Der Ranzen, das Hütlein und das Hörnlein

von Brüder Grimm

~11 Min

Es waren ein­mal drei Brüder, die waren immer tiefer in Armut ger­at­en, und endlich war die Not so gross, dass sie Hunger lei­den mussten und nichts mehr zu beis­sen und zu brechen hat­ten. Da sprachen sie: Es kann so nicht bleiben. Es ist bess­er, wir gehen in die Welt und suchen unser Glück.“ Sie macht­en sich also auf und waren schon weite Wege und über viele Grashälmerchen gegan­gen, aber das Glück war ihnen noch nicht begeg­net. Da gelangten sie eines Tags in einen grossen Wald, und mit­ten darin war ein Berg, und als sie näher kamen, so sahen sie, dass der Berg ganz von Sil­ber war. Da sprach der älteste: Nun habe ich das gewün­schte Glück gefun­den und ver­lange kein grösseres.“ Er nahm von dem Sil­ber, soviel er nur tra­gen kon­nte, kehrte dann um und ging wieder nach Haus. Die bei­den andern aber sprachen: Wir ver­lan­gen vom Glück noch etwas mehr als bloss­es Sil­ber,“ rührten es nicht an und gin­gen weit­er. Nach­dem sie aber­mals ein paar Tage gegan­gen waren, so kamen sie zu einem Berg, der ganz von Gold war. Der zweite Brud­er stand, besann sich und war ungewiss. Was soll ich tun?“ sprach er. Soll ich mir von dem Golde so viel nehmen, dass ich mein Leb­tag genug habe, oder soll ich weit­erge­hen?“ Endlich fasste er einen Entschluss, füllte in seine Taschen, was hinein wollte, sagte seinem Brud­er Lebe­wohl und ging heim. Der dritte aber sprach: Sil­ber und Gold, das rührt mich nicht: Ich will meinem Glück nicht absagen, vielle­icht ist mir etwas Besseres beschert.“ Er zog weit­er, und als er drei Tage gegan­gen war, so kam er in einen Wald, der noch gröss­er war als die vorigen und gar kein Ende nehmen wollte; und da er nichts zu essen und zu trinken fand, so war er nahe daran zu ver­schmacht­en. Da stieg er auf einen hohen Baum, ob er da oben Waldes Ende sehen möchte, aber so weit sein Auge reichte, sah er nichts als die Gipfel der Bäume. Da begab er sich, von dem Baume wieder herun­terzusteigen, aber der Hunger quälte ihn, und er dachte: Wenn ich nur noch ein­mal meinen Leib ersät­ti­gen kön­nte. Als er her­abkam, sah er mit Erstaunen unter dem Baum einen Tisch, der mit Speisen reich­lich beset­zt war, die ihm ent­ge­gen­dampften. Dies­mal,“ sprach er, ist mein Wun­sch zu rechter Zeit erfüllt wor­den,“ und ohne zu fra­gen, wer das Essen gebracht und wer es gekocht hätte, nahte er sich dem Tisch und ass mit Lust, bis er seinen Hunger gestillt hat­te. Als er fer­tig war, dachte er: Es wäre doch schade, wenn das feine Tis­chtüch­lein hier in dem Walde verder­ben sollte, legte es säu­ber­lich zusam­men und steck­te es ein. Darauf ging er weit­er, und abends, als der Hunger sich wieder regte, wollte er sein Tüch­lein auf die Probe stellen, bre­it­ete es aus und sagte: So wün­sche ich, dass du aber­mals mit guten Speisen beset­zt wärest,“ und kaum war. der Wun­sch über seine Lip­pen gekom­men, so standen so viele Schüs­seln mit dem schön­sten Essen darauf, als nur Platz hat­ten. Jet­zt merke ich,“ sagte er, in welch­er Küche für mich gekocht wird. Du sollst mir lieber sein als der Berg von Sil­ber und Gold,“ denn er sah wohl, dass es ein Tüch­lein­deck­dich war. Das Tüch­lein war ihm aber doch nicht genug, um sich daheim zur Ruhe zu set­zen, son­dern er wollte lieber noch in der Welt herumwan­dern und weit­er sein Glück ver­suchen. Eines Abends traf er in einem ein­samen Walde einen schwarzbestaubten Köh­ler, der bran­nte da Kohlen und hat­te Kartof­feln am Feuer ste­hen, damit wollte er seine Mahlzeit hal­ten. Guten Abend, du Schwarzam­sel!