass man nicht gle­ich etwas Bös­es gegen sie vor­brin­gen konnte.

Superbe! Char­mant!“ sagten die Hof­damen; denn sie plaud­erten alle franzö­sisch, eine immer ärg­er als die andere.

Wie der Vogel mich an die Spiel­d­ose der seli­gen Kaiserin erin­nert!“ sagte ein alter Kava­lier; ach ja, das ist der­selbe Ton, der­selbe Vortrag!“

Ja!“ sagte der Kaiser, und dann weinte er wie ein kleines Kind.

Es wird doch hof­fentlich kein natür­lich­er sein?“ sagte die Prinzessin.

Ja, es ist ein natür­lich­er Vogel!“ sagten die Boten, die ihn gebracht hatten.

So Lasst den Vogel fliegen“, sagte die Prinzessin, und sie wollte nicht ges­tat­ten, dass der Prinz käme.

Aber dieser ließ sich nicht ein­schüchtern. Er bemalte sich das Antlitz mit Braun und Schwarz, drück­te die Mütze tief über den Kopf und klopfte an.

Guten Tag, Kaiser!“ sagte er. Kön­nte ich nicht hier auf dem Schlosse einen Dienst bekommen?“

Jawohl!“ sagte der Kaiser. Ich brauche jemand, der die Schweine hüten kann, denn deren haben wir viele.“

So wurde der Prinz angestellt als kaiser­lich­er Schweine­hirt. Er bekam eine jäm­mer­lich kleine Kam­mer unten bei den Schweinen, und da musste er bleiben; aber den ganzen Tag saß er und arbeit­ete, und als es Abend war, hat­te er einen niedlichen, kleinen Topf gemacht. Rings um ihn waren Schellen, und sobald der Topf kochte, klin­gel­ten sie und spiel­ten die schöne Melodie:

Ach, du lieber Augustin, Alles ist hin, hin, hin!“

Aber das Allerkün­stlich­ste war, dass, wenn man den Fin­ger in den Dampf des Topfes hielt, man sogle­ich riechen kon­nte, welche Speisen auf jedem Feuer­herd in der Stadt zubere­it­et wur­den. Das war wahrlich etwas ganz anderes als die Rose!

Nun kam die Prinzessin mit allen ihren Hof­damen daherspaziert, und als sie die Melodie hörte, blieb sie ste­hen und sah ganz erfreut aus, denn sie kon­nte auch Ach, du lieber Augustin“ spie­len. Das war das einzige, was sie kon­nte, aber das spielte sie mit einem Finger.

Das ist ja das, was ich kann!“ sagte sie. Dann muss es ein gebilde­ter Schweine­hirt sein! Höre, gehe hin­unter und frage ihn, was das Instru­ment kostet!“

Da musste eine der Hof­damen hineinge­hen. Aber sie zog Holz­pantof­feln an.

Was willst du für den Topf haben?“ fragte die Hofdame.

Zehn Küsse von der Prinzessin!“ sagte der Schweinehirt.

Gott bewahre uns!“ sagte die Hofdame.

Ja, anders tue ich es nicht!“ antwortete der Schweinehirt.

Er ist unar­tig!“ sagte die Prinzessin, und dann ging sie; aber als sie ein kleines Stück gegan­gen war, erk­lan­gen die Schellen so lieblich: Ach, du lieber Augustin, Alles ist hin, hin, hin!“

Höre“, sagte die Prinzessin, frage ihn, ob er zehn Küsse von meinen Hof­damen will!“

Ich danke schön“, sagte der Schweine­hirt; zehn Küsse von der Prinzessin, oder ich behalte meinen Topf.“

Was ist das doch für eine lang­weilige Geschichte!“ sagte die Prinzessin. Aber dann müsst ihr vor mir ste­hen, damit es nie­mand sieht!“

Die Hof­damen stell­ten sich davor und bre­it­eten ihre Klei­der aus, und da bekam der Schweine­hirt zehn Küsse, und sie erhielt den Topf.

Nun, das war eine Freude! Den ganzen Abend und den ganzen Tag musste der Topf kochen; es gab nicht einen Feuer­herd in der ganzen Stadt, von dem sie nicht wussten, was darauf gekocht wurde, sowohl beim Kam­mer­her­rn wie beim Schuh­flick­er. Die Hof­damen tanzten und klatscht­en in die Hände.

