Der Metzgergesell

von Johann Wilhelm Wolf

~11 Min

Eines armen Sauhirten Sohn hat­te die Met­zgerei gel­ernt, weil er höher hin­aus­wollte als sein Vater und nicht zufrieden damit war, die Stelle von dem Alten zu erben. Da der Junge nun aus­gel­ernt und es zu etwas Rechtem in seinem Handw­erk gebracht hat­te ging er hin­aus auf die Wan­der­schaft. Als er noch nicht weit von seinem Ort weg war und über eine große Hei­de ging, sah er einen gefal­l­enen Ochsen am Wege liegen und fünf Tiere dabei ste­hen die ihn untere­inan­der teilen woll­ten und nicht einig darüber wer­den kon­nten. Das war aber erstens eine Biene, zweit­ens ein Fuchs, dann noch ein Wind­hund, ein Falk und ein Löwe; die gin­gen ihm ent­ge­gen und bat­en ihn er sollte ihnen aus der Not helfen. Da zog er sein großes Schlachtmess­er, zer­legte den Ochsen ordentlich nach der Handw­erk­sregel und teilte dann die Stücke unter die fünf Tiere aus. Die Biene bekam den Kopf um hinein zu bauen, und also ein jedes nach sein­er Art das­jenige Teil, welch­es sich am besten für es schick­te.
Der Met­zger ging nun wieder seines Weges, während sich die Tiere über das Fleisch her­ma­cht­en; er war aber kaum tausend Schritte gegan­gen, so kam der Wind­hund hin­ter ihm herge­laufen, holte ihn ein und sprach, er solle noch ein Mal mit ihm umkehren zu den Andern. Als sie wieder hinka­men, wo die Tiere waren, da sprachen sie alle, sie hät­ten vergessen, sich bei ihm zu bedanken, Geld hät­ten sie keines, aber das woll­ten sie ihm ver­lei­hen, dass er die Gestalt von einem jeden der fünf Tiere annehmen kön­nte, so oft er sich in Gedanken dazu wün­schen wollte. Das war er zufrieden, bedank­te sich und nahm den Weg zwis­chen die Beine. – Nicht lange dar­nach kam er in das große Kön­i­gre­ich Sizilien, und als er ger­ade zum Stadt­tor der Haupt­stadt hineing­ing, hörte er einen Aus­rufer verkündi­gen, dass jed­er des Todes sein solle, der einen Apfel von des Königs Granat­bäu­men hole. Denn es waren nur zwei solch­er Bäume im Land, die standen vor des Königs Fen­ster und er hielt große Stücke darauf.
Weil nun nichts so gut schmeckt, als das Ver­botene, so dachte der Met­zger­bursch gle­ich in seinem Vor­witz, er müsse die Granatäpfel ver­suchen, ob sie wirk­lich so gut seien. Also wün­schte er sich, dass er ein Falk wäre und bei dem bloßen Gedanken schon war es geschehen. Er schwang sich in die Luft, flog auf einen von des Königs Granat­bäu­men, fraß von den Äpfeln und schaute zum Fen­ster hinein. Drin­nen in dem Schloss saßen sie ger­ade an der Tafel und hat­ten vor sich Gesottenes und Gebratenes ste­hen; als ihm das in die Nase kam, woll­ten ihm die Äpfel nicht mehr schmeck­en. Da ward sein Vor­witz so groß, dass er zum Fen­ster hine­in­flog, ein gebratenes Huhn von der Schüs­sel nahm und wieder damit hin­aus­wollte. Doch des Königs Töchter­lein schlug schnelle den Fen­ster­flügel zu, und nun war er gefan­gen.
