Der Richter und der Teufel

von Ludwig Bechstein

~6 Min

In ein­er Stadt saß ein Mann, der hat­te alle Kisten voll Geld und Gut, er selb­st aber war voll aller Laster, so schlimm war er, daß es die Leute schi­er Wun­ders dünk­te, daß ihn die Erde nicht ver­schlang. Dieser Mann war noch dazu ein Richter, das heißt ein Richter, der aller Ungerechtigkeit voll war. An einem Mark­t­tage ritt er des Mor­gens aus, seinen schö­nen Wein­garten zu sehen, da trat der Teufel auf dem Heimweg ihn an, in reichen Klei­dern und wie ein gar vornehmer Herr gestal­tet. Da der Richter nicht wußte, wer dieser Fremdling war, und solch­es doch gern wis­sen mochte, so fragte er ihn nicht eben höflich, wer und von wan­nen er sei. Der Teufel antwortete: »Euch ist bess­er, wenn Ihr’s nicht wis­set, wer und woher ich bin!«

»Hoho!« fuhr der Richter her­aus, »seid wer Ihr wollt, so muß ich’s wis­sen, oder Ihr seid ver­loren, denn ich bin der Mann, der hier Gewalt hat, und wenn ich Euch dies und das zu Lei­de tue, so ist nie­mand, der es mir wehren wird und kann. Ich nehm Euch Leib und Gut, wenn Ihr mir nicht auf meine Frage Bescheid gebt!«

»Ste­ht es so schlimm«, antwortete der Arge, »so muß ich Euch wohl meinen Namen und mein Gekom­men offen­baren; ich bin der Teufel.«

»Hm!« brummte der Richter, »und was ist hier deines Gewerbes, das will ich auch wissen?«

»Schau, Herr Richter«, antwortete der Böse, »mir ist Macht gegeben, heute in diese Stadt zu gehen und das zu nehmen, was mir in vollem Ernst gegeben wird.«

»Wohlan!« ver­set­zte der Richter, »tue also, aber laß mich dessen Zeuge sein, daß ich sehe, was man dir geben wird!«

»For­dre das nicht, dabei zu sein, wenn ich nehme, was mir beschieden wird«, wider­ri­et der Teufel dem Richter; dieser aber hub an, den Fürsten der Hölle mit mächti­gen Ban­nworten zu beschwören, und sprach: »Ich gebi­ete und befehle dir bei Gott und allen Gottes Geboten, bei Gottes Gewalt und Göttes Zorn, und bei allem, was dich und deine Genossen bindet, und bei dem ewigen Gerichte Gottes, daß du vor meinem Angesicht, und anders nicht, nehmest, was man dir ern­stlich geben wird.«

Der Teufel erschrak, daß er zit­terte bei diesen fürchter­lichen Worten, und machte ein ganz ver­drießlich­es Gesicht, sprach auch: »Ei, so wollte ich, daß ich das Leben nicht hätte! Du bind­est mich mit einem so starken Band, daß ich kaum jemals in größer­er Klemme war. Ich gebe dir aber mein Wort als Fürst der Hölle, das ich als solch­er niemals breche, daß es dir nicht zum From­men dient, wenn du auf deinem Sinn bestehst. Ste­he ab davon!«

»Nein, ich ste­he nicht ab davon!« rief der Richter. »Was mir auch darum geschehe, das muß ich über mich erge­hen lassen; ich will jenes nun ein­mal sehen! Und sollt es mir an das Leben gehn!«

Nun gin­gen bei­de, der Richter und der Teufel, miteinan­der auf den Markt, wo ger­ade Mark­t­tag war, daher viel Volks ver­sam­melt, und über­all bot man dem Richter und seinem Begleit­er, von dem nie­mand wußte, wer er sei, volle Bech­er und hieß sie Bescheid tun. Der Richter tat das auch nach sein­er Gewohn­heit und reichte auch dem Teufel eine Kanne, dieser aber nahm den Trunk nicht an, weil er wohl wußte, daß es des Richters Ernst nicht war.