Wir wis­sen, wer süße Suppe und Eierkuchen essen wird, wir wis­sen, wer Grütze und Brat­en bekommt! Wie schön ist doch das!“

Ja, aber hal­tet reinen Mund, denn ich bin des Kaisers Tochter!“

Jawohl, jawohl!“ sagten alle.

Der Schweine­hirt, das heißt der Prinz – aber sie wussten es ja nicht anders, als dass er ein wirk­lich­er Schweine­hirt sei -, ließ die Tage nicht ver­stre­ichen, ohne etwas zu tun, und da machte er eine Knarre. Wenn man diese herum­schwang, erk­lan­gen alle die Walz­er und Hopser, die man von Erschaf­fung der Welt an kannte.

Ach, das ist superbe“, sagte die Prinzessin, indem sie vor­beig­ing. Ich habe nie eine schönere Musik gehört! Höre, gehe hinein und frage ihn, was das Instru­ment kostet, aber ich küsse nicht wieder!“

Er will hun­dert Küsse von der Prinzessin haben!“ sagte die Hof­dame, die hineinge­gan­gen war, um zu fragen.

Ich glaube, er ist ver­rückt!“ sagte die Prinzessin, und dann ging sie; aber als sie ein kleines Stück gegan­gen war, blieb sie ste­hen. Man muss die Kun­st auf­muntern“, sagte sie; ich bin des Kaisers Tochter! Sage ihm, er soll wie neulich zehn Küsse haben; den Rest kann er von meinen Hof­damen nehmen!“

Ach, aber wir tun es ungern!“ sagten die Hofdamen.

Das ist Geschwätz“, sagte die Prinzessin, wenn ich ihn küssen kann, dann kön­nt ihr es auch; bedenkt, ich gebe euch Kost und Lohn!“ Da mussten die Hof­damen wieder zu ihm hineingehen.

Hun­dert Küsse von der Prinzessin“, sagte er, oder jed­er behält das Seine!“

Stellt euch davor!“ sagte sie dann, und da stell­ten sich alle Hof­damen davor, und nun küsste er.

Was mag das wohl für ein Auflauf beim Schweinestall sein?“ fragte der Kaiser, der auf den Balkon hin­aus­ge­treten war. Er rieb sich die Augen und set­zte die Brille auf. Das sind ja die Hof­damen, die da ihr Wesen treiben; ich werde wohl zu ihnen hin­un­terge­hen müssen!“

Potz­tausend, wie er sich sputete!

Sobald er in den Hof hin­un­terkam, ging er ganz leise, und die Hof­damen hat­ten so viel damit zu tun, die Küsse zu zählen, damit es ehrlich zuge­hen möge, dass sie den Kaiser gar nicht bemerk­ten. Er erhob sich hoch auf den Zehen.

Was ist das?“ sagte er, als er sah, dass sie sich küssten; und dann schlug er seine Tochter mit einem Pantof­fel auf den Kopf, ger­ade als der Schweine­hirt den sech­sun­dachtzig­sten Kuss erhielt.

Fort mit euch!“ sagte der Kaiser, denn er war böse, und sowohl die Prinzessin wie der Schweine­hirt mussten sein Kaiser­re­ich verlassen.

Da stand sie nun und weinte, der Schweine­hirt schalt, und der Regen strömte hernieder.

Ach, ich elen­des Geschöpf“, sagte die Prinzessin, hätte ich doch den schö­nen Prinzen genom­men! Ach, wie unglück­lich bin ich!“

Der Schweine­hirt aber ging hin­ter einen Baum, wis­chte sich das Schwarze und Braune aus seinem Antlitz, warf die schlecht­en Klei­der von sich und trat nun in sein­er Prinzen­tra­cht her­vor, so schön, dass die Prinzessin sich verneigen musste.

Ich bin dahin gekom­men, dich zu ver­acht­en!“ sagte er. Du woll­test keinen ehrlichen Prinzen haben! Du ver­stand­est dich nicht auf die Rose und die Nachti­gall, aber den Schweine­hirten kon­ntest du für eine Spiel­erei küssen. Das hast du nun dafür!“

Und dann ging er in sein Kön­i­gre­ich hinein; da kon­nte sie draußen ihr Lied singen:

Ach, du lieber Augustin, Alles ist hin, hin, hin!“