Das sollte ihm aber zum Glück gere­ichen, denn die Prinzessin ließ ihrem Vogel Nichts zu lei­de tun, son­dern hing ihn in einem schö­nen Bauer in ihrer eignen Schlafkam­mer auf. Die Nacht nun, da sie im Bette lag und schlief, flog er als Biene durch das Käficht­git­ter, trat dann in Men­schengestalt zu ihrem Lager und umarmte und küsste sie auf ihren roten Mund. Die Königstochter fuhr aus dem Schlaf empor und schrie nach Hülfe – doch bis der alte König mit seinem Hof­s­taat herein­ge­laufen kam, saß er schon wieder als Falk in seinem Bauer, hat­te den Kopf unterm Flügel und tat, als ob er schliefe, also dass der König glaubte, die Prinzessin hätte nur geträumt, und sie tüchtig auss­chalt wegen ihrer Ängstlichkeit.
Kaum waren die Anderen wieder weg, so wün­schte er sich wieder zur Biene, kroch aus dem Käfig und trat als Mann zu der Königstochter und küsste sie wiederum. Anfangs wehrte sie sich sein­er, getraute aber nicht zu schreien; bald jedoch, als sie merk­te, dass er ihr Nichts zu Lei­de tat, wur­den sie eins miteinan­der und blieben won­neselig beisam­men bis zum Mor­gen.
Also war er heim­lich mit der Prinzessin ver­mählt und lebten sie zusam­men fast ein Jahr lang, ohne dass jemand im Hause dessen gewahr wurde. Endlich trug es sich zu, dass die Prinzessin einen Knaben gebar, und nun war die Sache freilich nicht mehr zu ver­heim­lichen. Sie ges­tand ihrem Vater Alles. Der König war Anfangs sehr erzürnt, doch was war noch zu machen? Es war zu spät, um es zu ändern, also gab er seinen Segen dazu, ließ das Paar ordentlich trauen und ernan­nte den Schwiegersohn zu seinem Nach­fol­ger.
Mit der Königstochter hat­te es aber eine eigene Bewandt­nis, denn der junge Erbprinz ward nun ern­stlich ver­warnt, nicht mit sein­er jun­gen Frau in den Wald spazieren zu fahren. Son­st über­all hin, aber im Wald würde der Wind sie hin­wegführen.
Darüber lachte der Met­zger­bursch; seine Neugierde und sein Vor­witz ließen ihn auch nicht eher ruhen, als bis er in dem Walde war. Sie fuhren ganz vergnügt unter den grü­nen Bäu­men her. Da kam es aber mit einem Male her­an wie ein stark­er Sturm, und ehe er es sich ver­sah war seine Frau von dem Wind aus dem Wagen gehoben und hin­wegge­führt.
Wieder­haben muss ich sie“ sprach er, sie mag steck­en wo sie will.“ Also ließ er die Kutsche leer nach Hause fahren, ver­wan­delte sich in einen Wind­hund und lief so schnell er kon­nte davon, in der Rich­tung, in der er sie hat­te ver­schwinden sehen. Er lief und lief bis ihn die Beine nicht mehr tra­gen woll­ten, und gelangte endlich vor einen Berg. Den betra­chtete er auf und ab, kon­nte aber in der glat­ten Felsen­wand kein Tor und keine Tür find­en, nur einen ganz engen Riss sah er endlich zwis­chen dem Gestein. Da wün­schte er sich wieder die Bienengestalt und kroch so in die dun­kle Felsenspalte und immer tiefer in den Berg hinein. Als er aber ganz darin­nen war, nahm er die Gestalt des Falken wieder an und flog hinab bis in die unter­ste Welt. Die Stelle, wo er niederkam beze­ich­nete er sich vor­sichtig mit einem Stein, um den Weg auch wieder hin­auf zu find­en und lief dann als Wind­hund weit­er.
