Der schwarze Graf

von Ludwig Bechstein

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Einst zog ein Rit­ter durch den Wald, sein Knappe fol­gte ihm; es wurde Nacht, doch der Rit­ter kan­nte keine Furcht. Ver­rufen war die Gegend, gemieden der Weg durch den wilden Wald, den der Rit­ter mit seinem Knap­pen ritt. Der Weg führte bei­de vorüber am Schlosse eines befre­un­de­ten Rit­ters, dessen Tochter ger­ade Hochzeit hielt, und er sprach als Gast dort eine kurze Zeit zu. Die Fre­unde woll­ten ihn länger hal­ten, er sollte mit seinem Knap­pen im Hochzeit­shause über­nacht­en, aber den Rit­ter trieb Eile, er lehnte alle fre­undlichen Ein­ladun­gen zum Bleiben ab. Man warnte ihn, im Walde hause der »schwarze Graf«, ein gespen­stis­ch­er Rit­ter, der allen, auf welche er stieße, namen­lose Schreck­nisse bere­ite. Selb­st die Braut ver­schwen­dete ihre Bit­ten an den Fre­und ihres Vaters; sie führte ihm das Sprich­wort zu Gemüte: »Die Nacht ist keines Men­schen Fre­und.« Unauf­schieb­bares Geschäft schützte der Gast vor und entritt. Weg und Wald waren sehr fin­ster. Der Rit­ter und der Knappe rit­ten schon drei Stun­den lang, noch war ihnen nichts begeg­net, der Rit­ter ritt im Panz­er seines Mutes und guten Gewis­sens gegen den Angriff feindlich­er unterirdis­ch­er Mächte, gegen Fein­de­san­griff irdis­ch­er Art schirmten ihn die eis­erne Rüs­tung, die starke Faust, das blanke Schwert.

Jet­zt drängte plöt­zlich der Knappe sein Roß vor, neben das seines Her­rn und flüsterte ängstlich: »Herr! Es reit­et ein­er hin­ter uns – hohl klingt der Huf­schlag seines Ross­es – und schaut Euch um, Herr – seht, wie Feuer­schaum dem Rosse vom Gebisse träuft, seht, wie seine Nüstern Funken sprühen.«

Schnell war der schwarze Reit­er, der ihnen fol­gte, an den bei­den. »Hol­lah! Gesellschaft! Wackere Kumpane!« rief eine tiefe, hohle Stimme.

»Gott zum Gruß!« antwortete der Rit­ter, und der Rappe des Frem­den stieg bäu­mend in die Höhe und schnaubte Ströme Feuers aus den Nüstern – von dessen Schein des schwarzen Rit­ters Eisen­rüs­tung rot erglühete.

»Für solchen Gruß dank Euch der Teufel, nicht ich!« ver­set­zte wild der riesige Nacht­ge­sell und hieb wild auf den bäu­menden Rap­pen. »Doch wißt, Ihr seid verir­rt! Kommt mit mir auf mein Schloß, ganz nahe liegt’s, dort seht Ihr schon die Fen­ster schimmern.«

»Ich danke, hab nicht Zeit zur Einkehr!« antwortete der Ritter.

Doch jen­er rief gebi­etend: »Zeit wird sich find­en!« und lachte, daß es weit im Walde gellte. Eine lange schwarze Mauer zog quer über den Weg, in der Mauer war ein hal­b­ver­fal­l­enes Tor – der Weg führte ger­ade hinein, und im Ring der Mauer lag das Schloß, ein gewaltiger, viel­getürmter Bau. Droben im Gewirre der Türme und Türm­chen kreis­cht­en Eulen. Am Tore des Haus­es ringel­ten sich stein­erne dick­leibige Drachen mit weit vorgestreck­ten dün­nen Hälsen um die Säulen. Nur wenige Fen­ster waren erhellt – schwarz ragte der ganze übrige Bau empor zum dun­klen Himmel.

Der schwarze Graf schwang sich vom Roß – und dieses Roß sank hin­ter ihm in die Erde.

»Fol­get mir hinein!« rief der schwarze Graf seinen gezwun­genen Gästen zu.

»Nicht hinein! Um des Him­mels willen nicht hinein!« flüsterte der treue Knappe seinem Herm ins Ohr.

»Schweige Knecht!« schrie der schwarze Graf diesem gebi­eter­isch zu. »Hier herrscht nicht des Him­mels Wille, son­dern mein Wille! Bleibe in Blendung!«

Da schwand vor des Knap­pen Augen das Schloß, er stand auf öder ein­samer Hei­de, neben einem alten Gemäuer, drei Türme ragten daraus empor – das war nicht mehr des schwarzen Grafen Schloß, das war ein anderes Haus.

