Der Räuberbräutigam

von Brüder Grimm

~7 Min

Es war ein­mal ein Müller, der hat­te eine schöne Tochter, und als sie herangewach­sen war, so wün­schte er, sie wäre ver­sorgt und gut ver­heiratet: er dachte kommt ein ordentlich­er Freier und hält um sie an, so will ich sie ihm geben.“ Nicht lange, so kam ein Freier, der schien sehr reich zu sein, und da der Müller nichts an ihm auszuset­zen wusste, so ver­sprach er ihm seine Tochter. Das Mäd­chen aber hat­te ihn nicht so recht lieb, wie eine Braut ihren Bräutigam lieb haben soll, und hat­te kein Ver­trauen zu ihm: sooft sie ihn ansah oder an ihn dachte, fühlte sie ein Grauen in ihrem Herzen. Ein­mal sprach er zu ihr du bist meine Braut und besuchst mich nicht ein­mal.“ Das Mäd­chen antwortete ich weiss nicht, wo Euer Haus ist.“ Da sprach der Bräutigam mein Haus ist draussen im dunkeln Wald.“ Es suchte Ausre­den und meinte, es kön­nte den Weg dahin nicht finden.

Der Bräutigam sagte kün­fti­gen Son­ntag musst du hin­aus zu mir kom­men, ich habe die Gäste schon ein­ge­laden, und damit du den Weg durch den Wald find­est, so will ich dir Asche streuen.“ Als der Son­ntag kam und das Mäd­chen sich auf den Weg machen sollte, ward ihm so angst, es wusste selb­st nicht recht, warum, und damit es den Weg beze­ich­nen kön­nte, steck­te es sich bei­de Taschen voll Erb­sen und Lin­sen. An dem Ein­gang des Waldes war Asche gestreut, der ging es nach, warf aber bei jedem Schritt rechts und links ein paar Erb­sen auf die Erde. Es ging fast den ganzen Tag, bis es mit­ten in den Wald kam, wo er am dunkel­sten war, da stand ein ein­sames Haus, das gefiel ihm nicht, denn es sah so fin­ster und unheim­lich aus. Es trat hinein, aber es war nie­mand darin und herrschte die grösste Stille. Plöt­zlich rief eine Stimme

kehr um, kehr um, du junge Braut,
du bist in einem Mörderhaus.“

Das Mäd­chen blick­te auf und sah, dass die Stimme von einem Vogel kam, der da in einem Bauer an der Wand hing. Nochmals rief er

kehr um, kehr um, du junge Braut,
du bist in einem Mörderhaus.“

Da ging die schöne Braut weit­er aus ein­er Stube in die andere und ging durch das ganze Haus, aber es war alles leer und keine Men­schenseele zu find­en. Endlich kam sie auch in den Keller, da sass eine steinalte Frau, die wack­elte mit dem Kopfe. Kön­nt Ihr mir nicht sagen,“ sprach das Mäd­chen, ob mein Bräutigam hier wohnt?“ – Ach, du armes Kind,“ antwortete die Alte, wo bist du hinger­at­en! du bist in ein­er Mörder­grube. Du meinst, du wärst eine Braut, die bald Hochzeit macht, aber du wirst die Hochzeit mit dem Tode hal­ten. Siehst du, da hab ich einen grossen Kessel mit Wass­er auf­set­zen müssen, wenn sie dich in ihrer Gewalt haben, so zer­hack­en sie dich ohne Barmherzigkeit, kochen dich und essen dich, denn es sind Men­schen­fress­er. Wenn ich nicht Mitleid mit dir habe und dich rette, so bist du verloren.“

Darauf führte es die Alte hin­ter ein gross­es Fass, wo man es nicht sehen kon­nte. Sei wie ein Mäuschen still,“ sagte sie, rege dich nicht und bewege dich nicht, son­st ists um dich geschehen. Nachts, wenn die Räu­ber schlafen, wollen wir ent­fliehen, ich habe schon lange auf eine Gele­gen­heit gewartet.“ Kaum war das geschehen, so kam die got­t­lose Rotte nach Haus. Sie bracht­en eine andere Jungfrau mit­geschleppt, waren trunk­en und hörten nicht auf ihr Schreien und Jam­mern. Sie gaben ihr Wein zu trinken, drei Gläs­er voll, ein Glas weis­sen, ein Glas roten und ein Glas gel­ben, davon zer­sprang ihr das Herz. Darauf ris­sen sie ihr die feinen Klei­der ab, legten sie auf einen Tisch, zer­hack­ten ihren schö­nen Leib in Stücke und streuten Salz darüber. Die arme Braut hin­ter dem Fass zit­terte und bebte, denn sie sah wohl, was für ein Schick­sal ihr die Räu­ber zugedacht hat­ten. Ein­er von ihnen bemerk­te an dem kleinen Fin­ger der Gemorde­ten einen gold­e­nen Ring, und als er sich nicht gle­ich abziehen liess, so nahm er ein Beil und hack­te den Fin­ger ab: aber der Fin­ger sprang in die Höhe über das Fass hin­weg und fiel der Braut ger­ade in den Schoss. Der Räu­ber nahm ein Licht und wollte ihn suchen, kon­nte ihn aber nicht find­en. Da sprach ein ander­er hast du auch schon hin­ter dem grossen Fasse gesucht?“ Aber die Alte rief kommt und esst, und lasst das Suchen bis mor­gen: der Fin­ger läuft euch nicht fort.“

