Der Schmied von Jüterbogk

von Ludwig Bechstein

~5 Min

Im Städtlein Jüter­bogk hat ein­mal ein Schmied gelebt, von dem erzählen sich Kinder und Alte ein wun­der­sames Mär­lein. Es war dieser Schmied erst ein junger Bursche, der einen sehr stren­gen Vater hat­te, aber treulich Gottes Gebote hielt. Er tat große Reisen und erlebte viele Aben­teuer, dabei war er in sein­er Kun­st über alle Maßen geschickt und tüchtig. Er hat­te eine Stahltink­tur, die jeden Har­nisch und Panz­er undurch­dringlich machte, welch­er damit bestrichen wurde, und gesellte sich dem Heere Kaiser Friedrichs II. zu, wo er kaiser­lich­er Rüst­meis­ter wurde und den Kriegszug nach Mai­land und Apulien mit­machte. Dort eroberte er den Heer- und Ban­ner­wa­gen der Stadt und kehrte endlich, nach­dem der Kaiser gestor­ben war, mit vielem Reich­tum in seine Heimat zurück. Er sah gute Tage, dann wieder böse und wurde über hun­dert Jahre alt. Einst saß er in seinem Garten unter einem alten Birn­baum, da kam ein graues Männlein auf einem Esel gerit­ten, das sich schon mehrmals als des Schmiedes Schutzgeist bewiesen hat­te. Dieses Män­nchen her­bergte bei dem Schmied und ließ den Esel beschla­gen, was jen­er gern tat, ohne Lohn zu heis­chen. Darauf sagte das Männlein zu Peter, er solle drei Wün­sche tun, aber dabei das Beste nicht vergessen. Da wün­schte der Schmied, weil die Diebe ihm oft die Bir­nen gestohlen, es solle kein­er, der auf den Bim­baum gestiegen, ohne seinen Willen wieder herunter kön­nen – und weil er auch in der Stube öfters bestohlen wor­den war, so wün­schte er, es solle nie­mand ohne seine Erlaub­nis in die Stube kom­men kön­nen, es wäre denn durch das Schlüs­sel­loch. Und dann tat der Schmied den drit­ten Wun­sch, sagend: »Das Beste ist ein guter Schnaps, so wün­sche ich, daß diese Bulle niemals leer werde!«

»Deine Wün­sche sind gewährt«, sprach das Män­nchen, strich noch über einige Stan­gen Eisen, die in der Schmiede lagen, mit der Hand, set­zte sich auf seinen Esel und ritt von dan­nen. Das Eisen war in blankes Sil­ber verwandelt.

Der vorher arm gewor­dene Schmied war wieder reich und lebte fort und fort bei gutem Wohl­sein, denn die nie ver­siegen­den Magen­tropfen in der Bulle waren, ohne daß er es wußte, ein Lebenselix­i­er. Endlich klopfte der Tod an, der ihn so lange vergessen zu haben schien; der Schmied war schein­bar auch gern bere­itwillig, mit ihm zu gehen, und bat nur, ihm ein kleines Lab­sal zu vergön­nen und ein paar Bir­nen von dem Baum zu holen, den er nicht selb­st mehr besteigen könne aus großer Alterss­chwäche. Der Tod stieg auf den Baum, und der Schmied sprach: »Bleib droben!« denn er hat­te Lust, noch länger zu leben. Der Tod fraß alle Bir­nen vom Baum, dann gin­gen seine Fas­ten an, und vor Hunger verzehrte er sich selb­st mit Haut und Haar, daher er jet­zt nur noch so ein scheulich dür­res Gerippe ist. Auf Erden aber starb nie­mand mehr, wed­er Men­sch noch Tier, darüber ent­stand viel Unheil, und endlich ging der Schmied hin zu dem klap­pern­den Tod und akko­rdierte mit ihm, daß er ihn fürder in Ruhe lasse, dann ließ er ihn los. Wütend floh der Tod von dan­nen und begann nun auf Erden aufzuräumen.

Da er sich an dem Schmied nicht rächen kon­nte, so het­zte er ihm den Teufel auf den Hals, daß dieser ihn hole. Dieser machte sich flugs auf den Weg, aber der pfif­fige Schmied roch den Schwe­fel voraus, schloß seine Türe zu, hielt mit den Gesellen einen led­er­nen Sack an das Schlüs­sel­loch, und wie Herr Uri­an hin­durch fuhr, da er nicht anders in die Schmiede kon­nte, wurde der Sack zuge­bun­den, zum Amboß getra­gen, und nun wurde ganz unbar­rn­herziglich mit den schw­er­sten Häm­mern auf den Teufel los­ge­pocht, daß ihm Hören und Sehen verg­ing, er ganz mürbe wurde und das Wiederkom­men auf immer verschwur.

Nun lebte der Schmied noch gar lange Zeit in Ruhe, bis er, wie alle Fre­unde und Bekan­nte ihm gestor­ben waren, des Erden­lebens satt und müde wurde. Machte sich deshalb auf den Weg und ging nach dem Him­mel, wo er beschei­dentlich am Tore anklopfte. Da schaute der heilige Petws her­für, und Peter der Schmied erkan­nte in ihm seinen Schutz­pa­tron und Schutzgeist, der ihn oft aus Not und Gefahr sicht­bar­lich erret­tet und ihm zulet­zt die drei Wün­sche gewährt hat­te. Jet­zt aber sprach Petrus: »liebe dich weg, der Him­mel bleibt dir ver­schlossen; du hast das Beste zu erbit­ten vergessen: die Seligkeit!«

Auf diesen Bescheid wandte sich Peter und gedachte, sein Heil in der Hölle zu ver­suchen, und wan­derte wieder abwärts, fand auch bald den recht­en, bre­it­en und viel­be­gan­genen Weg. Wie aber der Teufel erführ, daß der Schmied von Jüter­bogk im Anzuge sei, schlug er das Höl­len­tor ihm vor der Nase zu und set­zte die Hölle gegen ihn in Vertei­di­gungs­stand. Da nun der Schmied von Jüter­bogk wed­er im Him­mel noch in der Hölle seine Zuflucht fand, und auf Erden es ihm nim­mer gefall­en wollte, so ist er hinab in den Kyf­filäuser gegan­gen zu Kaiser Friedrichen, dem er einst gedi­ent. Der alte Kaiser, sein Herr, freute sich, als er seinen Rüst­meis­ter Peter kom­men sah und fragte ihn gle­ich, ob die Raben noch um den Iurm der Bur­gru­ine Kyffhausen flö­gen? Und als Peter das bejahte, so seufzte der Rot­bart. Der Schmied aber blieb im Berge, wo er des Kaisers Handpferd und die Pferde der Prinzessin und die der rei­t­en­den Fräulein beschlägt, bis des Kaisers Erlö­sungsstunde auch ihm schla­gen wird.

Und das wird geschehen nach dem Munde der Sage, wenn dere­inst die Raben nicht mehr um den Berg fliegen, und auf dem Rats­feld nahe dem Kyffhäuser ein alter dür­rer abgestor­ben­er Birn­baum wieder auss­chlägt, grünt und blüht. Dann tritt der Kaiser her­vor mit all seinen Wapp­n­ern, schlägt die große Schlacht der Befreiung und hängt seinen Schild an den wieder grü­nen Baum. Hier­auf geht er ein mit seinem Gesinde zu der ewigen Ruhe.