“ sagte er, wie geht dir’s in dein­er Ein­samkeit?“ – Einen Tag wie den andern,“ erwiderte der Köh­ler,“ und jeden Abend Kartof­feln; hast du Lust dazu und willst mein Gast sein?“ – Schö­nen Dank!“ antwortete der Reisende, ich will dir die Mahlzeit nicht weg­nehmen, du hast auf einen Gast nicht gerech­net, aber wenn du mit mir vor­lieb nehmen willst, so sollst du ein­ge­laden sein.“ – Wer soll dir anricht­en?“ sprach der Köh­ler, ich sehe, dass du nichts bei dir hast, und ein paar Stun­den im Umkreis ist nie­mand, der dir etwas geben kön­nte.“ – Und doch soll’s ein Essen sein,“ antwortete er, so gut, wie du noch keins gekostet hast.“ Darauf holte er sein Tüch­lein aus dem Ranzen, bre­it­ete es auf die Erde, und sprach: Tüch­lein, deck dich!“ und als­bald stand da Gesottenes und Gebratenes und war so warm, als wenn es eben aus der Küche käme. Der Köh­ler machte grosse Augen, liess sich aber nicht lange bit­ten, son­dern langte zu und schob immer grössere Bis­sen in sein schwarzes Maul hinein. Als sie abgegessen hat­ten, schmun­zelte der Köh­ler und sagte: Hör, dein Tüch­lein hat meinen Beifall, das wäre so etwas für mich in dem Walde, wo mir nie­mand etwas Gutes kocht. Ich will dir einen Tausch vorschla­gen, da in der Ecke hängt ein Sol­daten­ranzen, der zwar alt und unschein­bar ist, in dem aber wun­der­bare Kräfte steck­en; da ich ihn doch nicht mehr brauche, so will ich ihn für das Tüch­lein geben.“ – Erst muss ich wis­sen, was das für wun­der­bare Kräfte sind,“ erwiderte er. Das will ich dir sagen,“ antwortete der Köh­ler, wenn du mit der Hand darauf klopf­st, so kommt jedes­mal ein Gefre­it­er mit sechs Mann, die haben Ober- und Untergewehr, und was du befiehlst, das voll­brin­gen sie.“ – Meinetwe­gen,“ sagte er, wenn’s nicht anders sein kann, so wollen wir tauschen,“ gab dem Köh­ler das Tüch­lein, hob den Ranzen von dem Hak­en, hing ihn um und nahm Abschied. Als er ein Stück Wegs gegan­gen war, wollte er die Wun­derkräfte seines Ranzens ver­suchen und klopfte darauf. Als­bald trat­en die sieben Kriegshelden vor ihn, und der Gefre­ite sprach: Was ver­langt mein Herr und Gebi­eter?“ – Marschiert im Eilschritt zu dem Köh­ler und fordert mein Wun­schtüch­lein zurück!“ Sie macht­en links um, und gar nicht lange, so bracht­en sie das Ver­langte und hat­ten es dem Köh­ler ohne viel zu fra­gen, abgenom­men. Er hiess sie wieder abziehen, ging weit­er und hoffte, das Glück würde ihm noch heller scheinen. Bei Son­nenun­ter­gang kam er zu einem andern Köh­ler, der bei dem Feuer seine Abendmahlzeit bere­it­ete. Willst du mit mir essen,“ sagte der rus­sige Geselle, Kartof­feln mit Salz, aber ohne Schmalz, so setz dich zu mir nieder.