Da er ein gutes Stück gelaufen war, kam er vor ein wun­der­schönes Schloss, es war aber rings so wohl mit starken Toren ver­schlossen, dass er anfangs nicht wusste hineinzukom­men; nur einen freien Ein­gang gab es, das Schlüs­sel­loch näm­lich; durch das kroch er denn auch in Bienengestalt hinein. Wer aber drin­nen in dem wun­der­schö­nen Schlosse saß das war Nie­mand Anderes als seine liebe Frau, da nahm er seine natür­liche Gestalt an und ging zu ihr. Bist du es oder bist du es nicht?“ sprach er. Ich bin es“ sagte sie, aber ich bin hier in eines Riesen Gewalt, der kommt ein­mal bei Tag und ein­mal bei Nacht, jedes Mal um elf Uhr und dann muss ich ihm den Kopf kraulen bis um zwölf.“
Es dauerte nicht gar lang so kam der Riese nach Haus. Der Met­zger­bursch aber ver­wan­delte sich schnell wieder in die Biene und set­zte sich auf den Tisch unter die Brotkru­men. Wie kommt das Tier here­in?“ sprach der Riese und schlug dar­nach, doch die Biene war flink­er, als er. Da brummte der Riese etwas in den Bart, legte sich dann hin, mit dem Kopf in den Schoß der Königstochter und ließ sich den Kopf von ihr kraulen bis um zwölf Uhr.
Als er wieder fort­ge­gan­gen war, gab der Erbprinz sein­er Frau einen guten Rat und sprach also zu ihr: Wenn er wiederkommt, so stelle dich, als ob du schliefest und wenn er dich dann weckt, so erzäh­le ihm, du hättest einen schlim­men Traum gehabt. Fragt er dann weit­er nach dem Traum, so erzähl‘ ihm, es sei dir im Schlafe vorgekom­men, als wäre er gestor­ben und du wüsstest nicht, wie du her­auskom­men soll­test aus dem Schloss.“
Also wie er ger­at­en tat sie am andern Tage und es gelang wohl, denn da sie der Riese nach ihrem Traum fragte, fing sie an zu weinen, erzählte ihm, was sie im Schlafe für einen Schreck­en aus­ge­s­tanden hätte über seinen Tod und fragte ihn, ob sie denn all ihr Leb­tag hier in dem Schlosse müsse gefan­gen bleiben, wenn er wirk­lich ein Mal ster­ben sollte?
Ei du När­rin“ sprach er, ich kann ja gar nicht ster­ben. Aber bei dem König von Sizilien ist ein Drache mit drei Köpfen, wer den erschlägt kann auch mich totschla­gen, son­st Kein­er, und von sel­ber sterbe ich nicht.“
Das merk­te sich der Prinz, der als Biene zuhörte, und freute sich, dass er nun das Geheim­nis her­aus hat­te; die junge Frau musste dem Riesen wieder eine Stunde lang den Kopf im Schoß kraulen, dann ging er hin­weg. Da sprach der Prinz zu ihr, er sei nun fest entschlossen, den Drachen in Sizilien aufzusuchen; sie nahm mit vie­len Trä­nen Abschied von ihm und er kroch dann als Biene zum Schlüs­sel­loch hin­aus wie er hereingekom­men war. Draußen ward er zum Wind­hund und lief bis an den Stein, den er sich zum Zeichen hin­gelegt hat­te, ward dann zum Falken und flog hin­auf und kroch zulet­zt wieder als Biene aus der Felsenspalte her­vor.
Nach Sizilien war es weit; er musste lange wan­dern, über Strom und Meer, über Berg und Tal bis er hinkam. Als er sich nun erkundigte, wie es mit dem Drachen eigentlich ausse­he, erfuhr er, dass er allerd­ings drei Köpfe hat­te und dass ihm jeden Tag, Mor­gens um 9 Uhr, des Königs Schwein­herde musste vor die Stadt getrieben wer­den, damit er sich neun Stück davon ausle­sen kon­nte. Es waren aber jet­zt in dem ganzen Land nur noch 36 Stück Schweine und Alles hat­te Angst, dass der Drache anfin­ge Men­schen zu fressen, wenn er sein richtig Fut­ter nicht mehr bekäme. Da ging der Met­zger­bursch vor den König und bat sich die Erlaub­nis aus, dass er des anderen Tages die Schweine hin­aus­treiben dürfte. Das erlaubte der König gern und ver­sprach noch dazu die Hälfte seines Kön­i­gre­ichs und seine Tochter zur Frau, wenn er das Ungetüm aus der Welt schaf­fen kön­nte.