Da sprachen die Räu­ber die Alte hat recht,“ liessen vom Suchen ab, set­zten sich zum Essen, und die Alte tröpfelte ihnen einen Schlaftrunk in den Wein, dass sie sich bald in den Keller hin­legten, schliefen und schnar­cht­en. Als die Braut das hörte, kam sie hin­ter dem Fass her­vor, und musste über die Schlafend­en wegschre­it­en, die da rei­hen­weise auf der Erde lagen, und hat­te grosse Angst, sie möchte einen aufweck­en. Aber Gott half ihr, dass sie glück­lich durchkam, die Alte stieg mit ihr hin­auf, öffnete die Türe, und sie eil­ten, so schnell sie kon­nten, aus der Mörder­grube fort. Die gestreute Asche hat­te der Wind weggewe­ht, aber die Erb­sen und Lin­sen hat­ten gekeimt und waren aufge­gan­gen, und zeigten im Mond­schein den Weg. Sie gin­gen die ganze Nacht, bis sie mor­gens in der Müh­le anka­men. Da erzählte das Mäd­chen seinem Vater alles, wie es sich zuge­tra­gen hatte.

Als der Tag kam, wo die Hochzeit sollte gehal­ten wer­den, erschien der Bräutigam, der Müller aber hat­te alle seine Ver­wandte und Bekan­nte ein­laden lassen. Wie sie bei Tis­che sassen, ward einem jeden aufgegeben, etwas zu erzählen. Die Braut sass still und redete nichts. Da sprach der Bräutigam zur Braut nun, mein Herz, weisst du nichts? erzähl uns auch etwas.“ Sie antwortete so will ich einen Traum erzählen. Ich ging allein durch einen Wald und kam endlich zu einem Haus, da war keine Men­schenseele darin, aber an der Wand war ein Vogel in einem Bauer, der rief

kehr um, kehr um, du junge Braut,
du bist in einem Mörderhaus.“

Und rief es noch ein­mal. Mein Schatz, das träumte mir nur. Da ging ich durch alle Stuben, und alle waren leer, und es war so unheim­lich darin; ich stieg endlich hinab in den Keller, da sass eine steinalte Frau darin, die wack­elte mit dem Kopfe. Ich fragte sie wohnt mein Bräutigam in diesem Haus?“ Sie antwortete ach, du armes Kind, du bist in eine Mörder­grube ger­at­en, dein Bräutigam wohnt hier, aber er will dich zer­hack­en und töten, und will dich dann kochen und essen.“ Mein Schatz, das träumte mir nur. Aber die alte Frau ver­steck­te mich hin­ter ein gross­es Fass, und kaum war ich da ver­bor­gen, so kamen die Räu­ber heim und schleppten eine Jungfrau mit sich, der gaben sie dreier­lei Wein zu trinken, weis­sen, roten und gel­ben, davon zer­sprang ihr das Herz. Mein Schatz, das träumte mir nur. Darauf zogen sie ihr die feinen Klei­der ab, zer­hack­ten ihren schö­nen Leib auf einem Tisch in Stücke und bestreuten ihn mit Salz. Mein Schatz, das träumte mir nur. Und ein­er von den Räu­bern sah, dass an dem Goldfin­ger noch ein Ring steck­te, und weil er schw­er abzuziehen war, so nahm er ein Beil und hieb ihn ab, aber der Fin­ger sprang in die Höhe und sprang hin­ter das grosse Fass und fiel mir in den Schoss. Und da ist der Fin­ger mit dem Ring.“ Bei diesen Worten zog sie ihn her­vor und zeigte ihn den Anwesenden.

Der Räu­ber, der bei der Erzäh­lung ganz krei­deweiss gewor­den war, sprang auf und wollte ent­fliehen, aber die Gäste hiel­ten ihn fest und über­liefer­ten ihn den Gericht­en. Da ward er und seine ganze Bande für ihre Schand­tat­en gerichtet.