Der Schatten

von Johann Wilhelm Wolf

~5 Min

Einst ging ein gelehrter Mann aus den nördlichen Regio­nen Europas auf eine Reise nach Süden. Eines Nachts saß er auf sein­er Ter­rasse, während das Feuer hin­ter ihm seinen Schat­ten auf den gegenüber­liegen­den Balkon warf. Wie er da saß, beobachtete der Mann amüsiert, wie sein Schat­ten jede sein­er Bewe­gun­gen nachahmte, als würde er wirk­lich auf dem anderen Balkon sitzen. Als er schließlich müde wurde und schlafen ging, stellte er sich den Schat­ten vor, wie er dies eben­falls im Haus auf der gegenüber­liegen­den Straßen­seite tat.

Am näch­sten Mor­gen jedoch stellte der Mann zu sein­er Über­raschung fest, dass er wirk­lich seinen Schat­ten über Nacht ver­loren hat­te. Als ihm allerd­ings ein neuer Schat­ten aus seinen Zehen­spitzen wuchs, dachte er nicht weit­er darüber nach und kehrte nach Nordeu­ropa zurück, um wieder zu schreiben.

Mehrere Jahre vergin­gen, bis eines Nachts ein Mann an sein­er Türe klopfte. Zu sein­er Über­raschung war es sein Schat­ten, den er vor Jahren in Afri­ka ver­loren hat­te. Dieser Schat­ten stand nun mit fast vol­lkommen­em men­schlichen Ausse­hen in sein­er Haustüre. Erstaunt von seinem plöt­zlichen Wieder­auf­tauchen lud der gelehrte Mann ihn in sein Haus ein. Bei­de set­zten sich an den Kamin, wo der Schat­ten dem Mann erzählte, wie er selb­st ein Mann gewor­den war.

Der gelehrte Mann war ein ruhiger und san­ft­mütiger Men­sch. Seine Haupt­in­ter­essen lagen im Guten, der Schön­heit und der Wahrheit. Dies waren die The­men, über die er oft schrieb, die aber nie­man­den son­st zu inter­essieren schienen. Der Schat­ten sagte seinem Her­ren, dass dieser die Welt nicht ver­stünde, dass er aber selb­st die wahre Welt gese­hen habe, mit ihrer Bosheit und den schlecht­en Men­schen darin.

Der Schat­ten wurde immer größer und lebendi­ger im Laufe der Jahre, während der Schrift­steller immer dün­ner und blass­er wurde. Schließlich wurde der Mann so krank, dass sein ehe­ma­liger Schat­ten ihm einen Aus­flug zu einem Kurort auf seine Kosten vorschlug, allerd­ings unter der Bedin­gung, dass der ehe­ma­lige Schat­ten selb­st als Herr auftreten dürfte, während der Schrift­steller so tun musste, als wäre er der Schat­ten. So absurd dieser Vorschlag sich auch anhörte, am Ende nahm der gelehrte Mann ihn an. Zusam­men gin­gen sie auf Reisen und der Schat­ten spielte den Her­ren. Im Kurort lernte der Schat­ten eine wun­der­schöne Prinzessin ken­nen. Nach­dem bei­de sich eine Nacht lang zusam­men unter­hal­ten und getanzt hat­ten, ver­liebte sich die Prinzessin in den Schatten.

Kurz bevor die Hochzeit anstand, bot der Schat­ten seinem ehe­ma­li­gen Her­ren eine hohe Stel­lung im Palast an, unter der Bedin­gung, dass dieser nun endgültig sein eigen­er Schat­ten wurde. Der Schrift­steller lehnte sofort ab und dro­hte damit, der Prinzessin alles zu sagen, doch der Schat­ten ließ ihn ver­haften. Seine Bestürzung heuchel­nd traf er sich mit der Prinzessin und sagte ihr:

Ich habe das Greulich­ste erlebt, was man erleben kann!sagte der Schat­ten, denke Dir ja so ein armes Schat­tenge­hirn kann nicht viel aushal­ten! denke Dir, mein Schat­ten ist ver­rückt gewor­den. Er glaubt, er wäre der Men­sch und ich denke Dir nur ich wäre sein Schat­ten!
Das ist ja furcht­bar, sagte die Prinzessin, er ist doch einges­per­rt?
Das ist er! Ich fürchte er wird nie wieder zu Ver­stand kom­men.
Armer Schat­ten! sagte die Prinzessin, er ist sehr unglück­lich. Es würde eine wahre Wohltat sein, ihn von dem biss­chen Leben zu befreien, das er hat. Wenn ich es recht bedenke, glaube ich, es wird notwendig sein, es mit ihm in aller Stille abzumachen.

Als der Schat­ten und die Prinzessin später in dieser Nacht heirateten, war der gelehrte Mann bere­its tot.