Punkt 9 Uhr des anderen Mor­gens war der fremde Hirt mit den Schweinen vor dem Tor und gle­ich darauf kam auch schon der Drache, hat­te wirk­lich drei Köpfe, einen immer schreck­lich­er als den andern und schrie den Prinzen an: Du Sauhirt, gib mir neun von deinen besten Säuen.“ Keine neun Sauborsten“ sprach der Met­zger, ver­wan­delte sich in einen Löwen und riss dem Drachen in einem Nu ein Haupt herunter, dass er mit schreck­lichem Geheul davon lief. Als der Prinz heim kam ward er freudig vom König emp­fan­gen. Weil du dem Drachen einen Kopf abge­hauen hast, sollst du ein großes Fass voll Wein haben.“ Am zweit­en Tage war er wieder Punkt 9 Uhr mit sein­er Herde vor dem Tor; der Drache ließ auch nicht auf sich warten, kam noch trotziger ein­her, als des Tages zuvor und fuhr ihn mit lautem Gebrüll an.- Du Sauhirt, gib mir achtzehn von deinen besten Säuen!“ Noch keine achtzehn Sauborsten“ sprach der Met­zger­bursch, ward zum Löwen und riss dem Drachen auch das zweite Haupt herunter. Mor­gen kom­men wir wieder zusam­men!“ brüllte das Ungetüm und lief davon.
Sie kamen wieder zusam­men am anderen Tage, aber der Drache ver­lor seinen let­zten Kopf und hat­te nun ein für alle Mal den Appetit nach Schweine­fleisch ver­loren. Der Met­zgerge­sell oder der Prinz, wie ihrs haben wollt, sollte nun auf der Stelle mit des Königs Tochter kop­uliert wer­den. Nichts für ungut“ sprach er, aber ich habe schon eine Frau; sie sitzt tausend Stun­den von hier in dem Berg.“ Dar­nach erzählte er dem König Alles, wie es sich mit ihm zuge­tra­gen und wie er jet­zt sich wieder den weit­en Weg suchen müsse nach dem ver­wun­sch­enen Schlosse in der Erde drin.
Willst du meine Tochter nicht“ sagte der König, so will ich dir einen Wagen schenken, um hinz­u­fahren zu dein­er Frau“ und hieß ihn als­bald aus der Remise ziehen. Eine eigene Bewandt­nis hat­te es mit der Kutsche, die der Prinz zum Geschenk bekam; denn auf der recht­en Seite steck­te eine Peitsche, wenn man die auf die linke Seite herüber steck­te so fing der Wagen an zu fahren, als wenn tausend Pferde daran gezo­gen hät­ten, bis man die Peitsche wieder hinüber­steck­te auf die rechte Seite, dann stand er mit einem Schlage still und man kon­nte aussteigen.
So war es dem Erbprinzen ein leicht­es, wieder an den verza­uberten Berg zu kom­men – schon am zweit­en Tage war er dort, kroch als Biene hinein, flog als Falke hinab, lief als Wind­hund zum Schloss, kam wieder als Biene hinein zu sein­er Frau und ward bei ihr zum Men­schen. Als aber der Riese wieder heimkam, so ver­wan­delte er sich nicht mehr in die Biene vor ihm, son­dern in den Löwen und riss ihm das Haupt von den Schul­tern ab. Nun war sie erlöst und fuhr mit ihrem Manne in dem Zauber­wa­gen zuerst nach Hause zu ihrem Vater, dann aber auf Besuch zum König von Sizilien.