“ – Nein,“ antwortete er, für dies­mal sollst du mein Gast sein,“ deck­te sein Tüch­lein auf, das gle­ich mit den schön­sten Gericht­en beset­zt war. Sie assen und tranken zusam­men und waren guter Dinge. Nach dem Essen sprach der Kohlen­bren­ner: Da oben auf der Kamm­bank liegt ein altes, abge­grif­f­enes Hütlein, das hat selt­same Eigen­schaften: Wenn das ein­er auf­set­zt und dreht es auf dem Kopf herum, so gehen die Feld­schlangen, als wären zwölfe nebeneinan­der aufge­führt und schiessen alles darnieder, dass nie­mand dage­gen beste­hen kann. Mir nützt das Hütlein nichts, und für dein Tis­chtuch will ich’s wohl hingeben.“ – Das lässt sich hören,“ antwortete er, nahm das Hütlein, set­zte es auf und liess sein Tüch­lein zurück. Kaum aber war er ein Stück Wegs gegan­gen, so klopfte er auf seinen Ranzen, und seine Sol­dat­en mussten ihm das Tüch­lein wieder holen. Es kommt eins zum andern, dachte er, und es ist mir, als wäre mein Glück noch nicht zu Ende. Seine Gedanken hat­ten ihn auch nicht bet­ro­gen. Nach­dem er aber­mals einen Tag gegan­gen war, kam er zu einem drit­ten Köh­ler, der ihn nicht anders als die vorigen zu ungeschmälzten Kartof­feln ein­lud. Er liess ihn aber von seinem Wun­schtüch­lein mitessen, und das schmeck­te dem Köh­ler so gut, dass er ihn zulet­zt ein Hörn­lein dafür bot, das noch ganz andere Eigen­schaften hat­te als das Hütlein. Wenn man darauf blies, so fie­len alle Mauern und Fes­tungswerke, endlich alle Städte und Dör­fer übern Haufen. Er gab dem Köh­ler zwar das Tüch­lein dafür, liess sich’s aber her­nach von sein­er Mannschaft wieder abfordern, so dass er endlich Ranzen, Hütlein und Hörn­lein beisam­men hat­te. Jet­zt,“ sprach er, bin ich ein gemachter Mann, und es ist Zeit, dass ich heimkehre und sehe, wie es meinen Brüdern ergeht.“

Als er daheim anlangte, hat­ten sich seine Brüder von ihrem Sil­ber und Gold ein schönes Haus gebaut und lebten in Saus und Braus. Er trat bei ihnen ein, weil er aber in einem halb zer­ris­se­nen Rock kam, das schäbige Hütlein auf dem Kopf und den alten Ranzen auf dem Rück­en, so woll­ten sie ihn nicht für ihren Brud­er anerken­nen. Sie spot­teten und sagten: Du gib­st dich für unsern Brud­er aus, der Sil­ber und Gold ver­schmähte und für sich ein besseres Glück ver­langte. Der kommt gewiss in voller Pracht als ein mächtiger König ange­fahren, nicht als ein Bet­tel­mann,“ und jagten ihn zur Türe hin­aus. Da geri­et er in Zorn, klopfte auf seinen Ranzen so lange, bis hun­der­tund­fün­fzig Mann in Reih und Glied vor ihm standen. Er befahl ihnen, das Haus sein­er Brüder zu umzin­geln, und zwei soll­ten Hasel­gerten mit­nehmen und den bei­den Über­müti­gen die Haut auf dem Leib so lange weich ger­ben, bis sie wüssten, wer er wäre. Es ent­stand ein gewaltiger Lärm, die Leute liefen zusam­men und woll­ten den bei­den in der Not Bei­s­tand leis­ten, aber sie kon­nten gegen die Sol­dat­en nichts aus­richt­en. Es geschah endlich dem König die Mel­dung davon, der ward unwillig und liess einen Haupt­mann mit sein­er Schar aus­rück­en, der sollte den Ruh­estör­er aus der Stadt jagen. Aber der Mann mit dem Ranzen hat­te bald eine grössere Mannschaft zusam­men, die schlug den Haupt­mann mit seinen Leuten zurück, dass sie mit bluti­gen Nasen abziehen mussten. Der König sprach: Der herge­laufene Kerl ist noch zu bändi­gen,“ und schick­te am andern Tage eine grössere Schar gegen ihn aus, aber sie kon­nte noch weniger aus­richt­en. Er stellte noch mehr Volk ent­ge­gen, und um noch schneller fer­tig zu wer­den, da drehte er paar­mal sein Hütlein auf dem Kopfe herum, da fing das schwere Geschütz an zu spie­len, und des Königs Leute wur­den geschla­gen und in die Flucht gejagt. Jet­zt mache ich nicht eher Frieden,“ sprach er, als bis mir der König seine Tochter zur Frau gibt und ich in seinem Namen das ganze Reich beherrsche.