Nun geschah es von unge­fähr, daß eine Frau ein Schwein daher trieb, welch­es nicht nach ihrem Willen ging, son­dern die Kreuz die Quere, da schrie die zornige Frau im höch­sten Arg­er dem Schwein zu: »Ei, so geh zum Teufel, daß dich der mit Haut und Haar hole!«

»Hörst du, Geselle?« rief der Richter dem Teufel zu. »Jet­zt greife hin und nimm das Schwein.« Aber der Teufel antwortete: »Es ist lei­der der Frau nicht Ernst mit ihrem Wort. Sie würde ein ganzes Jahr lang trauern und sich grä­men, nähme ich ihr das Schwein. Nur was mir im Ern­ste gegeben wird, das darf ich nehmen.«

Ähn­lich­es geschah bald her­nach mit ein­er Frau und einem Kind. Das let­ztere ging auch nicht so, wie die Frau es lenken wollte, so daß sie auch zu schreien begann: »Hole dich der Teufel, und drehe dir den Hals um!«

»Hörst du, Geselle?« fragte da wieder der Richter. »Das Kind ist dein, hörst du nicht, daß man es dir ern­stlich gibt?«

»O nein, es ist auch nicht ihr Ernst!« antwortete der Teufel. »Sie würde bit­ter­lich wehk­la­gen, nähme ich sie beim Wort, und das Kind nicht fahren lassen.«

Jet­zt sahen bei­de eine Frau, die hat­te viel mit einem Kinde zu schaf­fen, welch­es heftig schrie und sich sehr unar­tig gebärdete, sodaß die Frau voll Unwil­lens war und aus­rief: »Willst du mir nicht fol­gen, so nehme dich der böse Feind, du Balg!«

»Nun, nimmst du auch nicht das Kind?« fragte der Richter ganz ver­wun­dert, und der Teufel antwortete: »Ich habe des keine Macht, das Kindlein zu nehmen. Diese Frau nähme nicht zehn, nicht hun­dert und nicht tausend Pfund und gön­nte mir im Ernst das Kind; wie gern ich’s auch nähme, darf ich doch nicht, denn es ist nicht der Frau rechter Ernst.«

Nun kamen die bei­den recht mit­ten auf den Markt, wo das dicht­este Volks­ge­dränge war, da mußten sie ein wenig stille ste­hen und kon­nten nicht durch das Gewim­mel und Getüm­mel schre­it­en. Da wurde eine Frau des Richters ansichtig, die war arm und alt und krank und trug ein großes Ungemach; sie begann laut zu weinen und zu schreien und ließ vor allem Volk fol­gende heftige Rede vernehmen: »Weh über dich, Richter! Weh über dich, daß du so reich bis und ich so arm bin; du hast mir ohne Schuld, göt­tliche und men­schliche Barmherzigkeit ver­leug­nend, mein einziges Küh­lein genom­men, das mich ernährte, von dem ich meinen ganzen Unter­halt hat­te. Weh über dich, der du es mir genom­men hast! Ich fle­he und schreie zu Gott, daß er durch seinen Tod und bit­teres Lei­den, die er für die Men­schheit und für uns arme Sün­der trug, meine Bitte gewähre, und die ist, daß deinen Leib und deine Seele der Teufel zur Hölle führe!«

Auf diese Rede tat der Richter wed­er Sage noch Frage, aber der Teufel fuhr ihn höh­nisch an und sprach: »Siehst du, Richter, das ist Ernst, und den sollst du gle­ich gewahr wer­den!« Damit streck­te der Teufel seine Krallen aus, nahm den Richter beim Schopf und fuhr mit ihm durch die Lüfte von dan­nen, wie der Geier mit einem Huhn. Alles Volk erschrak und staunte, und weise Män­ner sprachen die Lehre aus:

»Es ist ein unweis­er Rat, Der mit dem Teufel umgaht. Wer gern mit ihm umfährt, Dem wird ein bös­er Lohn beschert.«