Der Rit­ter fol­gte seinem Führer voll Mut die Stufen ein­er Wen­del­treppe hinan. Von Zeit zu Zeit streck­te sich eine Greifen­klaue aus der Wand, die hielt eine bren­nende Kerze, die Kerzen waren schwarz und weiß. Die Wände waren kohlschwarz. Des schwarzen Grafen Rüs­tung war auch ganz schwarz und ganz nach ural­ter Art, ein Ket­ten­panz­er umk­lei­dete ihn völ­lig, nur auf dem Haupte trug er einen Helm selt­samer Form; der Kamm dieses Helmes war nicht gegossen oder geschmiedet, er war lebendig und ward gebildet von einem kleinen sala­man­der­gle­ichen Drachen, der seine Klauen fest an den Helm gek­lemmt hielt, den Kopf bisweilen drehte und dessen schwarze Funke­lau­gen wie Demantspitzen blitzten. Lang hing des Drachen Schwanz vom Helme abwärts bis in den Nack­en und schlenkerte bald hinüber, bald herüber. Droben stand am Ende der Treppe der schwarze Graf und wandte sich seinem Gaste zu. Ble­ich war sein Antlitz, ble­ich und abgezehrt, seine Augen lagen tief in ihren Höhlen und blick­ten Mord, sie waren ohne Wim­pern, und über ihnen wölbten sich keine Brauen. Der schwarze Graf keuchte schw­er, und sein Atem glühte wie der Hauch der afrikanis­chen Wüste, feuerheiß.

»Nun folge mir und schaue, was ich tat und wie ich lei­de!« sprach zu dem Rit­ter der schwarze Graf. »Einem jeden, der mit­ter­nachts meinen Weg reit­et, muß ich zeigen meine Mis­se­tat. Brauchst nicht für mich zu beten, Mann! Meine Tat süh­nt nicht Reue, nicht Für­bitte, nicht Gebet.«

Die Türe eines Saales, mit phan­tastis­chem Bild­w­erke verziert, sprang don­nernd auf – kalter Eishauch, wie von einem Gletsch­er, wehete aus dem Saale ent­ge­gen. Der große weite Saal war auch ganz schwarz und war ganz leer – nur in der Mitte – da stand etwas, beleuchtet von ein­er mat­ten trüben Ampel, die darüber von der Decke nieder­hing. Und was dort stand, das war ein Sarg, und in dem Sarge lag eine Leiche, die Leiche ein­er alten kleinen Frau, ganz weiß gek­lei­det, die Hände aneinan­der gelegt, wie zum Gebete – über den Hän­den aber, aus der Brust, ragte der schwarze Griff eines Dolches.

»Hier meine Mut­ter!« rief der schwarze Graf. »Hier ihr Mörder!« rief er noch ein­mal, daß es schau­rig im Saale hallte, und brach am Sarge in die Knie. Da hob sich plöt­zlich die Leiche im Sarge empor und wuchs und wuchs, so riesen­groß – so unge­heuer, ein grauser Spuk, und deck­te sich über den schwarzen Grafen und füllte mehr und mehr den Raum, und der Rit­ter wich zurück, bis die Wand ihn hemmte – immer grausiger wurde die entset­zliche Gestalt, immer höher – ihr weißes Antlitz war schon so groß wie der Voll­mond im Aufge­hen, und ihr Gewand wal­lete wie Nebel – ihre Hände aber gruben in der Brust des schwarzen Grafen und gruben ihm das Herz aus der Brust.

Dem Rit­ter flir­rte es vor den Sin­nen, wie Nacht­flöre ein­er Ohn­macht! Er zog sein Schw­ert und schrie: »Unholde! Weicht im Namen des Gekreuzigten!« Da gellte ein entset­zlich­er Schrei, da krachte das Gebälk, wank­te das Haus, sank Sarg und Wand, sank Graf und Gräfin, sank der Boden samt dem Rit­ter tief, tief hinab in undurch­dringliche Nacht. Aus ein­er Betäubung erwachte der Rit­ter. Sein treues Schw­ert hielt er noch in der Hand. Schwarze Nacht war rings um ihn her, sein Fuß trat auf Moor­grund, seine Hand ertappte Mauer­w­erk und feucht­es Gras, Nachtluft umwe­hte ihn kühl und schauernd.

Was war das? Und wo bin ich? fragte sich der Rit­ter, und unruhevoll klopfte ihm sein son­st so mutiges Herz. Er rief laut den Namen seines Knap­pen. Horch! Ein Antwortruf, aber aus weit­er Ent­fer­nung. Der Rit­ter rief wieder – der Knappe kam näher – er führte noch die bei­den Rosse an den Zügeln.

»Herr, wo seid Ihr?« rief von weit­em der sich näh­ernde Knappe.

»Hier! Hier im Moor und unter Trüm­mern«, rief der Ritter.

Mit Mühe half durch Zusam­menknüpfen von Riemen und Strän­gen der Knappe seinem Her­rn aus dem Sumpfe, darüber begann der Mor­gen zu däm­mern – und nun sahen Herr und Diener allmäh­lich, wo sie waren. Auf sump­figer Hei­de, neben einem ganz ver­fal­l­enen Bau am Ende eines Waldes – und eine Strecke davon im Nebeldäm­mer jenes Gebäude, an dem der Knappe gerastet – ein Gal­gen­rund­bau; was drei Türme geschienen, waren drei hohe Steinpfeil­er, die verbinden­den Balken waren längst ver­fault und herabgefallen.

Kühl wehte es vom Osten her – feucht schlug der Nebel sich nieder. Still rit­ten der Rit­ter und sein Knappe ihres Weges weit­er. Nie ver­gaß der Rit­ter sein gespen­stis­ches Aben­teuer und das Schloß des schwarzen Grafen.