“ Das liess er dem König verkündi­gen, und dieser sprach zu sein­er Tochter: Muss ist eine harte Nuss, was bleibt mir anders übrig, als dass ich tue, was er ver­langt? Will ich Frieden haben und die Kro­ne auf meinem Haupte behal­ten, so muss ich dich hingeben.“

Die Hochzeit ward also gefeiert, aber die Königstochter war ver­driesslich, dass ihr Gemahl ein gemein­er Mann war, der einen schäbi­gen Hut trug und einen alten Ranzen umhän­gen hat­te. Sie wäre ihn gerne wieder los gewe­sen und sann Tag und Nacht, wie sie das bew­erk­stel­li­gen kön­nte. Da dachte sie: Soll­ten seine Wun­derkräfte wohl in dem Ranzen steck­en? ver­stellte sich und liebkoste ihn, und als sein Herz weich gewor­den war, sprach sie: Wenn du nur den schlecht­en Ranzen able­gen woll­test, er verun­ziert dich so sehr, dass ich mich dein­er schä­men muss.“ – Liebes Kind,“ antwortete er, dieser Ranzen ist mein grösster Schatz, solange ich den habe, fürchte ich keine Macht der Welt,“ und ver­ri­et ihr, mit welchen Wun­derkräften er begabt war. Da fiel sie ihm um den Hals, als wenn sie ihn küssen wollte, nahm ihm aber mit Behendigkeit den Ranzen von der Schul­ter und lief damit fort. Sobald sie allein war, klopfte sie darauf und befahl den Kriegsleuten, sie soll­ten ihren vorigen Her­rn fes­t­nehmen und aus dem königlichen Palast fort­führen. Sie gehorcht­en, und die falsche Frau liess noch mehr Leute hin­ter ihm herziehen, die ihn ganz zum Lande hin­aus­ja­gen soll­ten. Da wäre er ver­loren gewe­sen, wenn er nicht das Hütlein gehabt hätte. Kaum aber waren seine Hände frei, so schwenk­te er es ein paar­mal: Als­bald fing das Geschütz an zu don­nern und schlug alles nieder, und die Königstochter musste selb­st kom­men und um Gnade bit­ten. Weil sie so beweglich bat und sich zu bessern ver­sprach, so liess er sich überre­den und bewil­ligte ihr Frieden. Sie tat fre­undlich mit ihm, stellte sich an, als hätte sie ihn sehr lieb und wusste ihn nach einiger Zeit zu betören, dass er ihr ver­traute, wenn auch ein­er den Ranzen in seine Gewalt bekäme, so kön­nte er doch nichts gegen ihn aus­richt­en, solange das alte Hütlein noch sein wäre. Als sie das Geheim­nis wusste, wartete sie, bis er eingeschlafen war, dann nahm sie ihm das. Hütlein weg und liess ihn hin­aus auf die Strasse wer­fen. Aber noch war ihm das Hörn­lein übrig und im grossen Zorne blies er aus allen Kräften hinein. Als­bald fiel alles zusam­men, Mauern, Fes­tungswerke, Städte und Dör­fer und schlu­gen den König und die Königstochter tot. Und wenn er das Hörn­lein nicht abge­set­zt und nur noch ein wenig länger geblasen hätte, so wäre alles über den Haufen gestürzt und kein Stein auf dem andern geblieben. Da wider­stand ihm nie­mand mehr, und er set­zte sich zum König über das ganze Reich.