Der Schneider im Himmel

von Brüder Grimm

~3 Min

Es trug sich zu, dass der liebe Gott an einem schö­nen Tag in dem himm­lis­chen Garten sich erge­hen wollte und alle Apos­tel und Heili­gen mit­nahm, also dass nie­mand mehr im Him­mel blieb als der heilige Petrus. Der Herr hat­te ihm befohlen, während sein­er Abwe­sen­heit nie­mand einzu­lassen, Petrus stand also an der Pforte und hielt Wache. Nicht lange, so klopfte jemand an. Petrus fragte, wer da wäre und was er wollte. Ich bin ein armer ehrlich­er Schnei­der,“ antwortete eine feine Stimme, der um Ein­lass bit­tet.“ – Ja, ehrlich,“ sagte Petrus, wie der Dieb am Gal­gen, du hast lange Fin­ger gemacht und den Leuten das Tuch abgezwickt. Du kommst nicht in den Him­mel, der Herr hat mir ver­boten, solange er draussen wäre, irgend jemand einzu­lassen. “ – Seid doch barmherzig,“ rief der Schnei­der, kleine Flick­lap­pen, die von selb­st vom Tisch her­ab­fall­en, sind nicht gestohlen und nicht der Rede wert. Seht, ich hinke und habe von dem Weg daher Blasen an den Füssen, ich kann unmöglich wieder umkehren. Lasst mich nur hinein, ich will alle schlechte Arbeit tun. Ich will die Kinder tra­gen, die Windeln waschen, die Bänke, darauf sie gespielt haben, säu­bern und abwis­chen und ihre zer­ris­se­nen Klei­der flick­en. “ Der heilige Petrus liess sich aus Mitlei­den bewe­gen und öffnete dem lah­men Schnei­der die Him­mel­sp­forte so weit, dass er mit seinem dür­ren Leib hinein­schlüpfen kon­nte. Er musste sich in einen Winkel hin­ter die Türe set­zen und sollte sich da still und ruhig ver­hal­ten, damit ihn der Herr, wenn er zurück­käme, nicht bemerk­te und zornig würde. Der Schnei­der gehorchte, als aber der heilige Petrus ein­mal zur Türe hin­aus­trat, stand er auf, ging voll Neugierde in allen Winkeln des Him­mels herum und besah sich die Gele­gen­heit. Endlich kam er zu einem Platz, da standen viele schöne und köstliche Stüh­le und in der Mitte ein ganz gold­en­er Ses­sel, der mit glänzen­den Edel­steinen beset­zt war; er war auch viel höher als die übri­gen Stüh­le, und ein gold­en­er Fusss­chemel stand davor. Es war aber der Ses­sel, auf welchem der Herr sass, wenn er daheim war, und von welchem er alles sehen kon­nte, was auf Erden geschah. Der Schnei­der stand still und sah den Ses­sel eine gute Weile an, denn er gefiel ihm bess­er als alles andere. Endlich kon­nte er den Vor­witz nicht bezäh­men, stieg hin­auf und set­zte sich in den Ses­sel. Da sah er alles, was auf Erden geschah, und bemerk­te eine alte hässliche Frau, die an einem Bach stand und wusch und zwei Schleier heim­lich bei­seite tat. Der Schnei­der erzürnte sich bei diesem Anblicke so sehr, dass er den gold­e­nen Fusss­chemel ergriff und durch den Him­mel auf die Erde hinab nach der alten Diebin warf. Da er aber den Schemel nicht wieder her­auf­holen kon­nte, so schlich er sich sachte aus dem Ses­sel weg, set­zte sich an seinen Platz hin­ter die Türe und tat, als ob er kein Wass­er getrübt hätte.

Als der Herr und Meis­ter mit dem himm­lis­chen Gefolge wieder zurück­kam, ward er zwar den Schnei­der hin­ter der Türe nicht gewahr, als er sich aber auf seinen Ses­sel set­zte, man­gelte der Schemel. Er fragte den heili­gen Petrus, wo der Schemel hingekom­men wäre, der wusste es nicht. Da fragte er weit­er, ob er jemand herein­ge­lassen hätte. Ich weiss nie­mand,“ antwortete Petrus, der dagewe­sen wäre, als ein lah­mer Schnei­der, der noch hin­ter der Türe sitzt.“ Da liess der Herr den Schnei­der vor sich treten und fragte ihn, ob er den Schemel weggenom­men und wo er ihn hinge­tan hätte. O Herr,“ antwortete der Schnei­der freudig, ich habe ihn im Zorne hinab auf die Erde nach einem alten Weibe gewor­fen, das ich bei der Wäsche zwei Schleier stehlen sah.“ – O du Schalk,“ sprach der Herr, wollt ich richt­en, wie du richt­est, wie meinst du, dass es dir schon längst ergan­gen wäre? Ich hätte schon lange keine Stüh­le, Bänke, Ses­sel, ja keine Ofenga­bel mehr hier gehabt, son­dern alles nach den Sün­dern hin­abge­wor­fen. For­t­an kannst du nicht mehr im Him­mel bleiben, son­dern musst wieder hin­aus vor das Tor: da sieh zu, wo du hinkommst. Hier soll nie­mand strafen denn ich allein, der Herr.“

Petrus musste den Schnei­der wieder hin­aus vor den Him­mel brin­gen, und weil er zer­ris­sene Schuhe hat­te und die Füsse voll Blasen, nahm er einen Stock in die Hand und zog nach Wartein­weil, wo die from­men Sol­dat­en sitzen und sich lustig machen.