Der Riese und der Schneider

von Brüder Grimm

~3 Min

Einem Schnei­der, der ein gross­er Prahler war, aber ein schlechter Zahler, kam es in den Sinn, ein wenig auszuge­hen und sich in der Welt umzuschauen. Sobald er nur kon­nte, ver­liess er seine Werkstatt,

wan­derte seinen Weg 
über Brücke und Steg, 
bald da, bald dort, 
immer fort und fort. 

Als er nun draussen war, erblick­te er in der blauen Ferne einen steilen Berg und dahin­ter einen him­mel­ho­hen Turm, der aus einem wilden und fin­stern Wald hervorragte.

Potz Blitz!“ rief der Schnei­der, was ist das?“

Und weil ihn die Neugierde gewaltig stach, so ging er frisch darauf los. Was sper­rte er aber Maul und Augen auf, als er in die Nähe kam, denn der Turm hat­te Beine, sprang in einem Satz über den steilen Berg und stand als ein gross­mächtiger Riese vor dem Schneider.

Was willst du hier, du winziges Fliegen­bein,“ rief der mit ein­er Stimme, als wenn’s von allen Seit­en donnerte.

Der Schnei­der wis­perte: Ich will mich umschauen, ob ich mein Stückchen Brot in dem Wald ver­di­enen kann.“

Wenn’s um die Zeit ist,“ sagte der Riese, so kannst du ja bei mir in den Dienst eintreten.“

Wenn’s sein muss, warum das nicht? Was krieg ich aber für einen Lohn?“

Was du für einen Lohn kriegst?“ sagte der Riese. Das sollst du hören. Jährlich drei­hun­der­tund­fün­fund­sechzig Tage, und wenn’s ein Schalt­jahr ist, noch einen oben­drein. Ist dir das recht?“

Meinetwe­gen,“ antwortete der Schnei­der und dachte in seinem Sinn: Man muss sich streck­en nach sein­er Decke. Ich such mich bald wieder loszumachen.

Darauf sprach der Riese zu ihm: Geh, klein­er Halunke, und hol mir einen Krug Wasser.“

Warum nicht lieber gle­ich den Brun­nen mit­samt der Quelle?“ fragte der Prahlhans und ging mit dem Krug zu dem Wasser.

Was? Den Brun­nen mit­samt der Quelle?“ brummte der Riese, der ein biss­chen tölpisch und albern war, in den Bart hinein und fing an sich zu fürcht­en: Der Kerl kann mehr als Äpfel brat­en. Der hat einen Alraun im Leib. Sei auf dein­er Hut, alter Hans, das ist kein Diener für dich.“

Als der Schnei­der das Wass­er gebracht hat­te, befahl ihm der Riese, in dem Wald ein paar Scheite Holz zu hauen und heimzutragen.

Warum nicht lieber den ganzen Wald mit einem Streich,

den ganzen Wald 
mit jung und alt, 
mit allem, was er hat, 
knorzig und glatt?“ 

fragte das Schnei­der­lein und ging, das Holz zu hauen.

Was?

Den ganzen Wald 
mit jung und alt, 
mit allem, was er hat, 
knorzig und glatt? 

und den Brun­nen mit­samt der Quelle?“ brummte der leicht­gläu­bige Riese in den Bart und fürchtete sich noch mehr. Der Kerl kann mehr als Äpfel brat­en, der hat einen Alraun im Leib: Sei auf dein­er Hut, alter Hans, das ist kein Diener für dich.“

Wie der Schnei­der das Holz gebracht hat­te, befahl ihm der Riese, zwei oder drei wilde Schweine zum Aben­dessen zu schiessen.

Warum nicht lieber gle­ich tausend auf einen Schuss und dich dazu?“ fragte der hof­fär­tige Schneider.

Was?“ rief der Hasen­fuss von einem Riesen und war heftig erschrock­en. Lass es nur für heute gut sein und lege dich schlafen.“

Der Riese fürchtete sich so gewaltig, dass er die ganze Nacht kein Auge zutun kon­nte und hin und her dachte, wie er’s anfan­gen sollte, um sich den ver­wün­scht­en Hex­en­meis­ter von Diener je eher je lieber vom Hals zu schaffen.

Kommt Zeit, kommt Rat.

Am andern Mor­gen gin­gen der Riese und der Schnei­der zu einem Sumpf, um den ring­sherum eine Menge Wei­den­bäume standen. Da sprach der Riese. Hör ein­mal, Schnei­der, setz dich auf eine von den Wei­den­ruten, ich möchte um mein Leben gern sehen, ob du imstand bist, sie her­abzu­biegen.“ Husch, sass das Schnei­der­lein oben, hielt den Atem ein und machte sich schw­er, so schw­er, dass sich die Gerte nieder­bog. Als er aber wieder Atem schöpfen musste, da schnellte sie ihn, weil er zum Unglück kein Bügeleisen in die Tasche gesteckt hat­te, zu gross­er Freude des Riesen so weit in die Höhe, dass man ihn gar nicht mehr sehen konnte.

Wenn er nicht wieder herun­terge­fall­en ist, so wird er wohl noch oben in der Luft herumschweben.